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Gemeinsam geht mehr!


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JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 100/2022 vom 20.09.2022

Vom Jagen und Angeln

Artikelbild für den Artikel "Gemeinsam geht mehr!" aus der Ausgabe 100/2022 von JÄGER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Ob mit Waffe oder Rute, uns JÄGER und Angler eint mehr als uns trennt!

Wild und Fisch“ heißt die vom „Jäger“ und von der Angelabteilung herausgebrachte Fülle kulinarischer Köstlichkeiten, die bei der Durchsicht Anflüge leichter Verzweiflung aufkommen lässt, angesichts dessen, was so appetitlich aussieht. Ich muss das als kulinarisch interessierter Fischer und Jäger unbedingt probieren, aber wann? Angesichts der opulenten Fülle muss ich nun womöglich meine Prioritätensetzung bezüglich Beute machen und Beute zubereiten überdenken? Doch andererseits: Das ist doch gut, dass da etwas gemeinsam geht, was in vielen Bereichen noch zu unterschiedlich, zu vereinzelt daherkommt. Wenn man da ein paar „Barrikaden“ beiseite räumt, müsste da doch noch mehr gehen als gemeinsamer Speis und Trank.

Die speziellen Bedingungen des Beutemachens beim jeweils anderen verstehen

Barrikaden?...... „Angler sind Menschen, die eine – gemessen am grünen Abitur – lächerliche ...

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... Prüfung machen, um dann Fische zu fangen, die sie zurücksetzen. Dann kann man das auch gleich sein lassen. Wozu denn den armen Tieren einen Haken ins Maul hauen, wenn man die sowieso wieder schwimmen lässt.“…… So lautete die erste „Zurechtweisung“, mit der man mich im Kreis der „Waidheiligen“ als Jungjäger empfing, der seit Jahrzehnten angelte, und das nicht nur bekannte, sondern auch noch dabeibleiben wollte

……. „Was, du hast den Jagdschein gemacht, als Fliegenfischer? Wie kannst du? Jäger schießen doch als Hobby Tiere tot, die man genauso gut am Leben lassen könnte,“ wuchs mein Gegenüber kopfschüttelnd zu moralischer Größe. Er, der seine Beute mit nassen Händen vorsichtig anfassend, sanft in ihr Element zurückgleiten lässt, während er ihr beim Davonschwimmen beglückt ob ihrer Schönheit nachschaut, war da doch ein ganz anderes moralisches Kaliber als diese empathielosen Umherballerer.

Nun könnte man annehmen, dass es sich um spezielle Auswüchse meines sozial optimierungsbedürftigen Umfeldes handele. Leider nein, durch viele Foren geistern immer noch die gegenseitigen Vorurteile, die das Miteinander zwischen Jägern und Anglern verkomplizieren. Unzählige Worte der Erläuterung meinerseits in beiden Lagern haben den Treibstoff aller Vorurteile bislang nicht vollkommen beseitigen können. Gelegentlich werde ich immer noch – im besten Fall – mitleidig kopfschüttelnd belächelt als Wurm-, respektive Fliegenbader oder mit hochgezogenen Augenbrauen als potentieller Mörder einsortiert. Woran liegt das? Jedes Gespräch offenbart es: Man weiß zu wenig übereinander und über die Grundbedingungen des Beutemachens im anderen „Lager“.

Darum jagen wir!

Deshalb hier ein kurzer Exkurs:

Beutemachen ist der Kern, das Gemeinsame des Jagens und Fischens. Beute zu machen bedeutet aber in diesem Zusammenhang, dass man in den Besitz einer potentiellen Beute gelangt, der man „hinterher“ jagt oder „hinterher“ fischt. Erst wenn man die Beute HAT, kann man entscheiden, was man damit tut. Und genau da beginnen die Unterschiede, die es zu betrachten gilt, bevor man in die Analyse einsteig.

• Jäger können Beute nur in Besitz nehmen und als solche über sie verfügen, wenn sie sie VORHER – mit Ausnahme der Fallenjagd – töten.

• Angler treffen die Entscheidung: Tod oder Leben erst NACHDEM sie die Beute im Kescher haben.

• Jäger wählen VOR dem Schuss, ob sie dieses sichtbare Stück Wild als Beute wollen.

• Angler entscheiden meistens NACH dem Keschern, welche Beute wieder schwimmen darf.

Bevor nun jemand ruft: „Halt, das ist doch eine ‚Binse‘!“, weise ich darauf hin, dass die sogenannte ‚Binse‘ in ihrer Konsequenz auch alles weitere beeinflusst. Da die Beute bei der Jagd unweigerlich tot ist, ist nur eine begrenzte Anzahl an Jägern pro Revier möglich. Angler hingegen können sich am See oder Fluss die Beute „teilen“, indem sie sie zurücksetzen oder zurücksetzen müssen (im europäischen Ausland oft selbstverständlich). Daraus folgt, dass pro „Revier“ viel mehr Angler erfolgreich sein können, als Jäger im Jagdrevier. Es gibt auch mehr als 10 mal so viele Angler in unserem Land wie es Jäger gibt. Wenn man nicht 9 Zehntel der Angler nach Hause schicken will, muss man also dreierlei Dinge tun: das Biotop in Ordnung halten, Fische besetzen und Fische zurücksetzen.

Die Hege eint uns

Übrigens: „Besetzen“, „heranhegen“ sind auch Tätigkeiten, die der Jägerschaft nicht völlig fremd sind. Z.B. die ungarischen Hirsche sind dank ausgiebiger menschlicher Zuwendung so zahlreich und prächtig, wie sie sind. Ohne sie und andere Beute in anderen Ländern kämen revierlose Jäger ebenso wenig an ihre Jagdmöglichkeiten und Trophäen wie Angler, die man wegen zu hohen Befischungsdruckes nicht ans Wasser lässt. Jägern und Fischern bietet man im Inland und vor allem im Ausland Möglichkeiten Beute zu machen, und zwar in Wald- und Wasserrevieren, in denen nicht die kulinarische Verwertung der Beute im Vordergrund steht, sondern das Jagd-, beziehungsweise Fischereierlebnis. Die Jagd in „hochgehegten“ Beständen ist das Pendant zu attraktiv besetzten Forellen-, Karpfen- und Welsgewässern. ….Und ja, man darf Freude am Beutemachen haben, sonst wäre man nicht Angler oder Jäger geworden.

„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie angeschaut haben,“ erkannte schon Alexander von Humboldt. In diesem Sinne appelliere ich an Angler und Jäger, kenntnisarme Vorverurteilungen der „anderen Fraktion“ zu unterlassen, die Welt des jeweils anderen ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen und das Gemeinsame nicht nur im Kulinarischen zu finden, denn außerhalb unserer Passionen gibt es in dieser Hinsicht genug zu tun.

Wie mit der unterschiedlichen Sicht der Öffentlichkeit auf Jäger und Angler umgehen?

Seit ich Jäger bin, begegnen mir (vorwiegend) Damen, aber auch Herren mittleren Alters, die in mir den Mörder sehen, der Bambi und die letzten Hasen totschießt. Man teilt mir das in der Regel auch mit, wenn man in Rufweite ist. Die gleiche Klientel (von Ausnahmen abgesehen) fragt mich am Fluss freundlich und interessiert, ob die Fische beißen und ich schon etwas gefangen hätte. Offenbar ist es so, dass Bambi und seine näheren und weiteren Verwandten auf der „Lebensrechtsskala“ der Öffentlichkeit gegenüber diesen glitschigen Dingern, die in unseren Flüssen schwimmen, einen deutlich höheren Rang genießen. Für diese unterschiedliche Wahrnehmung gibt es neben dem Kindchenschema viele Gründe, die zu erläutern man ebenso viele Heftseiten benötigen würde. Fakt ist, dass man als Jäger und Fischer mit dieser unterschiedlichen Einschätzung rechnen und leben muss. Und man muss unterschiedlich damit umgehen.

Es gilt, offensiv die Behauptungen der Jagdhasserszene in Wort und vor allem Bild zu zerlegen!

Wichtige öffentliche Interessen

Jäger punkten mit Nützlichkeitsargumenten: Ohne sie wächst der Wald und der Mais nicht. Das Futterangebot und die milden Winter in der Kulturlandschaft erzeugen Überpopulationen, die eingegrenzt werden müssen. Jäger betreiben Artenschutz, indem sie Prädatoren kurz halten. Der Rehbraten, und das Pulled Pork vom Wildschwein finden im Zuge der Abkehr von der Massentierhaltung auch immer mehr Anhänger. Dem größten Teil der Landbevölkerung sind zumindest die ersten beiden Argumenten zugänglich. Angler haben diese Möglichkeiten nicht. Dem Wasser, seinen direkten Nutzern und oft auch dem Spaziergänger am Fluss- und Seeufer ist es gleich, ob und wie viele Fische darin schwimmen. Fische machen keinen fühl- und sichtbaren Schaden. Artenschutz ist allenfalls ein Randthema, wenn im Forellenwasser zu viele Döbel wohnen und im See zu viele Welse. Und die Fische auf dem Teller kommen aus der Zucht oder aus dem Meer. Fische sieht der Spaziergänger ohnehin nur an den Brücken über Alpenflüsschen, wo er sie mit Brotstückchen füttert. Wie nun die intakte Fischpopulation, bzw. ihre Bedeutung in das Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen? Bei mir am heimischen Fluss stehen alle paar hundert Meter Tafeln, die die im Fluss lebenden Fischarten abbilden, ihre Lebensweise erklären und auf die Bedeutung eines intakten Biotops hinweisen. Renaturierungsmaßnahmen durch Fischer bringen naturnahe und als solche sichtbare Biotope hervor. Aber das muss man laut und oft genug sichtbar machen.

Bildungsauftrag wider Willen

Einer relativ uninformierten, aber zugänglichen Öffentlichkeit kann man erklären, was Angeln und Jagen bedeutet. Im Gegensatz zur Öffentlichkeitsarbeit der Klientel, die beides verbieten möchte, arbeiten vor allem Jäger zu „ausschließlich“ mit Positivbildern von z.B. der Rehkitzrettung. Angler lassen gestiefelte Schulkinder öffentlichkeitswirksam am See- oder Flussufer Fischchen ins Wasser setzen. Das ist in Ordnung so. Aber warum bildet PETA einen Bernhardiner mit Angelhaken im Maul ab? Warum sieht man auf Jagdhasserseiten Bilder unwaidmännischen Gemetzels, meist aus dem Ausland? Nein, ich plädiere nicht für Blut und Tod als dominantes Merkmal künftiger Öffentlichkeitsarbeit. Aber man muss der Öffentlichkeit erklären, was der Wegfall der beiden Passionen für die davon betroffene Kulturlandschaft bedeuten würde, indem man den „die-Natur-regelt-sich-selbst-Gedanken“ als die Märchenweltvorstellung entlarvt, die sie ist. Dem gelegentlichen Hinweis, dass wir doch in einer Kulturlandschaft leben, fehlt es an Deutlichkeit, Bildhaftigkeit. Dem Ottonormal-Hundespaziergänger ist gar nicht so recht klar, was die Unterschiede zwischen Kultur- und Naturlandschaft ausmacht. Es wäre vor allem eine Aufgabe für Jäger und ihre Organisationen, in Wort und Bild darzustellen, was es bedeutet, wenn man der Kulturlandschaft beim Sich-selbst-Regeln zuschauen könnte. Kahle Felder, Sauen auf dem Dorfplatz, räudige Füchse und verwesende Kadaver am Waldweg sprechen eine verständlichere, klarere Sprache als Jagdorganisationen das bislang tun. Und auch die „unsichtbaren“ Fische werden zumindest in der Vorstellung sichtbar, wenn den Bildern von renaturierten mäandrierenden Flüssen Bilder von, durch Wasserkraftanlagen gehäckselten, Fischen und von Fischsterben gegenüber stehen. Man kann den Umstand beklagen, dass in den letzten Jahrzehnten das Argument, der dialektische Diskurs durch das Bild, die Emotion und die „Blasenbildung“ auf Facebook ersetzt wurde, aber man muss damit umgehen. Positivbilder von geretteten Rehkitzen und Forellen im Gebirgsbach allein reichen schon lange nicht mehr, solange der „Die-Natur-regelt-sichselbst- Gedanke“ eine abstrakte Vorstellung bleibt.

Bleibt der gemeinsame Umgang mit Tierrechtlern, Jagdhassern, „PETA-isten“ aller Schattierungen. In ruhigen Stunden auf dem Hochsitz oder am Wasser geistert manchmal eine noch nebulöse Vorstellung durch meine Gedanken : Eine gemeinsame, von den Organisationen der Jäger UND Angler erstellte Homepage, auf der die Unterschiede verschwinden, die Gemeinsamkeiten betont werden und wo beide Passionen Rede und Antwort stehen. Eine Page, auf der beide ihr Tun und Lassen in Wort und Bild erklären, offensiv die Behauptungen der Tierrechts- und Jagdhasserszene in Wort und vor allem Bild „zerlegen“ und ein klares gemeinsames Statement zum Willen und zum Recht, Beute zu machen äußern.

… „Jagd ist allgemein das Streben nach Ressourcensicherung … und als solches eine Vitalkategorie, eine Konstante der Evolution„ … “ Der Jäger … darf in einer offenen Gesellschaft gegenüber seiner Lebensform Toleranz einfordern … sofern er sein Jagen sozial- und umweltverträglich ausrichtet.“ Schreibt C. Carl Willinger in seinem Werk „Urphänomen Jagd“. Das Gleiche gilt für das Angeln in all seinen Varianten vom Großkarpfenfischer über Rotaugenstipper und Meeresangler bis zum Fliegenfischer. Dazu gemeinsam zu stehen, ist für Angler und Jäger in einer Zeit, in der missionarisches Veganertum sich anschickt die Definitionshoheit über das, was man tun darf und lassen muss zu erringen, nötiger denn je!

Werner Berens ist passionierter Jäger, Angler und leidenschaftlicher Fliegenfischer. Seine jagdliche Aufmerksamkeit gilt vor allem dem heimischen Niederwild und dabei insbesondere dem Wasserwild. Als Anhänger der schreibenden Zunft widmet er sich sowohl der Jagd als auch der Fischerei. Dabei haben es ihm vor allem die ethischen Grundlagen sowie die psychologisch vermittelten Emotionen bei der Jagd angetan. Warum jagen wir und wie? Für uns stellt er sich den spannendsten jagdtheoretischen und philosophischen Fragen.