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Gerd Müller sagte ganz leise Servus!


Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 33/2021 vom 18.08.2021

FUSSBALL

Artikelbild für den Artikel "Gerd Müller sagte ganz leise Servus!" aus der Ausgabe 33/2021 von Sport Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 33/2021

Eine Wucht vor dem gegnerischen Tor! Gerd Müller im WM-Halbfinale 1970 gegen Italien. In der Verlängerung köpft er Deutschland 2:1 in Führung, trifft wenig später auch zum 3:3. Am Ende schied das Team von Trainer Helmut Schön nach einem 3:4

Schöner als alle Komplimente, die dem Fußballer Gerd Müller (75) galten, klangen die Komplimente seiner Ehefrau kurz vor seinem Tode, der ihn Sonntagfrüh erlöste. Sechseinhalb Jahre langist Uschi Müller täglich nach Wolfratshausen in das Heim für schwer Demenzkranke, südlich von München, gefahren, wo er zuletzt 23 Stunden pro Tag friedlich dahindämmerte, nur für wenige Minuten die einst so hellwachen Augen öffnete. „Weil er es einfach verdient hat, gestreichelt und geliebt zu werden. Es wird selten so einen Gutmenschen ge- ben. Nicht bösartig, nicht neidisch, nicht streitsüchtig“, sagte sie zu mir.

Lieber Gerd, die Uschi hat recht. Du warst zu gut für diese Welt. Du wolltest einfach immer nur deine Ruhe haben. Das Einzige, was dich wirklich interessiert hat – außer vielleicht Westernfilme schauen mit John Wayne, Gary Cooper, Charles Bronson –, waren Tore, Tore, Tore. Du warst süchtig ...

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... danach. Süchtiger als während deiner Alkoholkrankheit am und nach dem Ende der Karriere, die du mithilfe von Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer besiegt hast. Tore, danach warst du immer süchtig. Bis zum Schluss als Nachwuchstrainer, als Co von Hermann Gerland.

Auch weil du mit den Beinen und den Gedanken schneller warst als John Wayne mit dem Colt.

Jahrelang hast du bei Bayern und bei der Nationalmannschaft das Zimmer mit Beckenbauer geteilt. Der klingt ähnlich wie Uschi Müller, wenn er sagt: „Ich möchte ihn nach meinem letzten Besuch, bei dem er nur noch kurz und leise sagte: ‚Ach du, Franz‘, als bescheidenen, genügsamen Menschen in Erinnerung behalten. Oh ne große Ansprüche ans Leben.“

Die Ansprüche des „Dicken“, wie sie dich nannten, waren – natürlich – TORE. 365 in 427 Bundesliga-Spielen, 68 in 62 Länderspielen. Volleyschüsse, Abstauber. Tore im Krabbeln, im Fallen, aus dem Nichts. Oftmals schnelle Drehung und Tor. Wie im WM-Finale 1974 beim 2:1-Siegtreffer über die Niederlande. Nicht nur bei Gegnern, auch bei Freunden kanntest du keine Gnade. „Als er 1963 zu uns kam, sah der Gerd noch aus wie ein Quadrat, er war für uns der ‚Dicke‘“, erinnert sich Beckenbauer. „Bald jedoch hat er den Katsche Schwarzenbeck und mich schwindlig gespielt. Da wir nicht zum Gespött werden wollten, sagte ich zum Katsche: ‚Wenn er jetzt noch mal kommt, dann haun mer ihm eins auf die Knochen. Egal ob er am Samstag spielen kann oder nicht. Das ist uns völlig wurscht. Das Ergebnis war dann: Wir sind beide wieder am Boden gelegen, und er ist mit dem Ball ins leere Tor gelaufen.“

Auch mit Uli Hoeneß kanntest du keine Gnade, wie 1972, bei der Eröffnung des Münchner Olympiastadions, das 4:1 über die Sowjetunion mit – was auch sonst? – vier Toren von Gerd Müller. „Bei einem Angriff landete der Ball am Pfosten, prallte direkt vor die Füße von Uli Hoeneß, der ihn ins Tor schießen wollte. Da kommt der Gerd von hinten und haut ihn einfach um. Mit so viel Wucht, dass beide im Tor landeten, der Uli und der Ball“, erzählt Beckenbauer. „Bis heute habe ich keinen vergleichbaren Spieler gesehen wie ihn. Relativ kurze Beine, etwas längerer Oberkörper – dadurch war er in der Drehung unheimlich schnell, nahezu eine Explosion.“ Wie beim oben erwähnten 2:1 gegen Johan Cruyffs Niederlande.

Lieber Gerd, du hättest in deinen besten Zeiten viel mehr Geld verdienen können. Ähnlich viel wie der Franz. Doch das Angebot von Beckenbauers Manager Robert Schwan hast du ausgeschlagen. Du warst nicht geschaffen für die Showbühne, für die Opernfestspiele in Bayreuth, für die Schickimicki- Gesellschaft, für Schlager wie „Gute Freunde kann niemand trennen“, den Nummer-eins-Hit des Kaisers in allen Hitparaden. Auch wenn du es ganz kurz geschafft hast mit: „Dann macht es Bumm – ja und dann kracht’s.“ Deine Stimme war dünner als deine Beine.

„Er war in der Drehung unheimlich schnell, nahezu eine Explosion“

Franz Beckenbauer

Gekracht hat es 1974 in der Sportschule Malente nach dem 0:1 gegen die DDR. Das Ziel Weltmeisterschaft war gefährdet. Bundestrainer Helmut Schön kam auf euer Doppelzimmer und suchte Rat. Die Zeichen standen auf Krawall, Beckenbauer forderte Umstellungen. Du warst es dann, der dafür sorgte, dass Hoeneß gegen Jugoslawien (2:0) draußen bleiben musste, motiviert zurückkam und beim 4:2 gegen die Schweden wieder traf. Deine Nase eben, dein Torriecher – einmalig. Schade, dass du nicht Bundes-Stürmer-Trainer geworden bist.

Gewaltig gekracht hat es auch bei einer Vorstandssitzung der Bayern im Jahre 1992, als der damalige Vizepräsident Beckenbauer durchsetzen wollte, dass du, mittlerweile trocken, als Co-Trainer über eine halbe Million D- Mark verdienen sollst. Als sich Widerstand regte, haute Beckenbauer jähzornig auf den Tisch und sagte. „Ohne den Gerd säßen wir alle nicht hier in unseren fürstlichen Räumen. Und die Spieler würden sich noch in den alten Baracken umziehen.“ Alle verstummten – und nickten ab.

Lieber Gerd, ich will mich an dieser Stelle noch mal dafür entschuldigen, dass ich dir bei deinem Abstecher zu den Fort Lauderdale Strikers (1979 bis 1981) so viel Hohn und Spott eingebrockt habe. Es regnete im trockenen Florida in diesem Herbst, als dich ein englischer Pitbull- Trainer erst mal wahllos rumgescheucht hat, mit der Anweisung, die Spieler sollten Laufschuhe tragen. Du hast mir deine Stollenschuhe in die Hand gedrückt mit der Bitte, ich solle drauf aufpassen. Ich habe in meiner Tollpatschigkeit die Schuhe dann leider im Taxi vergessen – mit der Folge, dass du in deinen Laufschuhe immer wieder ausgerutscht und auf der Nase gelandet bist, sodass der große Rechtsaußen George Best und die anderen über dich lachten. Ich habe mich sehr geschämt. Du hast zwar geschimpft, dass ich ein „Trottel“ sei, hast es jedoch mit einem Lächeln überspielt. So warst du eben.

Ich traf am selben Abend mit ein paar Münchner Kollegen einen stark angetrunkenen George Best in einer Guinness- Bar, laut grölend: „Der di- cke Müller kann gar nichts. Ich bin hier der King.“ Obwohl ich ein friedfertiger Mensch bin, hätte ich ihn am liebsten K.o. geschlagen. Als die Strikers den Nordiren drei Wochen später wegen wiederholten Vollsuffs feuerten, war ich mit der Welt wieder im Reinen.

Gerd, wenn du uns jetzt so traurig sehen könntest, weil wir dir von Herzen ein anderes Ende gewünscht hätten, dann würdest du am liebsten sagen: „Jungs, weint nicht. Trinkt zwei, drei Halbe auf mich – und erzählt euch lustige Geschichten. Lacht über mich, über die Erfolge, über unseren tollen Fußball.“

„Bis heute habe ich keinen vergleichbaren Spieler gesehen wie ihn“

Franz Beckenbauer

Es war immer schön mit dir, lieber Gerd. So traurig das mit dem Alkohol auch war. Wenn er dir, diesem schüchternen Kerl, die Zunge gelöst hatte, dann warst du geistreich und schlagfertig. Du hast mit Witz und Esprit von Mannschaftssitzungen erzählt, konntest dich an jeden noch so kleinen Spielzug erinnern. An jedes Tor. Von dir muss das Wort Tor- Rausch stammen …

Nie vergessen werde ich den Tag vor deiner Einweisung zur Entziehungskur. Wir trafen uns im Wienerwald in der Münchner Amalienstraße. Du konntest nicht genug kriegen vom Wein, von schönen Geschichten aus der Karriere. Und plötzlich hast du gesagt: „Ab morgen trink ich nichts mehr.“ Ich konnte das nicht glauben. Dennoch kam es so. Kein Schluck mehr. Das war für mich dein größter Sieg. Größer noch als zum Beispiel deine zwei Wahnsinnstore gegen Atlético Madrid – u. a. ein Heber aus 20 Metern – beim 4:0 im Europacup-Finale 1974.

STATIONEN

1958 – 1964 TSV 1861 Nördlingen

1964 – 1979 FC Bayern

1979 – 1981 Fort Lauderdale Strikers

1981 – 1982

Smith Brothers Lounge

1982 – 1984

German-American Soccer Club

„Er ist einer der wenigen, der nicht rückfällig geworden ist. Er ist immer ein Kämpfer gewesen. War immer tapfer. Sein ganzes Leben lang“, hat mir deine tapfere Frau erzählt. „Und tapfer ist der Gerd auch jetzt. Er schläft friedlich seinem Ende entgegen.“ Es hat nicht lange gedauert – und du warst erlöst.

Immer wenn ich an der Säbener Straße beim FC Bayern vorbeifahre, denke ich, du stehst noch dort bei den Kastanienbäumen zwischen Straße und Bürgersteig. Wo sich deine Nachfolger heute mehr und mehr verstecken oder abschirmen, jetzt auch noch corona-bedingt, hast du gern kleine Gespräche geführt mit den Journalis- ten, mit den Fans, mit der Putzfrau, mit dem Briefträger oder mit Katsche Schwarzenbeck, der nicht mehr kam, um sich von dir ausspielen zu lassen, sondern der für Bayern bis heute Zeitungen und Druckpapier vorbeibringt.

TORSCHÜTZENKÖ NIG

WM-Endrunde 1970 (10 Tore)

EM-Endrunde 1972 (4 Tore)

Europacup der Landesmeister 1972/73 (12 Tore), 1973/74 (9), 1974/75 (5), 1976/77 (8)

Europas Ligen: 1969/70 (38 Tore) und 1971/72 (40)

Bundesliga 1966/67 (28 Tore), 1968/69 (30), 1969/70 (38), 1971/72 (40), 1972/73 (36), 1973/74 (30), 1977/78 (24)

DFB-Pokal 1966/67 (9 Tore), 1968/69 (7), 1970/71 (11)

EHRUNGEN (AUSWAHL)

Europas Fußballer des Jahres 1970

Deutschlands Fußballer des Jahres 1967 und 1969

Tor des Jahres 1972 und 1976

Tor des Monats März 1972, Juni 1972, November 1972, September 1976 und Oktober 1976

Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland 1977

SPORT BILD Award 2013 (Lebenswerk)

• Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Fußballs und des FC Bayern

TITEL

Weltmeister 1974

Europameister 1972

Weltpokalsieger 1976

Europacup der Landesmeister 1974, 1975, 1976

Europacup der Pokalsieger 1967

Deutscher Meister 1969, 1972, 1973, 1974

DFB-Pokalsieger 1966, 1967, 1969, 1971

„Er ist immer ein Kämpfer gewesen, war immer tapfer. Sein ganzes Leben lang“

Ehefrau Uschi Müller

Ich denke dann auch gern an die Lieblingsgeschichte von Franz Beckenbauer, der erzählt: „Jeden Tag, wenn der Gerd zum Training fuhr, musste er, von Straßlach kommend, bei mir in Grünwald vorbeifahren. Wenn ich mein Auto nicht zur Verfügung hatte, hat er mich abgeholt. Er immer überpünktlich vor der Haustür, ich immer zu spät dran. Er wurde unruhig, vor allem, wenn wir zum Flughafen mussten. ‚Du Schlafmütze. Wir müssen los. Wir können nicht zu spät kommen‘, schimpfte er. Bis ich mal sagte: ‚Pass mal auf, Dicker. Eines musst du dir merken: Ohne uns fliegen die nicht los.“

Obwohl dir das manchmal fast am liebsten gewesen wäre, dir mit der panischen Flugangst.

Wenn ich als begleitender Journalist früher mit dir in irgendwelche Maschinen stieg, stand hinten in der letzten Reihe immer schon Richy Müller bereit, damals der Medizinmann der Bayern. Mit zwei Gläsern doppeltem Scotch auf Eis. Einen für dich, einen für mich – auch ängstlich. Wir dachten, das würde helfen.

Wir Journalisten schrieben, trotz Schlagzeilendrucks, keine Zeile drüber. Auch damals nicht in den 90ern, als wir dich mit einem silbernen Flakon erwischten. „Der Gerd trinkt wieder“, diese Parole machte die Runde. Bis sich herausstellte, dass der Flakon Essig für den Salat enthielt. „ Alkoholfrei natürlich“, hast du uns fast vorwurfsvoll gesagt. „Ein Tropfen nur würde den Rückfall bedeuten.“

Wir hätten uns am liebsten umarmt. So froh waren wir, dir nicht wehtun zu müssen. Vielleicht, lieber Gerd, sehen wir uns wieder.

REKORDE

365 Bundesliga-Tore

87-mal mehr als ein Tor in einem Bundesliga-Spiel

32-mal mindestens drei

Tore in einem Bundesliga-Spiel

10-mal vier Tore in einem Bundesliga-Spiel

4-mal fünf Tore in einem Bundesliga-Spiel

6 Dreierpacks in einer Saison (1971/72)

7 lupenreine Hattricks in der Bundesliga

16 Bundesliga-Spiele in Serie mit mindestens einem Tor (27. 9. 69 – 3. 3. 70)

13 Spielzeiten in Folge mit mindestens je zehn Bundesliga- Toren

7-mal Bundesliga- Torschützenkönig