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Geh an deine Grenzen und darüber hinaus


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 2/2018 vom 29.03.2018

Im Gespräch mit Drew Sarich anlässlich des Jubiläums von »Jesus Christ Superstar« 2018 in Wien


Artikelbild für den Artikel "Geh an deine Grenzen und darüber hinaus" aus der Ausgabe 2/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Morris Mac Matzen

»Jesus hat diese Nummer und das ist die beste Nummer, die es für einen Mann im Musical gibt«, freut sich Drew Sarich auf die bevorstehende Inszenierung von »Jesus Christ Superstar« mit dem Hit ›Gethsemane‹ zu Beginn des zweiten Aktes. Rund um Ostern wird der gebürtige US-Amerikaner neun Mal in dem Musical-Klassiker als Messias auf der Bühne stehen. In der Inszenierung von Regisseur Alex Balga werden vom 23. März bis zum 2. April 2018 im Wiener Ronacher außerdem Barbara Obermeier (zuletzt ...

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... unter anderem in »Hair« beim Musicalsommer Amstetten, »Mozart!« im Raimund Theater) als Maria Magdalena zu sehen sein sowie Sasha Di Capri (zuletzt unter anderem in »Evita« im Ronacher, »Rent« am Theater Trier) als Judas. »Es gibt kaum ein anderes Stück, vielleicht ›Les Misérables‹, in dem Protagonist und Antagonist zwei Seiten derselben Medaille sind. Es würde die Geschichte ohne Judas nicht geben und das versteht Jesus im Gegensatz zu Judas auch. Beide sind gleich stark. Beide Figuren gehen von Szene zu Szene allmählich über ihre Grenzen.«

1971 feierte das als Rockoper kreierte Stück mit der Musik von Andrew Lloyd Webber und den Liedtexten von Tim Rice im New Yorker Mark Hellinger Theatre seine Uraufführung. Es erzählt von den letzten Tagen Jesus Christus' und von dem Verrat durch seinen Jünger Judas. In Wien wird es in diesem Jahr als englischsprachige, konzertante Fassung gezeigt. Die Konzertreihe wird erstmals in der »Symphonic Version« mit 43 Musikern und Musikerinnen aufgeführt. Drew Sarich verkörperte bereits den Judas, fast schon traditionell tritt er nun seit mehreren Jahren rund um die Osterfeiertage als Jesus bei den Vereinigten Bühnen Wien auf und sorgt mit seiner Interpretation immer wieder für Standing Ovations im restlos ausverkauften Zuschauerraum. »Es ist das Stück, das mich dazu gebracht hat, Musicals zu machen«, erinnert sich Sarich an seine Anfänge zurück. »Bei einem Stück, das mir so viel bedeutet wie ›Jesus Christ Superstar‹, ist es jedes Mal ein kleiner Test: Wie offen kannst du bleiben für neuen Input und andere Ansätze? «, verrät der Publikumsliebling. Auf die Frage, was passieren müsste, dass er den Jesus mal nicht mehr spielen will, lacht er und sagt: »Wenn die Töne nicht mehr kommen oder ich einfach zu alt für die Rolle bin.« Bereits Ende Februar hat Sarich mit der Cast die Inszenierung auf der Probebühne des Ronachers erarbeitet.

»Ich liebe es, zu proben«, berichtet Drew Sarich über seine Arbeit. Die Probenphasen seien grundsätzlich immer zu kurz, obwohl er es liebt, immer einen Hauch »unterprobt« auf die Bühne zu gehen: »Dann kribbelt alles«, so der Darsteller, der ab Mai wieder in einer weiteren Paraderolle als Graf von Krolock zum 20-jährigen Jubiläum in »Tanz der Vampire« im Wiener Ronacher zu sehen sein wird.

»Sowohl Jesus als auch Judas werden im Laufe des Stückes auserwählt, das Undenkbare durchzuziehen «, erklärt Drew Sarich. Das verleihe dem Stück eine Aktualität und sei eine Mahnung an den Zuschauer, auch im Alltag selbst über seine Grenzen hinauszugehen. »Wie weit bist du bereit zu gehen, um deine Meinung und deinen Plan durchzuziehen, wenn es hart auf hart kommt?« Diese Aktualität sei auch der Grund dafür, warum das Stück immer wieder auf den Spielplan komme. Zum Beispiel habe es seiner Familie während der heißen Phase der Flüchtlingskrise nicht genügt, nur Kleidung zu spenden. Wir werden uns die Hände schmutzig machen, habe seine Frau gesagt, und so seien sie kurzerhand zum Ostbahnhof nach Budapest gefahren, um direkt einer Flüchtlingsfamilie zu helfen. Bis heute haben seine Frau Ann Mandrella und er Kontakt zu der fünfköpfigen Familie, die inzwischen in Frankfurt am Main lebt.

Doch nicht nur privat sind die zwei ein eingespieltes Team – auch auf der Bühne kann man die beiden endlich einmal wieder zusammen erleben. Ab Mitte April sind sie in der deutschsprachigen Erstaufführung von »Before after« (von Stuart Matthew Price und Timothy Knapman), »Davor/ Danach«, insgesamt sechs Mal in der Wiener Theatercouch zu sehen: »Es gibt wahrscheinlich kaum ein anderes Paar, das so gern Theater bespricht und so dynamisch ist«, plaudert Sarich aus dem Nähkästchen. »Ich freue mich auf die Arbeit und wir werden viel zu selten zusammen besetzt, vermutlich weil wir beide den Mund nicht halten können«, lacht der Familienvater und ergänzt schwärmend über seine Frau: »Sie ist eine der besten Darstellerinnen, die ich je gesehen habe.« Am intensivsten sei dann die Probenzeit. Da lerne jeder über sich und seinen Partner, wie man mit Stress umgehe und in verschiedenen Situationen reagiere. »In den Proben wird man sprichwörtlich auf die Probe gestellt. Es ist aber eine interessante Zeit und toll, dass wir diese Chance haben, noch dazu nun bei ›Davor/Danach‹, einem Stück, in dem es darum geht, die Liebe neu zu entdecken. Es ist wunderbar, das mit dem eigenen Partner zu erarbeiten.«

Auf die Frage, mit wem er außerdem gerne mal zusammen auf der Bühne stehen würde, sagt der US-Amerikaner: »Ich hatte bisher Riesenglück, was meine Kolleginnen und Kollegen betrifft«. Auf eine gemeinsame Besetzung oder ein Projekt mit Ramin Karimloo, den Sarich in London kennengelernt hat, hofft er schon länger. Im deutschsprachigen Raum schätzt er die Kollegen David Jakobs und Dominik Hees für ihre dynamische Herangehensweise an ihre Projekte. »Es gibt noch Stücke, die ich gerne spielen will. Es ist noch Luft nach oben«, sagt der 42-Jährige. »Show Boat«, »Carousel« oder »Sweeney Todd« stehen prominent auf seiner Wunschliste. Eine besondere Ehre wurde ihm schon zuteil: Komponist und Dirigent Christian Kolonovits hat die Musik und Songs zu »Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit «, welches bis vor Kurzem sehr erfolgreich an der Wiener Volksoper zu sehen war, extra für ihn komponiert. Dieses große Kompliment sei eine Ehre, aber auch »scary«, weil jemand glaubt, er kenne seinen Geschmack, sein Können, ja sogar seine Persönlichkeit. »Die Arbeit mit Christian war eine Freude. Wenn er die Augen zugemacht und mitgenickt hat, dann wusste ich, wir sind drin.« Sarich schätzt dessen Kreativität und Coolness, die immer ein Maßstab für ihn waren: »Bei Kolonovits ist mehr einfach mehr.«

Auch ansonsten wählt Drew Sarich die Stücke, in denen er spielt, ganz bewusst aus: »Ich bin zum Musical gekommen, weil ich die Geschichten toll finde und die Magie, wie eine Handlung durch Musik erzählt wird.« Dabei ist ihm der Tiefgang wichtig. Deshalb würde er bei einer Anfrage für »Mamma Mia!« ablehnen, weil er »ABBA«-Lieder nicht mag und weil ihm die Aussage und der tiefere Sinn fehlen. Schon auf der Highschool hat er verstanden und wahrgenommen: »Wir gehören noch zu den wilden Theatermachern, und ich will nicht, dass die Cheerleader übernehmen.« Ein kleines Risiko dürfe bei einer neuen Produktion immer dabei sein. »›Mamma Mia!‹ ist das Sinnbild von: wir machen etwas Sicheres und wir geben den Menschen, was sie wollen.« Dennoch lässt sich Sarich gerne auch überzeugen: Bei »Ich war noch niemals in New York« war er anfangs skeptisch, ließ sich aber dann eines Besseren belehren. Er versuche, sich daher immer alle Stücke anzuschauen und sich seine eigene Meinung zu bilden. »Wenn man ein Musical nur nach dem melodischen Aspekt betrachtet, weil die Musik so toll ist, dann geht etwas verloren«, sagt Sarich, der schon beim Studium am Boston Conservatory Regie als Schwerpunkt gewählt hatte. Gerne würde er in naher Zukunft zu diesen Wurzeln zurückkehren und einen Ausflug ins Sprechtheater wagen: »Ich möchte in den kommenden zwei Jahren endlich selbst einmal eine Geschichte erzählen können. Es gibt ein Stück und zwei Häuser, die interessiert sind«, verrät der Sänger im Exklusivinterview, gibt sich sonst aber noch geheimnisvoll.

Doch selbst wenn das mit dem Sprechtheater klappt, der Musik wird er ewig treu bleiben. »Ich wollte immer irgendwas Musikalisches machen, ob ich nun Sänger in einer Band geworden wäre oder Gitarrist, Musik sollte es auf jeden Fall sein.« Als der Amerikaner 2001 nach Wien kam, stand schnell fest, dass er eine eigene Band gründen möchte. Gemeinsam mit Titus Vadon und dem »Endwerkorchester« hat Sarich mittlerweile mehrere Alben veröffentlicht. Das jüngste Konzeptalbum »Let him go« erzählte eine eher theatralische Geschichte mit rotem Faden, angelehnt an den Roman »Unterwegs« von Jack Kerouac. Mit seinem neuen Album »Hunting for Heaven«, welches gerade aufgenommen wird, möchte Sarich zeigen, was man tun kann, um das Licht wieder zu finden und um aus Tiefen wieder gestärkt hervorzugehen. Dies hofft er, durch zahlreiche Uptempo-Nummern, wie zum Beispiel Songs aus der Country-Schiene und dem Memphis-Soul, umzusetzen. »Ich will Freude haben und die Menschen sollen sich bewegen können, anstatt negativen Gedanken nachzuhängen«, betont der Musicalstar. Zu seinen schönsten Bühnen- und Musicalmomenten zählt Sarich die Sitzprobe von »Der Glöckner von Notre Dame« in einem Ballettsaal in Berlin 1999, als das große Orchester vor sämtlichen Kreativen, Musicalverantwortlichen und Executives zum ersten Mal den Song ›Einmal‹ gespielt hat. Die Magie der Sitzprobe beim ersten Hören zauberte viele Emotionen in die Gesichter aller Beteiligten. »Es gibt einem das Gefühl, wir kreieren etwas Gemeinsames und wir sind die Ersten, die es hören dürfen.« Auch die Derniere von »Rocky« war für Sarich ein unvergesslicher Moment, der für immer in seinem Herzen bleibt. »Schwitzend haben wir uns in die Arme genommen und vor lauter Weinen gebebt«, erinnert sich Sarich an die letzte »Rocky«-Vorstellung im Hamburger Operettenhaus.

Viele Emotionen wird auch die konzertante Aufführung von »Jesus Christ Superstar« 2018 erwecken. Sie verspricht auch in diesem Jahr, sehr dynamisch zu werden. »Regisseur Alex Balga fordert, dass wir Fragen stellen«, und die Darsteller seien aufgrund ihrer starken Persönlichkeiten gecastet worden. »Was mich bei diesem Stück jedes Jahr rettet, ist, dass es nicht religiös ist, sondern etwas mit Glauben zu tun hat.« Zwischen Religion und Glauben sieht Sarich einen eindeutigen Unterschied. Klar ist, dass Sarich auch in diesem Jahr als Jesus wieder an seine Grenzen und darüber hinaus gehen will.

Drew Sarich

Geboren in St. Louis, Missouri (USA), absolvierte Drew Sarich seine Ausbildung in Musik, Schauspiel und Tanz am Boston Conservatory und stand in New York erstmals im Musical auf der Bühne, u. a. in »Joseph and the Amazing Technicolour Dreamcoat«, »Tony n' Tina's Wedding« und »Jesus Christ Superstar«. Die Rolle des Quasimodo in »Der Glöckner von Notre Dame« führte ihn 1999 nach Berlin. Zu seinen Haupt- und Titelrollen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gehören Berger in »Hair«, Boss in »Fever«, die Titelrolle in »Hedwig and the Angry Inch«, Cousin Kevin in »The Who's Tommy«, die Titelrollen in »Jekyll & Hyde«, »Jesus Christ Superstar«, »Dracula«, »Rudolf – Affaire Mayerling«, »Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit«, Das Phantom in »Love Never Dies«, Che in »Evita«, Curtis Jackson in »Sister Act« und Graf von Krolock in »Tanz der Vampire«. Bei Aufenthalten in New York spielte er Hauptrollen in »Lestat«, »Jaques Brel is Alive …« und Jean Valjean in »Les Misérables« am Broadway.