Lesezeit ca. 4 Min.
arrow_back

„Gemeinsam gegen patriarchale Gewalt“


Logo von L-MAG
L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 25.02.2022

Artikelbild für den Artikel "„Gemeinsam gegen patriarchale Gewalt“" aus der Ausgabe 2/2022 von L-MAG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Frauen* kämpfen vereint: Im Juni 2021 demonstrierten 200 Menschen in Oldenburg gegen das Abtreibungsverbot und für die Selbstbestimmung von trans Personen

Julia Monro von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) hat schon viele trans Personen auf ihrem persönlichen Weg beraten und begleitet. Im Interview mit L-MAG erzählt sie, warum ein Selbstbestimmungsgesetz für Betroffene wichtig wäre.

Julia, die Ampel-Koalition plant ein Selbstbestimmungsgesetz, das das veraltete und in Teilen verfassungswidrige „Transsexuellengesetz“ von 1980 ersetzen soll. Weshalb befürwortest du dieses Vorhaben?

JULIA MONRO: Das bis dato noch geltende Transsexuellengesetz (TSG) ist ja eigentlich ein Fremdbestimmungsgesetz. Das heißt, ich kann nicht selbst darüber bestimmen, wer ich bin. Um den eigenen Namen und Geschlechtseintrag in den offiziellen Ausweispapieren ändern zu lassen, ist es nach dem TSG nötig, zwei psychologische Gutachten einzuholen und ein Verfahren vor Gericht zu durchlaufen.

Betroffene trans Personen bezeichnen das ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von L-MAG. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2022 von L MATES. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
L MATES
Titelbild der Ausgabe 2/2022 von Leserinnen des Monats. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Leserinnen des Monats
Titelbild der Ausgabe 2/2022 von Gedenken. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gedenken
Titelbild der Ausgabe 2/2022 von Prinzessinnen-Show. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Prinzessinnen-Show
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
„Ein neues Gesetz ist überfällig!“
Vorheriger Artikel
„Ein neues Gesetz ist überfällig!“
„Unsere Rechte sind unangreifbar“
Nächster Artikel
„Unsere Rechte sind unangreifbar“
Mehr Lesetipps

... als Zumutung. Wieso?

Ein TSG-Verfahren dauert ungefähr sechs bis zwölf Monate oder länger und kostet rund 1500 bis 2000 Euro. Das können sich viele gar nicht leisten. Die Begutachtungsverfahren sind oftmals entwürdigend. Ich weiß von einer Person, die gefragt wurde, wie oft im Monat sie denn masturbiere. Du wünschst dir nichts sehnlicher als den richtigen Geschlechtseintrag und den richtigen Namen, hast schon Geld vorgestreckt und siehst dich plötzlich mit der Angst konfrontiert: Was passiert, wenn ich diese erniedrigenden intimen Fragen nicht beantworte? Ist dann das Geld weg und ich kann den ganzen Prozess von vorne beginnen? Betrachtet man einmal alle psychologischen Gutachten zusammen, die in der Vergangenheit bereits zu TSG-Verfahren erstellt wurden, sieht man auch, dass fast alle positiv ausfielen. Das heißt: in 99 Prozent der Fälle stimmte die Selbstwahrnehmung mit der späteren Einschätzung der Gutachterin oder des Gutachters überein. Da fragt man sich: Warum braucht es das überhaupt? Deshalb entstand der Wunsch nach einem Selbstbestimmungsgesetz.

Was genau würde sich durch das neue Gesetz denn ändern?

Den eigenen Namen und Geschlechtseintrag könnte man dann einfach mittels Selbsterklärung gegenüber dem Standesamt korrigieren lassen. Gerichtsverfahren und Begutachtungspflicht würden wegfallen. In dem Gesetz soll außerdem klar festgelegt werden, dass trans Personen Anspruch auf geschlechtsangleichende medizinische Maßnahmen haben. Aktuell machen Krankenkassen in allen Bundesländern, was sie wollen, manche bewilligen die Maßnahmen, manche nicht. So wird der Weg der Transition oft unnötig verlängert, was den Leidensdruck von Betroffenen verstärkt. Das Selbstbestimmungsgesetz soll diese Hürden abbauen.

Selbstbestimmung für Trans: Das steht im Koalitionsvertrag

„Wir werden das Transsexuellengesetz abschaffen und durch ein Selbstbestimmungsgesetz ersetzen.“

Die Grünen und die FDP hatten bereits vor der letzten Bundestagswahl Gesetzesentwürfe vorgelegt. Darüber gab es zum Teil sehr hitzige Debatten. Kritiker:innen äußerten zum Beispiel die Sorge, Jugendliche könnten dazu verleitet werden, zu früh zu transitionieren und ihren Körper irreversibel zu verändern.

Hier ist es sehr wichtig zu differenzieren: Das Selbstbestimmungsgesetz bezieht sich erstmal nur auf die Korrektur des Geschlechtseintrags, da liegt die Grenze bei 14 Jahren. Es legitimiert zwar auch zusätzlich den Anspruch auf geschlechtsangleichende Maßnahmen – aber wie, wann und nach welchen Kriterien diese durchgeführt werden, ist ein anderes Paar Schuhe. Genitalangleichende Operationen werden in der Regel nicht vor dem 18. Lebensjahr durchgeführt – daran würde auch das neue Gesetz nichts ändern. Anfangs werden nur pubertätsblockende Hormone gegeben, maximal zwei Jahre, die die eigene Pubertät hinauszögern. Das verschafft vor allem Zeit. In diesen zwei Jahren kann sich das Kind bewusst werden: Will ich diesen Weg wirklich gehen? Wird die Hormonbehandlung wieder abgesetzt, setzt die Pubertät auch sofort ein. Das ist keine Entscheidung, die Jugendliche einfach so treffen, sondern etwas, das sie immer wieder reflektieren und auch schon mit den Eltern besprechen.

Manche Kritiker:innen warnen davor, dass Frauenschutzräume in Zukunft bedroht sein könnten, dadurch dass man leichter den eigenen Geschlechtseintrag ändern lassen kann. Wie siehst du das?

Zu diesem Punkt sollten wir uns zuerst mal fragen, wie solche Räume definiert sind. Eine Funktion von Frauenschutzräumen ist, Frauen vor Gewalt zu schützen. So ein Ort ist zum Beispiel ein Frauenhaus, und dass trans Frauen in Frauenhäusern aufgenommen werden, ist jetzt schon häufig gängige Praxis. Dass sich mit dem Selbstbestimmungsgesetz in punkto Schutzräume plötzlich alles ändern könnte, ist demnach eine irrationale Angst. Kritiker:innen setzen die Begriffe „Schutzraum“, „Mann (in Frauenkleidern)“ und „Vergewaltigung“ in den Debatten pauschal und undifferenziert in einen Zusammenhang. Sie erschaffen damit Bilder im Kopf, die spalten. Für diese Kritiker:innen sind trans Frauen keine „echten“ Frauen, sondern nur verkleidete Männer. Der Begriff „Schutzraum“ wird außerdem zweckentfremdet und auf alle Orte angewandt, die für Frauen gedacht sind. Wie zum Beispiel Toilettenanlagen: Hier wird ein intimer Ort als „Schutzraum“ deklariert, obwohl er im eigentlichen Sinne gar keiner ist. Denn rein theoretisch kann sich hier jeder Mensch Zutritt verschaffen. Leider auch Personen, die den Raum mit der Intention betreten, sexualisierte Gewalt auszuüben. Diese brauchen für den Zutritt jedoch keine Personenstandsänderung, sie können ein WC auch ohne ein Selbstbestimmungsgesetz betreten. Eine Passkontrolle findet vor Toilettenanlagen in der Regel nicht statt. Den Begriff „Schutzraum“ auf WCs anzuwenden, ist in diesem Kontext also eine gezielt irreführende Rhetorik.

Gezielt irreführend: was meinst du damit?

Damit meine ich: Falsche, in den Köpfen generierte Bilder werden bei entsprechender Stimmungslage für eigene Ideologien genutzt, die sich gegen trans Personen richten. Und mit Angst lässt sich leider immer gut Stimmung machen. Die oben genannte Kritik ist übrigens kein neues Phänomen: Ich kenne trans Frauen, die noch in den 1980ern die Anfänge des Transsexuellengesetzes miterlebt haben. Schon damals waren sie damit konfrontiert, wie die gleichen Argumente verwendet, dieselben Ängste geschürt wurden – und sie finden es ermüdend, dass sich die Diskussion in 40 Jahren kaum verändert hat.

Was wünschst du dir, wie sollte diese Debatte denn weiter geführt werden?

Ich möchte gern darum bitten, dass wir aufeinander zugehen und für mehr Empathie werben, anstatt die Situation noch problematischer zu machen. Trans Personen sind eine ohnehin schon sehr marginalisierte Gruppe und werden wirklich in allen Bereichen des Lebens diskriminiert. Und auch trans Frauen erfahren natürlich misogyne Gewalt. Ich möchte nur an die vielen verfolgten und ermordeten trans Frauen erinnern, derer wir jedes Jahr am Trans Day of Remembrance, am 20. November, aufs Neue gedenken müssen. Ich und viele andere trans Frauen brauchen echte Schutzräume ebenfalls dringend. Es kann nicht sein, dass wir Opferhierarchien generieren, anstatt uns gemeinsam gegen patriarchale Gewalt stark zu machen. Unser Ziel muss es sein, gemeinsame Forderungen auszuarbeiten, damit Bund und Länder mehr Geld für „echte“ Schutzräume zur Verfügung stellen – um alle Frauen besser zu schützen, egal ob trans oder nicht-trans.

// Paula Balov

dgti.org

bundesverband-trans.de

julia-monro.de