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«Gesamtkünstlerin und Freidenkerin»


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Atrium - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 22.11.2022

INTERVIEW

Artikelbild für den Artikel "«Gesamtkünstlerin und Freidenkerin»" aus der Ausgabe 6/2022 von Atrium. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Mit ihren Design- und Architekturtheorien prägte die Architektin und Designerin unsere Vorstellung vom Wohnen. Ihr Schaffen gilt als Inbegriff der Moderne.

Das Leben der irischen Künstlerin spannt sich nahezu über ein gesamtes Jahrhundert. Ihr Name wird aber für alle Zeiten mit der Geburtsstunde des modernen Designs verbunden sein. Eileen Gray (1878–1976) gehörte zu den Pionieren. Sie war die einzige Frau im Kreis der genialen neuen Designer wie Mies van der Rohe, Le Corbusier oder Marcel Breuer. Und sie war vielleicht sogar «die Begabteste unserer Generation», sagte der französische Designer und Innenarchitekt René Herbst (1891–1982) später einmal. Bei Eileen Gray denken wir zunächst an ihre fantastischen Kreationen im Wohnbereich. Sie war eine der Ersten, die in den 1920er-Jahren mit Möbeln aus Stahlrohr verblüffte, was damals einer Revolution gleichkam. Heute sind ihre Entwürfe Klassiker.

Aber die Visionärin wäre nicht die epochale Figur, die sie ist, wenn sie sich auf das Wohndesign beschränkt hätte. Ihr schwebte auch eine neue Form von ...

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... Architektur vor. 1926, damals war sie bereits 48 Jahre alt, bau-te sie zusammen mit ihrem Partner Jean Badovici ihr erstes Haus: das Strandhaus E1027 in Roquebrune an der CÔte d’Azur. Die Villa gilt als Meisterwerk der architektonischen Avantgarde. Passend zu diesem Haus hat sie eine Reihe ihrer bedeutendsten Möbel entworfen, zum Beispiel den Sessel «Bibendum» oder den legendären Beistelltisch «Adjustable Table E1027». Der Tisch ist wohl Eileen Grays berühmtestes Werk. 1978 wurde er in die ständige Design-Sammlung des Museum of Modern Art in New York aufgenommen. 1972 war die grosse Dame des modernen Designs von der Royal Society of Art in London zum «Royal Designer for Industry» ernannt worden – Krönung eines herausragenden Lebenswerks. Im Alter von 98 Jahren starb Eileen Gray in Paris.

«Die Architektur von Eileen Gray ist sinnlich auf den Menschen bezogen und nicht mechanistisch und industriell unterkühlt.»

PROF. WILFRIED WANG

Dr. h.c. Wilfried Wang, der zusammen mit Peter Adam und Carolina Leite die Ausstellung des Master Bedrooms der Villa E1027 in Mailand für den deutschen Möbelhersteller ClassiCon kuratierte, spricht im pointierten Interview mit Atrium über die faszinierende Freidenkerin, ihr Erstlingswerk, das «Maison en Bord de Mer» E1027, und stellt die «dunklen» Bemühungen von Le Corbusier, die Villa als die seine zu annektieren, ins rechte Licht.

Welches war der Inhalt und das Ziel der Forschungsarbeiten des O’Neil-Ford-Lehrstuhls an der University of Texas at Austin über Eileen Gray?

WILFRIED WANG: Wir wollten herausfinden, wie Eileen Gray von Lackarbeiten und Möbelentwürfen zur Architektur fand, denn ihre künstlerische Laufbahn fing ja eigentlich mit der Malerei an. Im internationalen Kontext war ihr erstes frei stehendes Gebäude das Ferienhaus E1027 für neun Personen auf 135 Quadratmetern direkt am Mittelmeer bei Roquebrune-Cap Martin (1926–1929). Für dieses meisterhafte Gesamtkunstwerk hatte Eileen Gray fast alles entworfen, also Aussenanlage, Architektur und Innenraumaufteilung, Einbaumöbel, frei stehende Möbel, Teppiche, Leuchten, Farbkonzept. Gray wurde unterstützt von ihrem Freund, Jean Badovici, dem Chefredakteur der Avantgardezeitschrift «L’Architecture Vivante», der für die Faltschiebefenster ein Patent beantragt hatte. Es gibt in der Architekturgeschichte kein weiteres Gebäude, das als Erstlingswerk auch schon ein absolutes Meisterwerk war. Wir wollten mit unseren Forschungen diesen Status dokumentieren und mit der umfassenden Analyse Eileen Grays Werk wieder in den Vordergrund der internationalen Architekturgeschichte rücken.

Was fasziniert Sie so besonders am Werk der irischen Architektin und Designerin? Was macht sie so einzigartig?

WW: Gray war eine Gesamtkünstlerin. Ihr Spektrum reichte von der Malerei über die Fotografie bis zur Architektur. Darüber hinaus war sie eine der ersten Frauen, die ein Flugzeug gelenkt hatte, und sie fuhr im Ersten Weltkrieg Krankenwagen. Sie war eine aufgeklärte, selbstbestimmte und selbstdisziplinierte Freidenkerin.

Oberflächlich betrachtet wird Grays Architektur zur klassischen Moderne gezählt. War man aber mal in E1027, bemerken wohl auch Bauhäusler, dass Grays Interesse einem modernen Gefühl der Behaglichkeit, auch mit Stahlrohrmöbeln und polierten Oberflächen, aber eben auch mit Wollteppichen, Ledersesseln und harmonischen Farben gewidmet war – sinnlich auf den Menschen bezogen, und eben nicht mechanistisch, industriell unterkühlt wie leider so oft beim Bauhaus und Le Corbusier. In der Sondernummer von «L’Architecture Vivante» zu E1027 fasst das Interview zwischen Gray und Badovici ihre Kritik an der sich damals etablierenden industriellen Moderne zusammen. Für Gray war ein Haus keine Maschine, in der man zu leben hatte, sondern ein Gefäss, das alle, auch die seelischen und sinnlichen Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen hat. Damit widersprach Gray offen den Ideen Le Corbusiers. Grays architektonisches Werk zählt damit zum leider in der vom Bauhaus dominierten Welt zur anderen, reichhaltigen Welt der Architekturmoderne.

In der Ausstellung «Eileen Gray E1027 Master Bedroom» haben Sie den Schlafraum 1:1 nachbauen lassen. Warum spielt dieser eine so zentrale Rolle im Entwurf für die Villa an der Côte d’Azur?

WW: Das Master Bedroom steht für Grays zentrale und einzigartige Erneuerungen in der Raumgestaltung. Gray hatte zwar Sympathien für die Idee der «Wohnung für das Existenzminimum», kritisierte aber offen deren rein technische Verkleinerung. Mit E1027 trat Gray an, um zu beweisen, dass es einerseits möglich ist, an Raum zu sparen, aber andererseits dies nicht bedeutet, dass man an Raumerfahrungen sparen müsse. Mit dem Schlafzimmer bewies Gray also, dass man anstatt eines normalen, rechteckigen Zimmers auch eine Teilung der gleichen Fläche in zwei unterschiedlich grosse Bereiche vornehmen könnte, um dadurch ein Gefühl der Grosszügigkeit zu erzielen, das entsteht, wenn man von einem zwar kleinen, aber dann in einen anderen angeschlossenen Raum schauen kann.

Weiter waren das über Eck verlaufende Panoramafenster, Wände und das Bett so positioniert, dass eine im Bett liegende Person die rechte Aussenkante des Panoramafensters nicht sehen konnte. Diese Komposition stellt ein Gefühl der Unendlichkeit her, wirkt also psychologisch raumerweiternd. Es gibt zahlreiche andere Erfindungen, auf die hier nicht eingegangen werden kann, aber zu den wichtigsten zählt die räumliche Konzentration im Bereich des Waschbeckens: Neben der Vielfalt an Ablagen wird dem Nutzer ein Hocker geboten. Hinten links ist eine Ablage für Handtücher und Wäsche, unter dem Waschbecken ein Papierkorb, rechts die wunderbare Coiffeuse, in der Parfümflaschen, Frisierutensilien usw. in rotierenden Schubladen, ausfaltenden Abteilen oder Glasregalen liegen. Neben dieser verwöhnenden Umhegung gibt es aber den «Castellar»-Faltspiegel. Betrachtet man lediglich die Fotos von diesem Bereich, kann man sich nur schwer vorstellen, wozu man denn einen Faltspiegel bräuchte, bis man eben selbst auf dem Hocker sitzt und bemerkt, dass in die Tür der Coiffeuse ein langer Spiegel integriert ist, der, zusammen mit dem Faltspiegel an der Wand, der auf dem Hocker sitzenden Person ermöglicht, den Hinterkopf zu betrachten. So kann sich diese die Haare frisieren.

Dieser, auf eine Person komponierter Raum, ist der Nukleus des Schlafzimmers, welches wiederum der Nukleus des Hauses insgesamt ist, wenn man denn bemerkt, dass alle Teile dem Proportionssystem des Goldenen Schnitts unterliegen. Das haben unsere Studien gezeigt.

Welche Rolle spielte Le Corbusier für das Werk von Eileen Gray im Allgemeinen und im Speziellen in Bezug auf das Haus E1027?

WW: Für Gray war Le Corbusier eine wichtige Bezugsperson, dessen Werk sie einerseits schätzte, dessen Ideen sie aber andererseits nicht teilte. Das Haus E1027 faszinierte Le Corbusier nicht nur, er war sogar krankhaft neidisch darauf, so sehr, dass er behauptete, dass sein Haus für seine Eltern Grays Entwurf beeinflusst hat. Ausser dass beide länglich sind, gibt es keine Parallelen. Le Corbusier war auch deswegen neidisch, weil er wusste, dass er weder die Geduld noch das Talent dafür hatte, etwas ähnlich Integres zu schaffen. Er dachte schematisch in grossen Zügen, aber nicht von einem Gebäude bis ins letzte Detail. Sein krankhafter Neid führte dazu, dass er das Werk als seins in Beschlag nehmen wollte.

Le Corbusiers Wandmalereien im Haus E1027, die Badovici als Eigentümer zwar genehmigt hatte, kann man als eine erste primitive Markierung des «eigenen» Territoriums verstehen, tatsächlich widersprechen ihre Anzahl, Ausdehnung, Farbigkeit und Position Grays subtilen, farbigen Wänden als eigenständigem Kunstwerk. Als weiteren Schritt muss man leider seine Vorgehensweise ver-stehen, als das Haus Jahre nach Badovicis Tod auf einer Auktion verkauft werden sollte. Le Corbusier fand eine glühende Verehrerin, Marie-Claude Schelbert, die mit ihrem Bargeld vor dem Aufruf zur Auktion den Zuschlag für das Haus erhielt. Als in den 1970er-Jahren der französische Architekt Jean Paul Rayon an der Tür von E1027 anklopfte und um Erlaubnis für ein Aufmass des Hauses bat, da es ein wichtiges Gebäude der Moderne sei, meinte Frau Schelbert: «Ja, es sei von Le Corbusier.»

«Sein krankhafter Neid führte dazu, dass Le Corbusier das Haus E1027 von Eileen Gray als seins in Beschlag nehmen wollte.»

DR. WILFRIED WANG

Durch diesen jahrzehntelangen falschen Eindruck geriet Eileen Grays Rolle als eigentliche Gestalterin des Hauses in Vergessenheit, und leider ist der einzige Grund, weshalb das Haus nur knapp dem kompletten Verfall entging, die Bedeutung, die Le Corbusiers Wandmalereien von seinen Apologeten zugedichtet wurde. Sie sollten vor dem Verfall gerettet werden, die Rettung vom Haus E1027 ist also eine Art Kollateralgewinn. Für mich persönlich ist die Tatsache, dass Le Corbusier in der Bucht vor dem Haus E1027 ertrank, eine gerechte Fügung. ——

DR. H.C. WILFRIED WANG

Geboren wurde Wilfried Wang am 30. Mai 1957 in Hamburg. Er studierte Architektur in London und hat Lehraufträge an der Polytechnic of North London, Bartlett School, GSD Harvard University, ETH Zürich und der UT Austin. Derzeit an der ETSAUN Pamplona/Madrid. Er ist Herausgeber und Autor von Publikationen zur Architektur sowie Kurator von Architekturaustellungen. Weiter ist er Mitglied der Kungliga Konstakademien Stockholm, der CICA und der Adademie der Künste Berlin. Er ist Dr. h.c. von der Kungliga Tekniska Högskolan Stockholm und Ehrenmitglied des Ordem dos Arquitector in Portugal.

CLASSICON

Verantwortung für meisterliche Entwürfe

Der Beistelltisch «Adjustable Table E1027», entworfen für ihr Ferienhaus an der Côte d’Azur, ist wohl Eileen Grays berühmtestes Werk. Er gehört zu den bekanntesten, dabei allerdings auch meistkopierten Designklassikern der Welt. Das qualitativ hochwertige Original ist einer der Bestseller der Classi-Con-Kollektion und unterscheidet sich deutlich und in vielerlei Hinsicht von minderwertigen Plagiaten.

Neben dem ikonischen Beistelltisch aus Stahlrohr finden sich auch zahlreiche, weitere Möbel – Stühle und Sessel, Daybeds, Teppiche und Leuchten – aus der Hand Eileen Grays im Portfolio von ClassiCon, dem weltweit einzigen rechtmässigen Lizenznehmer des World Licence Holder Aram Designs Ltd., London. In den 1970er-Jahren begann Eileen Gray eine Zusammenarbeit mit Zeev Aram, um ihre Möbel und Leuchten zur Serienreife zu bringen. 1973 übertrug sie die weltweiten Rechte zur Produktion und Distribution ihrer Entwürfe an seine Firma. Schon die Vereinigten Werkstätten in München, aus denen 1990 ClassiCon als Unternehmen hervorging, haben die Entwürfe von Eileen Gray in Lizenz hergestellt und vertrieben.

Als langlebige Designklassiker begleiten die Möbel ihre Besitzer*innen über Jahrzehnte und werden nicht selten als Erbstücke weitergegeben an die nächste Generation. Im ständigen Bewusstsein der Verantwortung für diese meisterlichen Entwürfe zollt Classi-Con deren historischer Bedeutung Respekt durch eine erstklassige und absolut originalgetreue Fertigung. Um ihre Hochwertigkeit zu bezeugen, wird jedes Möbelstück der Klassikerkollektion mit einer unauslöschlichen Markierung und einem Nummerncode im verchromten Stahlrohr versehen: Darin sind als Herstellernachweis das ClassiCon-Logo, die individuelle Seriennummer, die Unterschrift von Eileen Gray und die Autorisierung durch den Inhaber der weltweiten Lizenzrechte Aram Design Ltd., London geprägt. Diese ClassiCon-Signatur bürgt dafür, dass bei der Herstellung – unter Einhaltung aller ökologischen Auflagen – nur hochwertige Materialien und Verarbeitungstechniken zum Einsatz kommen und jedes Möbel eine intensive Qualitätskontrolle durchlaufen hat. Der Schriftzug garantiert, dass es sich um ein originalgetreues, in Abstimmung mit den Rechteinhabern gefertigtes Produkt handelt. «Natürlich sind unrechtmässig hergestellte Plagiate immer billiger als das Original», sagt Oliver Holy, Inhaber von ClassiCon. «Aber nicht nur, weil die Produktqualität um vieles schlechter ist, sondern auch, weil die Plagiateure keine Design- und Entwicklungskosten haben und weil sie den Designern oder ihren rechtlichen Nachkommen keine Lizenzgebühren für ihren Entwurf und ihre kreative Leistung bezahlen.»

Atrium im November/Dezember 2022 — Interview