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GEOPOLITIK: AFGHANISTAN: TRÜGERISCHE HOFFNUNG


arte Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 25.03.2020

HINDUKUSCH Vier Jahrzehnte Krieg haben Afghanistan gezeichnet. Hat der zwischen den USA und den Taliban verhandelte Frieden eine reelle Chance?


Artikelbild für den Artikel "GEOPOLITIK: AFGHANISTAN: TRÜGERISCHE HOFFNUNG" aus der Ausgabe 4/2020 von arte Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: arte Magazin, Ausgabe 4/2020

Widerstand: MudjahedinKämpfer fochten in den 1980er Jahren erbittert gegen die Truppen der UdSSTruppen UdSSR


Kriegsalltag: Eine US-Soldatin patrouilliert in einem Dorf in der Provinz Helmand


Endlich schweigen am Hindukusch die Waffen. Mehr als 18 Jahre nach dem Einmarsch der US-Truppen in Afghanistan haben die radikal-islamischen Taliban und die USA am 29.Februar in Doha ein Abkommen unterzeichnet, das den endgültigen Abzug von NATO- und US-Einheiten aus dem Land ...

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... regeln soll. Doch zum Jubeln ist es zu früh, denn nun streben die Taliban erneut nach der Macht in Kabul.

„40 Jahre Krieg – da wäre es langsam an der Zeit, dass die Menschen endlich wieder ohne Terror, Unterdrückung und Gewalt leben können“, sagt der US-afghanische Schriftsteller Khaled Hosseini im Gespräch mit dem ARTE Magazin. „Sollten die Taliban erneut die Oberhand gewinnen, droht Afghanistan der Rückfall in die Steinzeit.“

Hosseini, der mit seinem autobiografischen Roman „Drachenläufer“ 2003 einen Welterfolg landete, wuchs in Kabul auf, zog 1976 mit der Familie nach Paris, wo sein Vater als Diplomat tätig war. Seit 1980 lebt er im Exil in den USA. Für die Dokureihe „Afghanistan. Das verwundete Land“, die ARTE im April ausstrahlt, war er als Berater und Kommentator tätig.

Als der Schriftsteller 2003 erstmals aus dem Exil nach Afghanistan zurückkehrte, lag seine Heimat in Trümmern. „Die Menschen, mit denen ich seinerzeit sprach, hatten die stille Hoffnung, dass der Sieg über die Taliban und die mit ihnen verbündeten alQaidaTerroristen den Weg für die Demokratisierung des Landes ebnen würde“, sagt Hosseini. „Doch dann wandten sich die USA von Afghanistan ab und widmeten sich dem Irak, um Saddam Hussein zu stürzen.“ Das Land wurde zum Nebenschauplatz auf der geopolitischen Karte des Westens; die Demokratisierung verlief schleppend; Korruption, Kriminalität und Bombenanschläge dominierten den Alltag.

2007 und 2010 bereiste Hosseini als UNSonderbotschafter erneut das Land. „Die Menschen hatten sich mit dem Terror, der trotz westlicher Militärpräsenz allgegenwärtig war, inzwischen arrangiert – so absurd es klingen mag“, sagt er. „Damals traf ich viele Familien, die in provisorischen Bunkern hausten, um der Gewalt auf den Straßen zu entkommen. Ihr Leben war alles andere als sicher. Solche Bilder gab es in den westlichen Medien freilich selten zu sehen – der NATOEinsatz sollte ja als Erfolgsgeschichte dargestellt werden.“

Mit Abstrichen war er es sogar: „Vor zehn oder 15 Jahren wäre es unmöglich gewesen, dass die Menschen auf die Straße gehen und für den Frieden und ihre Grundrechte protestieren, wie sie es in jüngster Zeit tun. Insofern hat sich die Lage wohl gebessert“, konzediert Hosseini. Und dennoch: Auf dringende Fragen etwa zur Sicherheit auf den Straßen, zur Situation der heimkehrenden Flüchtlinge, zur wirtschaftlichen Entwicklung und zur Bildungspolitik habe die amtierende Regierung „bislang keine zufriedenstellenden Antworten gegeben“.

Regierung hat wenig Rückhalt
Die Mehrheit der Bevölkerung will daher von der derzeitigen Politik in Kabul nichts wissen. Das hat die jüngste Präsidentenwahl gezeigt, deren Endergebnis am 18. Februar verkündet wurde – fast fünf Monate nach dem Wahltag am 28. September 2019: Der amtierende Präsident Aschraf Ghani gewann den Urnengang mit gerade einmal 923.592 Stimmen; das entspricht weniger als zehn Prozent der Wahlberechtigten. Thomas Ruttig, CoDirektor des Berliner Afghanistan Analysts Network (AAN), ist zwar erfreut darüber, dass „die Wahlen von 2019 im Vergleich zu vorangegangenen Jahren transparenter waren“. Sollten sich Ghani und das politische Establishment in Kabul aber nicht auf einen gemeinsamen Kurs einigen und die Probleme in Regionen abseits der Hauptstadt angehen, spiele das den Taliban, die mittlerweile etliche Provinzen kontrollieren, zwangsläufig in die Hände.

Die radikalen Islamisten, die von 1996 bis 2001 Afghanistan beherrschten und sich wegen ihrer blutrünstigen, frauenverachtenden und terroristenfreundlichen Politik den Zorn der Weltgemeinschaft zuzogen, erhoffen sich von dem Friedensprozess einen erneuten und dieses Mal anhaltenden Machtgewinn. Manche Beobachter sind daher skeptisch, ob die Gespräche zwischen der Regierung und den Taliban überhaupt Chancen auf Erfolg haben.

Frauen fürchten Rückkehr der Taliban
„Die innerafghanischen Verhandlungen könnten sich endlos hinziehen, weil die Differenzen nahezu unüberwindbar sind“, sagt etwa Vanda FelbabBrown von der Brookings Institution in Washington, einem außenpolitischen Thinktank. Zudem liefen hinter verschlossenen Türen bereits Konsultationen zwischen Taliban und afghanischen Oppositionspolitikern, darunter ExPräsident Hamid Karzai. Ziel sei eine gemeinsame Übergangsregierung. Sogar ehemalige MudjahedinWarlords wie der einflussreiche Gulbuddin Hekmatyar wollen bei dem Machtpoker in Kabul mitmischen.


»Falls die Taliban wieder an die Macht kämen, wäre das ein Rückfall in die Steinzeit«



Khaled Hosseini, USafghanischer Autor

Neue Konflikte sind absehbar: „In weiten Teilen der Bevölkerung sind die Taliban nicht willkommen“, sagt Khaled Hosseini. „Viele Afghaninnen und Afghanen lehnen deren rückwärtsgewandte Auslegung des Islam kategorisch ab.“ Vor allem Frauen betrachten die jüngste Entwicklung mit Sorge. „Während des TalibanRegimes mussten sie extrem leiden“, so Hosseini. „Die mit der Demokratisierung allmählich errungenen Freiheiten werden sie daher wohl nicht mehr kampflos hergeben.“


FOTOS: DAVID STEWART-SMITH/GETTY IMAGES, ADEK BERRY/AFP/GETTY IMAGES, DAVID FURST/AFP/GETTY IMAGES