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Gemeinschaft pflegen: Dorfleben


der pilger - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 28.05.2020

In dem kleinen Dorf Friesenhausen in Unterfranken haben sich Alteingesessene und Zugereiste an einen Tisch gesetzt und überlegt, wie sie das Leben in dem Dorf gestalten können, sodass Jung und Alt zusammen hier eine Zukunft haben.


Artikelbild für den Artikel "Gemeinschaft pflegen: Dorfleben" aus der Ausgabe 2/2020 von der pilger. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: der pilger, Ausgabe 2/2020

Felder in Grün und Gelb, sanfte Hügel mit winzigen Dörfern dazwischen: Wenn Christian Wittmann, 57, von München ins unterfränkische Friesenhausen fährt, ist es immer wieder die unberührte Landschaft, die sein Auge erfreut. In der Vergangenheit war hier Zonenrandgebiet und keine Gegend, in die jemand freiwillig zog. Christian Wittmann, früher bei der Bundeswehr und heute ...

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... Vorsitzender des Vereins „Besser gemeinsam leben“, fährt die drei Stunden von München Richtung Bamberg einmal die Woche, weil er immer noch Verpflichtungen in der Großstadt hat.

Doch auch in Friesenhausen gibt es viel zu tun: Er muss den Bürgermeister treffen und mit „Allround-Managerin“ Andrea Meub die Pflanzung der alten Obstbaumsorten besprechen, am Wochenende kommen seine Kinder mit der Enkelin zu Besuch. Außerdem gibt es am Abend eine Theaterveranstaltung. Das Vorspeisenbuffet für die Pause, zubereitet vom Dreiergespann Andrea, Christa und Anna Maria, ist allein schon eine Reise wert. Nach dem kurzen Check-up in der Kleinkunstbühne fahren wir in die Hofeinfahrt ein: Es ist ein großzügiges Anwesen, das sich Christians verstorbener Vater Anselm für das Leben im Alter ausgesucht hat, und damit fing schließlich auch das neue Leben in Friesenhausen an. Das Haus der Wittmanns hat über dreihundert Quadratmeter Wohnfläche, großzügige Wiesen, einen Gemüsegarten. Ein Privileg? Ja und nein. Zu dem Preis hätte es in der Großstadt eine fünfzig- Quadratmeter-Wohnung gegeben.


„In einer echten Gemeinschaft wird aus vielen Ich ein Wir.“
Erwin Ringel (1921-1994), österreichischer Psychologe


Vor zehn Jahren ist Familie Wittmann in das 350-Seelen-Dorf Friesenhausen gezogen. Davor hatte das Anwesen einer Frankfurter Familie gehört. Jetzt sind’s halt Münchner, Städter eben, hatte man das im Dorf skeptisch kommentiert. Bald wurde klar, dass die Wittmanns anders waren: Sie gingen in den Sportverein, auf Dorffeste und waren neugierig auf die Umgebung. Vater Anselm war damals schon überzeugt, dass man auch auf dem Dorf alt werden konnte, wenn es nur gegenseitige Hilfe gab. Natürlich musste man die richtigen Leute finden, mit denen eine unterstützende Nachbarschaft möglich war.

Nachbarin Heidi Kettler beobachtete von ihrer Speisekammer aus genau, was im Haus gegenüber geschah. Schließlich fasste sie sich ein Herz und klingelte: Ob sie sich denn Eier ausleihen könne? Eine Woche später ging ihr der Knoblauch aus. Heute lacht sie schallend über diese Annäherung, die am Ende erfolgreich war. Das Haus, der frühere Seidleinshof, lag an der Dorfstraße, davor befand sich die alte Waage für die Schweinemast. Der Geruch der Mast drang durch das ganze Dorf. Wie hoch denn der Scheck sein müsse, damit der Gestank endlich aufhöre, fragte Vater Anselm, Typ liebenswürdiger bayerischer Grantler. „Anselm, das kostet richtig viel Geld“, sagte Heidi Kettler damals. Bald darauf wurde ihr Mann krank, in ihrer Küche gab es fortan ayurvedisches Gemüse statt Schweinebraten. Manchmal kochte sie eine Portion mehr und stellte sie bei den Wittmanns vor die Tür. Das Eis war gebrochen. Wie viele auf dem Land hatte Heidi Kettler einen Gemüseacker, und das brachte Christian Wittmann auf eine Idee. Wie wäre es, wenn man einen Acker gemeinsam bewirtschaftete und jeder seine Fähigkeiten einbrachte? Die Idee wurde von elf Familien begeistert aufgegriffen.

Bei den Wittmanns im Hof wird ein Flohmarkt veranstaltet. Wer ein bisschen Zeit zum Stöbern mitbringt, findet das ein oder andere schöne Stück.


Jeder bringt sein Wissen ein, wie in einer Großfamilie

Gesät, gegossen, geerntet wurde gemeinschaftlich, was übrig blieb, wurde zu Saucen gekocht und eingelegt. Pfarrerin Melanie von Truchseß berichtet, dass sie, zuständig für sechs Mini-Gemeinden, zwar nie Zeit für das Gießen hatte, aber begeistert die reifen Tomaten für den Sugo eingekocht hat. Es war wie in einer richtigen Großfamilie, jeder brachte seine Qualitäten ein: Der eine hatte ein besonderes Marmeladenrezept, der andere brachte 150 Gläser vorbei. Das meiste war für den Eigenbedarf, was übrig blieb, gab man auf Dorffesten gegen eine Spende weiter. Christian Wittmann erinnert sich heute noch, wie das gemeinsame Ernten und Einmachen auf der Terrasse seines Anwesens die Dorfgemeinschaft zusammengeschweißt hat. Von da an traf sich manchmal das halbe Dorf am Abend zum Austausch und überlegte, was für die Dorfgemeinschaft nützlich wäre. Man müsste etwas für die Alten tun, verstärkt auf biologischen Anbau setzen. Zum Glück konnte man an einem Projekt der Dorferneuerung teilnehmen, das weiteren Ansporn gab. Alle wollten schließlich inmitten dieser idyllischen Natur auch gesund leben und im Alter wohnen bleiben.

Gutes Essen bringt Menschen an einen Tisch – mit viel Herz und feinen Köstlichkeiten empfangen die Betreiber des Cafés VeReNa (vegetarisch, regional und nachhaltig) ihre Gäste. Das Café ist ein beliebter Treffpunkt für die Einwohner, aber auch für Besucher von außerhalb.


Christian Wittmann hatte während seiner Zeit bei der Bundeswehr als Ausgleich nach einer sozialen Tätigkeit gesucht und zwei Bewohner in einem Münchner Altenheim betreut. Auch daher wusste er: Das Heim war keine Perspektive. In einem Münchner Altenheim hatte er auch Anna Maria Steiner kennengelernt, die als Sozialarbeiterin tätig war. Mit ihr nahm der Gedanke, wie man in Friesenhausen im Alter leben könnte, Gestalt an. Natürlich hätte niemand bei den Nachbarn geklingelt und gefragt, wie sie im Alter leben wollten! Bei einer so direkten Frage über das Alter, das die meisten am liebsten ohnehin verdrängen, wäre die Tür wahrscheinlich sofort wieder zugegangen. Auf vielen großen Höfen lebten alleinstehende Frauen, deren Söhne und Töchter in der Stadt ihrer Arbeit nachgingen. Leben im Alter ist immer noch ein Thema, mit dem sich niemand freiwillig auseinandersetzt, obwohl es bereits ein Drittel Älterer in unserer Gesellschaft gibt. Statt theoretischer Diskussion wurde hier erst einmal Nachbarschaft gepflegt, ohne dass Christian Wittmann diese wichtige Frage vergaß. Altenheime sind teuer, wusste er aus eigener Erfahrung, und außerdem haben sich viele Richtung Pflegeheim entwickelt. Ältere Menschen brauchen häufig Hilfe im Alltag, beim Einkaufen, bei Arztfahrten, aber ohne dass sie im eigentlichen Sinn „pflegebedürftig“ sind.

Ein warmer Mittagstisch und neue Arbeitsplätze

Bislang fehlte noch ein Ort im Dorf, wo sich Alte und Jüngere zum Kaffee, zum gemeinsamen Mittagstisch trafen. Vater Anselm Wittmann hatte beschlossen, sich selbst ein Geschenk zu machen. Sein Leben lang hatte er von einem Theater geträumt. Als ein Haus in der Nachbarschaft zum Verkauf stand, entstand hier zunächst eine Kleinkunstbühne. Anselm Wittmann war Unternehmer, warum sollte er sich nicht im Alter einen Lebenstraum erfüllen? Im Frühjahr 2019 ist er verstorben, aber „sein“ Theater mit strahlend blauen Wänden ist Treffpunkt für die ganze Gegend.

Im letzten September wurde neben dem Theater das Café „VeReNa“ eingeweiht: Die Abkürzung steht für vegetarisch, regional und nachhaltig. Jeden Montag gibt es warmen Mittagstisch für Dorfbewohner und Gäste, ansonsten Kaffee und Kuchen, natürlich selbst gebacken. Immer mehr Besucher aus der Stadt kommen zum Brunch ins Dorf, was wieder zwei Arbeitsplätze geschaffen hat. Das kleine Theater ist bei jeder Vorstellung gefüllt, und viele kommen, weil sie die Attraktion Friesenhausens besichtigen wollen: einen über hundert Jahre alten Dorfladen, den Andrea Meub, Leiterin des Gemüseprojekts, in mühevoller Eigenarbeit restauriert hat. Alles ist so, wie es vor hundert Jahren war: die Persil- packungen, die Dosen mit Zitronenbonbons und die Flaschen mit Lavendelwasser. „Wenn ich eine Flasche aufmache, kann ich mich wieder an den Geruch meiner Oma erinnern“, freut sich Andrea Meub, die für ihr Laden-Museum den Bayerischen Staatspreis für Denkmalpflege bekommen hat. Viele alte Menschen kommen hierher, auch Demenzkranke, und freuen sich über diesen Geruch der Erinnerung. Andrea Meub backt köstliche Kuchen für das Nachbarschaftscafé und bietet im Sommer gegen eine Spende auch Kaffee und Kuchen in der Scheune ihres Ladens an.

Dorfleben aus dem Bilderbuch: ein gemeinsames Essen mitten im Grünen, auf dem Tisch ein großer Topf mit Pellkartoffeln. Die Friesenhausener haben es mit ihren verschiedenen Projekten geschafft, unter den Dorfbewohnern ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen zu lassen.


Die Enkelin spielt mit Kater Knickohr und den Hühnern

„Bei euch in Friesenhausen geht ja die Post ab“, sagen Besucher manchmal anerkennend. Ihren Beruf als Arzthelferin hat Andrea Meub inzwischen aufgegeben, um sich dem Dorfprojekt, dem Café und dem biologischen Anbau zu widmen. Natürlich kommen bei den Wittmanns Münchner Freunde zu Besuch: Cousin Dieter blieb und richtete sich in einem Haus am Dorfrand sein Atelier ein. Seine Demenzerkrankung schreitet fort; noch kann er alleine leben, mit der Sicherheit, dass es im Dorf bei Bedarf Hilfe gibt, weil man hier wieder näher zusammengerückt ist. Christian Wittmann ist der „Kümmerer“, derjenige mit einer Vision, der sich inzwischen ganz sicher ist, dass man im Alter auf dem Land, sogar ohne Auto, gut leben kann: Man braucht helfende Nachbarn, gute Ernährung, ein Café, wo man sich trifft, und etwas Kultur. Im Januar wurde im nahen Hofheim ein weiterer Verein mit dem Namen „Wir gestalten Heimat“ gegründet, der sich der Nachhaltigkeit widmet. „Wenn man die weltweite Entwicklung sieht und die Naturkatastrophen, muss man einfach was tun.

Und hier kann man das wunderbar beginnen und ein Zeichen setzen und so vernetzen, dass es andere auch mitbekommen und sich ein Beispiel daran nehmen.“ Wenn wir unseren Lebensstil nicht ändern, werden wir in ein paar Jahren alles an die Wand fahren, sagt er, und dann sieht er seine kleine Enkelin vor sich, wie sie mit Kater Knickohr und den Hühnern mit den Federfüßen spielt. Christian Wittmanns Sohn und Schwiegertochter haben sich im nahen Hofheim niedergelassen.

Traditionen bewahren und aufgeschlossen gegenüber neuen Ideen sein, der Natur in dieser unberührten Landschaft Wertschätzung entgegenbringen: Dieser Gedanke verbindet in Friesenhausen viele, und mit den Projekten wurde auch eine Perspektive für junge Leute geschaffen.

Mit den Defiziten des Alters kann man leben, wenn man zugibt, dass man nicht mehr alles alleine kann. Wichtig ist, rechtzeitig ein tragfähiges soziales Netz herzustellen und gute Nachbarschaft zu pflegen.

Heidi Kettler kann es heute kaum fassen, was seit der Ankunft der Wittmanns alles passiert ist: Am wichtigsten ist, dass man jetzt gemeinsam über das Alter nachdenkt. Sie fühlt sich wohler, seitdem sie weiß, dass sie und ihr Mann auch im Alter im Dorf bleiben können.

Für Träume gibt es hier genügend Platz

Christian Wittmanns größter Wunsch wäre es, ein Gebäude in seniorengerechte Apartments umzuwandeln: barrierefrei, wenn auch noch nicht für Pflegebedürftige. Für sich träumt er von einer Hütte im Garten, ohne Strom, wo man wie früher leben kann: Zum Träumen und Planen gibt es in dem kleinen Dorf genug Raum.

Für Anna Maria Steiner, die einmal im Monat aus München kommt, ist das Dorf ein faszinierender Mikrokosmos in einer wunderschönen Landschaft. Ihr gefällt die ansprechende Architektur, der alte Dorfladen und das mächtige Schloss, sie mag die Menschen hier. Von Anfang an hat sie am Sonntag den Gottesdienst besucht und alle freundlich gegrüßt.

Manchmal lausche sie den Vögeln über den Bäumen, sagt Anna Maria Steiner, und in der Abenddämmerung hat die Atmosphäre in Friesenhausen fast etwas Heiliges: So muss es sein an einem Ort, an dem alle angekommen sind.

BESSER GEMEINSAM LEBEN

Mehr Infos zum Generationendorf gibt es unter www.besser-gemeinsam-leben.de, Tel. 09523-4314011 oder per Mail unter info@besser-gemeinsam-leben.de


Fotos: S.76: sp4764 / stock.adobe.com; S.77: yanadjan / stock.adobe.com; S.78 und 80: Christian Wittmann; S.79: Carolin Ulrich;