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GENERATIONENWECHSEL


Chrom & Flammen - epaper ⋅ Ausgabe 7/2021 vom 23.06.2021

Artikelbild für den Artikel "GENERATIONENWECHSEL" aus der Ausgabe 7/2021 von Chrom & Flammen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Chrom & Flammen, Ausgabe 7/2021

Nicht gerade "Stock": Statt mit klassischen Radmuttern werden die Räder jetzt mit einem Zentralverschluss befestigt.

Quizfrage 1:

Welche Motorsportserie ist seit fast 60 Jahren extrem erfolgreich, weil sie praktisch seit damals zu großen Teilen das gleiche Konzept benutzt?

Antwort: Die amerikanische NASCAR-Serie.

Quizfrage 2:

Warum sollte man so ein erfolgreiches Konzept ändern? Antwort: Hierfür gibt es keinen einzigen vernünftigen Grund.

Versteht mich nicht falsch: In der Geschichte der NASCAR hat es regelmäßig Modellwechsel gegeben. Deshalb erleben wir ja auch gerade den Switch von Generation-6 auf die Nächste. Warum in aller Welt muss NASCAR aber lauter Schritte in die falsche Richtung gehen? Fast jede Regeländerung der letzten Jahre war ein Schuss in den Ofen und hat dazu geführt, dass weitere Hardcore-Fans sich von ihrer Lieblingsserie abgewendet haben.

Beispiele gefällig? Die unselige Armlängen-Regel, wonach sich ein Reifen beim Pitstop nur eine Armlänge vom Rad-Wechsler entfernen darf. Vollkommen ...

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... sinnlos. Wurde nach kurzer Zeit und stürmischen Fan-Protesten wieder gekippt. Oder die 5-Minuten-Regel bei Beschädigungen des Autos, wonach die Crew nur fünf Minuten Zeit an der Box hat, den Wagen wieder fahrfähig zu machen. Ein Blödsinn. Oder die Verwendung von teuren Carbonteilen statt Aluminium. Braucht kein Mensch, außer dem Hersteller. Kostet um 400% mehr und bringt dem Fan rein gar nichts.

Sehr ähnlich verhält es sich beim aktuellen Modellwechsel. Anstatt sich wieder auf ihre Wurzeln zu besinnen, wendet sich die NASCAR- Organisation in die entgegengesetzte Richtung. Es wurde krampfhaft versucht, irgendetwas Neues zu bringen und heraus kam ein Auto, das einige Neuerungen birgt, von denen aber keine Einzige dafür sorgen wird, die Rennen und die Pitstops spannender oder interessanter zu machen. Selbstverständlich muss man die Interessen der Hersteller Chevrolet, Ford und Toyota berücksichtigen. Was aber keinesfalls dazu führen darf, dass diese das Reglement diktieren. Auch das hat schon zum Exitus mancher Rennserie geführt.

Blicken wir auf die Geschichte der Serie: Was heißt NASCAR eigentlich? Die Antwort ist: National Association of Stock Car Auto Racing. Und was ist ein Stock Car? Ganz einfach: Ein vom Serienfahrzeug abgeleitetes Rennfahrzeug. Genau das hat Tourenwagen-Serien immer schon erfolgreich gemacht. Wenn der Zuseher auf der Tribüne oder zu Hause am Bildschirm sieht, wie "sein" Automodell Rennen gewinnt. Der typische NASCAR-Fan will spannende, actionreiche Rennen sehen, Duelle auf und neben der Strecke, das Ganze garniert mit ordentlich V8-Getöse und verbranntem Gummi. Guter Motorsport lebt von allen Sinnen.

Das ist neu am NASCAR Next Gen Cup Car

1. Das Chassis: Bisher bauten die größeren Teams wie Gibbs oder Hendrick ihre Fahrzeuge komplett selbst, die Kleinen kauften ihre Wagen dort ein. Ab 2022 wird es ein Einheitschassis geben, das laut NASCAR von der Firma Technique in Concord/North Carolina für alle Teams gebaut wird. Auch wenn man berücksichtigt, dass praktisch nur noch mit einem Chassistyp auf den unterschiedlichen Strecken gefahren wird, die großen Teams mit entsprechendem Budget werden mehrere Chassis nutzen. Kennt man aus dem Kartsport.

2. Das Getriebe: Anstatt wie seit Jahrzehnten ein bewährtes 4-Gang H-Schaltgetriebe zu verwenden, setzt NASCAR im Gen-7 ein sequenzielles 5-Gang Xtrac-Getriebe ein. Kostet ein Vielfaches und wird sicherlich für einige Schäden sorgen.

3. Die Hinterrad-Aufhängung: Auch hier gehen die Verantwortlichen weg vom ursprünglichen Gedanken und nutzen eine unabhängige Radaufhängung, wie sie in der IMSA-Serie gefahren wird. Selbstverständlich ist auch diese viel teurer als eine solide Starrachse, wie sie bisher verwendet wurde.

4. Das Rad-Design: NASCAR setzt erstmalig auf eine zentrale Radmutter, wie sie in den meisten Rennserien genutzt wird. Die von den Fans heißgeliebten Boxenstops mit fliegenden Radmuttern werden also bald der Vergangenheit angehören und weniger Action bieten. Zudem wird es neue Felgen aus Aluminium statt Stahl geben. Die Folge: Alle Teams müssen sich komplett mit neuen Felgen eindecken, die natürlich auch viel teurer sind als die alten.

5. Das Tank-System: Ebenso wie die fliegenden Radmuttern war das Nachtanken mit der riesigen Benzinkanne ein Fan-Highlight in den manchmal faden Rennen. Auch dies wird es 2022 nicht mehr geben und durch das Tanksystem aus der IMSA-Serie ersetzt, bei dem ein Schlauch aufgesetzt und hierdurch getankt wird.

Man muss sich wirklich fragen, ob NASCAR seine treuesten Fans mit aller Gewalt vergraulen will.

Aber schauen wir doch mal, wie NASCAR sein neues Modell und dessen Vorzüge verkauft. Zunächst soll das NextGen Cup Car eine weiterentwickelte Aerodynamik und mehr Abtrieb bieten. Die Aerodynamik und der Abtrieb spielen bei hohen Tempi eine enorme Rolle. Je nachdem, wie Front- und Heckspoiler, sowie Sideskirts und der Unterboden geformt sind, ergibt sich daraus sowohl die Fahrbarkeit und der Speed des eigenen Autos als auch die der Fahrzeuge davor, daneben und dahinter. Man kann etwa durch Verringerung oder Vergrößerung der Spoiler beeinflussen, ob und wie die Konkurrenz überholen kann. Hierfür braucht es aber keine neue Fahrzeuggeneration. NASCAR hatte bereits Aero-Packages, die extrem enge und spannende Rennen generiert haben. Warum also weiter herumexperimentieren? Der neue Diffusor am Heck wird auch nicht zu besserem Racing beitragen, wie man in anderen Serien bereits sehen konnte.

Zudem sollen Einheitskomponenten wie ein einheitliches Chassis die Kosten senken. Wenn man sich die Hauptkostenfaktoren eines NASCAR-Teams ansieht, wird aber sofort deutlich, dass das Chassis nicht dazu zählt. Bei den Jahreskosten eines Teams treten vor allem der Aufwand für die Motorenentwicklung, die Fahrergehälter - die bei Top-Piloten mehrere Millionen Dollar betragen können - und nicht zuletzt die Personalkosten deutlich hervor. Ein konkurrenzfähiges Team besteht heutzutage aus 200-300 Angestellten. Und hiervon ein großer Teil hochkarätige Spezialisten, die sich ihre Kenntnisse teuer bezahlen lassen. Das Chassis spielt also im Jahresbudget eine untergeordnete Rolle.

Und schließlich soll der neue Renner die Serie für weitere Hersteller neben Chevrolet, Toyota und Ford interessant machen. Ein frommer Wunsch, über den sich NASCAR schon lange den Kopf zerbricht. Zur Erfüllung dieses Wunsches scheinen die aktuellen Änderungen allerdings kaum geeignet. NASCAR nennt die Unterschiede zwischen Gen-6 und Gen-7 "Technical improvements", also technische Verbesserungen, ich nenne sie einen weiteren Schritt in die falsche Richtung.

Vier von fünf Neuerungen treiben die Kosten in die Höhe, statt sie zu senken. Und das sind die grandiosen Innovationen, die NASCAR uns als große Schritte in eine wunderbare Zukunft verkaufen will. Ich persönlich sehe höhere Kosten sowie langweiligere Pitstops und Rennen. Zudem verliert die NASCAR einige ihrer über Jahrzehnte gewachsenen Eigenheiten, die von den Fans heiß geliebt wurden und die NASCAR so einzigartig machten. Außerdem fehlt es in den letzten Jahren an echten Fahrer-Persönlichkeiten wie einem Richard Petty oder Dale Earnhardt. Auch Publikumsmagneten wie Da-nica Patrick, der es gelang Frauen jeglichen Alters für den Sport zu begeistern, wurden ohne Not ziehen gelassen.Selbstverständlich werden Team-Chefs und speziell die Fahrer das Gen-7 Car über den grünen Klee loben. Müs-sen sie ja auch. Machen sie es nicht oder üben even-tuell sogar Kritik daran, bekommen sie Ärger mit den NASCAR-Offiziellen. Eine eigene Meinung ist heutzutage so populär wie Zahnweh

Text: Stefan OberndorferFotos: General Motors, Ford Motor Company

Vier von fünf Neuerungen treiben die Kosten in die Höhe, statt sie zu senken. Und das sind die grandiosen Innovationen, die NASCAR uns als große Schritte in eine wunderbare Zukunft verkaufen will. Ich persönlich sehe höhere Kosten sowie langweiligere Pitstops und Rennen. Zudem verliert die NASCAR einige ihrer über Jahrzehnte gewachsenen Eigenheiten, die von den Fans heiß geliebt wurden und die NASCAR so einzigartig machten. Außerdem fehlt es in den letzten Jahren an echten Fahrer-Persönlichkeiten wie einem Richard Petty oder Dale Earnhardt. Auch Publikumsmagneten wie Danica Patrick, der es gelang Frauen jeglichen Alters für den Sport zu begeistern, wurden ohne Not ziehen gelassen.