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GEO-ENGINEERING: DIE GRENZEN DER KLIMAKLEMPNER


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2018 vom 26.07.2018

Hybris oder letzte Rettung? Geo-Engineering soll die Erderwärmung bremsen, falls es nicht gelingt, den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken. Doch die Risiken und Nebenwirkungen sind groß.


Artikelbild für den Artikel "GEO-ENGINEERING: DIE GRENZEN DER KLIMAKLEMPNER" aus der Ausgabe 8/2018 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 8/2018

Illustrationen: Lars Friedrich, vehikel.org

Eine Variante von Geo-Engineering: Kohlendioxid könnte der Atmosphäre entzogen werden - durch technische Anlagen, aber auch mithilfe von Plantagen oder Algen im Ozean.


Im Kleinen ist die Sache einfach. Wenn die Sonne das Zimmer zu sehr aufheizt, wird der Vorhang zugezogen oder das Fenster geöffnet, um für kühlenden Durchzug zu sorgen. Im Großen ist es nicht ganz so leicht. Die ...

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... Erdatmosphäre heizt sich wegen des massiven Eintrags von Treibhausgasen in Besorgnis erregendem Tempo auf. Wenn das Ruder nicht bald und sehr entschlossen herumgerissen wird, könnte es nach Angaben des Weltklimarats (IPCC) zu einer globalen Erwärmung von bis zu 4,8 Grad kommen – mit gravierenden Folgen: häufigere Dürren, Stürme und Sturzfluten, tropische Temperaturen in Mitteleuropa, ein dramatisches Artensterben. Und leider verfügt der Globus nicht über einen Vorhang, der zugezogen werden, oder ein Fenster, durch das kühle Luft fächeln könnte.


Die Erderwärmung als rein technisches Problem, für das es auch technische Lösungen gibt – diese Idee wird ernsthaft diskutiert.


Oder doch? Der Klimawandel sei „an engineering problem, and it has engineering solutions“, zitiert der Kieler Umweltethiker Konrad Ott den zeitweiligen US-Außenminister Scott Tillerson, der zuvor auch Chef des Mineralöl konzerns Exxon war. Die Erderwärmung als rein technisches Problem, für das es auch technische Lösungen gibt: Dieser Ansatz wird weltweit zunehmend ernsthaft diskutiert. Die Menschheit, so die dahinter stehende Denkweise, habe es in ihrer Geschichte geschafft, Gebirge mit Tunneln zu queren oder durch den Bau von Dämmen dem Meer neue Landflächen abzu trotzen. Also sollte es auch möglich sein, der weiteren Erwärmung der Atmosphäre mit technischen Mitteln zu begegnen – getreu der Devise des Erfinders Daniel Düsentrieb aus den Comics um Donald Duck: „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör.“ Die Hoffnung, dass es „Klimaklempnern“ gelingen könne, den globalen Thermostat zu bedienen, goss der italienische Physiker Cesare Marchetti bereits 1977 in den Begriff Geo-Engineering; heute ist auch von Climate- Engineering die Rede.

Eigentlich betreibt die Menschheit derlei Climate-Engineering seit rund 200 Jahren – wenn auch unwissentlich. Mit Beginn der Industrialisierung begann sie riesige Mengen Kohlendioxid (CO2) zu produzieren und in die Umwelt entweichen zu lassen. Sie habe damit, hieß es 2013 in einer Studie des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel, „unbewusst, unkontrolliert und lange unerkannt einen gigantischen Versuch mit der Erdatmosphäre gestartet“. Diese enthält heute im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung über ein Drittel mehr Kohlendioxid. Zwar wird ein Teil des Gases von den Ozeanen aufgenommen – 40 Prozent der vom Menschen bisher verursachten Emissionen sind auf diese Weise wieder gebunden worden. Doch der Prozess verläuft sehr langsam. Die in der Atmosphäre verbliebenen rund 3.000 Gigatonnen Kohlendioxid wirken als Treibhausgas, das von der Sonneneinstrahlung aufgeheizt wird. Mit erhöhter Konzentration ändert sich das Klima spürbar. Es seien nun, sagen die Geomar-Forscher, „Wege gefragt, dieses ungewollte Experiment zu beenden“.

Die andere Variante des Geo-Engineerings: Die Atmosphäre wird gegen wärmendes Sonnenlicht abgeschirmt - durch eigens eingetragene Partikel, Spiegel oder künstliche Wolken.


Der geläufigste Ansatz lautet: Schluss mit den Emissionen. Der Ausstoß von Kohlendioxid müsste reduziert und schließlich ganz beendet, Industrie und Landwirtschaft „dekarbonisiert“ werden. Wird schnell gehandelt, könnte es noch gelingen, die Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Dazu hat sich die Weltgemeinschaft 2015 beim Klimagipfel in Paris verpflichtet. Viele Länder stellten ehrgeizige Fahrpläne zur Reduzierung der Emissionen auf. Das Problem: In der Praxis hinken sie den Ansprüchen weit hinterher. Selbst Deutschland, das sich als Weltmeister beim Klimaschutz sieht, gestand ein, dass es die Zielmarke für 2020 verfehlt.


Die „Dekarbonisierung“ geht bisher längst nicht schnell genug.


In dieser schwierigen Lage bringen manche die Technik ins Spiel – genauer gesagt: groß angelegte technische Eingriffe in das Klima. Die Forscher verfolgen im Kern zwei Ansätze. Zum einen wollen sie versuchen, in die Erd atmosphäre gelangtes CO2 einzufangen und zu entsorgen. Derlei Technologien werden unter dem Begriff „Carbon Dioxide Removal“ (CDR) zusammengefasst. Sie würden das Problem bei der Wurzel packen und den Klimawandel quasi umkehren. Bis sich allerdings Erfolge zeigen, würde viel Zeit vergehen. Andere Überlegungen richten sich darauf, quasi einen großen Vorhang über die Erde zu ziehen und so die Aufheizung der Treibhausgase durch die Sonne zu verringern – ein Konzept, das als „Solar Radiation Management“ (SRM) bezeichnet wird. Solche Techniken könnten schnell Wirkung zeigen. Sie würden aber nicht die Ursache des Klimawandels, sondern nur dessen Symptome bekämpfen und künftige Generationen vor ein Dilemma stellen: Will oder kann man die Maßnahmen nicht mehr aufrecht erhalten, dürfte der Temperaturanstieg um so gravierender ausfallen.

„Künstliche Verwitterung“ wird ein Verfahren genannt, bei dem Kohlendioxid von zu Pulver zermahlenem Gestein gebunden wird. Das Unterfangen hätte gewaltige Dimensionen.


Manche Ideen der „Klimaklempner“ sind von der Natur inspiriert, so vom Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen im Jahr 1991. Dabei schleuderte der Vulkan 17 Millionen Tonnen Schwefeldioxid (SO2) in Form von Partikeln in die Stratosphäre. Diese sorgten dafür, dass fünf Prozent weniger Sonnenlicht auf die Erdoberfläche gelangten, was eine weltweiten Abkühlung um 0,5 Grad bewirkte. Nach diesem Vorbild schlug 2006 der niederländische Nobelpreisträger Paul J. Crutzen vor, 1,5 Millionen Tonnen SO2 mithilfe von Flugzeugen in den oberen Schichten der Atmosphäre zu verteilen, um so die Erderwärmung zu bremsen.

Andere Ansätze scheinen geradewegs Romanen von Jules Verne entsprungen zu sein. So wurde erwogen, Billionen von Spiegeln im Weltall auszubringen, die das Sonnenlicht abfangen und reflektieren sollen. Die Kosten wurden in einer „Sondierungsstudie Climate-Engineering“ des Kiel Earth Institutes von 2011 auf sagenhafte 200 Billionen US-Dollar beziffert. Ein weiterer Vorschlag sah vor, Dächer und Straßen mit weißer Farbe zu versehen. So erhöht sich ihr Vermögen, das wärmende Sonnenlicht zu reflektieren. Inzwischen sieht es so aus, als müssten Straßen nicht weiß werden. „Der Effekt für das Klima wäre viel zu gering“, sagt Andreas Oschlies. Der Physiker vom Geomar-Institut Kiel hat die Potenziale verschiedener Ansätze der Klimabeeinflussung mithilfe von Computersimulationen untersucht. Die Arbeiten waren Teil des von ihm koordinierten Schwerpunktprogramms 1689 der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), das seit 2013 „Risiken, Herausforderungen und Möglichkeiten“ von Geo-Engineering untersucht und bis 2019 läuft. Beteiligt sind Wissenschaftler vieler Universitäten und Institute: Klimaforscher, Chemiker, Physiker, Wirtschafts- und Politikwissenschaftler, Psychologen und Experten für internationales Recht und Ethik.


Die Potenziale des Geo-Engineerings sind kleiner und die Nebenwirkungen größer, als man noch vor einigen Jahren annahm.


Die erste Frage, die sich Forschern wie Oschlies stellt, lautet: Haben die Ideen der Klimaklempner zumindest theoretisch das Zeug, das Klima zu beeinflussen? Können sie die Strahlung der Sonne ausreichend abschirmen oder der Atmosphäre die nötigen Mengen CO2 entziehen? Man geht davon aus, dass zur Einhaltung der versprochenen Klimaziele bis Ende des Jahrhunderts 600 bis 1.000 Gigatonnen (Milliarden Tonnen) entnommen werden müssten. Der weltweite Ausstoß liegt derzeit bei 40 Gigatonnen im Jahr. Oschlies hält seine Berechnungen nicht für geeignet, Euphorie zu befeuern. Das Fazit durchweg: „Die Potenziale sind kleiner als gedacht und die Nebenwirkungen größer, je näher man hinschaut.“ Mark Lawrence, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) Potsdam, ist für die weitere Zukunft optimistischer. Er will eine Reihe Ansätze „noch nicht ausschließen“ – von der direkten Abscheidung von CO2 aus der Luft bis zur Idee, enorme Mengen an Gesteinspulver zu verteilen, um das Treibhausgas zu absorbieren.

Die Technologie heißt „Enhanced Wheathering“. Derlei künstliche „Verwitterung“ setzt darauf, dass manches Gestein auf natürlichem Wege Kohlendioxid bindet. Es könnte in pulverisierter Form an Meeresstränden verstreut werden. Rechnerisch sieht es so aus, als ließen sich damit solche Mengen CO2 binden, dass „das Zwei-Grad-Ziel nicht unerreichbar ist“, sagt Oschlies. Allerdings sei unklar, ob sich die erhofften Effekte in der Praxis wirklich einstellen.

Algen binden Kohlendioxid. Manche Forscher wollen daher ihr Wachstum künstlich anregen. Welche Folgen das für die Lebewesen in den Ozeanen hätte, weiß man aber noch nicht.


Zudem gibt es viele offene Fragen: Wie groß wäre der Energiebedarf? Welche Effekte hätte der Eintrag solch großer Mengen Mineralstaub auf die Chemie des Meereswassers und damit die Lebewesen im Meer? Welche Nebenwirkungen hätte der Abbau an Land? Wer sollte den Aufbau der nötigen Anlagen bezahlen? Welchen Umfang diese haben müssten, lässt ein Informationsblatt zu Enhanced Whea thering ahnen. Es wurde vom kritischen Informationsnetzwerk „Geoengineering Monitor“ veröffentlicht, in dem die deutsche Heinrich-Böll-Stiftung mitarbeitet. Das Papier verweist auf die Machbarkeitsstudie einer vom Ölkonzern Shell finanzierten britischen Firma, der zufolge zur Kompensation der aktuellen CO2-Emissionen 10,5 Kubikkilometer eines bestimmten Kalksteins zermahlen werden müssten. Zum Vergleich: Die derzeit weltweit pro Jahr geförderte Menge an Steinkohle sei „deutlich geringer“. Die nötige Infrastruktur würde also die der Kohlebranche von heute übertreffen.

Es sind Fragen und Probleme, die sich bei vielen der momentan diskutierten Technologien zum Geo-Engineering in ähnlicher Weise stellen: Welche Ressourcen würden benötigt? Wir würde sich die Anwendung auf die Umwelt auswirken, welche sozialen Folgen gäbe es – und wie wären diese verteilt? Um effektiv zu sein, müssten die Experten so viele Technologien in so großem Stil anwenden, dass man „den Großteil des Planeten umkrempeln müsste“, sagt Oschlies. Vermutlich seien „Gewinner und Verlierer regional höchst ungleich verteilt“.


Um wirksam zu sein, müssten viele Ansätze in einem Umfang eingesetzt werden, der den Großteil des Planeten umkrempelte.


Das Problem eines absurd hohen Energiebedarfs stellt sich zum Beispiel auch für eine Technologie namens „Direct Air Capture“ (DAC), bei der technische Anlagen das Kohlendioxid direkt aus der Luft abscheiden sollen, das dann womöglich zu Bio-Kraftstoffen verarbeitet würde. Mehrere kleine Versuchsanlagen laufen bereits. Um freilich der Atmosphäre Kohlendioxid in einem Umfang zu entziehen, der spürbare Folgen für das Klima hätte, bräuchten die Anlagen so viel Strom, wie derzeit weltweit erzeugt wird. Vielfach sind zudem die Nebenwirkungen schwer zu kalkulieren, etwa beim Verteilen von Partikeln in oberen Schichten der Atmosphäre. Als der Pinatubo ausbrach, führte das auch zu Dürren und Überschwemmungen in Afrika und Asien, was die Landwirtschaft und damit die Versorgung von Millionen von Menschen mit Nahrung beeinträchtigte. Das künstliche Ausbringen von Partikeln hätte ähnlich schwer zu kalkulierende Effekte auf das lokale Klima und die Wasserkreisläufe – hochkomplexe Systeme, die bisher nur unzureichend verstanden sind.

Das gilt auch für viele weitere Ideen zur Rückgewinnung von Kohlendioxid, von denen manche auf den ersten Blick aus ökologischer Sicht sogar sinnvoll erscheinen. Manche werden gar als „Natural Climate Solutions“ bezeichnet. Dabei geht es etwa um die Aufforstung riesiger Flächen in Wüsten – mit dem Hintergedanken, dass Bäume Kohlendioxid aus der Luft einlagern. Doch auch hier zeichnen sich ungewollte Folgen ab. Wenn bisher helle Flächen in der Sahara dunkel von Wald würden und Sonnenlicht schluckten statt reflektierten, würde auch das vermutlich großräumig Wetter und Niederschlagsmuster ändern. Auch hier wären zudem die Dimensionen atemberaubend. Um auch nur ein Prozent der CO2-Emissionen der USA zu kompensieren, müsste eine Fläche anderthalb mal so groß wie Deutschland aufgeforstet werden.


Als der Vulkan Pinatubo ausbrach, kühlte sich die Atmosphäre ab. Es gab aber vielerorts auch Dürren und Überschwemmungen.


Ähnlich skeptisch betrachten Kritiker einen Ansatz namens BECCS (Bio-energy with carbon capture and storage). Hier geht es darum, Pflanzen anzubauen, die der Luft Kohlendioxid entziehen, um aus diesen Bio-Energie zu gewinnen. Das dabei erneut frei werdende CO2 soll aufgefangen und unterirdisch eingelagert werden. Zum einen würden dabei aber riesige Ackerflächen in Anspruch genommen, auf denen Landwirte dann keine Nahrungsmittel mehr erzeugen könnten – in Zeiten einer schnell wachsenden Weltbevölkerung ein brisantes Thema. Zudem stellt sich die Frage, ob und wo die enormen Mengen an Kohlendioxid sicher gelagert werden könnten – eine Debatte, die in der Bundesrepublik eigentlich seit Jahren abgeschlossen ist. Die Kohlelobby war mit der Idee, CO2 in Kraftwerken abzuscheiden und unter der Erde einzulagern, am öffentlichen Widerstand gescheitert. Nun, sagt Lili Fuhr von der Heinrich-Böll-Stiftung, soll „die Zombie-Technologie CCS zu neuem Leben erweckt werden“.

Fuhr hält das nicht für sinnvoll – so wie Geoengineering generell. „Wir halten davon überhaupt nichts“, sagt die Referentin für internationale Umweltpolitik bei der Grünen-nahen Stiftung. Diese beschäftigt sich seit zwei Jahren intensiv mit dem Thema, zu dem es bisher „nur wenige kritische Kommentare aus der Zivilgesellschaft“ gebe, wie sie sagt. Die aber wären ihrer Ansicht nach dringend notwendig, vor allem angesichts der möglicherweise weitreichenden sozialen und ökologischen Auswirkungen der technischen Versuche, das Klima zu beeinflussen. Während diese noch vor wenigen Jahren wie der Stoff für Science-Fiction-Romane gewirkt hätten, finde derzeit eine „schleichende Normalisierung“ statt. „Wir sind“, sagt Fuhr, „besorgt, wie schnell sich das entwickelt“.

Die schnelle Reduktion von Emissionen würde Geo-Eng¡neer¡ng vermutlich überflüssig machen. Allerdings schaffen es die meisten Länder nicht, ihre ehrgeizigen Klimaziele auch zu erfüllen.


Durch großflächige Aufforstung von Wüsten ließe sich der Atmosphäre Kohlendioxid entziehen. Allerdings wird die Erdoberfläche dadurch dunkler - mit der Folge, dass sie sich stärker erwärmt.


Auslöser dafür, dass über Geo-Engineering immer breiter nachgedacht wird, sind Meinungen von Experten, die angesichts stagnierender Bemühungen zum Klimaschutz kaum noch davon ausgehen, dass die Erderwärmung ohne technischen Eingriffe aufzuhalten ist. „Es wird sehr schwierig, die Pariser Klimaziele ohne irgendeine Form von Climate-Engineering zu erreichen“, konstatiert Mark Lawrence vom IASS, das 2014 und 2017 große Konferenzen zu Geo-Engineering ausrichtete. Er verweist auf Veröffentlichungen wie den 5. Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC von 2013. Dort basierten nahezu alle durchgerechneten Szenarien, die das Zwei-Grad-Ziel einhalten, auf der Annahme, dass große Mengen an CO2 als sogenannte „negative Emissionen“ aus der Atmosphäre abgeschieden werden. Es sei, sagt auch Andreas Oschlies, inzwischen „völlig klar, dass wir kein Drehbuch für das Ziel haben, die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten“ – außer künstlichen Eingriffen in das Klima oder einem derart radikalen Ausstieg aus dem Ausstoß von Treibhausgas, dass „massive gesellschaftliche Verwerfungen“ die Folge wären.


Während die Ideen noch vor Kurzem wie Science-Fiction wirkten, sehen Kritiker inzwischen eine „schleichende Normalisierung“.


Fuhr dagegen wirft den IPCC-Experten vor, ihren Szenarien zu konventionelle Annahmen zugrunde zu legen; sie seien zu vorsichtig beim Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas oder dem nötigen Umbau der Agrarindustrie. Auch würden sie weiter dem Wachstumsparadigma anhängen. „Es wird so getan, als seien alle anderen Optionen schon erschöpft“, sagt sie, „das ist Unfug.“ Zum Beispiel könnten auch Maßnahmen wie die Wiederherstellung von Öko-Systemen wie Regenwäldern und Mooren die Menge an CO2 in der Atmosphäre senken. Das Stockholmer Umweltinstitut bezifferte das Potenzial in einer Studie von 2016 auf 220 bis 330 Gigatonnen.

Nach großen Vulkanausbrüchen kühlt sich die Atmosphäre ab. Dieser natürliche Vorgang inspirierte zu den ersten Ansätzen von Geo-Eng¡neering.


Allerdings weiß auch Fuhr, dass es mächtige Interessengruppen gibt, die Geo-Engineering als die passendere Antwort auf den Klimawandel ins Spiel bringen wollen – passender als einen Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen. In 14 Faktenblättern, die die Böll-Stiftung gemeinsam mit anderen Organisationen auf der Informationsseite „Geoengineering Monitor“ veröffentlicht hat, werden einige Akteure benannt. Eine Firma namens Carbon Engineering, die sich mit dem Thema Direct Air Capture befasst und die der namhafte Geo-Engineering-Forscher David Keith führt, erhält demnach beispielsweise Gelder von Murray Edwards, der in Kanada mit der Förderung von Ölsand zum Milliardär wurde.


In den USA scheint man für Eingriffe in das Klima aufgeschlossen zu sein.


Es sind Zusammenhänge, die auch Konrad Ott in einem Aufsatz über die „Poli tische Ökonomie von Solar-Radiation-Management (SRM)“ aufzeigt, der im Juli 2018 in der hochrangigen Fachzeitschrift Frontiers in Environmental Science erschien. Ott untersucht dort, wie bestimmte Akteure in Wirtschaft und Politik der USA zu dem Ansatz stehen, Schwefelpartikel per Flugzeug in obere Schichten der Atmosphäre zu bringen, um Sonnenlicht abzufangen. Er kommt zu dem Schluss, dass es eine „große strukturelle Affinität“ der US-Ökonomie zu diesem „Herzstück“ des SRM-Ansatzes gibt. Die technisch sehr anspruchsvolle Methode eröffne Möglichkeiten für private Unternehmer, könne erhebliches Wirtschaftswachstum generieren, sei bequemer als der in den USA politisch nicht gewollte Ausstieg aus den fossilen Energien und könne zudem von einem einzelnen Land angewendet werden, was dem „America first!“-Credo von US-Präsident Donald Trump gerecht werde. Wichtige Vertreter der US-Politik seien denn auch bereits sehr aufgeschlossen für diese Form von Geo-Engineering. „Der Geist ist aus der Flasche“, schreibt Ott. Dass Trump selbst SRM bisher nicht thematisiert, liege ironischerweise daran, dass er den Klimawandel leugnet – gegen den er also auch nichts unternehmen muss

Die Düngung der Meere wurde bereits erprobt. Viele derTechnologien lassen sich aber kaum testen, ohne das Klima bereits zu beeinflussen.


Ott hat im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms untersucht, welche Argumente die Befürworter von Geo-Engineering anführen. Häufig wird betont, die Menschheit müsse sich für die Zukunft wappnen („arming the future“) und eine Art Werkzeugkoffer für den Notfall zur Verfügung haben, falls sich das Klima noch dramatischer erwärmt als befürchtet. Mark Lawrence vom IASS rechnet vor, dass selbst bei zügiger Forschung und einer ungewöhnlich schnellen weltweiten Einigung auf politische Rahmenbedingungen frühestens in etwa zehn Jahren mit der Erprobung verschiedener Techniken begonnen werden könnte und ein „substanzieller Einsatz“ von Geo-Engineering in noch viel weiterer Ferne liegt – wenn er überhaupt mit Erfolg möglich wäre. Die Frage, ob die Erderwärmung auf zwei Grad oder darunter begrenzt werden kann, ist bis dahin geklärt. „Dafür käme Geo-Engineering zu spät“, sagt Lawrence. Die Technik könne aber „in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts“ einen Beitrag leisten, um bei gescheiterter oder auch nur zu zögerlicher Dekarbonisierung eine Erhitzung des Planeten sogar um drei oder vier Grad zu verhindern.


Häufig argumentieren Befürworter, die Menschheit müsse sich für den Krisenfall einer drastischen Erderwärmung wappnen.


Ein anderes Argument geht davon aus, Geo-Engineering sei zum „Peak Shaving“ erforderlich: Es könnte vorübergehend eingesetzt werden, um in der Zeit, bis eine Verminderung der Emissionen Wirkung zeigen, deren „Gipfel“ zu „rasieren“.

Entsprechenden Technologien müssten dann noch vor Mitte des Jahrhunderts bereitstehen, ihr Einsatz wäre auf wenige Jahrzehnte befristet. Ott hält beide Argumente für problematisch. Letzteres gehe „von einer Vielzahl von Annahmen und Bedingungen aus“ – zum Beispiel der, dass die nötigen Entscheidungen sehr verantwortungsbewusst getroffen werden. Beim „Notfall“-Argument stelle sich zudem die Frage, wer entscheide, dass dieser eingetreten sei.

Neben der Frage, ob Geoengineering überhaupt eingesetzt werden darf, wird deshalb auch darüber gestritten, ob und wie schnell zu dem Thema geforscht und vor allem experimentiert werden darf. Experten weisen darauf hin, dass es insbesondere beim Thema Solar- Radiation-Management faktisch keine Grenze zwischen größeren Versuchen im Freiland und einer praktischen Anwendung gebe. „Schon das Testen wäre ein gezielter Eingriff in das Klima“, sagt Oschlies. Auf dem Papier gibt es ohnehin ein Moratorium für Geo-Engineering und Freilandexperimente. Enthalten ist es in einer Entscheidung der UN-Konvention zur Biodiversität. Allerdings, sagt Lili Fuhr, werde es „gewissenhaft ignoriert“.

Das zeigt eine interaktive Karte auf dem Portal Geoengineering-Monitor. Sie sammelt Informationen zu laufenden Forschungsprojekten und Experimenten. Mehr als 800 Einträge hat die Karte bereits. Die Palette reicht von Versuchen zur Düngung der Ozeane, die so mehr Kohlendioxid aufnehmen sollen, bis zu dem von Harvard-Wissenschaftler David Keith seit Längerem angekündigten Scopex-Experiment, bei dem in der oberen Atmosphäre Schwefelpartikel freigesetzt werden sollen. Fuhr betont zudem, dass sich auch das Militär potenziell für das Thema interessiert – Stichwort „Counter-Geoengineering“. Keith beschrieb in einem Aufsatz von 2018 die Möglichkeiten von Staaten, andere an einer einseitigen Anwendung des SRM zu hindern. „Die Kontrolle des globalen Thermostats“, sagt Fuhr, „wäre eine mächtige Waffe.“


Viele Laien, die Einblick in die Risiken von Geo-Engineering erhalten, plädieren dafür, lieber verstärkten Klimaschutz zu betreiben.


Viele, die Einblick in solche Risiken und Nebenwirkungen von Geo-Engineering bekommen, sind entsetzt. „Selbst eine radikale Verringerung der Emissionen erscheint ihnen dann oft als das kleinere Übel“, sagt Ott. Allerdings ahnen große Teile der Öffentlichkeit bislang nichts von den Ideen der Klima klempner. „Es gibt kaum ein tieferes Verständnis in der Bevölkerung“, sagt Mark Lawrence, „eine qualifizierte Debatte ist daher leider noch nicht möglich.“ Sie sei aber Voraussetzung dafür, um verantwortungsvoll und demokratisch legitimiert Forschung betreiben zu können. Konrad Ott formuliert es noch pointierter. „Viele Bürger empören sich über kleinere Friktionen der deutschen Energiewende“, sagt der Umweltethiker, „aber über Ideen wie Solar-Radiation- Management wissen die meisten rein gar nichts.“ Dabei, schreibt er in seinem jüngst publizierten Aufsatz, verspricht vor allem eine Strategie Erfolg gegen mögliche nationale Alleingänge beim Geo-Engineering: eine „gut organisierte, kampagnenfähige weltweite Zivilgesellschaft“. Nur sie kann die Politik drängen, die Emissionen drastisch zu senken, um den Griff zum globalen Thermostat überflüssig zu machen.