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GEMEINSCHAFT PFLEGEN: Yoga, Tee und Kräutersuppe


der pilger - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 20.02.2020

Im Kloster Grandchamp bei Neuchâtel in der Schweiz können Gäste das Fasten lernen. Dabei geht es nicht allein ums Abnehmen, sondern mehr noch um eine spirituelle Reinigung.


Artikelbild für den Artikel "GEMEINSCHAFT PFLEGEN: Yoga, Tee und Kräutersuppe" aus der Ausgabe 1/2020 von der pilger. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: der pilger, Ausgabe 1/2020

Das Leben aus dem Gebet ist das Herzstück der Schwestern von Grandchamp. Viermal am Tag versammelt sich die Gemeinschaft zum Gebet in der Kapelle Arche. Gäste sind herzlich willkommen.


Auf dem Züricher Hauptbahnhof wartet Marianne auf den Zug nach Neuchâtel. Sie kommt aus Berlin und ist auf dem Weg ins Kloster Grandchamp. Zehn Tage wird sie dort fasten: mit Gemüsebrühe, Kräutertee, Fruchtsäften und etwas Honig.

Marianne ist Lehrerin im ...

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... Ruhestand und fastenerfahren. Sie kennt das Kloster in der französischen Schweiz und hat auch schon mehrfach eine Fastenklinik in Süddeutschland besucht. Aber es ist die Atmosphäre des Klosters, die sie anzieht: „Hier hat es diese Qualität des Spirituellen, des stark nach innen gerichteten Seins, und der Tag ist strukturiert. Ich fand dieses feste Korsett immer sehr gut.“

Eine Woche vor Fastenbeginn sollen die Teilnehmer die Nahrung reduzieren, nicht rauchen, auf Fleisch, Alkohol und Kaffee verzichten. Zwei Tage vor der Abreise gibt es dann nur noch Obst und Kräutertee.

Fasten als ein Weg zur Bewusstseinserweiterung

Ein Schwächegefühl stellt sich ein. „Das wird nicht so bleiben“, sagt Marianne. „Das ist morgen, spätestens übermorgen völlig weg. Da gibt es keine Sehnsüchte mehr, nur noch die Freude an der Luft, am Himmel, an der Sonne, an dem schönen See, an den Bewegungen - und kein Gedanke mehr an Essen.“

Grandchamp ist eine denkmalgeschützte, 250 Jahre alte Anlage, deren schlichte gelbe Häuser sich um einen offenen Platz gruppieren. In dessen Mitte plätschert ein Brunnen, alte Kiefern spenden Schatten. Hier wird eine Gruppe von über zwanzig Personen, darunter drei Männer, nun zusammen die Höhen und Tiefen des Fastens erleben. Die meisten Teilnehmer reisen aus der französischen Schweiz und aus Frankreich an - denn während der Besinnungstage, auch Retraite genannt, wird nur französisch gesprochen. Seit Anfang der 1980er Jahre wird diese Retraite in dem Kloster in der französischen Schweiz angeboten. Die Nachfrage ist groß, daher muss jeder vorab seine Motivation in einem handschriftlichen Brief darlegen.

Das Kloster Grandchamp liegt malerisch im Schweizer Jura - eine wunderschöne Umgebung, um Stille und Natur zu genießen. Bis zum Lac de Neuchâtel (Neuenburgersee) sind es vom Kloster aus nur ein paar Meter. Wer Lust hat, kann während der Fastentage gerne auch im See schwimmen.
Die Schwestern legen Wert darauf, dass die Retraite-Teilnehmer nicht nur die körperliche Bedeutung des Fastens erleben, sondern durch Gespräche, Gebete, Gesang und Meditation auch die spirituelle Dimension des Fastens erfahren.

„Wir machen eine Unterscheidung“, erklärt Schwester Birgit: „Wer sucht nur den körperlichen Aspekt des Fastens, und wer kommt wirklich her, um mit dem Fasten eine spirituelle, eine geistliche Erfahrung zu verbinden?“

Françoise Wilhelmi di Toledo begleitet die Fastentage medizinisch. Die zierliche Frau von Ende sechzig kam bereits als Studentin nach Grandchamp. Als Ärztin hat sie sich auf Fasten und integrative Medizin spezialisiert. Es geht ihr nicht nur um die körperliche und seelische Reinigung, sondern auch um die spirituelle Dimension des Fastens. Immer wieder taucht das Fasten in der Bibel auf: David, Moses und Jesus - sie alle zogen sich dafür in die Einsamkeit zurück, zur Bewusstseinserweiterung, um sich auf etwas vorzubereiten oder um Gott zu begegnen.


„Das Fasten ist der Friede des Körpers.“
Chrysologus (um 380-451), Bischof von Ravenna


Die Gedanken stoppen und präsent sein

„Wenn du permanent eine mentale Aktivität verfolgst - was passiert zu Hause, mit meiner Katze, meinen Kindern, meinem Mann, meinem Büro - wie willst du da anwesend sein für Gott?“, fragt Françoise Wilhelmi. „Für das Göttliche in dir, das heißt in diesem Zustand der vollen Präsenz, wo du nur bist und nicht mehr haben willst, machen willst, denkst. Das ist die Voraussetzung des Gebets oder das Gebet selber.“

Am ersten Abend trifft sich die Gruppe nach der Andacht in der Küche. Dort stehen ein großer Obstteller und eine Schale mit warmem Apfelmus - es ist die letzte feste Nahrung für die nächste Zeit. Fortan gibt es nur noch Kräutertee, Bouillon und Fruchtsaft.

Schwester Birgit und Françoise Wilhelmi erklären das Programm. Jedem Neuling wird ein Mentor zur Seite gestellt. Das erleichtert Anfängern wie Véronique den Einstieg. „Ich habe große Angst, dass ich das nicht ertrage“, bekennt sie, „dass ich mich da in eine schwer auszuhaltende Geschichte reinbegeben habe: großen Hunger zu haben, mich zu ängstigen, vom Gedanken ans Essen beherrscht zu werden. Ich esse wahnsinnig gern. Ich stelle auch fest, wie abhängig ich von manchen Sachen bin.“

Die Tage während der Retraite laufen meistens nach dem gleichen Schema ab. Nach der Morgenandacht und dem Frühstückstee gibt es Yoga oder Pilates. Im Anschluss erläutert Françoise Wilhelmi die medizinische Seite des Fastens. Mittags wird eine klare Bouillon mit ein paar Petersilienblättchen aus der Schwesternküche gebracht. Alle löffeln schweigend die klare, wasserähnliche Suppe.

„Ich mag dieses Mittagessen, wenn man es denn so nennen kann“, lächelt Véronique, „gerade wegen der Stille. Ich komme mir vor wie auf einer Alm mit lauter Schafen, die Glocken um den Hals haben. Die bimmeln die ganze Zeit so, wie hier die Löffel klappern.“

Die Löffel klappern noch, da läutet schon die Glocke und ruft zum Mittagsgebet in die Kapelle. Dann eine Ruhestunde mit Leberwickel: Ein warmes Tuch und darüber eine Wärmflasche werden auf die Leber gelegt. Denn sie ist eines der wichtigsten Entgiftungsorgane und wird mithilfe des Wickels stärker durchblutet. Schließlich Freizeit bis 17 Uhr. Ein Vortrag zu Bibelthemen rundet den Nachmittag ab, und um halb sechs geht es schon zur nächsten Andacht. Vor dem letzten Nachtgebet in der Kapelle wird ein Fruchtsaft gereicht, und die Gruppe lässt dann in der sogenannten „Partage“, der Anteilnahme, die Erfahrungen des Tages Revue passieren.

Dem Körper mehr Aufmerksamkeit schenken

Wiegen, Blutdruck und Taillenumfang messen und alles in eine Tabelle eintragen - das gehört zum Morgen- und Abendritual der Fastenretraite. Plötzlich schenkt jeder seinem Körper viel Aufmerksamkeit, spricht von Abführmitteln und über das auf den ersten Blick peinliche Thema der Einläufe.

„Der Verdauungstrakt ist stillgelegt, man reinigt ihn und lässt ihn in Ruhe“, erklärt Fastenärztin Wilhelmi: „Es entschleunigt die Person. Man hat eine gute Energie, aber es ist nicht die Energie des Machens, es ist mehr die Energie des Seins, des Staunens, man kann alles tun, auch Spaziergänge, im See schwimmen, aber alles mit einem gewissen ruhigeren Tempo, verinnerlichter.

Viermal täglich laden die Schwestern zum Gebet in ihre Kapelle, die Arche, ein. Eine Holztreppe führt hinauf in einen großen, hohen Raum mit Dachschrägen, der an eine Scheune erinnert. Früher wurden dort Baumwolltücher getrocknet, heute wird gebetet.

Mit rohen Äpfeln und warmem Apfelmus wird das Fasten gebrochen. Nach der Zeit des Verzichts ist es notwendig, den Körper langsam wieder an feste Nahrung heranzuführen. Das richtige Fastenbrechen ist genauso wichtig wie das Fasten selbst.


Die Kommunität von Grandchamp entstand in den dreißiger Jahren. Zur Zeit leben dort über dreißig Schwestern, zehn weitere auf dem Sonnenhof bei Basel und im Ausland. Die Schwestern sind monastisch ausgerichtet, pflegen das Gebet und die Gemeinschaft und leben nach der Regel von Taizé.

„Wir sind ökumenisch offen“, erklärt Schwester Birgit, „wir fragen Gäste nicht, welches Gesangbuch sie zu Hause im Schrank haben. Als evangelische Gemeinschaft können wir auch ganz offen zur Teilnahme am gemeinsamen Abendmahl einladen und überlassen es unseren Gästen, ob sie unserer Einladung folgen oder nicht. Wir empfangen alle.“

Die Fastentage verlaufen nicht ohne Krisen. Einige haben Hunger und Kopfschmerzen, andere fühlen sich psychisch instabil, manche bekommen einen Gruppenkoller. Martine überlegt, ob sie nach Paris zurückfahren soll.

„Gestern ging es sehr gut“, sagt sie, „da hatte ich wirklich gar keine Probleme. Aber heute frage ich mich, was ich hier mache. Physisch geht es mir zwar gut, ich habe keinen Hunger, aber mental betrachtet denke ich, dass ich bei mir zu Hause besser aufgehoben wäre. Ich bin halt niedergeschlagen, aber ich denke, das geht vorüber.“ So vergehen die Tage, das Hungergefühl weicht, Leichtigkeit stellt sich ein und das Gefühl, dass der Körper gereinigt ist. Zur Halbzeit wird der Rhythmus unterbrochen, mit einer kleinen Wanderung in die Berge als erster Ausflug aus dem Schutz der Klostermauern. Das Fasten ist auch ein Sich-auf-den -Weg-machen.

Das Hungergefühl weicht, Leichtigkeit stellt sich ein

„Fasten ist eine Reise in das eigene Innere“, bemerkt Françoise, Teilnehmerin aus Annecy. „Ich konnte mir nicht vorstellen, was das Leben ohne Essen bedeutet. Wir tauchen beim Fasten in verschiedene Identitäten ein: Ich entdecke meine starken Seiten, aber auch meine Grenzen. Ich suche nach meiner wirklichen Identität. Durch das Fasten betrachte ich die großen Abschnitte meines Lebens, die mich transformiert haben, und kann sie zu einem Ganzen zusammenfügen.“

Am achten Tag wird das Fasten gebrochen. In der Küche stehen ein Topf mit Apfelkompott und rohe Äpfel. Dazu für jeden eine Mandel und zwei Haselnüsse. In den nächsten Tagen werden die Reserven des Körpers langsam wieder aufgefüllt - zum Schluss mit einem Festmahl am schön gedeckten Tisch. Gut kauen, kleine, einfache Mahlzeiten mit qualitätsvollen Zutaten einnehmen und langsam wieder in den Alltag zurückkehren. Die Gesichter haben sich in der Zeit verändert: Sie sind offener, wacher und klarer geworden.

Kloster Grandchamp

Die Kommunität Grandchamp ist eine monastische Gemeinschaft von Schwestern, die aus unterschiedlichen Kirchen und verschiedenen Ländern kommen. Aufgrund ihrer ökumenischen Berufung setzen sie sich ein für Versöhnung unter den Menschen sowie für Ehrfurcht vor allen Geschöpfen. Die Kommunität ruht auf den drei Säulen Gebet und Liturgie, gemeinsames Leben und dem Empfang von Gästen.
Communauté de Grandchamp, Grandchamp 4, 2015 Areuse, Schweiz, Tel: 0041-32842-2492, www.grandchamp.org/de


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