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GEPLANTE LERNINHALTE VERSUS KREATIVITÄT


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 37/2019 vom 11.10.2019

Reglementiert ein Trainingsplan die Kreativität von Ausbilder und Pferd, oder ist er ein sinnvoller Leitfaden? Diese und viele andere Fragen beantworten Alfonso und Arien Aguilar im Interview, das Alex Zell für FEINE HILFEN mit ihnen führte.


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Arien und Alfonso Aguilar.


(Foto: www.nicolettagavar.de / Feine Kommunikation mit dem Bosal, Kosmos)

Alfonso Aguilar und sein Sohn Arien Aguilar haben viele Gemeinsamkeiten, und doch sind sie ganz unterschiedlich. Ich kenne beide seit vielen Jahren und schätze mich glücklich, sie zu meinen besten Freunden zählen zu dürfen.
Horsemanship ist für beide nicht nur ein ...

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Alfonso Aguilar und sein Sohn Arien Aguilar haben viele Gemeinsamkeiten, und doch sind sie ganz unterschiedlich. Ich kenne beide seit vielen Jahren und schätze mich glücklich, sie zu meinen besten Freunden zählen zu dürfen.
Horsemanship ist für beide nicht nur ein Wort, sondern eine Lebenseinstellung, geprägt von der Liebe zum Pferd, dem respektvollen und wertschätzenden Umgang mit Pferden und Menschen, Ehrlichkeit und einer bewundernswerten Geradlinigkeit, auch oder eben gerade im täglichen Leben. Beide unterrichten in ihren Kursen seit vielen Jahren zahlreiche Mensch-Pferde-Paare, bilden natürlich auch selbst Pferde aus und zeichnen sich durch ihren Respekt für Pferde und Menschen sowie ihren offenen und undogmatischen Umgang mit Menschen und Pferden aus. Umso spannender war es, die beiden für FEINE HILFEN zum Thema Trainingsplan in der Pferdeausbildung zu interviewen.
FEINE HILFEN: Arbeitet ihr nach einem festgelegten System beziehungsweise habt ihr einen bestimmten Trainingsplan, den jedes Pferd durchlaufen sollte?
Alfonso Aguilar: Es ist gut, einen Plan zu haben und dann nach diesem Plan zu arbeiten. Aber man sollte immer offen für Anpassungen des Plans sein.
Arien Aguilar: Ich möchte kein System haben. Ich habe einen Werk zeugkasten mit vielen Ideen und kann diese Ideen nutzen, um auf viele verschiedene Situationen und auf das Pferd in seinem Zustand zu reagieren. Auf diese Weise kann ich ein Training erstellen und es auf das jeweilige Pferd anpassen und spezialisieren.

Ist ein Trainingsplan für euch überhaupt sinnvoll, oder reglementiert er eurer Meinung nach die Kreativität von Pferd und Reiter zu stark?
Alfonso Aguilar: Ein Trainingsplan gibt einem einen Weg vor, dem man folgen kann. Manche Pferde lernen so besser, andere finden es langweilig. Es liegt in der Verantwortung des Trainers, Anpassungen vorzunehmen.
Arien Aguilar: Ich denke, mit einem vorgegebenen Plan kann man sich dem Pferd nicht ausreichend anpassen, und man ist weniger effizient im Aufbau einer Beziehung zum Pferd.
Worauf legt ihr in der Ausbildung eurer eigenen Pferde besonderen Wert bzw. was ist euer Ziel und was ist euch wichtig bei der Ausbildung von Kundenpferden? Weichen die Ziele voneinander ab?
Alfonso Aguilar: Gute Manieren sind wichtig. Das Pferd soll sensibel und reaktionsschnell sein. Das gilt auch für Kundenpferde. Hier ist es mir aber sehr wichtig, die Sensibilität auf den Besitzer abzustimmen.
Arien Aguilar: Im Training mit meinem Pferd versuche ich eine Beziehung aufzubauen, in der wir uns gegenseitig helfen können, unsere Ziele zu erreichen, und in der wir uns durch Kreativität und Ausprobieren inspirieren können. Beim Unterrichten eines Schülers versuche ich, diesen zu inspirieren und ihm beizubringen, wie er seine eigenen Lösungen findet und seinen eigenen Stil kreiert. Mir ist es auch wichtig, dass die Menschen, mit denen ich arbeite, ein nachhaltiges Lernsystem erlernen, in dem sie sich individuell weiterentwickeln können, ohne von einem Trainer oder Programm abhängig zu sein.
Manchmal hat man ja auf Kursen Pferd-Mensch-Paare, die eigentlich nicht zusammenpassen, und solche, bei denen die Ziele des Menschen nicht zum Pferd passen. Könnt ihr euch an solche Situationen erinnern, und wie reagiert ihr in solchen Fällen?
Alfonso Aguilar: Ja, ich erinnere mich an einige Situationen, in denen Pferd und Mensch weit voneinander entfernt waren. Meine Reaktion war, Ratschläge zu geben, um einen Trainer zu finden, der mit diesem Pferd umgehen und ihm dauerhaft helfen kann. Manchmal ist es nicht so einfach, weil ein spezielles Pferd eine spezielle Person braucht. Wenn der Abstand oder das Ziel zwischen Pferd und Besitzer zu groß ist, empfehle ich, einen neuen Besitzer zu finden.
Arien Aguilar: Es gibt zwei verschiedene Arten. Wenn das Mensch-Pferd-Paar nicht zusammenpasst, weil ihre Ziele unterschiedlich sind, kann es manchmal noch funktionieren, wenn sie lernen, dem anderen Zeit zu lassen und sich einander anzupassen. Zum Beispiel, wenn einer gerne ins Gelände geht und der andere gerne Dressur auf dem Platz machen möchte, dann kann man manchmal ausreiten und manchmal an der Dressur arbeiten, um beiden gerecht zu werden. Wenn die Persönlichkeiten nicht zueinanderpassen, empfehle ich normalerweise, das Pferd zu einem neuen Besitzer zu bringen. Ein großer Teil der Liebe ist das Loslassen, wenn man glaubt, dass es für den Partner das Beste ist. Ein Pferd zu halten, von dem man weiß, dass es nicht zu einem passt, ist im Endeffekt Gefangenschaft und nicht Liebe.
Bezieht ihr neben dem psychischen Aspekt auch die physische Verfassung und das Exterieur bzw. den aktuellen Gesundheits-und Konditionsstand des Pferdes in die Trainingsplanung mit ein?
Alfonso Aguilar: Das geht Hand in Hand. Wie Ray Hunt immer sagte: Man muss manchmal den Geist des Pferdes durch den Körper und manchmal den Körper durch den Geist arbeiten. Wir müssen für jedes Pferd einen individuellen Trainingsplan erstellen.
Arien Aguilar: Ja, ich glaube, auch wenn das Pferd nicht so viel Spaß daran hat, sollte es fast immer sowohl in mentalen als auch in physischen Gesundheitsübungen trainiert werden. Eine Möglichkeit, es für beide angenehmer zu machen, besteht darin, die Dinge, die das Pferd gerne macht, mit den Dingen zu mischen, die es nicht so gerne tut.
Alfonso, worin siehst du Ariens Stärken in der Ausbildung von Pferden, und Arien, wo liegen die Stärken deines Vaters.
Alfonso Aguilar: Kreativität und Entschlossenheit sind die Stärken meines Sohnes.
Arien Aguilar: Die stärkste Eigenschaft meines Vaters ist seine Persönlichkeit, die es ihm ermöglicht, mit vielen Arten von Pferden und Menschen auszukommen, und die ihn zu einem großartigen Lehrer macht. Auch seine Fähigkeit, ruhig zu bleiben, wenn die Dinge nicht nach Plan verlaufen, und seine Fähigkeit, im Moment angemessen zu reagieren, sorgen dafür, dass er Vertrauen wecken und führen kann.

Hattet ihr schon mal ein Pferd, bei dem ihr komplett von eurem Plan abweichen musstet? Woran habt ihr das bemerkt, und was habt ihr getan? Ich denke da z. B. an Juana oder Casca, die ja einen sehr speziellen Charakter haben und von euch beiden trainiert wurden.
Alfonso Aguilar: Auf jeden Fall. Ich hatte einige Situationen, in denen der Plan nicht zum Pferd passte. Natürlich muss man davon ausgehen, dass man nicht immer recht hat. Manchmal ist das Pferd nicht bereit für eine Antwort auf die Frage, die ihm gestellt wird, und man muss den Plan ändern, um die Voraussetzungen zu schaffen, die es in die Lage versetzen, die gewünschte Antwort zu geben. Manchmal ist es schlicht die falsche Frage, und man muss andres fragen, um die gewünschte Antwort zu bekommen.
Arien Aguilar: Ja, ich bekomme sehr oft solche Pferde. Sie fordern den Ausbilder am meisten. Sie sind aber auch die, von denen man am meisten lernen kann, denn sie zwingen dich, alle Werkzeuge in deinem Werkzeugkasten anzuwenden und darüber nachzudenken, ob deine Technik und deine Gründe, warum du eine bestimmte Herangehensweise für ein bestimmtes Pferd einsetzt, richtig sind. Meine Stute Juana ist ein Pferd, das sehr empfindlich ist und bei dem ich sehr oft die Technik wechseln musste. Immer wieder zeigte sie mir, dass ich einen noch weicheren Weg finden sollte als den, von dem ich bereits dachte, dass er sehr weich ist. Dabei musste ich stets sehr präzise und spezifisch in meinen Hilfen sein .

„Die Brücke zwischen Wissen und Können ist Übung.“


(Foto: Lea Baumann / Feine Kommunikation mit dem Bosal, Kosmos)

Alfonso Aguilar im Zwiegespräch mit dem Pferd.


(Foto: Mark Gauci Photography)

Was sind deutliche Zeichen des Pferdes, dass der aktuelle Plan eventuell nicht funktioniert und angepasst werden sollte, bzw. woran erkennt ihr das?
Alfonso Aguilar: Wenn sich der Plan nach drei, vier Tagen nicht bewährt bzw. keine Verbesserung eintritt, sollte man diesen neu bewerten und überdenken. Natürlich gibt es hier eine insbesondere erwähnenswerte Situation: Es wird oft schlimmer, bevor es besser wird. Das Pferd versucht, den bequemsten Weg zu gehen. In solchen Situationen müssen Sie konsequent und ruhig bleiben und sich an Ihren Plan halten. Wenn Sie nach einer Woche keine Änderung feststellen, müssen Sie auf jeden Fall Ihren Ansatz ändern.
Arien Aguilar: Jedes Mal, wenn unerwünschtes Verhalten auftritt oder der gewünschte Effekt nach einiger Zeit nicht mehr im Geist oder Körper des Pferdes zu sehen ist. Bei einigen Pferden kann es sich um mangelndes Lernen oder um erhöhte Angst oder Aggression handeln, bei anderen um mangelnden Respekt wie Stoßen oder Beißen. Jedes Mal, wenn unerwünschtes Verhalten auftritt, funktioniert der Trainingsplan nicht ordnungsgemäß und sollte geändert werden. Es könnte einfach ein Mangel an Fortschritten sein, der zeigt, dass der Plan nicht so funktioniert, wie Sie es sich vorgestellt haben.
Gibt es eurer Meinung nach verschiedene Lerntypen, die einen entsprechend individuellen Aufbau des Trainings benötigen. Wenn ja, in welche Typen kann man Pferde einteilen, und sind diese eventuell auch rassespezifisch?
Alfonso Aguilar: Ich berücksichtige Rasse, Temperament und Hierarchie in der Herde. Zum Beispiel agiere ich in der Erstbegegnung mit einem Kaltblut, Vollblut, Islandpferd, Berber und natürlich mit Ponys, die eine ganz eigene Kategorie sind, unterschiedlich. Ich passe mich dem Temperament und den Eigenheiten der Rassen an. Manche lernen zum Beispiel durch viele Wiederholungen, andere sind dadurch gelangweilt und verschließen sich eher, wie etwa der Berber. Den genauen Charakter des einzelnen Pferdes erkenne ich in der Arbeit und variiere mein Training entsprechend. Dabei gibt mir die Rasse einen ersten Anhaltspunkt.
Arien Aguilar: Ja, ich würde die Lernenden in zwei Kategorien unterteilen, die extrovertierten Lernenden, dieser Typ ist sehr kontaktfreudig, sie probieren gerne Dinge aus und fügen oft ihre eigenen Ideen hinzu, und die introvertierten Lernenden in ihrer Gruppe denken normalerweise mehr über Dinge nach und brauchen mehr Ermutigung, um es wirklich zu versuchen. Aus dieser Gruppe habe ich Pferde gesehen, die auf viele verschiedene Arten lernten: durch Testen, Wiederholen, Beobachten und Kopieren.
Wenn Pferde euch Sachen anbieten, die in eurem Trainingsplan aber vielleicht noch gar nicht dran sind, wie reagiert ihr?
Alfonso Aguilar: Wenn das Pferd die gleiche Antwort wiederholt, würde ich sie ignorieren, dann sucht es nach einer anderen.
Arien Aguilar: Ich versuche immer, die Ideen des Pferdes in das Training einzubeziehen. Wenn das Pferd etwas anbietet, das ich so gut wie möglich akzeptiere oder es dazu sogar ermutige, versuche ich es als Zeichen dessen zu sehen, wovon das Pferd mehr tun und versuchen möchte. Ich versuche Wege zu finden, um es mit den Dingen zu kombinieren, die das Pferd lernen soll.

Vielen Dank für das Interview.
Das Interview führte Alex Zell.

ALEX ZELL

… Schüler von Alfonso Aguilar sowie Jeff Sanders, hat sich den Traditionen und der Reitweise des kalifornischen Vaquero Horsemanship beziehungsweise der altkalifornischen Reitweise verschrieben. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Nina Jensen lebt und arbeitet er seit kurzem auf dem von Anja Jaron geführten Weilborner Hof nahe Limburg. Alex Zell vermittelt sein Wissen, das sich nicht nur auf die altkalifornische Reitweise beschränkt, sondern auch die klassische europäische Reitkunst und die Gemeinsamkeiten und Ursprünge amerikanischer und europäischer Reitweisen umfasst, in Kursen, Theorievorträgen und Seminaren in ganz Europa. Außerdem ist er Veranstalter und Organisator der Vaquero Classics.

Weitere Infos: www.vaquero-horsemanship.com

ARIEN AGUILAR

… Arien Aguilar zeigte bereits als Kind eine große Leidenschaft für Tiere. Auf ihrer Farm in Mexiko lehrte ihn sein Vater, Tiere stets mit Respekt zu behandeln und die Körpersprache einzusetzen, um mit ihnen zu kommunizieren. 2015 hat Arien die „Next Generation“ ins Leben gerufen. Ein Event, in dem sich junge Trainer gemeinsam zum Ziel gesetzt haben, ihr Wissen zu teilen, voneinander zu lernen und sich somit weiterzuentwickeln. Arien will so dazu beitragen, eine Kultur von Akzeptanz und Hilfsbereitschaft zu leben.

Weitere Infos: www.arien-aguilar.com

ALFONSO AGUILAR

… ist sicher einer der Pioniere des Horsemanships, der die Grundlagen der Ethology in seiner täglichen Arbeit mit den Pferden anzuwenden weiß. Alfonso ist kein großer „Showman“. Er mag es, mit seinen Pferden bescheiden und ruhig zu arbeiten, und erklärt und lehrt in derselben Art und Weise. Seine Erklärungen wurden von ihm über viele Jahre entwickelt, um Pferd und Mensch zu helfen, eine Beziehung aufzubauen und einander zu verstehen.

Weitere Infos: www.aguilarnaturalconcepts.com