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»Gegen Tote wird nicht ermittelt«


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TAUCHEN - epaper ⋅ Ausgabe 40/2022 vom 11.03.2022

ARBEIT ALS TAUCHUNFALL-SACHVERSTÄNDIGER

Für geübte oder gar berufsmäßige Taucher ist der Moment, in dem sich die Wasseroberfläche über dem Kopf schließt, Routine. Wenn es sein muss, erfolgt die Montage der Ausrüstung wie Zähneputzen im halbwachen Zustand.

Aber sobald es echte Probleme gibt, endet die Illusion, wie ein Fisch unter Fischen zu sein, und das so vertraute Element wird mangels Kiemen schlagartig zur Falle.

Wenn die Staatsanwaltschaft bei Oliver Maubach durchklingelt, ist genau das passiert. Üblicherweise mit fatalem Ausgang. »Auf dem Totenschein steht meistens Tod durch Ertrinken«, berichtet der Sachverständige beim Ortstermin in Köln. »Aber ein solcher Befund der Pathologen ist nur die letzte Konsequenz, weil die Lunge irgendwann voll Wasser läuft, und das lässt natürlich keine Schlüsse auf Ursache und Hergang eines Unfalls zu.« Um dies zu entschlüsseln, folgen forensische Sachverständige ...

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... einem verbindlichen Regelwerk, das zwar thematisch nicht spezifisch ist, aber die Methodik anhand präziser Richtlinien vorgibt.

Aber wenn die Ursache in erster Linie medizinischer Natur ist, überlasse ich das Feld dem Pool von fünf, sechs Ärzten, die hier in Deutschland praktisch alle Sachverständigen im Tauchsportbereich stellen.«

Der Ansatz eines Gutachters ist notwendigerweise interdisziplinär und läuft parallel auf medizinischer, ausrüstungstechnischer und tauchpraktischer Ebene. Wenn nicht die Ausrüstung eindeutig unfallverursachend war, was Oliver Maubach seit 2017 nur zweimal erlebt hat, deutet alles auf menschliches Versagen hin. Neben dem Befund des Pathologen ist die Polizeiakte dann erst einmal die einzige Informationsquelle.

Schritt für Schritt-Aufklärung

Die Befundaufnahme ähnelt der Methodik beim »Suchen & Bergen«: Angefangen beim direkten Umfeld wird im immer größer werdenden Radius recherchiert, bis ein schlüssiges Gesamtbild mit klarem Sachverhalt entsteht, das den Aufbau eines Gutachtens zulässt. Aspekte gibt es genügend. Angefangen beim Profiling der Beteiligten: »Was waren das für Taucher?

Qualifikation? Welcher Verband? Wann war der letzte Tauchgang? Was ist in dem Verunfallten vorgegangen? Was war der Plan für den Tauchgang? Solche und weitere Fragen stelle ich mir« – über die Plausibilitätsprüfung der Zeugenaussagen im Polizeibericht und nicht zuletzt auch das

Gewässer selbst. Dazu nutzt Maubach, der EU-weit Tauchunfälle für Staatsanwaltschaften rekonstruiert, nicht nur Online- Karten und ähnliche Informationen zum Gewässer sowie die Temperaturbedingungen am Unfalltag. Er begeht den Einstiegsort auch oft persönlich, um ihn für eine mögliche Präsentation vor Gericht mit seiner Drohne für Luftaufnahmen und 3D-Darstellung zu dokumentieren und grundsätzlich tiefer zu schürfen. Der persönliche Eindruck helfe ihm dabei, die Vorkommnisse plastischer zu sehen und die Rettungskette nachzuvollziehen. Auch in Binnenseen, allen voran in Talsperren, sind wechselnde Bedingungen durchaus Faktoren: »Vielleicht war der Wasserstand am Unfalltag ein anderer, als die Seekarten vermitteln, und der Buddy musste den Verunfallten bei niedrigem Wasserstand noch sechs Meter an Land ziehen, womöglich ohne die Ausrüstung abzunehmen.

Oder er hat vielleicht gar keine lebensrettenden Sofortmaßnahmen an Ort und Stelle durchführen können.« Die Untersuchung vor Ort dient so auch der Plausibilitätsprüfung von Zeugenaussagen, namentlich des oder der Tauchpartner. Mangelnder Kooperationswille, der möglicherweise bewusst die Erstellung einer Kausalitätskette verhindert, wird in akuten Fällen durchaus vom langen Arm des Gesetzes geahndet: »Wenn ich als Sachverständiger in einer Strafsache die Ausrüstung des Tauchpartners eines Verunfallten sehen möchte, und diese nicht ausgehändigt wird, gibt es im Zweifelsfall eine Durchsuchung mit Beschlagnahmung des Equipments«, so Oliver Maubach.

Juristische Feinheiten

»Für die juristische Bewertung bin ich aber nicht zuständig und ich schildere mit meinem Gutachten nur das für mich plausibelste Szenario als Empfehlung für die Staatsanwaltschaft.« Und die besitzt durchaus Ermessensspielraum, wenn es etwa um den Unterschied zwischen ähnlich qualifizierten Tauchpartnern und dem komplexeren Fall von Instruktoren und Tauchschülern als Schutzbefohlene geht, wie Maubach an einem Beispiel verdeutlicht: Im betreffenden Fall habe ein jüngerer Tauchlehrer ein Pärchen, das mit CMAS* eher gering qualifiziert war, zum Tauchen an einem Bergsee getroffen und dem später Verunfallten als Leihausrüstung eine Zehn-Liter-Flasche und einen halbtrockenen Tauchanzug ausgehändigt. »Die Wassertemperatur in diesem See schwankt je nach Tiefe zwischen vier und zwölf Grad Celsius, und mit einem Atemminutenvolumen von 16 Litern pro Minute war der Luftvorrat des Unfallopfers schon nach 20 Minuten auf unter 50 bar gesunken«, schildert Maubach. »Am Ende starb der Taucher an einem unkontrollierten Notaufstieg, und das Gericht sah eine wesentliche Schuld beim Tauchlehrer, der seine Sorgfaltspflicht nicht erfüllt und für das Gewässer ungeeignete Tauchausrüstung weitergegeben hatte.« Eine Untersuchung des Atemreglers ergab, dass die Membran der Zweiten Stufe im Zuge des Unterdrucks festgeklebt war, wie es beim »Leeratmen« der Flasche üblich ist – und die zusätzliche Bioanalyse identifizierte in den Wasserspuren im Sinterfilter die für das Unfallgewässer typischen Bakterienstämme. So wurde nachgewiesen, dass der Atemregler nicht vorher schon schadhaft war. Ausschlaggebend für die Schadensersatzfrage unter Tauchpartnern ist der Paragraf 823 des Bürgerlichen Gesetzbuches, in dem es heißt: »(1) Wer vorsätzlich oder fahrlässig das Leben, den Körper, die Gesundheit, die Freiheit, das Eigentum oder ein sonstiges Recht eines anderen widerrechtlich verletzt, ist dem anderen zum Ersatz des daraus entstehenden Schadens verpflichtet.«

Ein Passus, den Taucher und speziell Tauchlehrer gar nicht oft genug lesen können.

Obwohl die Sachverständigentätigkeit am Ende meist Schreibtischarbeit bedeutet, wird das Gutachten, sofern es die Staatsanwaltschaft im Strafprozess einsetzen möchte, ausschließlich mündlich vor Gericht vorgetragen. Es gilt nur das gesprochene Wort. Dass es dabei auch im Gerichtssaal zu interessanten Wendungen kommen kann, die für Taucher durchaus lehrreich sind, erlebte der Kölner Sachverständige auch schon: In einem Fall hatte ein Verunglückter – mit weit über 1000 Tauchgängen ein sehr erfahrener technischer und zertifizierter Solo-Taucher – in einem österreichischen Bergsee zwei Abstiege absolviert und dabei scheinbar ganz dem Lehrbuch entsprechend gehandelt. Der erste, 80-minütige Tauchgang fiel tiefer aus als der zweite, während dem der Tauchcomputer nach 40 Minuten die Aufzeichnung einstellte. Mit einer Stunde war die Oberflächenpause zwar nicht üppig, aber noch im unauffälligen Bereich. Als der Taucher nach dem zweiten Tauchgang nicht zur verabredeten Zeit zurück war, verständigte die am See verbliebene Ehefrau die Rettungskräfte, doch konnte der Mittfünfziger nicht mehr lebend geborgen werden. Als Todesursache attestierten die Ärzte Herz-Kreislauf-Versagen in Kombination mit einer Dekompressionskrankheit, obwohl der Tauchcomputer keine nennenswerte Unterschreitung der Entsättigungszeit anzeigte. Licht ins Dunkel brachte vor Gericht die Ehefrau: Die aufeinanderfolgenden Tauchgänge erfolgten an verschiedenen Seen. Während der Oberflächenpause waren beide gemeinsam über einen mehr als 1000 Meter hohen Bergpass gefahren, was die Auswertung des Mautsystems eindeutig bewies. Diese nur 15 Kilometer kurze Gebirgsstrecke machte nicht nur einen fatalen Unterschied in der Gewebesättigung des Verunfallten, sondern auch in der Rechtslage. Das Urteil des Richters: menschliches Versagen. Das Urteil der Versicherung: Das zahlen wir nicht. »In Deutschland gibt es nicht die Möglichkeit, gegen Tote zu ermitteln«, gibt Maubach zu bedenken, »in anderen Ländern schon.« Im Zweifelsfall ist dann nicht ausgeschlossen, dass gegenüber den Angehörigen horrende Summen für Rettungseinsätze geltend gemacht werden.

Aussicht auf Erfolg?

Grundsätzlich können auf eine strafrechtliche Verhandlung weitere zivilrechtliche Konsequenzen folgen. Schadensersatzforderungen von Tauchpartnern etwa. Dass ein Rechtsanwalt bei Maubach anklopft, sei eher selten, wie er sagt. Aber dann diene seine Expertise hauptsächlich dazu, zu klären, ob der Rechtsweg für den Mandanten überhaupt erfolgversprechend ist. In Zeiten günstiger Rechtschutzversicherungen wird eben auch im Tauchsport häufiger geklagt als noch vor 20 Jahren. Zumal Actioncams als Beweismittel allgegenwärtig sind. Obwohl man in Europa von US-amerikanischen Verhältnissen derzeit noch weit entfernt ist, verdeutlichen Fälle wie jener der tragisch verunglückten 18-jährigen Linnea Mills, dass kommerzielle Tauchbetriebe gut beraten sind, verantwortungsvoll zu agieren und sich im Paragrafendschungel auszukennen: Die junge Taucherin, die keine Erfahrung mit Kaltwassertauchen und entsprechender Ausrüstung hatte, wurde im November 2020 während ihrer Ausbildung zum Advanced Open Water Diver in einem amerikanischen Bergsee in ihrem eigenen Trockentauchanzug zerquetscht. Als Faktoren wurden unzureichende Equipment-Beratung, fehlende Briefings und zweifelhaftes Verhalten des Personals angeführt. Das Gericht in Missoula gab der Fahrlässigkeitsklage der Eltern und zweier Mittaucher statt und verurteilte die Tauchschule und PADI Worldwide im Mai 2021 zu einer Zahlung in Höhe von 12 Millionen US-Dollar. 

INTERVIEW MIT DEM TAUCHUNFALL-SACHVERSTÄNDIGEN OLIVER MAUBACH

»AUCH ANFÄNGER MÜSSEN EXPERTEN RETTEN KÖNNEN«

Der 35-jährige Oliver Maubach ist studierter Maschinenbauer. Als Tauchlehrer und Tek-Taucher ist er bis zu 200 Mal im Jahr im Wasser.

Zudem beurteilt er als Sachverständiger für Staatsanwaltschaften Tauchunfälle. Der TÜV-geprüfte Sachverständige erstellt vor allem im Bereich Straßenverkehrsunfälle und Kfz-Schäden Gutachten. Zudem war er vier Jahre als Schöffe am Kölner Landgericht tätig. Als ehemaliger Rettungshelfer bringt Maubach sich nach mehrjähriger Pause nun wieder als Taucher bei der DLRG und Erste-Hilfe-Ausbilder mit BG-Zulassung in Sachen Gemeinwohl ein. Das hilft ihm, wie er sagt, über den Tellerrand zu blicken.

Wenn Sie auf menschliche Fehlentscheidungen stoßen, kommt da nicht der Gedanke auf, dass man das am liebsten öffentlich machen würde, um zu verhindern, dass andere denselben Fehler machen?

OLIVER MAUBACH: Ich nehme meinen Job nicht mit ins Private. Aber es liegt mir sehr am Herzen zu empfehlen, dass keine Routine aufkommen darf. Nur weil man mit seinem besten Buddy 300 Mal im selben See war, heißt es nicht, dass es beim 301. Mal gut geht. Man muss den Respekt vor dem fremden Element wahren wie beim ersten Tauchgang und den Tauchplan so durchziehen wie geplant.

Gibt es einen wiederkehrenden Fehler, der oft begangen wird?

MAUBACH: Der Buddycheck vor dem Tauchgang und im Wasser wird vernachlässigt. Wenn ich die Ausrüstung meines Tauchpartners aber nicht kenne, kann ich im Notfall auch nicht schnell richtig handeln. Ich habe das oft im Prozessgespräch gehört: Ich kannte den Jupp doch ganz genau! Tatsache ist, dass es vorkommen kann, dass auch ein Ein-Stern-Taucher handeln und den Tauchlehrer retten muss, wenn etwas schiefläuft. Auch vor Experimenten mit der Ausrüstung warne ich. Nicht jede Erste und Zweite Stufe unterschiedlicher Hersteller passen zusammen.

Wie stehen Gerichte und Versicherungen zum Thema Solo-Tauchen?

MAUBACH: Die Richterinnen und Richter sind nicht doof und kennen sich besser, aus als viele erwarten. Die haken dann schon nach à la Unter welchem System wurde er ausgebildet und was durfte er? War das ein PADI-oder CMAS-Taucher? 0der welchem anderen Verband gehörte er an? Hätte der Angeklagte mit dieser Qualifikation sicher den Tauchgang beenden können?

Wenn ein Solotaucher-Brevet vorlag, ist es meist kein Thema. Bei den Versicherungen musss man die Policen prüfen: DAN versichert Solo-Taucher. Bei der HDI ist es passé. Man muss wissen, was man will und besser zweimal hinschauen.

Gern sagt man geübten Tauchern eine höhere Risikobereitschaft nach. Spiegelt sich das in rekonstruierten Tauchunfällen wider?

MAUBACH: Ich glaube, dass erfahrene Taucher aus der Draufgängerphase, die es sicher gibt, herauswachsen. Für Probleme sorgen aber falsche Routine wie fehlende Vorbereitung und Planung, mangelnde Selbsteinschätzung und Gruppenzwang. Wenn ich mich nicht gut fühle und vielleicht dehydriert bin, gehe ich nicht ins Wasser. Taucher, denen es nicht gut geht, ziehen aber oft gleich zu Urlaubeginn vier Tauchgänge pro Tag durch, weil sie die halt gebucht haben.

Man muss auf sein Bauchgefühl hören. Wenn ich mich mies fühle, steige ich nicht ins Wasser. Und man sollte auch eine regelmäßige Tauchtauglichkeitsuntersuchung über sich ergehen lassen und nicht nur Kreuzchen im Anmeldeformular setzen und allein die Haftung verschieben.