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Geist aus der Flasche


Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 189/2021 vom 24.08.2021

CHANEL NO. 5

Artikelbild für den Artikel "Geist aus der Flasche" aus der Ausgabe 189/2021 von Weltkunst. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 189/2021

Die Moderne hatte viele Mütter. Doch nicht einmal die an Facetten und Widersprüchen reiche Gertrude Stein war so paradox und brillant wie Coco Chanel. Beide förderten im Paris der 1920er-Jahre, Schmelztiegel der Lebensfreude und radikalen Aufbrüche, Künstlerkarrieren. Aber nur Coco Chanel darf für sich reklamieren, mit ihrem raffinierten Minimalismus die neue Frau (her)angezogen zu haben. Während die amerikanische Literatin die plastischen Möglichkeiten der Sprache auslotete, revolutionierte die französische Modeschöpferin mit ähnlichen Instrumenten aus dem Werkzeugkasten der Avantgarde die Idee des Parfüms. Ihren Duft Chanel No. 5 machte sie zu einem Phänomen, das alle Moden überdauern sollte. Noch heute wird er in der Kosmetikindustrie mal respektvoll, mal neidisch »Le monstre« genannt.

Zu Beginn des Jahres 1921 saßen Coco und der russisch-französische Parfümeur Ernest Beaux, ihre ...

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... »Nase«, im vornehmsten Restaurant von Cannes. Coco sprühte einige Male diskret eine Dosis jenes Dufts in die Luft, den Beaux gerade nach ihren Vorstellungen kreiert hatte. »Alle Frauen, die an unserem Tisch vorbeikamen, blieben stehen und schnupperten. Wir taten so, als merkten wir nichts«, wird sie sich später an diesen Testlauf erinnern. Der Duft griff in den Raum wie eine gläserne Skulptur, abstrakt, eigenwillig, betörend. Der Biophysiker und Parfümkritiker Luca Turin beschreibt den 3-D-Effekt so, als könne man Chanel No. 5 in der Luft streicheln: »No. 5 ist ein Brâncuși. Einzig unter den mir bekannten Düften vermittelt es den unwiderstehlichen Eindruck weicher, kurviger, goldener Materie, die sich genüsslich einem schläfrigen Panther gleich von der Kopfnote bis zum Fond räkelt.«

Vor genau 100 Jahren lancierte Coco Chanel dieses Produkt wie ein delikates Gerücht und brach mit sämtlichen Konventionen. Waren bislang Soliflore – also Parfüms, aus denen das Aroma einer einzigen Blütenart heraussticht – oder Allegorien romantischer Stimmungen en vogue, reizte No. 5 die Klaviatur von synthetischen und natürlichen Stoffen aus, um die Sinne zu verwirren. Unmöglich, eine einzelne Note zu identifizieren. Einem kubistischen Gemälde ähnlich, gab No. 5 das irrlichternde Lebensgefühl der Moderne wieder. Ein Duft für Frauen, der riechen sollte wie eine Frau, lautete Chanels Anweisung an ihre »Nase«. Das war nicht nur ungeheuer vage, sondern auch noch eine freche Selbstthematisierung. Dieses Bouquet duftete weder sittsam-floral nach Veilchen oder Maiglöckchen, noch suggerierte es den süßlichen Märchenzauber aus Tausendundeiner Nacht, mit dem sich ihr Konkurrent, der Couturier Paul Poiret, bereits 1911 am Markt etabliert hatte. Chanel löste das Parfüm aus dem Würgegriff der Assoziationen so, wie sie ihre Zeitgenossinnen mit funktionaler, schlichter, gleichwohl eleganter Mode, für die sie auch in den Revieren der Männerbekleidung wilderte, aus den Fesseln stocksteifverrüschter Ornate befreite.

Um den Charakter von No. 5 zu ergründen, muss man sich Cocos trostlose Kindheit vergegenwärtigen. Am 19. August 1883 als Gabrielle Chasnel in dem Loire-Städtchen Saumur geboren, verlor sie mit zwölf Jahren die Mutter. Umgehend gab sie ihr Vater, ein Hausierer, in die Obhut von Nonnen im einstigen Zisterzienserkonvent Aubazine. Ihre bescheidene Herkunft war Mademoiselle Chanel lebenslang unangenehm. Dennoch sollte alles in diesem Waisenhaus Aufgesogene – die Hochwertigkeit sauberer Nähte, der Geruch von Kernseife und frischer Wäsche, der Sinn für aufgeräumte Dezenz, die Schönheit aus dem Kontrast von kalkweißen Wänden und langen, schwarzen Schatten – das Fundament ihrer Ästhetik bilden. Nach Jammerjahren in Aubazine verdingte sie sich mit Näharbeiten und probierte sich als Varietésängerin. Rufname: Coco. Étienne Balsan, ein wohlhabender Offizier und Rennpferdzüchter, fischte sie aus diesem Milieu. Auf seinem Landsitz Royallieu vollführte Coco den Drahtseilakt des jungenhaft hübschen Waisenmädchens, das um Selbstverwirklichung ringt, aber von der Gunst vermögender Männer abhängig ist. Auch Arthur »Boy« Capel, dem attraktiven Kohlebaron aus England, verdrehte sie mit ihrer Ungezwungenheit den Kopf. Doch die ausgehaltene Garçonne schmiedete ehrgeizige Zukunftspläne und wünschte sich ein eigenes Atelier für ihr schnörkelloses Hutdesign, aus dem »dieser apart heruntergehungerte Spatz unter den Modemachern« seinen »sündteuren, aber extrem reduzierten Waisenkind-Stil« entwickelte, spitzte Truman Capote es einmal boshaft zu. Cocos beispiellosen Aufstieg schob Capel finanziell an: von der Putzmacherin zur Hohepriesterin des Chic, deren Reich eigene Boutiquen in Deauville, Biarritz und eine ganze Häuserzeile in der Pariser Rue Cambon umfasste.

Capel brachte ihr die Feinheiten von Literatur und Theosophie näher und ließ sie an eine unlösbare Seelenverwandtschaft glauben, man denke nur an die ineinander verschlungenen Cs des Chanel-Logos. Am 22. Dezember 1919 starb ihre große Liebe bei einem Verkehrsunfall an der Côte d’Azur. Um den Schmerz zu übertünchen, stürzte sich Coco in das nächste Abenteuer: ein eigenes Parfüm, dessen puristische, klinisch weiße Verpackung sie mit einem schwarzen Trauer rand schmücken würde. »Parfüm ist das unsichtbare, aber unübertreffliche Modeaccessoire, es verkündet die Ankunft und verzögert den Abschied«, formulierte sie wie zum Trost eines ihrer funkelnden Bonmots.

Die Idee mit dem Duftwässerchen hatte ihr wohl ihre beste Freundin Misia in den Kopf gesetzt, indem sie Coco bereits 1918 dazu bewegte, ein Renaissance-Manuskript zu erwerben, auf dem die Rezeptur für ein geheimnisvolles Elixier der parfümvernarrten Maria de’ Medici stand. Überhaupt Misia. Seit August 1908 war die schöne polnische Pianistin und Salonière mit dem spanischen Maler Josep Maria Sert liiert. Allerdings musste dieser sie mit der Pariser Boheme teilen: Ravel, Cocteau, Picasso zog Misia als Muse in ihren Bann; Renoir, Vuillard, Toulouse-Lautrec, Bonnard sowie Vallotton haben sie porträtiert. Mit Sergej Diaghilew, dem Impresario der innovativen Tanzkompanie Ballets Russes, verband sie eine enge, kreative und geschäftliche Beziehung und die Lust an geistreichen Lästereien. 1920 folgte Coco dem Ehepaar Sert sogar in die Flitterwochen nach Italien und wurde in Venedig Zeugin von Diaghilews Geldsorgen. Sie witterte ihre Chance und sponserte hinter Misias Rücken die Wiederaufführung des skandalös-triumphalen »Sacre du printemps«; für Coco Chanel ein wichtiger Schritt in den Maschinenraum der Avantgarde und der Beginn einer leidenschaftlich ausgetragenen Rivalität mit Misia. Den Wettkampf der Mäzeninnen entschied Coco für sich, als sie 1924 für das Ballets-Russes-Stück »Le Train bleu« die Kostüme entwarf.

Die Suche nach dem perfekten Designerduft endete für Coco erst im Winter 1920. In Cannes gab ihr Ernest Beaux zehn nummerierte Phiolen mit jeweils unterschiedlichen Kompositionen zur Auswahl. Chanels Begegnung mit ihrer »Nase« hatte ihr aktueller Liebhaber Großfürst Dmitri Pawlowitsch Romanow eingefädelt. Wie so viele seiner adligen Landsleute lebte Pawlowitsch nach der Russischen Revolution vollkommen mittellos im französischen Exil. Man kannte sich noch aus Moskau. Dort hatte Beaux für den Hoflieferanten Alphonse Rallet & Co. gearbeitet und 1913 zum Thronjubiläum der Romanow-Dynastie das pudrig-blumige Bouquet de l’Imperatrice Catherine II ausgeklügelt. Ein Jahr später wurde es in Rallet No. 1 umbenannt – alles Deutsche, selbst eine Hommage an die Kaiserin mit askanischem Stammbaum, war seit der Kriegserklärung 1914 nur noch ein Affront. Doch die Formel dieses Dufts führte Beaux mit sich, als er 1919 in der neuen Parfümfabrik von Rallet in einem Vorort von Cannes Fuß fasste. Chanel No. 5 könnte eine Weiterentwicklung dieses Duftes gewesen sein genauso wie ein auffallend ähnliches Parfüm namens Rotes Moskau, das in der Sowjetunion, abgefüllt in einem von Kasimir Malewitsch gestalteten Flakon, seine eigene Erfolgsstory schrieb.

Bei der fünften Probe weiteten sich Coco Chanels Augen: Das war ihr Duft! Der natürliche Wohlgeruch warmer Haut, eingefangen mit verschwenderischen Mengen an sinnlichem Jasmin. Dazu die kostbare Mairose, Ylang-Ylang, Sandelholz, Neroli und eine Überdosis der damals neuartigen Aldehyde. Diese flüchtigen, synthetischen Stoffe sind mit fein perlenden Champagnerbläschen vergleichbar. Clean und belebend lassen sie die Aromen aufsteigen und verstärken sie ebenso wie ein Spritzer Zitrone den Geschmack von Erdbeeren intensiviert. Ernest Beaux dachte auch an klare Polarluft und den Geruch von Neuschnee, Sinneseindrücke aus seinem Militärdienst auf der Halbinsel Kola im äußersten Nordwesten Russlands. Für Coco Chanel bedeutete dieser Hauch von Frische und Sauberkeit, dass es gelungen war, die Synästhesien ihrer Jugend hinter Klostermauern in einem Flakon festzuhalten. Und warum sollte sie die Kreation nicht gleich nach der Nummerierung der Probe benennen? Die Fünf hatte ihr immer Glück gebracht, war die Fetischzahl ihrer Kindheit. In der Architektur von Aubazine ist diese Ziffer als Element der Zahlenmystik gegenwärtig. So haftete der Blick der zum Gebet gerufenen Zöglinge an einem fünfzackigen Stern im Kieselmosaik des Abteibodens. Ihre Kollektionen präsentierte CC verlässlich am 5. Mai. Zahlenspielereien beschäftigten auch die Moderne. In den kubistischen Gemälden von Pablo Picasso und Georges Braque tritt die 5 als Wirklichkeitsfragment auf; zur Konstruktivismus- Ausstellung »5x5=25« verkündete Alexander Rodtschenko 1921 (!) das Ende der Malerei. Fast zur gleichen Zeit komponierte Igor Strawinsky in Chanels Villa Bel Respiro vor den Toren von Paris sein Stück »Die fünf Finger«. Seine Gönnerin muss diesen Titel als liebevolles Dankeschön verstanden haben.

Wie alle Modeschaffenden war auch Coco Chanel geschickt darin, den Zeitgeist in ihrem Werk sichtbar zu machen. Der Flakon, den sie für die goldgelbe Flüssigkeit erdachte, entsprach dem ästhetischen Ideal einer ehrlichen Moderne: nahezu quadratisch, aus schmucklosem, transparentem Glas, erinnerte er an Apothekerflaschen und betonte seine Herkunft aus dem Labor. Oder war ein Fläschchen aus Boy Capels Reisenecessaire das sentimentale Vorbild? Chanel gefiel der Gedanke, auf ein industriell gefertigtes Objekt mit maskulinem Flair zurückzugreifen, ein Readymade im Geiste Marcel Duchamps. Auf dem simplen Glasstöpsel platzierte sie ihr unverwechselbares Logo. So nüchtern endete die Ära der preziösen, reich facettierten oder mit Blüten überwucherten Flakons im Lalique-Stil. Chanels Leitmotiv »Immer wegnehmen, immer weniger, nie etwas hinzufügen« galt zweifellos auch bei der Etikettgestaltung. Schneeweißes Label, sparsame Sans-Serif-Typografie – et voilà die pariserische Reminiszenz an den Suprematismus. Kasimir Malewitsch ließ 1917 das »Schwarze Quadrat« hinter sich, malte sein erstes »Weißes Quadrat auf weißem Grund« und erklärte, dass die Kunst in der körperund farblosen Sphäre, »den Ballast der religiösen Ideen von sich wirft und zu sich selbst gelangt«. Diesen Sinn für das Wesentliche teilte die ehemalige Klosterschülerin. Und so setzte sich dieses Programm beim Verpackungsdesign von No. 5 fort. Mit einem dezenten Schriftzug und dem breiten »Trauerrand« war es streng geometrisch aufgebaut wie eine Schwarz-Weiß-Komposition von Mondrian. So viel Stildisziplin überzeugte auch das MoMA – der Karton wurde 1959 Teil der wegweisenden »The Package«-Schau.

Chanel No. 5 markiert einen olfaktorischen Point of no Return und den Abschied von der Erdenschwere der Belle Époque. Anfangs war es noch ein fast geheimes Luxusgut, das diese Meisterin der Auraproduktion nur ausgewählten Kundinnen schenkte, um mittels Verknappung Begehren zu wecken. Später erfolgte der Vertrieb exklusiv über ihre Boutiquen in Paris, Deauville und Biarritz. Im Frühjahr 1924 überließ Coco die Parfümsparte schließlich den Profis: Um das vielversprechende Wässerchen im großen Stil zu vermarkten, gründeten ihre neuen Geschäftspartner Paul und Pierre Wertheimer, Kosmetikunternehmer und Brüder aus einer jüdischen Familie mit deutschen Wurzeln, die Gesellschaft Les Parfums Chanel. Mademoiselle akzeptierte einen Kapitalanteil von zehn Prozent. Bald zogen dunkle Wolken auf. Ab 1927 wurde No. 5 – nunmehr in einem leicht veränderten Art-déco-Flakon mit facettierten Kanten und zum Juwel geschliffenen achteckigen Verschluss – so erfolgreich nach Amerika exportiert, dass sie fürchtete, dieser gefeierte Fetisch einer mode affinen Mittelklasse entgleite ihr. Sie fühlte sich von ihren Mehrheitsgesellschaftern ausmanövriert und überzog sie mit einer Prozesswelle. Als die Wertheimers 1940 vor den Nazis nach New York flüchteten, hoffte Coco Chanel, die in ihrer Suite im Hotel Ritz Tür an Tür mit den deutschen Besatzern lebte, auf eine »Arisierung« des Unternehmens, um das Parfümgeschäft erneut unter ihre Kontrolle zu bringen.

Die Wertheimers hatten derartige Winkelzüge vorausgesehen und ihre Anteile pro forma dem französischen Flugzeugbauer Félix Amiot überschrieben. So entgingen sie einer Enteignung und erwarben nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Firmenbeteiligung zurück. Da standen die GIs vor der Chanel-Boutique in der Rue Cambon schon Schlange, um ein Fläschchen No. 5 zu ergattern. Mittlerweile Persona non grata, emigrierte Coco 1944 in die Schweiz. An ihrer Seite: Hans Günther von Dincklage, ein Offizier der deutschen Abwehr. Erst 1953 lockte sie ein Friedensangebot Pierre Wertheimers wieder nach Paris; im Tausch für ihre gesamten Anteile am Mode- und Parfümbusiness übernahm er bis zu ihrem Lebensende am 10. Januar 1971 alle Ausgaben der janusköpfigen Designerin.

Einen wetterwendischen Künstler wie Salvador Dalí bekümmerte die Schattenseite seiner Freundin wenig. Er feierte diese unmütterlichste Mutter der Moderne 1954 mit einer Appropriation von No. 5, indem er in eine Fotografie des Flakons seine theatralisch aufgerissenen Augen und den Bleistiftbart montierte. Andy Warhol zog 1985 nach und hob die berühmte Parfümflasche in seiner Siebdruck-Serie »Ads« neben Signets unter anderem von Apple, Volkswagen und Mobilgas auf ein popkulturelles Podest. Auf den Spuren seiner eigenen Vergangenheit als Werbegrafiker hatte dieser Kunsthalbgott aus dem Underground Chanel No. 5 in seiner Ikonenparade den strahlendsten Glorienschein verpasst.

Dabei hatte das Produkt zunächst vollkommen ohne Werbung reißenden Absatz gefunden. »Eleganz«, meinte Coco Chanel, »ist Verweigerung.« Erst im Jahr 1937 erschien die erste personalisierte Anzeige: Mademoiselle machte sich kurzerhand selbst zum Werbegesicht – am Kamin ihrer Ritz-Suite wurde sie von dem Modefotografen François Kollar in Szene gesetzt. Doch den größten Publicitycoup spendierte Marilyn Monroe mit ihrer Botschaft, sie trage im Bett nur ein paar Tropfen Chanel No. 5.

Beim nächsten Postergirl des Duftes wurde diese Star-Karte dann gezielt ausgespielt: Von 1968 bis 1977 posierte Catherine Deneuve als Imageträgerin für Chanel. Offensichtlich sollte das perfekte Oval ihres Leinwandgesichts auf den Fotos Richard Avedons an die rätselhaft-kühle Marmorschönheit der »Schlummernden Muse« von Brâncuși erinnern. Und wenn die Schauspielerin Marion Cotillard für die Jubiläumskampagne – von No. 5 umschmeichelt – auf dem Mond tanzt, kommt man nicht umhin, an das Mädchen Gabrielle zu denken: wie es aus dem Waisenhaus in Aubazine auf den Sternenhimmel blickt und seinen Aufstieg nach ganz oben herbeisehnt.