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GEFANGEN IN DER TIEFE


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 29.11.2021

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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 12/2021

aus: THE BOYS IN THE CAVE; © 2018 Matt gutMan, HarperCollins publisHers

Titan, 11

Dom, 13

Mark, 13

Mix, 13

Pong, 13

Bew, 14

Adul, 14

Tern, 14

Nick, 15

Note, 15

Tee, 15

Night, 17

Ek, 25

S

SAMSTAG, 23. JUNI 2018. Das Thermometer in Mae Sai, der nördlichsten Stadt Thailands, zeigte 32 Grad an. Die schwüle Hitze lag wie ein heißes, feuchtes Tuch auf den Moo Pa, den „Wildschweinen“, wie sich das Fußballteam nannte. Das hielt die Jungen aber nicht davon ab, wie gewohnt zum Spielfeld zu radeln.

Co-Trainer Ekapol Chantawong, kurz „Ek“, war für die Jungs eher wie ein großer Bruder. Wie viele ärmere Jungen in Südostasien war der 25-Jährige in einem buddhistischen Kloster aufgewachsen, wo er Disziplin und Meditation lernte. Nach dem Training fuhr Ek mit seinen Spielern oft zur Tham-Luang-Höhle am Fuß des Bergmassivs Doi Nang Non.

Mit dem Fahrrad eine halbe Stunde entfernt bot sie nicht nur Zuflucht vor der Hitze. ...

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... Dort gab es – was Ek besonders gut fand – auch keinen Empfang ür Handys, von denen die Jungen sonst nie die Finger lassen konnten. So radelten sie auch an jenem Samstagmittag dorthin. Für Peerapat Sompiangjai, der „Night“ genannt wurde, war es das erste Mal. Er wollte um 17 Uhr zu Hause sein, um seinen 17. Geburtstag zu feiern.

Am Eingang warnte ein Schild: „Gefahr! Von Juli bis November kann die Höhle überflutet sein.“ Der Trainer ging unbekümmert daran vorbei. Noch war Juni, und der Monsunregen, der die Gänge der Höhle fluten würde, hatte noch nicht eingesetzt. Hinter ihm gingen Night und die 15 Jahre al- ten Note, Nick und Tee. Es folgten Bew, Adul und Tern, alle 14 Jahre alt, sowie die 13-Jährigen Dom, Pong, Mark und Mix. Der Jüngste der Gruppe, der elf Jahre alte „Titan“, wie er genannt wurde, kicherte vor Aufregung.

In einer Höhe von etwa sechs Metern zeigten Schlammspuren die Hochwassermarke der vergangenen Jahre an. Nach ungefähr 1,6 Kilometern bogen sie an einer T-Kreuzung links ab. Sie wollten zum Pattaya Beach – eine nach einem Urlaubsort benannte Sandbank. An manchen Stellen wurde der Gang so eng, dass sie sich gebückt hindurchzwängen mussten. Titan, der zum ersten Mal dabei war, fürchtete sich vor den Schatten, die das Licht ihrer Taschenlampen an die Wände warf.

Am Pattaya Beach gab es zwar nicht viel zu sehen, aber die „Wildschweine“ freuten sich, dort Nights fotos (Vorige doppelseite) Geburtstag feiern zu können. Nach etwa einer Stunde machten sie sich auf den Rückweg. Noch bevor sie an die T-Kreuzung kamen, hatte sich das stehende Wasser, das sie auf dem Hinweg durchquert hatten, in einen tiefen Strom verwandelt. Ek zog ein Seil aus seiner Tasche, band es sich um die Hüfte und wies drei der älteren Jungen an: „Wenn ich zweimal daran rucke, zieht mich zurück. Wenn nicht, könnt ihr nachkommen.“

Skizze der Höhle, in der die Jungen insgesamt 18 Tage lang festsaßen

Ek tauchte ab, doch er kam nicht gegen die Strömung an. Er ruckte zweimal am Seil, und die Jungen zogen ihn zurück. Aus Sorge, sie könnten in Panik geraten, beruhigte sie Ek mit der Aussicht, das Wasser würde bis zum nächsten Morgen wieder zurückgehen. „Lasst uns einen Platz zum Schlafen suchen.“

Sie entschieden sich für die hohe Sandbank des Pattaya Beach, die bei Hochwasser normalerweise trocken blieb. Ek versammelte seine Mannschaft um sich und sie stimmten ihre gewohnten buddhistischen Gebete an. Diese sollten sie trösten. Doch als sie sich eng nebeneinander schlafen legten, hallte das Schluchzen der Jungen von den Wänden wider.

Was die fussballmannschaft nicht wusste – der Monsunregen hatte in diesem Jahr zu früh eingesetzt. Die Eltern schlugen Alarm, als ihre Söhne nicht nach Hause kamen. Um 22 Uhr wurden die Rettungskräfte eingeschaltet. Einige Eltern kamen zur Höhle und riefen laut nach ihren Kindern:

„Night!“

„Bew!“

„Titan!“

Die einzige Antwort war das Echo ihrer eigenen Stimmen.

AM SONNTAG betraten die ersten Retter um sieben Uhr die Höhle, darunter Vern Unsworth, ein 63-jähriger Brite, der in Thailand lebte und in der Nacht viele Anrufe erhalten hatte, weil er diesen Ort besser als jeder andere kannte. Zusammen mit seinem Freund Rob Harper hatte er in mehreren Expeditionen eine detaillierte Übersicht über das Höhlensystem erstellt und damit eine Karte aus den 1980er-Jahren ersetzt.

DIE TAUCHER HÖREN STIMMEN. EIN LICHTSTRAHL GLEITET SUCHEND ÜBER DAS WASSER

An der T-Kreuzung blieb Unsworth wie angewurzelt stehen. Das Becken, das er schon so oft gesehen hatte, war überflutet. Er kehrte zum Eingang der Höhle zurück.

In der zweiten Nacht flüchteten Ek und die Jugendlichen vor dem steigenden Wasser tiefer in das Höhlensystem hinein. In Kammer neun – wie sie später genannt wurde –, ungefähr 2,3 Kilometer vom Eingang entfernt, stieg der schlammige Boden steil zur Höhlenwand an. Die Jungen froren, waren hungrig und hatten Angst. Ek half ihnen, mit Gebeten und Meditationsübungen die Ruhe zu bewahren.

Die Tage verstrichen, und niemand wusste, wo die Jungen genau waren und ob sie überhaupt noch lebten. Thailändische Marine- Taucher konnten sie nicht finden. Vor der Höhle versammelten sich Tausende Helfer, während die Welt gebannt auf Nachrichten wartete.

Als das Wasser immer höher stieg, brach man die Suche ab. Am 28. Juni, fünf Tage nachdem die Fußballer die Höhle betreten hatten, begann der 32-jährige Wasserwirtschaftsexperte Thanet Natisri, Wasser mithilfe von Rohren und Pumpen umzuleiten, damit es nicht in die Höhle eindrang.

Am Montag, den 2. Juli, trafen zwei der weltbesten Höhlentaucher am Unglücksort ein: Rick Stanton, 57, und John Volanthen, 48. Vern Unsworth hatte eine Skizze der Stelle angefertigt, wo er die Jugendlichen vermutete, weil es dort eine höher gelegene Kammer gab. Die beiden Briten prägten sich diese Karte ein, bevor sie sich aufmachten. Sie kämpften drei Stunden lang gegen die Strömung und wickelten dabei ein Führungsseil ab, ihre Verbindung zur Außenwelt. Sie drangen tiefer in die Höhle ein als die anderen Retter vor ihnen.

Stanton prüfte sein Manometer: Er hatte etwa ein Drittel seines Sauerstoffs verbraucht, das hieß, sie mussten bald umkehren. Höhlentaucher planen ein Drittel des Flascheninhalts für den Hinweg ein, ein Drittel für den Rückweg und halten ein Drittel in Reserve.

Die beiden hatten schon an vielen Höhlenrettungen teilgenommen. Manche gingen gut aus, doch oft konnten sie nur noch Leichen bergen. Ohne Nahrung hatte ihres Wissens noch niemand so lange so tief in einer Höhle überlebt. Darum gingen sie eigentlich davon aus, dass sie die Jungen nicht mehr lebend finden würden.

Stanton beschloss, Volanthen das Zeichen zur Umkehr zu geben. Doch vorher tauchte er noch einmal auf und nahm seine Maske ab. Die ganze Zeit hatten die Männer immer wieder nach Geruchs spuren gesucht, dieses Mal nahmen sie den Geruch von menschlichen Ausscheidungen wahr. Dann hörten sie Stimmen. Als sie sich auf das Geräusch zutreiben ließen, leuchtete ein Lichtstrahl auf und glitt suchend über das Wasser.

KURZ ZUVOR HATTE EK etwas gehört: Männerstimmen. Er bat die Jungen, ruhig zu sein. Sie hielten die Luft an. Stille. Dann wieder die Stimmen. Doch die Jugendlichen waren sich nicht sicher, ob sie sich nur einbildeten, etwas zu hören.

Um Batterien zu sparen, hatten sie ihre Taschenlampen kaum benutzt und die meiste Zeit in völliger Dunkelheit verbracht. Dank ihrer Digitaluhren wussten sie, dass zehn Tage verstrichen waren. Der Sauerstoff wurde weniger, sie schliefen unruhig. Sie hatten Hunger, sehnten sich nach ihren Eltern und ihrem Bett.

Ek, der zu matt war um sich zu bewegen, flüsterte dem 13-jährigen Mix zu, mit einer Taschenlampe zum Wasser zu gehen und nachzuschauen. „Beeil dich. Wenn es wirklich Retter sind, müssen wir sie auf uns aufmerksam machen.“

Mix entdeckte zwei Gestalten, die aus dem Wasser stiegen. Die beiden sagten etwas. Mix erstarrte vor Angst. Der 14-jährige Adul nahm ihm die Taschenlampe aus der Hand und rief auf Thailändisch: „Hallo, wir sind hier!“

Adul konnte es nicht fassen – man hatte sie gefunden. Noch verblüffter war er, als er begriff, dass die Männer Englisch sprachen. Er konnte etwas Englisch, brachte jetzt aber nur ein schwaches „Hallo“ hervor.

„Wie viele seid ihr?“, rief Volanthen.

„13!“

„Fantastisch!“, freute sich der Taucher. Alle Kinder lebten noch. „Viele Leute sind unterwegs“, sagte er.

„Ich bin so glücklich“, sagte Adul.

„Da sind wir auch“, erwiderte Volanthen. Nach etwa 20 Minuten machten sich die beiden Taucher bereit für den Rückweg.

Mit einem Anflug von Verzweiflung fragte ein Junge, wann sie denn wiederkämen.

„Wir hoffen morgen“, antworteten die Männer.

„Wir haben Hunger.“

Die Taucher hatten nichts zu essen dabei, da sie nicht damit gerechnet hatten, die Kinder lebend zu finden. Stanton sah sich die Gruppe genauer an. Die Kleinen und der Trainer wirkten schwach, doch einige der älteren Jungen waren erstaunlich munter.

Beim Abschied umarmten die Kinder die Taucher. In einem Land, in dem Körperkontakt mit Fremden nicht üblich ist und die zusammengelegten Handflächen vor dem Gesicht das Händeschütteln ersetzen, zeugten die Umarmungen davon, wie erleichtert die Jungen waren.

ALS DRAUSSEN BEKANNT WURDE, dass man die „Wildschweine“ gefunden hatte, brach unter den Helfern Jubel aus. In der Hütte des Parkrangers lagen sich die Eltern in den Armen. Am nächsten Tag machten sich sieben thailändische Marinetaucher auf den gefährlichen Weg und versorgten die Gruppe mit Rettungsdecken, Medikamenten und Energiegel. Vier Männer blieben bei den Kindern.

Noch einen Tag später brachten Volanthen und Stanton Rationspackungen der Armee in die Höhle – für die Jungen war es die erste Nahrung seit zwölf Tagen. Mit dem Essen kehrte ihr Lebensmut zurück. Um sich die Zeit zu vertreiben, spielten sie mit den Tauchern Dame, als Spielfiguren verwendeten sie Steine.

Volanthen und Stanton wussten, dass es weltweit nur eine Handvoll Höhlentaucher gab, die die Strecke schaffen würden. Sie hielten es für nahezu ausgeschlossen, diesen Weg mit den Jungen zurückzulegen. Daraufhin wurde entschieden, die „Wildschweine“ zu betäuben. Geriete nämlich einer der Jungen unterwegs in Panik, würde er sich und seine Retter in Lebensgefahr bringen.

Zwei australische Taucher – der Tierarzt Craig Challen und der Anästhesist Richard Harris – sollten die Jungen für die Rettung vorbereiten. Ungefähr zwölf Taucher würden benötigt, um die Jungen in Schichten an drei Tagen in Sicherheit zu bringen.

Zwei der Taucher, die die Mission leiteten, flogen aus England ein: Jason Mallinson und Chris Jewell. Am Freitag brachten die beiden den Eingeschlossenen Nahrungsmittel und Neoprenanzüge. Als die Männer wieder im Camp waren, übergaben sie den Familien Nachrichten von ihren Söhnen. Der elfjährige Titan schrieb: „Mama, Papa, macht euch keine Sorgen, mir geht es gut. Ich liebe euch.“

Bevor die Rettung richtig beginnen konnte, mussten Hunderte Druckluftflaschen zu verschiedenen Punkten der Strecke gebracht werden. Bei einem dieser Tauchgänge, an dem unter anderem Saman Gunan beteiligt war, gab es einen tragischen Vorfall. Als sich sein Tauchpartner einmal nach Gunan umdrehte, war dieser bewusstlos. Er konnte nicht wiederbelebt werden. Niemand weiß warum, aber er hatte keinen Sauerstoff mehr in seinem Tank.

Am Samstag – zwei Wochen, nachdem die Fußballmannschaft die Höhle betreten hatte – kehrten Harris und Challen noch einmal in die neunte Kammer zurück, um die Jungen zu untersuchen und die Narkosemittel­ Dosis festzulegen.

Bevor es losging, würde Harris jedem Jungen ein Beruhigungsmittel verabreichen. Vor dem Tauchabschnitt bekämen sie dann zwei Spritzen: das Betäubungsmittel Ketamin sowie Atropin, das die Speichel­ und Schleimbildung in Mund und Lunge hemmte, damit sie nicht an ihrem Speichel erstickten. Da die Jungen während des dreistündigen Rücktransports aufwachen könnten und erneut sediert werden müssten, lernten alle Taucher, wie man Spritzen setzt.

Sonntag, 8. Juli, zehn Uhr. Challen, Harris, Stanton, Volanthen, Mallinson und Jewell ließen sich in der dritten Kammer mit einem Abstand von einigen Minuten ins Wasser gleiten. Harris würde den ganzen Tag in der neunten Kammer bleiben. Mallinson hatte sich freiwillig bereit erklärt, den ersten Jungen herauszubringen.

In Kammer neun bereiteten sie Note für den Tauchgang vor. Harris verabreichte die Spritzen, dann setzten sie dem Jungen eine Gesichtsmaske auf und befestigten einen Atemlufttank um Notes Taille. Mallinson hangelte sich an der Führungsleine entlang und zog Note hinter sich her. Kurz nachdem die beiden in der achten Kammer auftauchten, traf auch Volanthen dort ein, der Tern im Schlepptau hatte. 20 Minuten später folgte Jewell mit Nick. Dann stiegen die Taucher mit ihren Schützlingen einer nach dem anderen in das Becken zur siebten Kammer.

Harris gab Night, dem letzten Jungen, der an diesem Tag herausgebracht werden sollte, eine Spritze. Stanton stieg mit ihm ins Wasser und beobachtete aufmerksam, ob Blasen aufstiegen, die zeigten, dass er atmete. Nach etwa 50 Metern rief der Taucher: „Er atmet nicht wirklich viel!“

„Wir können nichts tun, schwimm weiter!“, antwortete Harris.

Nachdem vier Jungen auf dem Weg ins Freie waren, verließ auch Harris die Kammer und kam direkt nach Stanton in der achten Kammer an. Er sah, dass Night kaum atmete und bewegte den Kopf des Jungen sanft hin und her, um die Atemwege zu befreien. Night begann, unregelmäßig Luft zu holen und kam zu sich. Harris betäubte ihn wieder und Stanton setzte seinen Weg fort.

Die gefährlichste Passage war eine enge senkrechte Spalte zwischen Kammer vier und Kammer drei. Die Sicht war sehr schlecht, aber Mallinson hatte sich den Verlauf der Engstelle genau eingeprägt. Er schob Note durch die enge Öffnung und schlüpfte hinterher. In Kammer drei, der vorletzten vor dem Eingang der Höhle, zeigte Note keine Reaktion mehr. Ein dort stationierter thailändischer Arzt prüfte die Vitalwerte des Jungen und sagte: „Er lebt.“

Nun waren noch etwa 1000 Meter zurückzulegen. Note wurde auf einer Trage fixiert, die mit einem Flaschenzugsystem über mehrere Felsbrocken gehoben werden musste. Ein weiteres Team übernahm die Trage und trug sie um Stalagmiten und Felsen herum 60 Meter weiter. Mitglieder der thailändischen Marine standen dort bereit, um ihn mithilfe eines weiteren Seilsystems einen steilen Abhang zu einem Retter hinunterzulassen, der Note zur zweiten Kammer trug.

Auf dem letzten Abschnitt schleppten thailändische Taucher den Jungen 365 Meter durch brusttiefes Wasser und dann zum Höhleneingang. Nach mehr als zwei Wochen war er endlich im Freien. Nachdem auch Tern, Nick und Night aus der Höhle befreit waren, brachten Rettungswagen sie zu einem Hubschrauber, der sie ins Krankenhaus in Chiang Rai flog. Zu diesem Zeitpunkt wussten nicht einmal ihre Eltern, dass die Jungen gerettet waren. Aber es dauerte nicht lange, bis die Nachricht durchsickerte.

NACH MEHR ALS ZWEI WOCHEN IN DER HÖHLE IST DER ERSTE JUNGE ENDLICH WIEDER IM FREIEN

Während die Welt von der unglaublichen Heldentat der Taucher erfuhr, bereiteten sich Mallinson und die anderen Retter auf den Tauchgang am nächsten Tag vor. Noch konnten sie sich keine Ruhe gönnen – Dutzende leerer Pressluftflaschen mussten aufgefüllt, Seile neu gespannt werden und vieles mehr.

Mix, Adul, Bew und Dom wurden am zweiten Tag in Sicherheit gebracht. „Mann, das hat es noch nie gegeben. Wir erfüllen hier tatsächlich eine Mission Impossible“, sagte Harris. Aber allen war klar, dass sie sich nicht zu früh freuen durften, denn für den dritten Tag war mehr Regen vorhergesagt. Wenn es zu stark regnete, müsste die Rettung ausgesetzt werden denn die Pumpen wären überfordert. Und dann könnte niemand sagen, wie lange die restlichen Jungen, Ek und die vier thailändischen Marine­Taucher in der neunten Kammer würden ausharren müssen.

Am nächsten Morgen, dem 10. Juli, machte der Regen eine Pause, und die Retter legten wieder los. Als die Taucher die T­Kreuzung passierten, stellten sie erleichtert fest, dass der Strom kein klares Wasser führte – das Wasser umleitungssystem auf dem Berg funktionierte also noch.

Später am Tag wurde Pong, der letzte Junge, aus der Höhle getragen und ins Krankenhaus gebracht, wo die Mannschaft und ihr Trainer eine Woche zur Beobachtung bleiben sollten. Und schließlich schafften es auch die vier thailändischen Marine­Taucher sicher ins Freie.

Als die Rettungsteams aus der Tham­Luang­Höhle traten, wurden sie von einer riesigen Menschenmenge mit lautem Jubel empfangen. Die Eltern der Jungen vergossen Freudentränen. Es war geschafft. Wenige Stunden später regnete es so stark, dass die Höhle völlig von der Außenwelt abgeschnitten war.

Die Taucher und Ärzte waren sich darüber im Klaren, wie besonders diese Rettungsaktion gewesen war.

So etwas hatte es noch nie gegeben: Ohne Verluste hatten sie 13 bewusstlose Personen mehr als zwei Kilometer durch geflutete Gänge transportiert. Soldaten und Zivilisten aus Thailand und viele anderen Nationen – die Rettungsteams hatten das Unmögliche geschafft.

einige wochen später radelten die Jungen den Berg hoch zu dem Wohnheim, in dem Ek ein kleines Zimmer hatte, um Titans 12. Geburtstag dort zu feiern. Es war schon fast 21 Uhr, als sich die Jungen fröhlich von Ek verabschiedeten und ohne Angst bergab nach Hause sausten. Schließlich waren sie die Moo Pa, die „Wildschweine“.

2019 zeichnete der König von Thailand 75 thailändische und mehr als 100 ausländische Retter mit den höchsten Orden des Landes aus. Der König beförderte den Marine-Taucher Saman Gunan posthum und übernahm die Kosten für seine Beerdigung.

Die britische Königin Elizabeth II. überreichte den Tauchern John Volanthen, Rick Stanton, Chris Jewell und Jason Mallinson Tapferkeits medaillen, Vern Unsworth wurde zum Ritter des „Order of the British Empire“ ernannt. Craig Challen und Richard Harris erhielten 2019 gemeinsam die Auszeichnung „Aus tralian of the Year“.

Die Geschichte der dramatischen Rettung wurde verfilmt und soll im Frühjahr 2022 mit dem Titel „Thirteen Lives“ in die Kinos kommen.