Lesezeit ca. 4 Min.

Geht uns der KAFFEE aus?


Logo von Gong
Gong - epaper ⋅ Ausgabe 16/2022 vom 14.04.2022
Artikelbild für den Artikel "Geht uns der KAFFEE aus?" aus der Ausgabe 16/2022 von Gong. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gong, Ausgabe 16/2022

Die Ernte der Kaffeekirschen, hier in Brasilien, ist noch immer aufwendige Handarbeit

99,7 Prozent der heute genutzten Anbauflächen der wichtigsten Sorten Arabica und Robusta könnten bis zum Jahr 2100 wegen der veränderten Klimabedingungen verloren gehen

Der Kaffeegürtel

Der Anbau von Kaffee ist wegen der klimatischen Ansprüche der Pflanzen nur in wenigen Regionen möglich, die den Kaffeegürtel bilden. Dieser liegt rund um den Äquator zwischen 25 Grad nördlicher und 25 Grad südlicher Breite. Die wichtigsten Anbauländer sind Brasilien (30 Prozent Marktanteil), Vietnam (17 Prozent), Kolumbien (9 Prozent), Indonesien (8 Prozent) und Äthiopien (5 Prozent)

Schwarz, m it Milch, als Espresso oder Latte macchiato: Für viele Menschen wäre es unvorstellbar, auf Kaffee zu verzichten. 2,6 Milliarden Tassen werden weltweit getrunken – an jedem einzelnen Tag des Jahres! Damit zählt der Wachmacher zu den beliebtesten Getränken, ja zu unserer Kultur (siehe TV-Tipp).

Sein Anbau bildet zudem ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 0,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Gong. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 16/2022 von Wasserfälle in Westafrika MÄRCHENLAND. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wasserfälle in Westafrika MÄRCHENLAND
Titelbild der Ausgabe 16/2022 von Endlich gesunde ZAHNE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Endlich gesunde ZAHNE
Titelbild der Ausgabe 16/2022 von Schlauer, als die Polizei erlaubt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Schlauer, als die Polizei erlaubt
Titelbild der Ausgabe 16/2022 von Pfiffige RAUFBOLDE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Pfiffige RAUFBOLDE
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Die Geheimnisse des EMPIRE STATE BUILDINGS
Vorheriger Artikel
Die Geheimnisse des EMPIRE STATE BUILDINGS
Ein Kombi für alle Fälle
Nächster Artikel
Ein Kombi für alle Fälle
Mehr Lesetipps

... die Lebensgrundlage für etwa 25 Millionen Kaffeebauern. Doch eine aktuelle Studie der Londoner Royal Botanic Gardens zeigt: Der Klimawandel lässt die Kulturf lächen für Kaffee in großem Stil verschwinden. Laut den Klimamodellen der Wissenschaftler könnten bis 2080 knapp 65 Prozent der Anbauf lächen verloren gehen – im besten Fall. Im schlechtesten lassen sich bis 2100 sogar 99,7 Prozent nicht mehr nutzen.

Was sind die Gründe für diese desaströsen Prognosen? „Kaffeepflanzen sind äußerst klimasensitiv“, sagt Prof. Christoph Gornott, Agrarwissenschaftler am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung sowie an der Universität Kassel. „Sie wachsen auf geeigneten Böden nur unter bestimmten Bedingungen. Sie benötigen viel Sonne, es darf aber nicht zu heiß werden. Sie müssen ausreichend Niederschlag bekommen, allerdings auch nicht zu viel Wasser. Und sie brauchen gleichbleibende Bedingungen.“

Die Krise ist längst da

Der Klimawandel führt laut Gornott dazu, dass sich die Bedingungen in allen Anbaugebieten verschlechtern: „Überall ist ein Anstieg der Temperaturen zu erwarten. Worin sich die Anbaugebiete unterscheiden, ist der Faktor Wasser. In Latein-und Südamerika wird Wasserknappheit ein Problem, während es in Vietnam und Ostafrika mehr Extremniederschläge geben wird.“ Diese Entwicklungen seien keine Prognosen für eine weit entfernte Zukunft. „Die Veränderung des Klimas hat bereits jetzt unterschiedliche Folgen in den Anbauländern“, so Gornott. „Die Pflanzen wachsen schlechter, die Ernte fällt geringer aus, der Kaffee erreicht keine hohe Qualität. Alle drei Probleme können an einem Ort zusammen auftreten.“ Im schlimmsten Fall könne es passieren, dass eine Region gar nicht mehr für den Kaffeeanbau geeignet sei. „Neue Anbauregionen kommen durch den Klimawandel wohl nur sehr begrenzt hinzu, da in diesen Regionen meist keine Infrastruktur für den Kaffeeanbau vorhanden ist.“

Bei durch schnittlich 165 Litern pro Jahr Pro-Kopf-Konsum in Deutschland

Ein Beispiel für die Folgen des Klimawandels ist der Kälteeinbruch, den Brasilien 2021 nach einer Phase extremer Trockenheit erlebte. Der Frost zerstörte ganze Kaffeeplantagen, Brasilien exportierte etwa 20 Prozent weniger Kaffee der Sorte Arabica als üblich. Es kann bis zu drei Jahre lang dauern, bis sich die Pflanzen erholt haben. Auch die zunehmende Verbreitung von Kaffeerost hängt zum Teil mit dem Klimawandel zusammen. Es handelt sich dabei um einen Pilz, der die Sorte Arabica befällt und ganze Bestände absterben lässt. Steigen die Temperaturen an, gedeiht der Schädling viel besser.

Drama für Kleinbauern

Was der Klimawandel für jede Region genau bedeutet, wird am besten kleinteilig erforscht. So war Christoph Gornott an einer Studie eines internationalen Forscherteams in Äthiopien beteiligt. In der Heimat des Kaffees haben die Experten untersucht, wie sich 19 Klimafaktoren auf den Anbau von fünf verschiedenen Sorten auswirken werden. Das überraschende Ergebnis: In Äthiopien könnte die Fläche, die sich für den Anbau qualitativ durchschnittlichen Kaffees eignet, sogar zunehmen.

Was zunächst gut klingt, ist trotzdem ein Problem, denn gleichzeitig schrumpft die Fläche, auf der sich hochwertige Spezialsorten kultivieren lassen. Für die Kleinbauern eine Katastrophe. „Wenn sie gezwungen wären, auf konventionelle, weniger schmackhafte Kaffeesorten umzusteigen, würden sie plötzlich mit industriellen Produktionssystemen konkurrieren, die anderswo effizienter sind“, erklärt Christoph Gornott. „Für Äthiopien, wo der Kaffeeexport etwa ein Drittel aller Agrarexporte ausmacht, könnte sich das als fatal erweisen.“ Die Zeit drängt: In allen Anbaugebieten werden bereits Maßnahmen erforscht oder umgesetzt, um auch in Zukunft Kaffee produzieren zu können. Ein Ansatz: Anstelle der dominierenden Sorten Arabica und Robusta werden widerstandsfähigere neue oder lange nicht mehr genutzte Sorten angebaut. Etwa die wiederentdeckte

2,6 Milliarden Tassen Kaffee werden weltweit pro Tag getrunken

Pflanze Coffea stenophylla, deren Geschmack dem Arabica-Kaffee ähnelt. Sie verträgt sechs Grad wärmere Temperaturen und auch mehr Wasser. Ohne Weiteres ist deren Einsatz aber nicht möglich: „Das ist ein langwieriger Prozess, der Klimawandel schreitet aber sehr schnell voran“, so Gornott. „Hinzu kommt, dass sich nicht jede Pflanze für jeden Boden eignet und nicht jede die gewünschte Qualität liefert.“

Kaffee aus dem Labor

Eine wichtige Rolle könnten auch sogenannte Agroforstsysteme spielen, also die Kombination von Kaffee mit größeren Bäumen, die Schatten spenden und entsprechend zu niedrigeren Temperaturen an der Kaffeepflanze führen. Ein ganz anderer Ansatz wird in einem Land verfolgt, das beim privaten Kaffeekonsum zur Weltspitze gehört: in Finnland.

Am Forschungszentrum VTT haben Wissenschaftler mit den Methoden der zellulären Landwirtschaft Kaffee im Labor hergestellt. Sie entnehmen Zellen aus Kaffeepf lanzen und züchten diese in einem Bioreaktor. Die dabei entstehende Biomasse wird getrocknet und geröstet. In vier Jahren schon soll der Kaffee aus der Petrischale marktreif sein. Damit wäre keine weitere Rodung von Wäldern für Anbauf lächen nötig, und auch der Klimawandel wäre kein Problem mehr.

Aber kann diese Züchtung den guten alten Kaffee ersetzen? Und was bringt das den Millionen Kleinbauern, die oft schon jetzt ihren Lebensunterhalt unter schwierigsten Bedingungen bestreiten müssen? Fragen über Fragen – die sich nicht mal eben bei einer schönen Tasse Kaffee beantworten lassen.

SVEN SAKOWITZ