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GEHEIMWAFFE


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 10/2020 vom 08.09.2020

Die kalifornische Star-Streamerin ANNE MUNITION, 30, wird ihrem martialischen Namen gerecht: Sie lässt Online-Mobbern keine Chance und schlägt sie mit ihrer Nettigkeit.


Schon als Kind konnte sie nie genug Aufmerksamkeit bekommen. Ein „kleiner Möchtegern-Rockstar“ sei sie gewesen, das jüngste, aber lauteste von drei Kindern. Mit dreizehn habe sie jede Bühne erklommen, um bei „open mic“-Veranstaltungen Applaus zu ernten.

Aufmerksamkeit und Applaus hat Anne Munition jetzt, mit dreißig, mehr als genug: Die Kalifornierin ist eine der berühmteren Streamer auf der Gamer-Plattform Twitch (natürlich heißt sie ...

Artikelbild für den Artikel "GEHEIMWAFFE" aus der Ausgabe 10/2020 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 10/2020

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... nicht wirklich so, der nach schwerer Bewaffnung klingende Kampfname soll ihre wahre Identität schützen).

2014, ohnehin gelangweilt vom Job als Grafikdesignerin, entdeckte sie Twitch als mögliche Karriereleiter. Im Juni startete Anne Munition ihren ersten eigenen Stream und seit Mitte 2015 ist sie Vollzeit-Streamerin. Heute hat sie mehr als 600.000 Follower und eine Partnerschaft mit Red Bull Gaming. Mehr noch: Sie nutzt ihre Popularität, um darüber zu sprechen, wie wir alle online ein bisschen netter sein könnten.

THE RED BULLETIN: Du hast ein Tattoo von Sonne, Mond und Sternen, das dich und deine Geschwister repräsentieren soll – was davon bist du?
ANNE MUNITION: Ich bin natürlich der Star – das spielt mit der Rockstar-Attitüde meines Lebens.

War dieses Motiv deine Idee?
Nein, die stammt von meiner Mutter: Sie hat anstelle unserer Namen immer Sonne, Mond und Sterne auf unsere Weihnachtspakete gezeichnet. Sie sagte, wir seien ihr Universum.

Deine Mutter hat dir auch eine Nintendo-Konsole geschenkt, als du sieben warst. Was genau hat dich am Spielen fasziniert?
Ich mag es, Puzzles zu legen. Ich glaube, was mich wirklich reingezogen hat, war, dass es in Videogames immer darum ging, ein Problem zu lösen.

Du warst elf, als du zum ersten Mal mit Online-Mobbing zu tun hattest. Hat dich das nicht abgeschreckt?
Wenn du online spielst, musst du immer mit Leuten zurechtkommen, die nicht sehr nett sind. Ich war einfach dickköpfig, außerdem war ich schon als Kind eine Besserwisserin. Wenn Leute Sachen geschrieben haben, die mich vom Spielen abhalten sollten, war das für mich eher eine Herausforderung. So in der Art: „Okay, du willst nicht, dass ich das tue? Dann mache ich es erst recht.“

STAR VON NEBENAN Über 600.000 Fans folgen Anne Munition, wenn sie auf Twitch streamt. Warum? „Ich kann ziemlich unterhaltsam sein.“


Als du zum ersten Mal auf Twitch warst: Was fandest du so spannend daran, anderen Leuten beim Spielen zuzuschauen?
Du musst dir nur Folgendes vorstellen: Da ist jemand online, der richtig gut in etwas ist, das du selbst gern machst. Du kannst mit ihm dein Hobby trainieren, du kannst ihm Fragen dazu stellen, und er antwortet in Echtzeit. Ich arbeitete damals Vollzeit, also hatte ich keine Zeit, selbst zu spielen, aber ich liebte diese Games. Also habe ich anderen beim Spielen zugeschaut und mit ihnen mitgelebt.

Was hat dich dazu ermutigt, einen eigenen Stream zu starten?
Ich glaube, du kommst da nicht rein, indem du denkst: „Ich werde beim Streamen Erfolg haben.“ Du denkst: „Das ist interessant, und ich möchte es versuchen.“ Es stellte sich heraus, dass die Leute dachten, dass ich lustig bin. Das ist etwas, auf das ich stolz bin. Ich glaube, ich kann ziemlich unterhaltsam sein.

Dazu hast du ein Umfeld aufgebaut, das für seine Nettigkeit bekannt ist.
Ich streame jetzt seit sechs Jahren, und ich war immer ziemlich konsequent in dem Bestreben, eine Gemeinschaft zu schaffen, in der Menschen sich wohlfühlen können. Stell dir vor, du gehst jeden Tag zur Arbeit und hasst alle Kollegen oder die Kollegen sind gemein zu dir. Damit will ich nichts zu tun haben. Die Leute sagen, ich hätte eine der nettesten Communities bei Twitch, und darauf bin ich stolz.

Du hast einmal gesagt, es wird gemeinhin unterschätzt, wie schlimm es für Frauen ist, online ausgegrenzt zu werden. Wie schlimm ist es denn?

Die Leute suchen alles, was dich von anderen unterscheidet, und trampeln dann darauf herum. Ich bin sicher, dass Sportler und andere Berühmtheiten das Gleiche durchmachen, aber die haben ja auch nicht jeden Tag direkten Kontakt mit ihren Fans. Wir Streamer versuchen ja, zum Publikum auf unseren Kanälen und im Chat eine Beziehung aufzubauen, deshalb sind vermutlich auch die Verletzungen tiefer. Die Wirkung, die all das auf meine Psyche hatte, war ziemlich arg. Es ist schwierig, die positiven Seiten des Jobs zu sehen, wenn du ständig dieser negativen Kraft ausgesetzt bist. Eine ganze Menge von Leuten sagt: „Na gut, du lebst vom Videospielen – das ist leicht verdientes Geld.“ Die sehen nicht den ganzen Hass, dem du dabei ausgesetzt bist.


„Ich will keine Leute tolerieren, die mich oder andere respektlos behandeln.“


RASEND REICH WERDEN? „Alle, die meinen, Streamen sei leicht verdientes Geld, sehen nicht den ganzen Hass, dem du dabei ausgeliefert bist“, sagt Streamerin Anne Munition.


Wie hat sich das psychisch ausgewirkt?
Ich wurde extrem paranoid, was meine Privatsphäre anlangt. Außerdem glaubst du, dass du deinen Wert an bestimmten Zahlen messen kannst – schließlich bestimmt die Anzahl der Abonnenten dein Einkommen, die Zahl deiner Zuschauer ist für das Ranking auf der Website verantwortlich. Diese Zahlen gehen rauf und runter, und manchmal zieht das deinen Selbstwert mit runter. Da ist immer diese Angst, dass es nur mehr runtergeht und dass du dir dann einen anderen Job suchen musst. Darüber hinaus ist da die Paranoia vor Angriffen anderer Streamer. Manchmal suchen sie dich auf, weil sie wissen, dass du ein gutes Publikum hast. Mitunter haben sie sich über gute Freunde von mir eingeschlichen, nur um an mich ranzukommen. Dann weiß ich nicht mehr, wem ich trauen kann. Ich weiß nicht mehr, wer wirklich mein Freund sein will und wer nur an meinem Channel interessiert ist.

Was machst du, um sicherzustellen, dass dein Stream ein netter Ort ist?
Ich glaube, eine Menge Streamer haben Angst davor, mit ihrem Publikum zu streng zu sein, die Leute zeitweise zu verjagen oder überhaupt von ihrem Channel zu verbannen. Ich hingegen bin da ziemlich skrupellos, weil ich keine Leute tolerieren will, die mich oder andere respektlos behandeln. Auch wenn jemand schon lange Zuschauer ist: Wenn er damit anfängt, garstige Dinge zu sagen, ist er weg.

Kannst du uns vom Stress einer Vollzeit-Streamerin erzählen?
Am Anfang habe ich acht bis zehn Stunden nonstop gestreamt. Das kann ich jetzt nicht mehr. Jetzt mache ich zwei Vier-Stunden-Schichten mit zwei Stunden Pause dazwischen – es ist nicht gesund, so lang zu sitzen. Dann gehe ich mit meinem Hund raus oder so. Das ist keine einfache Entscheidung, weil wenn du deinen Stream unterbrichst, sind auch die Zuschauer weg. Sogar wenn du zwischendurch aufs Klo gehst, verlierst du Leute. Es ist, wie wenn du ein Live-Konzert gibst. Da kannst du auch nicht sagen: „Also, ich muss jetzt dringend aufs Klo.“ Wenn du im Rampenlicht bleiben willst, musst du das aushalten.

Was machst du in Sachen Fitness und Ernährung, um mehr auszuhalten und eine bessere Streamerin zu werden?
Früher hatte ich einen Personal Trainer, da war ich wahrscheinlich besser in Form als jemals zuvor. Ich habe mir eine Rudermaschine gekauft. Ich benutze sie immer noch, aber nicht so oft, wie ich sollte. Ernährung ist für Streamer ein schwieriges Thema. Wenn du zehn Stunden am Streamen bist, ist es das Einfachste, Essen telefonisch zu bestellen – aber das ist oft nicht das Gesündeste. Ich arbeite daran, mich gesünder zu ernähren. Ich möchte versuchen, Mahlzeiten vorzubereiten, die man dann in die Mikrowelle schieben kann. Also: schnelles Essen, ohne Fast Food zu sein.

Wann hast du entschieden, deinen wahren Namen nicht zu verraten?
Ich war mit diesem Usernamen schon unterwegs, bevor ich noch wusste, was Streaming ist – ich habe schon auf der Xbox Anne Munition geheißen.

Was hat dich zu diesem Namen inspiriert?
Roller Derby (eine sehr amerikanische Sportart, die auf Rollschuhen ausgetragen wird; Anm.). In diesem Sport verwenden sie wirklich super Namen. Ich versuchte, einen Namen zu finden, der vom Stil her vergleichbar ist, und weil ich ein großer Fan von Ego-Shootern bin, floss das ebenfalls mit ein. Es funktioniert außerdem als Vor-und Nachname. Die Leute sprechen mich auf Veranstaltungen an: „Ist dein Nachname wirklich Munition?“ Darauf ich: „Ja klar!“ Die Wahrheit ist: Mein wirklicher Name ist ziemlich einzigartig. Und deshalb so gefährlich, weil es so leicht ist, mehr über mich zu finden. Wenn du den Leuten drei Teile eines Puzzles gibst, dann finden sie auch alles andere heraus.


„Du weißt nie, ob jemand, der ganz normal wirkt, das auch wirklich ist.“


Warum ist es dir so wichtig, deine Identität zu schützen?
Ich glaube, Online-Persönlichkeiten, aber auch normale Internet-User sollten sich mehr über Datenschutz und Social Engineering (Online-Trickbetrug, um an sensible Daten zu gelangen; Anm.) informieren. Sie können deinen Wohnort finden, deine Telefonnummer, die Adressen deiner Familie und deiner Verwandten. Du weißt nie, ob jemand, der ganz normal wirkt, das auch ist. Bei einem persönlichen Treffen kannst du gewisse Zeichen erkennen, speziell als junge Frau. Online kannst du das nicht. Es ist schwierig, intuitiv abzuschätzen, ob jemand gute Absichten hat. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich Menschen, die vielleicht nur neugierig sind, anschnauze, wenn sie fragen: „Oh, wo bist du aufgewachsen?“ Und ich so: „Warum? Warum willst du das wissen?“ Das ist auf meine Paranoia zurückzuführen.

Paranoia oder Vorsicht? Anne Munition will ihre wahre Identität nicht preisgeben.


ZIEL IM BLICK „Ich war schon als Kind eine Besserwisserin“, sagt Anne. Das erklärt ihre Hartnäckigkeit.


Andererseits hast du deinen Beziehungsstatus mit deiner Community geteilt. Wie beurteilst du, was geteilt werden kann und was nicht?
Das hängt davon ab, wer fragt. Und ob ich glaube, dass jemand bestimmte Informationen für andere Zwecke missbrauchen kann. Ich habe da eine rote Flagge in meinem Gehirn, die immer dann auftaucht, wenn ich das Gefühl habe, jemand fragt nach einem Detail, das weder meinen Channel interessanter macht noch sonstwie relevant ist.

Fällt es dir manchmal schwer, zwischen deinen beiden Identitäten hin- und herzuschalten?
Ja. Manchmal vergesse ich, wie ich wirklich heiße. Einmal hab ich fast eine Mail an meine Mutter mit Anne Munition unterschrieben, weil ich das von meinen anderen Mails so gewohnt bin.

Wie geht es dir in dieser Zeit des „Social Distancing“?
Na ja, die Tatsache, dass die Messen, die ich normalerweise besuche, zu Recht abgesagt worden sind, und all die Bleib-daheim-Einschränkungen haben meine mentale Gesundheit schon erheblich beschädigt. Ein Teil dessen, was das Streamen psychisch so schwierig macht, ist der Umstand, dass du mit einer lautstarken Minderheit von vergifteten Leuten leben musst, die sich in der Anonymität des Internets stark fühlen. Messen zu besuchen ist das komplette Gegenteil davon – dort triffst du hauptsächlich Menschen, die ehrlich begeistert sind, dich zu treffen. Diese Leute sind wirklich nett. Das stärkt mein Selbstvertrauen enorm, das sonst jeden Tag kleine Schläge einstecken muss. Andererseits hatte ich in letzter Zeit mit einer Menge Leute zu tun, die sich bei mir für mein konstantes Streamen in der Zeit der Quarantäne bedankt haben – das hätte ihnen im Sperrfeuer der schlechten Nachrichten eine kleine Atempause verschafft.

Anne in Action: twitch.tv/annemunition


@Fotos JOSH CAMPBELL