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GEMÄLDEGALERIE: Vorhang auf!


Weltkunst Spezial - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 27.06.2019

Die Neugestaltung der Sempergalerie vergrößert die Ausstellungsfläche und inszeniert interessante Dialoge zwischen Gemälden und Skulpturen


Artikelbild für den Artikel "GEMÄLDEGALERIE: Vorhang auf!" aus der Ausgabe 3/2019 von Weltkunst Spezial. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Weltkunst Spezial, Ausgabe 3/2019

Die heiße Phase vor der Wiedereröffnung: Während etwa die Antikenhalle neu eingerichtet wird, ist aktuell nur eine Auswahl der wichtigsten Gemälde zu sehen.Linke Seite: Jan Vermeers restaurierte »Briefleserin« mit dem schon halb befreiten Amor


Die in der Gemäldegalerie im Semperbau versammelten Meisterwerke sind unermesslich, und unendlich wären die Geschichten, die man zu ihnen erzählen müsste. Da wären die Künstler und ihre Gedanken, die in die Bilder und ...

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... Skulpturen, ihre Motive und ihren Stil geflossen sind. Da wären die Umstände, unter denen die Werke in die Sammlung gelangt sind, die sächsischen Herrscher und ihre Geschmäcker, ihre Aufträge an Hofkünstler, ihre Agenten auf dem Kunstmarkt und die Kunst im Einsatz der Diplomatie.

Dann bietet besonders in Dresden allein das Schicksal der vielen Tausend Werke zur Zeit des Zweiten Weltkriegs Stoff für viele Bücher. Ein russisches Graffito auf einer Außenmauer neben dem Eingang der Sempergalerie, übersetzt auf einer kleinen Plakette, weist auf drastische Jahre hin: »Museum überprüft. Keine Minen.« Die meisten Kunstwerke überdauerten die Auslagerung, den Abtransport in die Sowjetunion und die Rückkehr in den Fünfzigerjahren, und manchmal können Objekte doch noch von der Liste der rund 400 Kriegsverluste gestrichen werden: Erst vor wenigen Monaten kehrte unverhofft ein italienisches Jagdstillleben, das seit 1945 verschollen war, aus Georgien zurück in die Sammlung. Mit großem Abstand lassen sich die Wege der Kunstwerke auf der Weltkarte nachzeichnen.

Aber auch auf der mikroskopischen Ebene, mit dem Blick auf Farbpartikel, vergilbte Firnissschichten und den Staub der Geschichte, gewinnen Restauratoren immer wieder umwerfende Erkenntnisse. Das jüngste Beispiel: Jan Vermeers berühmte »Briefleserin am offenen Fenster« aus den späten 1650er-Jahren, ein Gemälde, das derzeit spektakulär restauriert wird. Weltweit sind weniger als vierzig Werke des Künstlers bekannt. Dresden besitzt zwei davon. Schon länger wusste man durch Röntgenbilder, dass unter der Wand im Hintergrund der Briefleserin das Bild eines Amorknaben angelegt war. Man ging davon aus, dass der Künstler selbst den Plan für seine Komposition geändert und das Bild im Bild übermalt hatte. Die jüngsten Untersuchungen zeigten aber, dass der Farbton der Übermalung nicht der originalen Wandfarbe angepasst ist, sondern der schon seit Jahrzehnten vergilbten Firnissschicht. Die Übermalung geschah erst rund ein Vierteljahrhundert nach Vermeers Tod und wird jetzt mit dem Skalpell vorsichtig entfernt. Für den Betrachter konkretisiert Amors Präsenz die Bedeutung des Gemäldes: Der Brief ist nun ein Liebesbrief. Restaurator Christoph Schölzel müsste den Liebesgott mittlerweile bis zum Bauchnabel befreit haben, aber es wird mindestens bis 2020 dauern, ehe das Gemälde wieder ausgestellt wird.

Aus dem Nachlass von Anton Raphael Mengs kam 1784 die berühmte Sammlung von Gipsabgüssen vor allem antiker Figuren in die Galerie.Rechte Seite: Die Bronze des »Herkules Farnese« lädt zum Vergleich mit Rubens’ »Trunkenem Herkules« ein


Die Präsentation der Kunst hat sich im Lauf der Zeit ständig gewandelt. Im 19. Jahrhundert beauftragte König Friedrich August II. den Architekten Gottfried Semper mit dem Entwurf eines Museums für die riesige Sammlung. Die Grundsteinlegung des Baus als Riegel zwischen Theaterplatz und Zwingerhof erfolgte 1847 – die Vollendung erlebte der Architekt allerdings nicht mehr vor Ort. Er hatte sich im Zuge der Revolution 1848/49 am Dresdner Maiaufstand beteiligt und musste aus dem Königreich Sachsen fliehen. »Sempers Geniestreich war, einen Palast für eine königliche Sammlung zu bauen und damit den zur Elbe hin offenen Zwinger zu schließen«, sagt Stephan Koja, der Direktor der Gemäldegalerie, während wir im imposanten Eingang stehen. Sein Blick schweift über das klassizistische Treppenhaus, die Säulen mit ihren vergoldeten Kapitellen und die Grisaillen an den Gewölben. Kojas Pläne für die künftige Gestaltung klingen verlockend: Zwei große Barockfiguren von Balthasar Permoser, dem Hofbildhauer von August dem Starken, der auch für das Skulpturenprogramm des Zwingers verantwortlich war, werden hier bald die Besucher begrüßen. Außerdem werden antike Imperatorenbüsten Einzug halten, um den Charakter eines Renaissance-Palazzo zu verstärken. Und statt der Messingkronleuchter, die gelbliches Licht verströmen, werden die Gewölbe bald in indirektes Licht getaucht. Nicht nur die Grisaillen werden davon profitieren.

Stephan Koja verantwortet als Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister und der Skulpturensammlung von der Antike bis 1800 einen immensen Fundus: Die Freude an den Schätzen und ihrer Neuordnung ist dem Wiener, der vor drei Jahren vom Belvedere kam, anzumerken: »Wissen Sie, wie viele Werke wir haben?«, fragt er. »3800 Gemälde, darunter bedeutende Bestände einzelner Künstler oder Werkstätten -wie etwa 64 Arbeiten der Cranachs oder 36 Bellottos, und rund 28 000 Objekte in der Skulpturensammlung! « Zwar wird auch nach der Umgestaltung nur ein Bruchteil davon zu sehen sein, aber weitaus mehr als zuvor. Er hat dafür neue Ausstellungsflächen geschaffen, in denen in wechselnden thematischen oder monographischen Präsentationen der Bestand vorgeführt werden soll.

Wo im Erdgeschoss jetzt noch graue Wände zwischen den Säulen eingebaut sind, auf denen altdeutsche und italienische Werke zusammen präsentiert werden, entsteht, wie von Semper geplant, wieder eine von Tageslicht durchströmte Halle für Skulpturen: »Am Nachmittag, wenn von Westen die Sonne einfällt, gibt es ein einmaliges Spiel von Licht und Schatten«, schwärmt Koja. In den kommenden Wochen und Monaten ziehen die berühmten Marmorstatuen in die Antikenhalle ein: der sogenannte Dresdner Zeus aus der Zeit um 120/30 nach Christus, die tanzende »Mänade«, der »Jugendliche Athlet « nach einer verlorenen Figur des Polyklet und viele andere.


@@»Wissen Sie, wie viele Werke wir haben? 3800 Gemälde, darunter 64 Cranachs und 36 Bellottos!«


Die Malerei ordnet Koja wieder nach geografischen Schulen. Auf neuen Wandbespannungen wird die deutsche und niederländische Malerei auf Dunkelgrün präsentiert, Spanier und Franzosen auf Dunkelblau und Italiener auf trockenem Rot – nur die Veduten des Dresdner Hofmalers Bellotto, genannt Canaletto, hängen auf grauen Flächen, damit der Himmel in seinen Werken wieder blauer wirkt. Zu ihrer Entstehungszeit war der Himmel noch strahlend blau, erklärt Koja, aber da hier das damals moderne Pigment Preußischblau benutzt wurde, das durch Lichteinwirkung verblasst, wurde die Wetterstimmung auf den Bildern im Lauf der Zeit immer kühler und grauer.

Schon in den vergangenen Jahren hat Koja Skulpturen in die Gemäldegalerie integriert, was den Rundgang noch lebendiger macht. Die Dialoge, die sich zwischen Skulptur und Malerei entwickeln, sind oft großartig. Rembrandts originelle »Entführung des Ganymed« zeigt Zeus in Gestalt des Adlers nicht mit einem erotischen Jüngling, sondern mit einem brüllenden, pinkelnden Kleinkind. Direkt davor steht das Marmorköpfchen eines heulenden Kindes, das Rembrandts Zeitgenossen Hendrick de Keyser zugeschrieben wird. »Rembrandt schätzte Werke dieses Bildhauers und hatte auch welche in seiner Sammlung«, erläutert der Direktor die Idee hinter der Kombination.

Ein anderer Dialog entwickelt sich zwischen der französischen Kleinbronze des »Herkules Farnese« und Rubens »Trunkenem Herkules«. Die Bronze gibt eine antike Marmorstatue wieder, die im 16. Jahrhundert in den Caracalla-Thermen ausgegraben wurde und Künstler in ganz Europa inspirierte. Natürlich kannte auch Rubens sie. Sein Herkules ist zwar auch muskelbepackt, kann aber alkoholbedingt nicht einmal alleine stehen. Personifiziert die Bronze Macht und Stärke, so zeigt die Malerei Kontrollverlust.

Stephan Koja legt Wert darauf, dass der Museumsbesuch ein schwelgerischer, sinnlicher Genuss ist. Vieles holt er jetzt aus dem Depot, wie die kostbaren flämischen Tapisserien mit Gold-und Silberfäden, die mit Jan van Eycks Privataltärchen und spätgotischen sächsischen Schnitzfiguren zusammen in einem Raum mit kapellenartigem Charakter präsentiert werden.

Doch bevor all dies ab Dezember zu sehen sein wird, ist die Gemäldegalerie bis auf eine Auswahl von rund 70 der wichtigsten Gemälde geschlossen. Die Parade der Highlights im ehemaligen Gobelinsaal und den umliegenden Kabinetten umfasst Raffaels »Sixtinische Madonna«, die »Schlummernde Venus« von Giorgione und Tizian, Meisterwerke von Botticelli, Mantegna, Dürer, El Greco … Allein diese Auswahl rechtfertigt eine Kunstpilgerreise nach Dresden. ×

»Glanzlichter der Gemäldegalerie Alte Meister«, Semperbau am Zwinger, bis 3. November. Nach einmonatiger Schließung wird die Wiedereröffnung am 7. Dezember erfolgen


Bild links: Wolfgang Kreische/Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD); rechts: Jürgen Lösel/SKD

Beide Bilder: David Pinzer/SKD