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Generation Dauerpleite


Jolie - epaper ⋅ Ausgabe 10/2018 vom 01.09.2018

Das Leben wird immer teurer, die Jobsuche immer schwieriger, diefinanziellen Sorgen werden immer größer. Können Millennials da noch optimistisch in die Zukunft sehen, ohne Angst vor Altersarmut zu haben?


Ziemlich selbstbewusst, ehrgeizig, immer flexibel. Im Job wird großer Wert auf eine gesunde Work- Life-Balance gelegt. Und so ganz nebenbei wird die Welt noch ein wenig verbessert. Nur: So viele Ideale, Ambitionen und Ideen die Generation Y auch hat … die sogenannten Millennials – also jene jungen Menschen, die irgendwann zwischen 1980 und kurz vor der Jahrtausendwende geboren wurden – stehen auch vor ...

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Bildquelle: Jolie, Ausgabe 10/2018

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... immensen Problemen. Ihre größte Herausforderung: das liebe Geld. Natürlich haben viele von den Eltern eine Tipptopp-Ausbildung finanziert bekommen. Aber wie geht es danach weiter? Wie kommt jemand finanziell über die Runden, wenn Mama und Papa den Geldhahn zudrehen? Und sollte am Monatsende doch etwas übrig bleiben, vielleicht für die Altersvorsorge: Wohin dann mit dem Geld?

Sophia Holst (25) Sehr viele sind auf Jobsuche


Wer glaubt, die Millennials würden ihr Geld verprassen und es lieber in exotische Urlaube, schicke Klamotten und gesundes Essen aus dem Bioladen investieren, irrt. Zwar achten sie mehr als jede andere Generation auf eine ausgewogene Ernährung. Aber wenn die Kohle für ein gutes Stück Fleisch nicht reicht, dann gibt es eben nur Gemüse.

Fakt ist: Die Lebenshaltungskosten steigen ständig. „Gerade in den größeren Städten muss man heutzutage leider schon bis zu 40 Prozent des Nettogehalts für die Miete einkalkulieren“, sagt Kerstin Föller von der Hamburger Verbraucherzentrale. Da wird eine eigene Wohnung zum Luxusobjekt. Wer soll da noch für ein Eigenheim oder die Altersvorsorge sparen?

„Geld ist in meinem Freundeskreis ein sehr aktuelles Thema“, sagt Sophia Holst. Die 25-Jährige hat in Köln und in der Schweiz studiert, dort ihren Master of Arts in Sustainable Luxury Management gemacht. Das klingt nach guten Voraussetzungen, um Karriere zu machen, ein angemessens Gehalt zu bekommen und in ein sorgenfreies Leben zu starten. Aber gerade scheitert sie schon daran, überhaupt einen Job mit einer Zukunftsperspektive zu ergattern: „Bis jetzt habe ich 50 Bewerbungen geschrieben. Und hatte ein einziges Bewerbungsgespräch. Es hat aber nicht geklappt.“ Was für die junge Frau – neben den Absagen – frustrierend ist: „Ich bekomme vor allem automatisierte Antworten. Und von zwei Firmen kamen meine Bewerbungen innerhalb von 24 Stunden zurück. In der Zeit kann sie sich doch niemand angesehen haben.“ Wie es weitergeht? Sie zuckt mit den Schultern. Klar ist Aufgeben keine Alternative. Eine lange Reise, ein Jahr im Ausland kommen nicht infrage: „Mir ist der Job wichtig, also, einen Job zu finden.“ Im Moment verdient sie etwa 1500 Euro netto. Allerdings gibt es für sie bei ihrem derzeitigen Arbeitgeber keine Möglichkeit weiterzukommen. Und mit ihrem eigentlichen Traumberuf im Bereich Responsibility Development hat es auch nichts zu tun. Wäre eine Auszeit keine Alternative? „Dafür bin ich zu alt“, bemerkt die 25-Jährige. Das passt nicht zu dem Bild, das viele von der freiheitsliebenden und sorglosen Generation Y haben.

DIE EXPERTEN

KERSTIN FÖLLER

Leiterin der Abteilung Insolvenz, Kredit und Konto der Verbraucherzentrale Hamburg

ERIC BUSSERT

Vertriebs- und Marketingvorstand der HanseMerkur Versicherungsgruppe

CHRIS NEVERMANN

Vermögensberater der Hamburger Sparkasse

Anika Schneider (32) hat eine private Rentenversicherung. Mehr geht nicht


„84 % wollen mehr Finanz- Infos in der Schule“


Auch beim Thema Sparen ist sie weniger naiv, als manche es den jungen Menschen unterstellen: „Klar denke ich darüber nach.“ Ihr Problem – mal abgesehen von der Tatsache, dass das Geld nicht reicht: Wo und wie soll sie es denn überhaupt anlegen? Das klassische Sparbuch lohnt sich wohl kaum. Und von Aktien & Co. haben die wenigsten eine Ahnung.

Die Jugendstudie des Bankenverbandes kam zu dem Ergebnis, dass sich 84 Prozent der jungen Menschen mehr Informationen über wirtschaftliche Zusammenhänge schon in der Schule wünschen. Zwei Drittel wären sogar für die Einführung eines eigenen Unterrichtsfachs. Zu Recht. Denn 53 Prozent der Jugendlichen wissen nicht einmal, was eine Rendite ist. Es ist der Ertrag, den eine Geldanlage über einen bestimmten Zeitraum erzielt.

Auch Anika Schneider (32) würde das Thema Finanzen gerne ausblenden. Sie arbeitet 20 Stunden in der Woche fest als Coordination Coach in einem Studio. Damit sind die monatlichen Fixkosten drin. Ihr Traum: irgendwann als Personal Trainerin mit ihrem eigenen Fitness- und Ernährungsprogramm (trainition.com) genug Geld verdienen. Aber die Branche ist hart, das Einkommen schwankt. „Mal habe ich im Monat nur 1200 Euro, mal sind es 2 500 Euro“, sagt sie. 550 Euro gehen für die Miete drauf, für eine 29-Quadratmeter-Wohnung in Hamburg. Ihre weiteren Kosten: „Ich bin nur in Teilzeit fest angestellt, daher habe ich eine private Zusatzversicherung – sollte ich einmal länger krank sein. Das sind 50 Euro monatlich. Und ich zahle jeden Monat in eine private Rentenversicherung ein. Der Betrag erhöht sich jährlich. Aktuell sind es 65 Euro.“ Anika weiß: „Klar sollte ich mehr machen. Aber das ist nicht drin.“ Sie verzichtet auf teure Klamotten, und auch in ihrer Wohnung fehlt noch das ein oder andere Möbelstück. Anika: „Ich bin nach meiner Ausbildung ein Jahr durch Australien gereist und hatte damals alles verkauft. Seitdem weiß ich: Man braucht wirklich wenig. Und es stört mich nicht, dass in meiner Wohnung noch Stühle fehlen und ich manche Kleider seit vielen Jahren trage.“ Worauf die Trainerin allerdings nie verzichten würde, ist gesundes Essen. „Ich brauche gute Nährstoffe, die mir Energie geben.“ Und die sind nicht immer günstig.

„Sich zwischendurch mal etwas zu gönnen ist okay. Es kommt dabei immer auf die gute Balance zwischen aktueller Lebensqualität und Vorsorge an. Dies ist heute wichtiger denn je“, sagt auch Chris Nevermann von der Hamburger Sparkasse. Sein Rat, um einen Überblick zu behalten: „Haushaltsbuch oder Haushalts-App sind gute Möglichkeiten, den Umgang mit Geld zu lernen und immer im Bilde über die finanzielle Lage zu sein.“ Außerdem rät er, grundsätzlich zwei bis drei Monatsgehälter als finanzielle Reserve zu haben. Es kann ja immer mal was kaputtgehen. Wenn dann noch Geld übrig bleibt, sollte man sparen. Der Tipp des Bankers: „Bausparverträge oder das Fondssparen. Insbesondere Aktienanlagen können langfristig Renditechancen bieten. Wer rechtzeitig beginnt, kann so schon mit Beträgen ab 25 Euro monatlich ein nennenswertes Vermögen aufbauen.“ Und Kerstin Föller meint zu langfristigen Anlagen: „Im Normalfall sind weder Kapitallebensversicherungen noch private Rentenversicherungen sinnvoll. Diese bieten wenig Flexibilität, um auf veränderte Lebensumstände reagieren zu können. Man muss sich fragen, ob man vielleicht später bauen möchte – da sollte das Eigenkapital relativ schnell frei verfügbar sein.“ Ansonsten plädiert sie für Indexfonds.

Und für solche trockenen Themen interessieren sich junge Menschen? Sollten sie zumindest. Laut einer Studie des F.A.Z.-Instituts und der Nürnberger Versicherung haben 50,4 Prozent der Millennials Angst vor Altersarmut. Es ist ihre zweitgrößte Sorge. Nur vor Terrorismus (58,8 Prozent) fürchten sie sich mehr. Auf Platz drei folgt mit 48,4 Prozent die Gefahr vor einem Krieg. Platz vier belegt mit 40,5 Prozent die Bedrohung durch fehlende Absicherung oder Rücklagen. Die Zahlen machen deutlich: Finanzen sind ein großes Thema für die jungen Leute von heute. Sie brauchen nur jemanden, der ihnen erklärt, wie sie mit ihrem Geld umgehen. Vor dem Sparen „muss ganz klassisch erst mal das tägliche Leben bezahlt werden“, stellt die Expertin des Verbraucherschutzes klar. „Also Miete samt Nebenkosten, Strom, Gas, Wasser, Telefon, Lebensmittel, Drogerieprodukte, Klamotten, Versicherungen.“

Noch so ein vernachlässigtes Thema – Versicherungen. Nur 33,1 Prozent geben an, eine Berufsunfähigkeitsversicherung zu haben. Das ist mehr als leichtsinnig. Eric Bussert, Vertriebsund Marketingvorstand der Hanse- Merkur Versicherungsgruppe, sagt dazu: „Wer seinen Beruf aufgrund von Krankheit oder Unfall nicht mehr ausüben kann, steht vor dem finanziellen Aus. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung gibt hier die nötige Rückendeckung, um trotzdem auf eigenen Beinen stehen zu können. Daher empfehle ich: so früh abschließen wie möglich.“ Was auch oft vergessen, aber unerlässlich ist: eine Haftpflichtversicherung. Der Experte: „Meist endet die Mitversicherung über die elterliche Police, wenn Ausbildung oder Studium abgeschlossen sind. Anschließend sollte dringend für den eigenen Haftpflichtschutz gesorgt werden. Sinnvoll ist eine Deckungssumme von mindestens zehn Millionen Euro, was bei jedem unserer Tarife gegeben ist. Die günstigste Haftpflicht-Police der HanseMerkur liegt bei 4,44 Euro pro Monat – ein wirklich bezahlbares Angebot.“ Stimmt.


„50,4 % haben Angst vor Altersarmut“


Auch wenn die Ypsiloner in ihren Ansichten sehr anspruchsvoll sind, materielle Werte haben für sie einen geringeren Stellenwert. „Ich bin ziemlich genügsam, brauche wenig, um glücklich zu sein“, sagt Simon Schulz. Er verzichtet sogar darauf, abends mit Freunden um die Häuser zu ziehen, wenn das Geld knapp ist. Für ihn kein Problem. Was dem Mediengestalter dagegen Sorgen macht, ist, einen Job zu finden, in dem er happy ist. Gerade sollte er in einer Berliner Firma die Vertriebs- und Logistikleitung übernehmen. Ein spannendes und finanziell interessantes Angebot. Aber so weit kam es nicht. „Ich sollte mit einem Praktikum starten und danach fest angestellt werden. Aber sie haben alle wieder entlassen, weil die Auftragslage für das nächste Jahr so schlecht war.“ Jetzt jobbt der 26-Jährige wieder in einer Bar, wohnt erst mal bei einem Freund. Zum Glück. „Vor dem Umzug habe ich ein WG-Zimmer gehabt – für 450 Euro im Monat.“ Die wären aktuell nicht drin. Wie es weitergeht? Simon überlegt: „Wenn man etwas will, dann kann man es auch schaffen.“ Klingt optimistisch – und ist charakteristisch: Eine positive Einstellung zeichnet die Millennials meist ebenso aus wie ihre ständigen Geldsorgen.

Simon Schulz (26) hat 450 Euro für 13 Quadratmeter gezahlt