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Gemeinsam schaffen wir das


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Partner Hund - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 05.10.2022

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Bildquelle: Partner Hund, Ausgabe 11/2022

D ie gute Nachricht zuerst: Krebs ist heutzutage kein Todesurteil mehr. Frühzeitig erkannt, kann man die Tumorerkrankung behandeln. Aber Fakt ist auch, dass Krebserkrankungen beim Hund zunehmen. Längst gilt das Leiden als die häufigste Todesursache bei den Vierbeinern – jeder vierte stirbt daran. Kleintieronkologe Dr. Martin Kessler, einer der wenigen Experten in Deutschland, kennt die Angst von Hundehaltern. Die von ihm aufgebaute onkologische Abteilung der Tierklinik in Hofheim hat sich auf die Behandlung von Krebserkrankungen bei Hunden und Katzen spezialisiert. Dr. Kessler weiß, dass er in vielen Fällen helfen kann. „Es hat natürlich etwas mit der Art des Tumors zu tun und mit dem Erkrankungsstadium. Aber wird der Tumor rechtzeitig erkannt, kann man viele dieser Patienten heilen oder den Tieren zumindest eine gute, längere Lebenszeit verschaffen.“

Aufgrund der tiermedizinischen ...

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... Versorgung, die wir heute haben, werden Hunde immer älter und Krebserkrankungen treten häufiger auf. Denn ähnlich wie beim Menschen ist Krebs auch bei Hunden überwiegend eine Krankheit des Alters – je älter ein Tier wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es erkrankt. Doch bei Hunden muss man die unterschiedliche Lebenserwartung berücksichtigen. Dass die Diagnose häufiger gestellt wird, liegt auch daran, dass die Tiermedizin große Fortschritte gemacht hat. „Heute sind wir diagnostisch sehr viel besser aufgestellt. Wir können eine Biopsie, Computertomographie oder eine Kernspintomographie vornehmen und haben insgesamt viel mehr Möglichkeiten, herauszufinden, was dem Hund überhaupt fehlt. Auch das Bewusstsein, dass das Tier eine Tumorerkrankung haben könnte, ist sehr viel größer. Ebenso wie die Bereitschaft der Besitzer, eine Diagnostik vornehmen zu lassen und unter Umständen viel Geld auszugeben und weite Wege zu fahren, um bei einem Spezialisten vorstellig zu werden“, sagt Dr. Martin Kessler. „Hunde sind sozusagen Privatpatienten. Die Krebsvorsorge und erst recht die Behandlung sind sehr kostspielig und können schnell mehrere Tausend Euro betragen. Doch die Bereitschaft, alles Menschenmögliche zu tun, um seinem Hund das Leben zu retten, steigt.“

Hohes Risiko für Rassehunde

Krebs hat viele Gesichter. Er kann jedes Organ befallen. In einem gesunden Organismus wachsen Zellen und vermehren sich durch Zellteilung. Wenn die Zellen alt oder kaputt sind, sterben sie und neue Zellen nehmen ihren Platz ein. Beim Krebs ist dieser Prozess unterbrochen: Geschädigte Zellen wuchern, obwohl sie sterben sollten. Durch dieses Zellwachstum kranker Zellen bildet sich Gewebe, das Mediziner als Tumor bezeichnen.

Tumore können gutartig sein, dann wachsen sie nicht zerstörerisch in das Umgebungsgewebe ein oder wandern gar und befallen andere Organe. Doch bei bösartigen Tumoren breitet sich das kranke Gewebe aus und kann an anderen Stellen im Körper neue Kolonien bilden.

“ Die Bereitschaft, alles Menschenmögliche zu unternehmen, um seinem Hund das Leben zu retten, steigt. ”

Zu den häufigsten Krebserkrankungen beim Hund zählt Hautkrebs wie etwa der Mastzelltumor. Auch die Maulhöhle ist häufig betroffen. Von den inneren Organen trifft es am häufigsten die Milz, hier bilden sich die sehr aggressiven Hämangiosarkome. Riesenrassen wie Irische Wolfshunde oder Deutsche Doggen neigen zu Osteosarkom (Knochenkrebs). Das Tückische: Wenn die Tumore im Kopf oder tief in den Organen wüten, wird die Krankheit häufig erst in einem späten Stadium entdeckt. Dann nämlich, wenn sich bereits ernsthafte Symptome wie Gewichtsverlust oder Blut im Stuhl zeigen. Für Tiermediziner geht es dann meist darum, dem Hund ein schmerzfreies Leben zu ermöglichen.

Ein gravierender Faktor, weshalb Krebserkrankungen auf dem Vormarsch sind, ist laut dem Onkologen Kessler auch der kontinuierlich kleiner werdende Genpool der meisten Rassehunde.

„Die genetische Verarmung von Rassehunden ist ein großes Problem.

Viele Erkrankungen haben genetische Ursachen – das gilt auch für Tumorerkrankungen. Bei Spezies, bei denen viel Inzucht herrscht, häufen sich diese.“ Bei einigen Rassen kommen bestimmte Tumorerkrankungen besonders oft vor. „Das kann zum Teil extrem sein. So treten etwa bösartige Tumore an der Zehe, sogenannte Plattenepithelkarzinome, zu 96 Prozent nur beim Riesen- und Mittelschnauzer auf – das kann ja nur genetische Ursachen haben, wenn diese Krebsart lediglich zu vier Prozent andere Rassen betrifft“, so Dr. Kessler. „Häufig sind ganze Rasseschläge von einer Krankheit betroffen und neigen mehr zu bestimmten Erkrankungen als andere Hunde. Das geht zurück bis zum Beginn ihrer Züchtung, als sich ein defektes Gen etabliert hat. Beispielsweise haben alle Brachyzephalen, also Hunde mit kurzer Schnauze von Boxer bis Mops, eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, an Mastzellentumoren zu erkranken. Durch die Rassehundezucht haben wir genetisch eine sehr starke Verarmung. Dabei wurden gute und schlechte Eigenschaften herausgezüchtet, bewusst Hunde mit einer kurzen Nase oder einem bestimmten Aussehen geschaffen. Dass aber diese Eigenschaften auch mit einer verstärkten Neigung zu einer bestimmten Tumorbildung einhergehen, kann man von außen nicht sehen.“

Es ist trotzdem ein Trugschluss, dass Mischlinge ein geringeres Krebsrisiko haben. Denn Mischlingshunde sind das Resultat gekreuzter Rassen – und leider setzt sich nicht immer das gesündere Gen durch. Hat er Pech, trägt ein Mix gleich mehrere defekte Gene.

Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass auch alle seine Nachkommen erkranken werden. „So einfach wie bei Mendel ist es leider nicht. Auch nicht jeder Schnauzer bekommt Krebs. Manche kriegen ihn, manche nicht. Und manche kriegen ihn nicht, obwohl sie die Gene tragen. Nur weil man Kette raucht, bedeutet das ja auch nicht, dass man einen Lungentumor bekommt. Aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr viel höher“, erklärt der Onkologe. Das große Problem in der Krebsbehandlung: Man weiß, dass bei vielen Fällen eine genetische Veranlagung ursächlich ist. Doch auf welchem Gen der Defekt liegt, ist meist noch unbekannt. Dazu kommt, dass sich die Erkrankung meist erst im hohen Alter des Tieres zeigt. Man kann die Merkmalsträger also auch nicht frühzeitig aus der Zucht ausschließen.

Krebs hat viele Ursachen

Doch es sind nicht nur die Gene verantwortlich. „Krebs hat nie nur eine Ursache“, sagt Dr. Rodolfo Bianchini, Immunologe am interuniversitären Messerli Forschungsinstitut in Wien.

„Es gibt genetische Ursachen und äußere Ursachen, die gemeinsam die Krebsentstehung verursachen: physikalische Krebserreger wie etwa Strahlung, chemische Krebserreger wie beispielsweise Tabakrauch, Asbest oder Alkohol oder biologische Erreger wie Infektionen durch Viren, Bakterien oder Parasiten. Darüber hinaus erhöhen bestimmte Lebensstile das Risiko, an Krebs zu erkranken.“ Die äußeren, nicht genetischen Faktoren heißen in der Wissenschaftssprache Exposome.

Sie beschreiben die Umwelteinflüsse, denen ein Individuum ausgesetzt ist. „Hunde und Menschen teilen die gleichen Exposome. Das bedeutet, dass wir – ganz gemäß dem One-Health-Prinzip – denselben Umwelteinflüssen unterlegen sind. Dabei handelt es sich um eine Kombination aus Lebensstil, Schadstoffen und Mikroorganismen“, erklärt der Wissenschaftler.

“ Wenn der Tierarzt sagt, ‚Das sollten wir beobachten‘, muss man sich als Halter damit nicht zufriedengeben. ”

Früherkennung ist nach wie vor die wichtigste Maßnahme, um Krebs zu heilen. Ab einem fortgeschrittenen Hundealter sind Vorsorgeuntersuchungen ratsam. „Eine Krebsvorsorge kann man einmal im Jahr machen.

Man kann den Bauch schallen, eine Blutuntersuchung machen und gründlich nach Knoten abtasten“, erklärt Krebsspezialist Kessler. Außerdem sollte man als Hundemensch seinen eigenen Instinkten vertrauen, schließlich kennt niemand das Tier so genau wie man selbst. Bemerkt man bei seinem Hund Veränderungen, lohnt sich tierärztlicher Rat. „Wenn der Tierarzt lediglich sagt: ,Das sollten wir beobachten‘, muss man sich als Hundehalter damit nicht zufriedengeben, sondern sollte sich eine zweite Meinung holen. Am besten beim Spezialisten. Wenn es dann tatsächlich harmlos ist, wunderbar“, rät Dr. Kessler. „Leider wird zu oft nur beobachtet und nichts getan.

Wenn es ein böser Tumor ist, kann das Beobachten das Todesurteil sein.“

Steht die Diagnose fest, muss man trotzdem nicht verzweifeln, denn es gibt immer mehr Behandlungsmöglichkeiten. „Wir verwenden ähnliche Therapien wie beim Menschen: Chemotherapie, Bestrahlung und Chirurgie“, sagt Dr. Kessler. Auch in der Forschung hat sich in den letzten Jahren viel getan.

2014 entwickelten Wissenschaftler der Veterinärmedizinischen Universität Wien die erste Krebsimmuntherapie für Hunde und stellten erfolgreich Antikörper her. „Die Immuntherapie stellt eine große Zukunftschance dar, denn sie ist wirksamer als die herkömmlichen Methoden und hat nur minimale Nebenwirkungen“, erklärt Dr. Bianchini. Bei der Immuntherapie werden künstlich erzeugte Antikörper als Medizin verabreicht. Diese binden sich an die Krebszelle, markieren sie und setzen so eine natürliche Immunreaktion in Gang, womit das Tumorwachstum gestoppt wird. Doch noch steckt die Immuntherapie für Hunde in den Anfängen und kommt bislang hauptsächlich in klinischen Studien zum Einsatz. Obgleich immer mehr Hundehalter gewillt sind, viel Geld für die Behandlung ihres Tieres zu zahlen, fehlt es an Mitteln, die Therapieform marktfähig herzustellen. Noch sind die Pharmakonzerne zurückhaltend, die canine Krebsforschung ausreichend zu fördern.

Dabei könnte von der Weiterentwicklung der Methode auch der Mensch profitieren. Hunde sind genau wie Menschen von Natur aus anfällig für Krebs und haben ähnliche biologische Voraussetzungen.

Hoffnung aus der Forschung

Dr. Bianchini und sein Team von der Komparativen Medizin-Abteilung des Messerli Forschungsinstituts entwickeln Antikörper gegen bestimmte Proteine, sogenannte Immun-Checkpoints, die die Immunantwort gegen Tumoren hemmen. Sie fanden heraus, dass diese Immun-Checkpoints bei Menschen und Hunden identisch sind. Außerdem entdeckten sie, dass die Antikörper, die in der klinischen Anti-Tumor-Immuntherapie beim Menschen eingesetzt werden, die sogenannten Immun-Checkpoint-Inhibitoren (die vielen Menschen, die mit früheren Anti-Tumor-Therapien eine schlechte Prognose hatten, das Leben retten), die Immun-Checkpoints von Hunden erkennen können. „Wir waren in der Lage, den menschlichen Antikörper zu verwenden, um die Immun-Checkpoints auf Hundetumorzellen zu binden, und haben sie somit kompatibel für Hunde gemacht. Den menschlichen Teil des Antikörpers, der mit Hunden nicht kompatibel ist, haben wir so modifiziert, dass unerwünschte Immunreaktionen minimiert und erfolgreich eine Anti-Tumor-Immunantwort erzeugt werden konnte“, sagt Dr. Bianchini.

Therapie für Hund & Mensch

Diese Erkenntnis ist deshalb so bemerkenswert, weil viele Studien und Herstellungsverfahren für menschliche Antikörper bereits abgeschlossen sind. Um eine marktrelevante Immuntherapie für Hunde zu produzieren, könnten die Wissenschaftler jahrelange Forschungsprozesse abkürzen. „Menschen und Hunde sind sich sehr ähnlich, wenn man die Immunreaktion und die Art der Krebserkrankungen betrachtet, von denen sie betroffen sind. Aus diesem Grund werden viele therapeutische Behandlungen von Menschen auf Hunde übertragen. Aber wir sind unterschiedliche Spezies, und viele Tumoren treten beim Menschen häufiger auf als beim Hund oder umgekehrt. Von der Krebsforschung bei Hunden würden auch Menschen profitieren. Die Heilung von Hunden könnte helfen, die Dosierung und die Immunantwort bei Kindern zu verstehen. Eine Art Winwin-Situation“, erklärt Dr. Bianchini.

Die Krebsimmuntherapie macht Hoffnung. Aber es gibt noch andere vielversprechende Forschungsansätze. In den Vereinigten Staaten arbeiten gerade mehrere Universitäten in einer groß angelegten VACCS-Studie („Vaccination Against Canine Cancer Study“) daran, einen Impfstoff gegen Krebs bei Hunden zu entwickeln. Der Impfstoff soll die häufigsten

Arten von Krebs verzögern oder gar verhindern. Die Hoffnung: Zeigt die Studie die anvisierte Wirkung, könnte man auch für Menschen ähnliche Wege beschreiten. Das amerikanische Forschungsteam ist zuversichtlich, denn nicht nur werden Hunde von ähnlichen Krebsarten befallen wie wir Menschen, sie teilen auch unseren Lebensraum und Lebensstil. Sollte die Studie tatsächlich ein Erfolg sein, wäre das eine medizinische Sensation.

Obwohl jeden Tag mehr über Krebs herausgefunden wird, lässt er sich noch nicht verhindern. Aber man kann die Weichen dafür stellen, dass sein Tier nicht erkrankt – selbst dann, wenn es genetisch prädisponiert ist. „Übergewicht ist immer ein Faktor, den man vermeiden sollte. Auch eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist wichtig. Bewegung ist gut und nicht zu viel Stress“, sagt Krebsspezialist Kessler. Auch wenn es inzwischen zahlreiche Behandlungsmethoden gibt und zahlreiche vielversprechende Studien, existiert dennoch kein Allheilmittel gegen Krebs.

Wer einen kranken Hund hat, möchte manchmal trotzdem daran glauben. „Mit der Verzweiflung von Hundehaltern lässt sich viel Geld machen. Aber jeder sollte mehr als skeptisch sein, wenn jemand ein Verfahren verspricht, das gegen alle Tumoren hilft“, warnt Dr. Kessler. „Doch die Medizin macht Fortschritte und wer weiß, wo wir in zehn Jahren stehen. Ohne dass wir neue Wege ausprobieren, werden wir nicht weiterkommen.“

DR. BIANCA KLEMENT