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Gemeinsam gegen den SCHMERZ


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Frau im Leben - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 06.04.2022

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Bildquelle: Frau im Leben, Ausgabe 5/2022

Innere Medizin

„DIE MULTI- MODALE THERAPIE SOLL DIE LEBENS QUALITÄT VERBESSERN“

Prof. Winfried Meißner, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft

Um acht Uhr morgens geht es los: zuerst eine Runde Gymnastik, dann Übungen an Geräten, im Anschluss eine Massage, gefolgt von einer Gesprächsrunde und am späten Nachmittag noch ein Kurs zu Entspannungs-Techniken. Was wie das Trainingsprogramm der deutschen Fußball-Nationalelf klingt, ist der Tagesablauf von Patienten wie Gisela Lengowski, die sich am St. Josef Krankenhaus in Moers einer umfassenden Schmerztherapie unterzieht.

Ein Team aus Therapeuten

„Wenn sich der Schmerz ankündigt, spaziere ich eine Runde im Park“

Gisela Lengowski (72) hat ihre ganz eigenen Strategien gegen Rückenschmerzen

Die 72-Jährige kämpft seit 2017 mit starken Rückenbeschwerden. Aus einem dumpfen Ziehen an der rechten Seite wurde irgendwann ein Reißen und schließlich konnte sie nur noch ...

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... mithilfe eines Rollators gehen. Die Diagnose ihres Orthopäden: verengte Spinalkanäle an der Lendenwirbelsäule. Doch eine OP brachte nur vorübergehend Linderung. „Zwei Jahre später kamen die Schmerzen wieder. Diesmal an der linken Seite“, erzählt Gisela Lengowski.

Die gebürtige Nordrhein-Westfälin ist mit ihren dauerhaften Beschwerden nicht allein. In Deutschland leiden ungefähr 23 Millionen Menschen unter chronischen Schmerzen, davon fühlen sich vier bis fünf Millionen in ihrem Alltag stark beeinträchtigt und brauchen wie Gisela Lengowski Hilfe, um überhaupt wieder normal leben zu können. Hier setzt die multimodale Schmerztherapie an. Ein ganzheitliches Behandlungskonzept, das je nach Klinik und Patient zwei bis vier Wochen dauert und aus einem straffen Programm besteht.

Es gibt von morgens bis abends Einzel-und Gruppenkurse, betreut von einem Experten-Team verschiedener Fachrichtungen. Darunter sind Physio-, Ergo-und Psychotherapeuten, aber auch Kunstund Musiktherapeuten. Haupt-Ansprechpartner ist immer ein Schmerzmediziner, der als Anästhesist, Internist oder Orthopäde tätig ist. Zusätzlich muss er eine einjährige schmerztherapeutische Zusatzausbildung absolviert haben. Diese Behandlung ist für Menschen konzipiert, deren Schmerzen chronisch sind, also schon länger als drei Monate andauern. Oft sind die Beschwerden ohne erkennbaren Auslöser entstanden.

Suche nach der Ursache

„Die meisten Patienten haben es im Rücken“, sagt Dr. Norbert Schürmann, Leiter der Schmerztherapie am St. Josef Krankenhaus in Moers. „Doch gerade hier bleibt die Ursache in rund 70 Prozent der Fälle unklar.“ Noch dazu kann der Schmerz wandern. „Bei einer Blockade im unteren linken Bereich des Rückens ändern die Betroffenen automatisch die Haltung. Die Muskulatur will die Blockade ausgleichen, spannt sich an. Das kann dazu führen, dass der Schmerz sich auf einmal rechts oben äußert“, so Dr. Schürmann.

Eine Untersuchung ist daher wichtig, um die genaue Ursache festzustellen. Oft liegt es am Bewegungsmangel. Er führt zu einem schlechteren Stoffwechsel (z. B. Unterversorgung mit Sauerstoff-und Nährstoffen), außerdem verlieren die Muskeln schnell ihre stabilisierende Funktion. Schmerzen und Verspannungen können so schneller entstehen. Die multimodale Therapie steuert mit einem umfassenden Bewegungsprogramm dagegen, etwa mit Yogaund Gymnastik-Kursen sowie mit Physiotherapie-Einheiten.

Chronische Schmerzen werden häufiger bei Frauen diagnostiziert als bei Männern. Diese Tatsache hat laut Prof. Winfried Meißner, dem Präsidenten der Deutschen Schmerzgesellschaft, jedoch weniger mit körperlichen Faktoren zu tun. „Frauen nehmen Beschwerden einfach eher und früher wahr als Männer und sind bereit, sich umfassend darum zu kümmern.“ Auch das Alter spielt eine Rolle, weil es eine Reihe körperlicher Veränderungen mit sich bringt, die Einfluss auf die Schmerzentstehung und das -empfinden haben. Die Zahl der Patienten steigt also mit den Lebensjahren an. Problematisch wird es, wenn Menschen im letzten Lebensdrittel glauben, dass die Beschwerden zum Älterwerden dazugehören und ihrem Arzt nichts davon sagen. Der Schmerz kann sich dann verschlimmern und im schlechtesten Fall zieht sich der Betroffene immer mehr aus dem sozialen Leben zurück.

Individuelle Behandlung

5 Anti-Schmerz-Tipps

Entspannung

Meditation, autogenes Training, Bio-Feedback oder progressive Muskelentspannung: Das alles sind anerkannte Methoden, um das Schmerzbewusstsein positiv zu beeinflussen und zur Ruhe zu kommen. Kurse bieten z. B. die Volkshochschulen an.

Körperkontakt

Eine innige Umarmung kurbelt die Bildung des Wohlfühlhormons Oxytocin an und kann das Schmerzempfinden merklich reduzieren. Das gilt übrigens auch für das Kuscheln mit Haustieren.

Sport

Ausdauertraining wie Schwimmen oder Radfahren ist ebenso wirkungsvoll gegen Schmerzen wie Yoga oder Kraftübungen.

Aktivitäten-Tagebuch

Schreiben Sie jeden Tag Ihre angenehmen Erlebnisse auf. Das Tagebuch lenkt den Fokus weg von den Schmerzen hin zu positiven Emotionen.

Auszeit für den Kopf

Gut gegen Grübel-Attacken, die zu Kopfweh oder Verspannungen führen können: Zettel und Stift (auf dem Nachttisch) bereitlegen und alles notieren, was Sie beschäftigt. Auch ein „Grübel-Stuhl“ kann helfen: ein bestimmter Platz wie ein Hocker oder Sessel, auf dem Sie sich mit Problemen beschäftigen, aber nur während eines begrenzten Zeitraums!

„Grundsätzlich kann chronischer Schmerz nicht nur durch körperliche Faktoren wie Überlastung, Fehlhaltungen oder Abnutzung, sondern auch durch seelische Faktoren beeinflusst werden“, erklärt Dr. Hans-Günter Linke von den Westküstenkliniken in Heide. Daher können auch Arbeitslosigkeit, Einsamkeit oder die Trennung vom Partner die Auslöser sein. Biologisch, psychisch und sozial: Oft ist es ein Mix aus mehreren Ursachen, die unterschiedlich gewichtet sind. Deshalb ist das Behandlungsprogramm auf jeden Patienten individuell zugeschnitten. Der eine braucht mehr Motivation, weil er von Grund auf weniger aktiv ist. Der andere wiederum, der im Privaten und am Arbeitsplatz immer 100 Prozent geben will, profitiert von Entspannungsstrategien und Entschleunigung.

So war es auch bei Edelgard Tilly aus Moers in Nordrhein-Westfalen. Seit rund 45 Jahren hat die gelernte Apothekenhelferin starke Migräne. Symptome wie heftiger Brechreiz und Geruchsempfindlichkeit setzen sie sechs bis acht Mal pro Monat für mehrere Tage außer Gefecht. Nach vielen fehlgeschlagenen Therapien und einer erfolglosen Reha besuchte Edelgard Tilly vor fünf Jahren drei Wochen lang eine Schmerz-Ambulanz. Sie wurde medikamentös neu eingestellt und erlernte Entspannungstechniken. Dies half ihr schließlich. „Sich einfach mal hinlegen und ruhig werden, das hatte ich komplett verlernt“, erzählt die 69-Jährige. „Ich bin eben ein Mensch, der immer alles perfekt machen will.“ Ganz ohne Beschwerden ist Edelgard Tilly heute zwar nicht, „doch verglichen mit früher ist es ein himmelweiter Unterschied“.

„Ich musste erst wieder lernen, zur Ruhe zu kommen. Meine Migräne ist dadurch besser geworden“

Wie eng die Psyche mit dem Schmerzempfinden verbunden ist, erfuhr auch Sandra Karl-Arvai aus Naumburg an der Saale. „Seit meiner Jugend macht mir ein eingeklemmter Nerv im Lendenwirbelbereich Kummer“, erzählt sie. Der Schlaganfall ihres Mannes vor fünf Jahren brachte sie schließlich an ihre Belastungsgrenze. „Ich musste nicht nur im Job weiter funktionieren, sondern auch daheim – wie ein Uhrwerk“, erinnert sich die Leiterin einer Tankstelle. Das belastete auf Dauer nicht nur ihre Seele, sondern führte auch dazu, dass ihre Rückenschmerzen sich verschlimmerten. Ihr Hausarzt spritzte ihr deshalb jahrzehntelang Kortison und ein örtliches Betäubungsmittel. „Inzwischen weiß ich: Mein Pflichtbewusstsein und mein Ehrgeiz haben dazu beigetragen, dass der Schmerz chronisch wurde.“

Gespräche in der Gruppe

Im Herbst 2021 begann Sandra Karl-Arvai daher eine ambulante multimodale Schmerztherapie in einer nah gelegenen Klinik und besuchte zwei Wochen lang täglich mehrere Kurse. Ihr halfen besonders die Gruppen-Gespräche und auch, dass die Therapeuten ihre Schmerzen ernst nahmen und individuell auf sie eingingen. „Mir wurde erst dort klar, dass man sich auch selbst Stress machen kann und dieser die Schmerzen mitunter verstärkt. Also achte ich nun mehr auf mich. Meinen Kaffee am Morgen trinke ich seitdem viel bewusster und genieße jeden Schluck“, so die 41-Jährige. Und sie kennt jetzt ihre Grenzen: „Früher habe ich oft bis zum Umfallen Sport gemacht – am liebsten Gymnastik-Übungen. Seit der Therapie bewege ich mich moderat und gönne mir Pausen. Außerdem habe ich gelernt, dass ein ausgedehnter Spaziergang bei Schmerzen effektiver sein kann als Medikamente.“

Grundsätzlich ist Schmerz erst einmal nichts Schlechtes, sondern hat einen Sinn. Er ist ein Signal des Körpers, dass etwas nicht stimmt. Viele greifen jedoch, ohne lange zu überlegen, zu Schmerzmitteln. Doch Prof. Winfried Meißner vom Universitätsklinikum Jena warnt vor einer dauerhaften Einnahme: „Medikamente können nur unterstützend wirken, die alleinige Lösung sind sie fast nie.“

Entspannung beim Basteln

Das gilt auch für die Gruppe der Cannabinoide, deren schmerzlindernde Wirkung manchmal überschätzt wird. „Bei Opioiden kann sich zudem in einigen Fällen eine Abhängigkeit entwickeln“, sagt der Mediziner. Nach seiner Erfahrung nehmen etwa zehn Prozent aller Schmerz-patienten, denen eine Physiooder Psychotherapie nicht geholfen hat, über viele Jahre Medikamente ein, die wenig oder gar nicht wirken. „Diese Menschen haben Angst, dass sich ihr Zustand drastisch verschlimmert, wenn sie die Mittel absetzen“, sagt Prof. Winfried Meißner und gibt zugleich Entwarnung: „Etwa bei der Hälfte der Patienten schaffen wir es mit einer multimodalen Therapie, dass sie selbst nach jahrelanger Einnahme von Medikamenten keine mehr brauchen oder zumindest die Dosis um die Hälfte reduzieren können.“

Ähnlich sieht das Dr. Hans-Günter Linke von den Westküstenkliniken in Heide. „Wir betrachten die Schmerzmittel eher als Hilfsmittel, und zwar dann, wenn sich die Betroffenen wegen ihrer Beschwerden nicht mal mehr richtig bewegen können“, so der Chefarzt der Klinik für Multimodale Schmerztherapie. Ein Bewegungsprogramm ist ohnehin meist nötig. „Am Ende ist es immer ein gesunder Mix aus verschiedenen Verfahren, die dabei helfen, chronische Beschwerden, so gut es geht, wieder loszuwerden“, so Dr. Linke.

Zu einer multimodalen Therapie gehören daher auch Kreativkurse. „Beim Basteln oder Werken erleben manche Patienten zum ersten Mal wieder, wie es ist, wenn die Gedanken nicht ständig um den Schmerz krei-sen. Schon allein das trägt oft dazu bei, den Teufelskreis aus mentaler und körperlicher Anspannung zu durchbrechen“, erklärt der Mediziner.

Damit es den Patienten nach ihrer Behandlung weiterhin gut geht, geben Ärzte ihnen auch immer praktische Tipps an die Hand, etwa Kontakte zu Selbsthilfegruppen oder Empfehlungen für Schmerz-Apps.

Nachsorge ist wichtig

Ein Alltagstraining ist ebenfalls ein wichtiger Teil der multimodalen Therapie. Dabei geht es etwa um ergonomisches Sitzen am Arbeitsplatz oder eine rückenschonende Hausarbeit. „Mir bringt es viel, dass ich nun weiß, w ie ich beschwerdefrei einen Kasten Wasser anhebe“, erzählt die 72-jährige Gisela Lengowski. „ Nicht schwungvoll nach oben, sondern langsam zum Bauch hin und die Knie dabei leicht anwinkeln – früher habe ich das immer falsch gemacht.“ Im Frühjahr letzten Jahres begann sie eine stationäre Therapie: zwei W ochen lang täglich Gymnastik, Entspannungskurse, Gesprächsrunden. „All das hat mir so gutgetan, dass ich heute fast beschwerdefrei bin – und zwar ohne eine weitere Operation“, freut sich Gisela Lengowski, „für mich ein kleines Wunder.“ Sie setzt auch nach der Therapie das Gelernte im Alltag um. „Ich lege mir abends ein Wärmekissen auf den Rücken und starte morgens mit Gymnastik in den Tag. Und wenn der Schmerz wieder leicht zu spüren ist, jammere ich nicht, sondern spaziere eine Runde durch den Park.“

Endlich normaler Alltag

Wenn sich die allgemeine Lebensqualität verbessert hat und Schmerzen nur noch hin und wieder auftreten, dann war die multimodale Therapie erfolgreich. Für die einen bedeutet das, endlich wieder an einem Kegelabend mit Freunden teilzunehmen, der wegen Knieproblemen ausfallen musste. Für die anderen ist es ein Glas Wein abends vor dem Fernseher, ohne deshalb einen Migräne-Anfall zu bekommen. „Der Schmerz ist noch da, ich kann ihn jetzt aber besser in den Alltag integrieren“ – wenn Ärzte diesen Satz hören, wissen sie: Es geht in die richtige Richtung.

Elisabeth Hussendörfer

„Heute achte ich mehr auf mich, lebe viel bewusster und gönne mir genug Pausen“