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GEHÖRNE IM FOKUS: Überraschung auf den zweiten Blick


Wild und Hund - epaper ⋅ Ausgabe 5/2020 vom 05.03.2020

Den Erleger erinnern seine Trophäen zeitlebens an einzigartige Erlebnisse. Doch wie weit gleichen seine Gehörne denen in anderen Jagdzimmern? Wolfram Osgyan hat über 2 000 Kronen mehrjähriger Böcke analysiert und Überraschungen erlebt.


Artikelbild für den Artikel "GEHÖRNE IM FOKUS: Überraschung auf den zweiten Blick" aus der Ausgabe 5/2020 von Wild und Hund. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Helge Schulz

Im Dienstzimmer des ostpreußischen Forstmeisters, den es nach dem Krieg in mein oberpfälzisches Heimatdorf verschlagen hatte, hing über dem Schreibtisch eine einzige Bocktrophäe. Deren Vorder- und Rücksprosse waren nicht nur gleich lang, sondern sie ragten vom eintretenden Besucher aus gesehen links und rechts in gleicher Höhe aus der Stange und ...

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Im Dienstzimmer des ostpreußischen Forstmeisters, den es nach dem Krieg in mein oberpfälzisches Heimatdorf verschlagen hatte, hing über dem Schreibtisch eine einzige Bocktrophäe. Deren Vorder- und Rücksprosse waren nicht nur gleich lang, sondern sie ragten vom eintretenden Besucher aus gesehen links und rechts in gleicher Höhe aus der Stange und bildeten mit deren Ende beidseitig ein Kreuz. Ihre Geschichte interessierte mich vor 65 Jahren nicht, über den Erleger wusste ich nur, dass er nicht als übermäßig passioniert galt. Doch das Bild hat sich bei mir schier unauslöschlich eingeprägt.

Anfang der 70er-Jahre waren „Wild unserer Heimat“ und dessen Hege noch fester Bestandteil des bayerischen Volksschullehrplanes und die Wildfütterung alljährlich wiederkehrendes Thema im Zeichenunterricht. Vorwiegend mit Blei- oder Buntstift aufgetragene Hasen und Rehe schmückten die Werke der Schüler. Böcke fehlten nie, und ausnahmslos allen wurde als Gemeinsamkeit ein kreuzförmiger Kopfschmuck verpasst. Drei Sprossen pro Stange waren den Kindern vertraut, und das Kreuz an der Wand hatten sie tagtäglich vor Augen.

In unserer jagdbegeisterten Familie indes häuften sich im Laufe von Jahrzehnten die Trophäen zu Hunderten, doch irgendwann klingelte es, dass nicht ein einziges Kreuzgehörn die Wände bereicherte. Als vor 15 Jahren im Revier von Jagdfreund Franz zu später Stunde ein Schuss fiel und ich an den gestreckten Bock trat, traute ich meinen Augen nicht: Als erstes sprang mir die kreuzförmige Vereckung der einen Stange ins Auge. Und als ich dem Erleger Waidmannsheil zur absoluten Rarität wünschte, die vor uns lag, wussten beide nicht, worauf ich hinaus wollte. Franz nicht, der bereits eine vierstellige Anzahl an Böcken erlegt und als Wildhändler noch mehr gesehen hatte, und erst recht nicht sein junger Begleiter.

Abnormität durch Stoffwechselstörung. Im Folgejahr kann der Bock wieder normal schieben.


„Sag mal, wie viele Rücksprossengabler hast du eigentlich an deiner Wand“, fragte mich vor nicht allzu langer Zeit ganz unverhofft mein langjähriger Kumpel Thomas am Telefon. „Grad g‘nug“, antwortete ich im Brustton der Überzeugung und bequemte mich anschließend zu meinen Trophäenwänden. Doch so sehr ich auch suchte, mehr als ein einseitiger Rücksprossengabler sprang bei den Bemühungen nicht heraus. Da hatte mich also mein trophäenbegeisterter Freund ganz schön auf dem falschen Fuß erwischt.

Also wieder eine Besonderheit im millionenfachen Meer an bundesdeutschen Trophäen, die man nicht auf dem Schirm hat. Kreuzbock und Rücksprossengabler sind demnach nicht allzu häufig. Einmal darauf gestoßen, wird jedoch Erstgenanntem durchaus die Rubrik „sehr selten“ zugestanden, beim anderen dagegen glauben einem das die wenigsten auf Anhieb.

Gibt es noch mehr von diesen Überraschungen auf den zweiten Blick? Zunächst einmal braucht die Suche danach viel Zeit, denn es sind ganz andere Faktoren, die bei der ersten Begegnung das Auge fesseln. Allen voran stehen das Volumen und damit verbunden das geschätzte Trophäengewicht oder auffallende Abnormitäten. Erst danach gilt das Interesse dem Alter, den Stangenlängen, der Auslage, den Rosen, der Farbe und der Perlung. Vergleichende Kriterien herauszuarbeiten, bedarf hingegen oftmaliger gezielter Betrachtung reichlichen Anschauungsmaterials. Am besten im Austausch mit ebenso „gehörnversessenen“ Zeitgenossen. Immer vorausgesetzt, dass diese ebenfalls Erfahrung, Muße und Interesse für dieses Metier mitbringen.

Irgendwie schauen sie doch alle gleich aus, behaupten die einen mit flüchtigem Blick auf die Kronen, keine gleicht bis ins Detail der anderen, widersprechen Insider. Wo liegt nun die Wahrheit?

An der Wand überrascht einen zunächst die Formenvielfalt, die sich bei genauerer Betrachtung auf einige Grundtypen im Gehörn-Bauplan reduziert. Friedrich von Gagern hat diese sechs Grundformen zugeordnet: gerade parallele Form, gerade ausgelegte Form, Ei-, Korb-, Lyraform und geschnürte Form. In einer größeren Sammlung werden wir allen diesen begegnen, allerdings in sehr unterschiedlicher Häufigkeit.

Die Kranzrose (l.) tritt häufiger auf als die Dachrose (r.), beide Formen sind genetisch festgeschrieben.


Die weitaus meisten Stangen krümmen sich mehr oder minder stark an der Außenseite und laufen meist oberhalb der Vordersposse zur Eiform zu oder bilden einen Korb. Dabei tritt die gemäßigte Eiform häufiger auf als die reine Korbform. Gerade Stangen in V- Form hingegen befinden sich bereits in der Unterzahl, gerade parallele wiederum sind noch rarer. Die Lyraform ist lediglich im einstelligen Prozentbereich vertreten, und die geschnürte Variante bildet eindeutig das Schlusslicht der Gehörnformen.

Bei mehrjährigen Böcken dominiert das Sechsergehörn so klar den Vordersprossengabler, dass wir fünf oder sechs Enden gleichsam als Standard klassifizieren dürfen. Bei den vergleichsweise seltenen mehrjährigen Spießern handelt es sich in aller Regel um Vertreter der geraden ausgelegten Form. Gerade, parallele Spießer gibt es deutlich weniger. Bei asymmetrischem Aufbau zweier Stangen gleicher Höhe, der gelegentlich mal vorkommt, besteht die Kombination überwiegend aus gekrümmter und gerader Stange. Marschierende Gehörne zählen ebenfalls zu den seltenen Exemplaren.

Normalerweise finden wir den Ansatz der Vordersprosse nahe der Mitte der Stange. Auffallend tief angesetzte Vordersprossen treten seltener auf, sind oft überdurchschnittlich lang und zieren nur in absoluten Ausnahmefällen einen alten Bock. Am wenigsten finden wir die sehr hoch angesetzte Vereckung vor. Der Fall, dass bei einem „normal“ gewachsenen Gehörn die Rücksprosse tiefer sitzt als die Vordersprosse, ist mir noch nicht untergekommen.

Glatte, helle Stangen (o.) haben meist eine höhere Dichte und bringen mehr Gewicht auf die Waage als stark geperlte (u.).


Fotos: Wolfram Osgyan

Gehörn-Grundformen nach Friedrich von Gagern, v. l.: gerade parallel, gerade ausgelegt, Ei-, Korb-, Lyraform und geschnürt


Gabler ist nicht gleich Gabler: Die Rücksprossen- Variation (u.) ist um ein Vielfaches seltener als der häufig vorkommende Vordersprossengabler.


Im Regelfall weisen die Stangen unterhalb der Vordersprosse innen und noch mehr auf der Rückseite unterschiedlich ausgeprägte Perlung auf. Sie gehört eigentlich zum festen Bestandteil des Gehörns. Glatte, ungeperlte Stangen treten zwar lokal gehäuft auf, sind jedoch weniger repräsentativ für die knöcherne Wehr. Allseitige Perlung bis in die Sprossen hinein verkörpert eindeutig die seltenste Variante.

Der These, dass Maisvorlage Perlen erzeugt, wie sie mir ein Berufsjäger Glauben machen wollte, vermag ich nicht zu folgen. Wenn es nämlich so wäre, müssten aufgrund der vielen Schwarzwildkirrungen in den Revieren die Perlen bei den Böcken nur so sprießen. Sie tun es aber nicht und belegen, dass starke Perlung anlagebedingt ist. Das verraten mitunter bereits Jährlingsgehörne. In meinem Buch „Rehwildreport“ befinden sich genügend Bildsequenzen markierter Böcke, welche sich von Jahr zu Jahr gleichbleibend durch mehr oder weniger ausgeprägte Perlung auszeichnen.

Stark geperlte schwarze Stangen begegnen uns übrigens seltener als die perlenlose Variante. Jene bringen auf das Volumen bezogen in der Regel weniger Gewicht auf die Waage. Dagegen verblüffen hellbraune, glatte Stangen immer wieder hinsichtlich ihrer Dichte. Zweifelsohne wird die Stangenfärbung durch das Fegen der Rinde diverser Sträucher und Bäume beeinflusst. Wenn solche fehlen, wie in vielen Gehegen, bleiben die Stangen immer hell, in reinen Feldrevieren gehäuft hellbraun bis gelblich. Doch nicht überall in freier Wildbahn, wo Erlen und Koniferen stocken, färben sich die Gehörne automatisch dunkel bis schwarz. Das tun nur entsprechend poröse Geweihknochen. Die aber sind genetisch vorgegeben und treten über Rehgenerationen hinweg in bestimmten Revierteilen immer wieder, jedoch nicht ausschließlich auf.

Sehr hoch angesetzte Vordersprossen (l.) und sehr tief angesetzte (r.) sind vergleichsweise selten.


Fotos: Wolfram Osgyan

Bei den Rosen überwiegt die Kranzform, wenngleich mit divergierenden Höhen und Durchmessern. Sie ist, wie auch die Dachrose, angelegt und personalisiert zeitlebens ihren Träger. Dass Rosen in höherem Alter abkippen, kommt immer wieder, aber nicht zwangsläufig vor. Bekanntlich gibt es gute und weniger gute Gehörnjahre. Doch sind die Rosen der Teil des Gehörns, der am wenigsten vom Auf und Ab betroffen ist.

Kreuzbock: Wenn auch nur einseitig, eine absolute Rarität, sozusagen der Abnormste unter den Nicht-Abnormen.


Korkenzieher und Widdergehörne resultieren aus Stoffwechselstörungen, die von einem Jahr zum anderen auftreten können und dann ein Regelgehörn verändern. Mechanische Verletzungen des Bastgehörns wiederum zeitigen zum Teil bizarre Abnormitäten. Sofern der Rosenstock nicht betroffen ist, nur für das betreffende Gehörnjahr. Auch das beweisen über Jahre hinweg gemachte Fotos markierter Böcke. Nachdem Abnormitäten aller Art Begehrlichkeiten wecken, trachtet natürlich jeder, eine sich bietende Chance zu nutzen. Diese Abweichungen von der Norm bilden als Präparat Blickfänge an jeder Trophäenwand.

Die feinen Unterschiede indes wollen herausgekitzelt sein. Denn eines steht für mich nach vielfachem Begutachten von mehreren Tausend Gehörnen fest: Es gibt auch über Jahre hinweg im Aussehen verblüffend ähnliche Gehörne in den einzelnen Revieren. Aber auch welche aus sehr unterschiedlichen, räumlich weit getrennten Wuchsgebieten, die man durchaus den Lokalmatadoren zuordnen könnte. Doch keine zwei, die sich bis aufs I-Tüpfelchen gleichen.