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Geld oder Liebe


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 26.07.2018

Uraufführung von »Herz aus Gold – Das Fugger-Musical« am Theater Augsburg


Artikelbild für den Artikel "Geld oder Liebe" aus der Ausgabe 4/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Ganz Augsburg feiert Fuggers Hochzeit Foto: Jan-Pieter Fuhr


Eröffnet hatte man sie musikalisch einst noch mit Ludwig van Beethovens einziger Oper »Fidelio«. Doch inzwischen regiert auch auf der Freilichtbühne am Roten Tor zur Sommerzeit längst das Musical, mit dem sich das demnächst in den Rang eines Staatstheaters aufsteigende Theater Augsburg zum Saisonausklang gerne noch mal ein wenig die Kassen auffüllt. Hatte man sich dafür in den vergangenen Jahren meist auf große, verkaufsträchtige Titel wie »Hair«, »Blues Brothers« oder die ...

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... »The Rocky Horror Show« verlassen, setzte der neue Intendant des Hauses, André Bücker, zum Ende seiner an interessanten Experimenten keineswegs armen ersten Spielzeit ein weiteres mal auf Risiko: war mit »Herz aus Gold« doch die Uraufführung eines speziell für Augsburg entstandenen neuen Musicals aus der Feder von Stephan Kanyar und Andreas Hillger zu erleben. Dazu gehört tatsächlich eine gute Portion Mut. Wollen hier doch für über 20 Vorstellungen rund 2000 Sitzplätze gefüllt werden. Doch wie wir Titelheld Jakob Fugger gleich zu Beginn singen hören: »Wer siegen will, der muss auch wagen.« Und das Publikum wusste dieses Wagnis durchaus zu honorieren und feierte das Ensemble am Ende der Vorstellung mit langanhaltenden stehenden Ovationen.

Ob das Stück nach der sommerlichen Spielserie auch ein Leben jenseits der Fuggerstadt haben wird, muss sich allerdings noch zeigen. Spielen Kanyar und Hillger doch bei dieser vermusicalisierten Geschichtsstunde mehr als einmal die lokalpatriotische Trumpfkarte aus. Nicht, dass man unbedingt großes historisches Vorwissen brauchen würde, doch die eine oder andere Anspielung gibt es schon, die in erster Linie bei den Einheimischen für Schmunzeln sorgt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht mit Jakob Fugger der wohl berühmteste Spross der legendären Augsburger Kaufmannsfamilie. Ein Mann, dessen umsichtig aufgebautes Finanzimperium sich in der Renaissance über halb Europa ausgebreitet hatte und der seine Finger sogar Richtung Amerika ausstreckte. Gerne wurde er auch als der erste große Kapitalist bezeichnet, dessen politischer Einfluss als Geldgeber des Kaisers ebenfalls nicht zu unterschätzen war.

Fast vier Jahrzehnte begleiten die Autoren Jakob Fugger auf seinem Weg. Frisch zurück aus Italien, lernen wir einen jungen Mann kennen, der voller lukrativer Geschäftsideen steckt, die in der Augsburger Heimat – wo man die Dinge am liebsten so hat, wie sie schon immer waren – nicht durchweg gut ankommen. Skeptisch ist hier neben den eigenen Brüdern vor allem der rivalisierende Kaufmann Welser, der fürs Stück eigentlich einen perfekten Gegenspieler abgeben würde, dafür aber leider nicht genug Zeit auf der Bühne bekommt. Immer wieder werden da neue Themen angerissen: Vom Ablasshandel des Vatikans bis hin zu Sebastian Brants Moralsatire »Das Narrrenschiff«, sodass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass die Autoren am Ende vielleicht ein wenig zu viel in die rund zweieinhalb Stunden hineinpacken wollten. Besonders, weil neben den zahlreich vorbeirauschenden historischen Anspielungen vor allem eine (fiktive) Liebesgeschichte erzählt werden soll, ohne die kein anständiges Musical auskommt, und die den Großteil der Aufführung in Beschlag nimmt. Keine zehn Minuten im Stück, trifft der Heimkehrer schon seine Jugendliebe Sibylla, die inzwischen jedoch mit einem anderen Mann verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter ist. Ein schwerer Schlag für den jungen Kaufmann, der seine Energien fortan voll und ganz ins Familienimperium steckt. Natürlich kreuzen sich die Lebenswege der beiden trotzdem immer wieder. Doch selbst nach dem Tod ihres Mannes ist Sibylla nicht bereit, eine Beziehung mit Jakob einzugehen, der in ihren Augen eine jüngere Frau benötigt. Eine, die ihm einen Erben schenken kann. Diese findet sich kurzerhand in ihrer inzwischen erwachsenen Tochter Sibylla jr., die unfreiwillig von der eigenen Mutter verkuppelt und in einer äußerst unbehaglichen Zeremonie verheiratet wird, die das hier ziemlich naiv gezeichnete Augsburger Volk aber dennoch lächelnd und jubelnd besingt.

Stephan Kanyar kleidet dies alles in eine sinfonisch opulente Partitur zwischen historisch angehauchtem Cembalo-Sound und E-Gitarren-Riffs, die von Generalmusikdirektor Domonkos Héja gut in der Balance gehalten wird und vor allem die Streicher gerne mal hollywoodverdächtig schmalzen lässt. Nummern wie der vorwärtsdrängende Titelsong, Sibyllas ›Wo bin ich geblieben‹ oder das emotionale Duett zwischen Mutter und Tochter (›Mein Leben und Dein Glück‹) gehen dabei ziemlich gut ins Ohr. Doch wird man das Gefühl nicht los, dass man mehr als einen davon irgendwie auch schon einmal so oder zumindest so ähnlich gehört hat. So ist der Ausspruch einer Zuschauerin, die in der Pause erfreut feststellt, »dass so viele bekannte Melodien drin sind«, wohl eher ein zweischneidiges Kompliment für den Komponisten. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass Kanyar nicht nur immer wieder musikalische Erinnerungen an die holländischen »3 Musketiere« heraufbeschwört, sondern es vor allem beim Einsatz von Leitmotiven manchmal auch ein wenig übertreibt. So begegnet man etwa der Melodie der Eröffnungsnummer (›Augsburg, Augsburg, Du herrliche Stadt!‹) im weiteren Verlauf des Abends mit wechselndem Text wieder und wieder und wieder und wieder. So lange, bis sie sich wahrscheinlich auch beim Letzten für mindestens drei Tage in die Gehörgänge eingebrannt hat.

Zuständig für diesen nicht ganz freiwilligen Ohrwurm sind neben dem stimmkräftigen Augsburger Opernchor unter anderem vier hektisch überdreht durch die Handlung stolpernde Herolde, die man sich von der Theaterakademie August Everding rekrutiert hat und die in den nicht immer geschmackssicheren Kostümen von Sven Bindseil wie frisch aus »Monty Python’s Spamalot« entsprungen scheinen. Und das womöglich nicht ganz ohne Grund: Regisseur Holger Hauer begegnet dem bunten historischen Bilderbogen nämlich durchaus mit einer gesunden Portion Humor, die dem Stück extrem guttut, ihm das Pathos austreibt und den Abend zwischen all den tragisch unerfüllten Liebesbeziehungen und Geschäftsgesprächen dennoch zu einer überaus kurzweiligen Angelegenheit macht. Hauer – der auch selbst als Welser mit auf der Bühne steht und Fuggers Widersacher die nötige Autorität verleiht – weiß die ausladende Freiluftbühne dabei gut mit Leben zu füllen. Wobei er zum Glück nicht nur in großen monumentalen Bildern denkt, sondern auch den intimen Momenten genügend Fokus gibt und seinen Darstellern zutraut, auch ohne zusätzlichen Schnickschnack das Publikum zu fesseln. Einen zuverlässigen Partner hat er dabei in Choreograph Ricardo Fernando, der das hauseigene Ballettensemble und mehrere Musicalgäste auf der Besetzungsliste zu einer homogenen Einheit zusammenschweißt und mit ihnen zur großen Auseinandersetzung zwischen Fugger und Welser ein ausgeklügeltes Schachspiel inszeniert, dessen Grundidee zwar auf der Musicalbühne auch nicht unbedingt neu ist, aber doch genügend kreative Ideen mitbringt, um der Szene einen eigenen Twist zu geben.

1. Auch nach dem Tod ihres Mannes verweigert Sibylla (Roberta Valentini) Jakob (Chris Murray) ihre Hand


2. Nach der Rückkehr aus Italien fühlt Jakob (Chris Murray) sich in Augsburg als Außenseiter


3. Ob beim Schach oder im Finanzgeschäft. Strategie ist alles für Fugger (Chris Murray, Mitte l.) und seinen Rivalen Welser (Holger Hauer, Mitte r.)


Fotos (3): Jan-Pieter Fuhr

Tochter Sibylla (Katharina Wollmann) beginnt, sich gegen ihre Mutter (Roberta Valentini) aufzulehnen


Ein Sonderlob gebührt ebenfalls Karel Spanhak, dessen stimmungsvoll ausgeleuchtetes Bühnenbild sich nahtlos in die bestehende Architektur der alten Bastion schmiegt und mit einer kleinen Drehbühne flüssige Übergänge zwischen Außen- und Innenräumen zulässt. Und selbst die sonst oft illusionszerstörenden Lautsprecher sind bei ihm geschickt kaschiert, ohne dass man dadurch akustische Einbußen in Kauf nehmen müsste. Ganz im Gegenteil, auch die Tonabteilung holt diesmal alles raus, was unter freiem Himmel eben machbar ist.

So kann man sich entspannt zurücklehnen und ungestört auf die zwei größten Pluspunkte dieser Produktion konzentrieren: Waren mit Chris Murray und Roberta Valentini in den Hauptrollen doch zwei prominente Namen aufgeboten, mit denen man mehr als einen Fan nach Augsburg gelockt haben dürfte. Enttäuscht wird keiner von ihnen die Aufführung verlassen haben. Denn allein das zu Herzen gehende Porträt der zwischen Liebe und Pflicht zerrissenen Sibylla, das Valentini abliefert, ist jeden Cent des Eintrittsgeldes wert. Schon in der auf den ersten Blick noch unbeschwerten Begegnung mit Jakob ist ihr anzumerken, dass ihr die große Beichte bereits auf den Lippen liegt. Dass dann ausgerechnet während ihrer großen tragischen Selbstbeichte im zweiten Akt ein entscheidendes WM-Tor fällt, das in der Kneipe ums Eck heftig bejubelt wird, ist Pech. Aber ein Profi wie sie steckt selbst das weg wie nichts. Diese Souveränität muss sich Katharina Wollmann als Sibylla jr. noch etwas erarbeiten, die gerade im Duett zwischen Mutter und Tochter (›Mein Leben und Dein Glück‹) manchmal ein wenig ins Hintertreffen gerät. Wobei man fairerweise zugestehen muss, dass die Autoren ihr nicht allzu viel Gelegenheit geben, einen Charakter mit mehr als zwei Dimensionen zu formen. Ein Schicksal, das sie mit Thaisen Rusch als Luther und Elke Kottmair als Mutter Fugger teilt, von denen man gerne mehr gehört hätte. Deutlich mehr wird im Vergleich dazu Chris Murray abverlangt, der Jakob Fugger von der Jugend bis ins hohe Alter verkörpern muss und diese Herausforderung auch gesanglich mit erstaunlicher Wandlungsfähigkeit meistert. Dass Murray über Stimmbänder aus Stahl und nahezu endlose Atemreserven verfügt, dürfte nichts Neues sein, doch gerade im Duett mit Valentini bzw. Kottmair trotzen ihm seine Partnerinnen hier immer wieder Facetten ab, die man so nicht in jeder Rolle von ihm zu hören bekommt. Was einen am Ende des Tages dann auch darüber hinwegtröstet, dass die Geschichte mit ihrer Mischung aus historischer Wahrheit und rührseliger Fiktion unterm Strich oft ein wenig zu konstruiert wirkt.

1. Geld oder Liebe? Am Ende seines Lebens zieht Fugger (Chris Murray) Bilanz!


2. Rauf aufs Narrenschiff


3. Die Herolde (v.l.: Thomas Zigon, Florian Koller, Edward Roland Serban, Christian Bock) bringen News vom Kaiserhof


Fotos (4): Jan-Pieter Fuhr