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GEMISCHTER ODER GLUTENFREIER HAUSHALT ?


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Gluten Free - epaper ⋅ Ausgabe 23/2022 vom 11.05.2022

RATGEBER

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Bildquelle: Gluten Free, Ausgabe 23/2022

PATRIZIA UND JÜRGEN SCHMIDTLEIN

Bei Patrizia wurde 2008 Zöliakie diagnostiziert. Zunächst lebte sie mit ihrem Mann Jürgen noch in einem gemischten Haushalt, in dem es Nudeln und Brot in beiden Varianten gab. Als nach und nach die glutenfreien Alternativen immer besser wurden, stiegen sie auf einen glutenfreien Haushalt um. Als Vorteil sehen die beiden vor allem das geringere Kontaminationsrisiko, was zu einem entspannten gemeinsamen Miteinander beiträgt. Patrizia und Jürgen Schmidtlein sind die Gründer des Zöliakie Austauschs, Deutschlands größter Facebookgruppe zu Zöliakie und zur glutenfreien Ernährung

. www.zoeliakie-austausch.de

SARA ZEITLMANN

erhielt ihre Zöliakiediagnose 2016. Von Anfang an lebt sie mit ihrem Mann und ihrer inzwischen siebenjährigen Tochter in einem gemischten Haushalt, der zu etwa 70 Prozent glutenfrei ist. Vor allem Nudeln und Brot gibt es für ihren Mann und ihre ...

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... Tochter glutenhaltig. Gebacken wird aber ausschließlich glutenfrei. Sara Zeitlmann ist auch Ernährungsberaterin und hat das Blogazin schnabel-auf.de ins Leben gerufen. Hier möchte sie Familien zeigen, dass Gesundsein und Genießen kein Widerspruch sind. Ein Autorenpool aus Ärzten und Ernährungsexperten gibt regelmäßig Tipps auf der Plattform.

www.schnabel-auf.de

Warum haben Sie sich für einen glutenfreien bzw. gemischten Haushalt entschieden?

PATRIZIA SCHMIDTLEIN:

Im ersten Jahr nach der Diagnose führten wir noch einen gemischten Haushalt. Nudeln haben wir dann zum Beispiel immer doppelt gekocht. Dieses doppelte Kochen hat uns aber genervt und als es dann gute glutenfreie Nudeln gab, die Jürgen auch vertragen hat (wir hatten nämlich zuerst welche, die er nicht gut vertragen hat), haben wir umgestellt. Weil wir nur zu zweit sind, ist es finanziell auch nicht so viel Mehraufwand wie beispielsweise bei einer fünfköpfigen Familie, in der nur einer Zöliakie hat. Da viele frische Lebensmittel an sich glutenfrei sind, haben wir auch immer weniger auf Fertigprodukte zurückgegriffen und mehr selbst gekocht. Außerdem haben wir so viel weniger Angst vor Kontamination.

JÜRGEN SCHMIDTLEIN:

Da ich mitbekommen habe, welche Auswirkungen Gluten hat, will ich das einfach aus der Wohnung verbannen. Ich will ja, dass es meiner Frau gut geht und hätte sonst keine Ruhe.

PATRIZIA SCHMIDTLEIN:

Allerdings haben wir zunächst leider nicht alle Kontaminationsquellen erkannt – ein Jahr lang haben wir, da wir es nicht besser wussten, denselben Toaster verwendet und auch bei Essig nicht beachtet, dass er Gluten enthält.

SARA ZEITLMANN:

Wir haben es von Anfang an als Krankheit gesehen, die nur mich betrifft.Deshalb sind wir auch gar nicht auf die Idee gekommen, den ganzen Haushalt auf glutenfrei umzustellen. Als ich mich mehr damit beschäftigt habe, dass es diese Möglichkeit gibt, bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass eine glutenfreie Ernährung für meine Tochter, die keine Zöliakie hat, nicht sinnvoll ist, da eine glutenfreie Ernährung für Nichtbetroffene nicht komplett gesund ist. Am Anfang habe ich auch vor allem von glutenfreien Ersatzprodukten gelebt. Da diese teilweise etwas gewöhnungsbedürftig schmecken, wollte ich das meiner Familie ersparen. Außerdem spielt der finanzielle Aspekt eine Rolle bei dieser Entscheidung. Nur gebacken wird ausschließlich glutenfrei, weil ich keine Lust habe auf doppelten Mixer, doppelten Teigschaber und herumfliegendes Mehl. Und wenn ich etwas paniere, wird für alle glutenfreies Paniermehl verwendet. Auch wenn Freunde zum Brunchen kommen oder wenn wir gemeinsam grillen, gibt es nur noch glutenfrei, sonst funktioniert es nicht. Wir würden den Besuch sonst unnötig überfordern.

Welche Vorteile sehen Sie darin?

PATRIZIA SCHMIDTLEIN:

Der große Vorteil des glutenfreien Haushalts ist einfach das Thema Kontamination. Das ist bei uns der Hauptgrund. Seit Jürgen kein glutenhaltiges Brot mehr kauft, bin ich viel entspannter und muss keine Angst haben, wenn ich einen Brösel in der Butter sehe. Ein glutenfreier Haushalt bietet einen Ort der Sicherheit. Ein Vorteil ist auch das Thema Hygiene. Jede Küche muss sauber sein. Aber ich möchte nicht dauernd am Putzen sein. Wir finden auch gut, dass die Zöliakie dadurch nicht im Mittelpunkt steht, sondern mehr das Gemeinsame. Wir teilen nicht in „meins“ und „deins“.

SARA ZEITLMANN:

Ich sehe vor allem den finanziellen Aspekt. Würden mein Mann und meine Tochter jetzt auch alles glutenfrei essen, wäre mir das schlichtweg zu teuer. Die glutenfreie Ernährung ist für Nichtbetroffene auch nicht komplett gesund. Gerade bei Kindern, die ja viel zu Hause essen, ist das ein wichtiger Aspekt. Nur wenn wir in den Urlaub fahren und in einer Ferienwohnung sind, da ernähren wir uns wirklich rein glutenfrei und die beiden essen dann nur in Restaurants glutenhaltig. Weil in einer Ferienwohnung dann noch mehr aufzupassen als ohnehin schon, das möchten wir einfach nicht.

VORTEILE GLUTENFREIER HAUSHALT

Entspannter, da im eigenen Haushalt weniger auf Kontamination geachtet werden muss Gemeinsames Kochen steht mehr im Vordergrund Die Zöliakie ist nicht ständig Gesprächsthema

VORTEILE GEMISCHTER HAUSHALT

Finanziell günstiger, da glutenfreie Ersatzprodukte in der Regel teurer sind Kinder lernen in einem gemischten Haushalt besser, mit ihrer Erkrankung umzugehen Für Nichtbetroffene möglicherweise gesünder, da glutenfreie Ersatzprodukte oft weniger gesund sind

Tipp

DER GOLDENE MITTELWEG

Der Unterschied zwischen gemischten und glutenfreien Haushalten muss gar nicht so groß sein. Um Sicherheit zu schaffen, kann der Großteil des Haushalts auf glutenfrei umgestellt werden und nur bei glutenfreien Ersatzprodukten bereitet man nach Belieben zusätzlich eine glutenhaltige Alternative zu. Etwa wenn es Nudeln mit Bolognese gibt: Die Soße kann problemlos für die Familie mit denselben Zutaten zum gleichen Preis für alle glutenfrei zubereitet werden und ob aus Geschmacksgründen oder wegen des höheren Preises können zwei Sorten Pasta gekocht werden. Aber alles andere bleibt gleich: der Salat, die Soße, der Parmesan.

Welche Vorteile hat es für Kinder mit Zöliakie, in einem gemischten oder glutenfreien Haushalt aufzuwachsen?

PATRIZIA SCHMIDTLEIN:

Ich merke als Erwachsene schon, wie wichtig mir diese Insel der Sicherheit ist. Wenn ich jetzt ein Kind mit Zöliakie hätte, wäre es mir viel zu anstrengend mit dem ganzen Gebrösel – also wenn das Kind keine Zöliakie hätte, ich aber schon. Ich brauche diesen rein glutenfreien Haushalt einfach für mich. Sonst tue ich mich am Tisch einfach zu schwer. Auch wenn ich mich in ein Kind reinversetze, tendiere ich zum glutenfreien Haushalt. Allerdings hat auch der gemischte Haushalt Vorteile, da das Kind direkt darauf getrimmt wird, auf was es achten muss. So würde es sich im Kindergarten, in der Schule oder bei Freunden leichter tun.

JÜRGEN SCHMIDTLEIN:

Der Vorteil bei einem gemischten Haushalt ist, dass das Kind gleich mit dem Thema Kontamination vertraut wird. Wo soll es das sonst lernen, wenn nicht in einem Umfeld, wo man als Eltern die Kontrolle darüber hat?

PATRIZIA SCHMIDTLEIN:

Vielleicht ist das auch eine Alterssache: In den ersten zwei bis drei Jahren soll das Kind zu Hause alles essen dürfen und bei der Eingewöhnung in den Kindergarten stellt man dann um.

SARA ZEITLMANN:

Da Kinder am meisten zu Hause lernen, finde ich den glutenfreien Haushalt aus erzieherischen Gründen schwierig. Bis zu einem gewissen Alter verstehen Kinder nicht, warum etwas zu Hause okay ist und außerhalb nicht. Ich finde es besser, den Kindern anzutrainieren: Ich muss aufpassen auf meinen Körper und das von A bis Z! Selbst meine Tochter als Nichtbetroffene hat das jetzt im Kopf und fragt mich zur Sicherheit, ob das die richtige Butter ist etc. und so achtet sie eben nicht nur zu Hause darauf, sondern auch im Restaurant oder in der Ferienwohnung. Aber natürlich ist es auch anstrengend für alle, ständig aufpassen zu müssen. Wobei ich glaube, dass das Problem eher in meinem Kopf besteht, weil mir die beiden manchmal leid tun. Ich glaube, dass es für sie gar kein Problem ist. Aber ich denke mir manchmal, es wäre so schön, wenn es für die beiden unkomplizierter wäre.

In welchen Situationen oder Familienkonstellationen ist ein gemischter oder glutenfreier Haushalt sinnvoll?

PATRIZIA UND JÜRGEN SCHMIDTLEIN:

Bei einem reinen Paar-Haushalt ohne Kinder sehen wir viele Vorteile beim glutenfreien Haushalt. Man kann sich wieder auf sich konzentrieren, ist viel entspannter und muss keine Angst haben, ob man in die richtige Süßigkeitenschublade greift. Der Austausch und die Gemeinsamkeit stehen im Vordergrund. Für eine Familie, bei der mehrere Familienmitglieder nicht unbedingt glutenfrei essen müssen, bietet ein gemischter Haushalt natürlich finanziell Vorteile. Es kommt aber auch immer auf die eigenen Essgewohnheiten an. Wir kochen jeden Abend selbst und wüssten nicht, wo wir da unbedingt Gluten unterbringen sollen. Wird dagegen häufig Pasta und Brot gegessen, ist ein gemischter Haushalt möglicherweise besser.

SARA ZEITLMANN:

Wenn man als Single-Haushalt Zöliakie hat, dann führt man natürlich einen glutenfreien Haushalt. Aber sobald man in einer Gemeinschaft lebt mit anderen, die keine Zöliakie haben, ergibt aus meiner Sicht ein glutenfreier Haushalt nicht wirklich Sinn. Gerade Kinder lernen in einem gemischten Haushalt viel besser den Umgang mit ihrer Erkrankung.

Tipps

VON SARA ZEITLMANN FÜR GEMISCHTE HAUSHALTE

Damit im gemischten Haushalt alles reibungslos abläuft und es möglichst zu keiner Kontamination kommt, gibt Sara Zeitlmann Tipps, wie sich der Haushalt einfach organisieren lässt:

FARBLICHE MARKIERUNG

Mit einer farblichen Kennzeichnung können die Küchenutensilien klar voneinander getrennt werden. Bei betroffenen Kindern bietet sich zum Beispiel die Lieblingsfarbe an. Die glutenfreien Lebensmittel können dann mit der gleichen Farbe markiert werden, zum Beispiel mit Aufklebern oder Bändern.

Manchmal kann es auch sinnvoll sein, nur die glutenhaltigen Utensilien und Lebensmittel zu kennzeichnen, wenn davon weniger vorhanden sind.

RÄUMLICHE TRENNUNG

Um Kontaminationen zu vermeiden, müssen glutenhaltige und glutenfreie Lebensmittel getrennt voneinander gelagert werden. Bei einer großen Küche mit vielen Schränken und separater Speisekammer ist das etwas einfacher.

In einem kleinen Haushalt empfiehlt Sara Zeitlmann, die glutenfreien Lebensmittel zumindest in einem Extrafach über den glutenhaltigen Produkten zu lagern. Das Glutenfreie sollte dabei immer so platziert sein, dass nichts Glutenhaltiges daraufrieseln kann. Auch beim Nudelkochen am besten den Topf mit den glutenfreien Nudeln hinter den mit den glutenhaltigen stellen. So wird eine Kontamination beim Probieren der Nudeln vermieden.

UTENSILIEN AUS GLAS

Vom Schneidebrett über Schüsseln bis zu Frischhaltedosen – Utensilien aus Glas sind kratzfest und können so von allen verwendet werden, bzw. ist es nicht so schlimm, wenn sie einmal falsch benutzt wurden.

NICHTS AUF DER ARBEITSFLÄCHE ABLEGEN

Grundsätzlich gilt bei Sara Zeitlmann, dass keine Lebensmittel direkt auf die Arbeitsfläche gelegt werden dürfen.

Also ein Brot muss immer auf einem Brett oder Teller liegen. So wird eine Kontamination durch Brösel vermieden.

Tipps

VON PATRIZIA UND JÜRGEN SCHMIDTLEIN FÜR GLUTENFREIE HAUSHALTE

In glutenfreien Haushalten steht weniger die Alltagsorganisation, um Kontaminationen zu vermeiden, im Vordergrund. Damit alle mit der Regelung zufrieden sind und keine Spannungen aufkommen, geben Patrizia und Jürgen Schmidtlein ein paar Tipps für ein entspanntes Miteinander:

DIE KÜCHE GLUTENFREI GESTALTEN

Am Anfang ist es sinnvoll, alles Glutenhaltige auszusortieren. Dabei schaut man bei den Lebensmitteln, die standardmäßig zu Hause sind, welche davon ohnehin glutenfrei sind oder einfach glutenfrei gekauft werden können. Als erster Schritt wird dann alles auf glutenfrei umgestellt, was geschmacklich keinen Unterschied macht.

VON DER POSITIVSEITE AN DIE UMSTELLUNG HERANGEHEN

Bei der Umstellung auf einen glutenfreien Haushalt empfiehlt Patrizia Schmidtlein nicht von der Negativseite heranzugehen, sondern von der Positivseite. Die Einstellung ist entscheidend: Leide ich unter meiner Zöliakie, esse nur noch Ersatzprodukte und bedauere mich selbst, oder koche ich etwas, bei dem man nicht merkt, ob es glutenfrei ist?

JEDEM SEINEN FREIRAUM LASSEN

Wenn man jeden miteinbeziehen möchte, dann ist es wichtig, jedem seinen Freiraum zu lassen. Auch bei Patrizia und Jürgen Schmidtlein wird nicht jedes Gluten dogmatisch aus dem Haushalt verbannt, sondern Jürgen bestellt sich auch mal eine glutenhaltige Pizza oder Patrizia bringt ihm etwas vom Bäcker mit. Gekocht und gebacken wird aber immer gemeinsam glutenfrei.

AKZEPTANZ

Wenn die anderen Familienmitglieder mal glutenhaltig essen, ist für ein gutes Miteinander auch wichtig, dass die Zölis das akzeptieren und nicht darunter leiden, da es sonst für den anderen auch schwer wird. Damit das leichter fällt, bereitet sich Patrizia in diesen Fällen immer eine vergleichbare glutenfreie Alternative zu.