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Geschäfte mit einem Geschmäckle


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die Stuttgarter - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 30.05.2022
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Bildquelle: die Stuttgarter, Ausgabe 3/2022

Rapper Smudo von den ?Fantastischen Vier?

„Eigentlich hätte man gleich stutzig werden können“, schrieb der Bayerische Rundfunk im Januar auf seiner Homepage. Aber offenbar geht jegliches Misstrauen verloren, wenn ein Star für ein Produkt wirbt. Rückblende, 28. Februar 2021. Michael Bernd Schmidt, besser bekannt als Spaß-Rapper Smudo, legt einen gekonnten TV-Auftritt hin. Bemerkenswert, weil es weder um Musik geht noch um einen Gig mit den Fantastischen Vier, die ihre Karriere 1989 in Stuttgart starteten und inzwischen eine der erfolgreichsten Bands Deutschlands sind. Stattdessen ist Smudo als Solist in einer Polit-Sendung zu Gast: in der ARD-Talkshow Anne Will. Thema: „Die große Ratlosigkeit – gibt es einen Weg aus dem Dauer-Lockdown?“ Offenbar nicht. Wie bei Talkshows üblich, wird hin und her diskutiert, ohne auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen – bis Smudo das Wort ergreift und kräftig die Werbetrommel rührt: für die von ihm ...

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... mitentwickelte Luca-App als Patentlösung, um die Corona-Pandemie zu bekämpfen.

„Wir haben den Feuerlöscher dafür, er ist fertig und jetzt zu benutzen“, verkündet der „Retter der Nation“ (Die Zeit) vollmundig und verspricht, die Menschen per App aus dem Lockdown zu holen. Kaum ist dieser Satz verklungen, haben bereits mehr als 100.000 User zum „Feuerlöscher“ gegriffen und die App auf ihrem Smartphone installiert. Der Ansturm der Interessenten ist so groß, dass das Netz des Luca-Betreibers Culture4Life vorübergehend sogar zusam-menbricht. Smudo, der einen Anteil von 22 Prozent an dem Startup-Unternehmen besitzt, darf sich die Hände reiben.

Zumal nicht nur Fans von Hip-Hop und den Fantastischen Vier auf Luca abfahren, sondern auch die Politik. 13 Bundesländer schließen im Frühjahr 2021 mit Culture4Life Lizenzverträge. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass die App die Kontaktnachverfolgung erleichtern werde und somit eine Eindämmung der Pandemie möglich sei. Dafür zahlen sie mehr als 20 Millionen Euro. Am tiefsten in die Tasche greifen Bayern und Baden-Württemberg: Sie lassen sich Luca 5,5 beziehungsweise 3,7 Millionen Euro kosten. Ende März 2022 sind die einjährigen Lizenzenzverträge abgelaufen. An einer Verlängerung ist mittlerweile kein Land mehr interessiert. Denn aufgrund der starken Omikron-Welle haben die Gesundheitsämter ihre massenhafte Kontaktnachverfolgung aufgegeben. „Flap, flap, flap“, formuliert die TAZ gewohnt salopp, „wie ein Kartenhaus fällt die Daseinsberechtigung für die Luca-App in sich zusammen.“ Der Chaos Computer Club, Europas größte Hacker-Gruppe, drückt sich ähnlich aus: „Die App ist technologisch tot.“ Aber immer noch auf vielen Handys installiert.

Laut Patrick Hennig, Geschäftsführer von Culture- 4Life, haben sich seit Smudos TV-Auftritt 40 Millionen Nutzer bei Luca registriert. Damit ist das Startup-Unternehmen plötzlich auf Augenhöhe mit Global Playern wie Whatsapp, Instagram oder Tiktok. Ein Aufstieg in die digitale Champions-League, maßgeblich finanziert über Steuergelder und gepusht vom Staat. Denn aufgrund der Corona-Verordnungen waren die Bürger regelrecht gezwungen, eine App zu nutzen, wenn sie während des Höhepunkts der Pandemie ein Restaurant oder ein Museum besuchen wollten. Das ist inzwischen nicht mehr notwendig, da es kaum noch Einschränkungen gibt.

Dennoch denken die Luca-Macher gar nicht daran, ihre App zu Grabe zu tragen. Stattdessen haben sie ihr Produkt für kommerzielle Zwecke modifiziert und umbenannt: in Luca Pay. Damit können Gäste ihre Restaurantrechnung per Smartphone bezahlen. Nach einer Testphase in Berlin, Hamburg und Rostock soll dies Ende Juni bundesweit möglich sein. Um die Bezahl-App möglichst vielen Gastronomen schmackhaft zu machen, ködert sie Culture4Life mit einem günstigen Einstiegsangebot. Nur 0,5 Prozent von der Rechnung muss der Restaurantbetreiber abführen, wenn ein Gast per App bezahlt. Bei Visa, Mastercard & Co. sind die Gebühren deutlich höher.

Das ist aber erst der Anfang. CEO Hennig will sich mit seiner Firma „an die Spitze der digitalen Bewegung“ setzen – egal, ob es um Restaurantbesuche geht, Ticketverkäufe oder Hotelbuchungen. Die Finanzierung des neuen Geschäftsmodells scheint gesichert. Nach Medienberichten hat das Startup-Unternehmen von mehreren namhaften Venture-Capital-Gebern 30 Millionen Euro bekommen. Auch die Belegschaft soll kräftig aufgestockt werden: von derzeit 50 auf 100 Mitarbeiter.

Auf den ersten Blick verwundern die Expansionspläne. Schließlich hatte Hennig vergangenen September in einem Interview mit dem Handelsblatt treuherzig versichert, dass Luca im letzten Jahr „ganz ohne Business-Modell“ gestartet sei. Auch Smudo sprach ausschließlich von „edlen Zwecken“, als er sich an dem Startup-Unternehmen und der App beteiligte. Ganz so uneigennützig dürften die Beweggründe der beiden feinen Herren aber nicht gewesen sein. Schließlich ließ sich die Firma bereits im April 2021 nicht nur den Markennamen Luca beim Patentamt schützen, sondern auch die kommerzielle Nutzung der App.

Neo-Liberale mit Hang zum Raubtier-Kapitalismus werden dies vielleicht unternehmerische Weitsicht nennen. Oder Cleverness. Viele andere Menschen haben dazu eine konträre Meinung. Beispiel Malte Engler. „Ich finde es maximalst unsympathisch, diese mit Steuermitteln finanzierte Zwangs-User-Basis jetzt zur Grundlage für ein völlig pandemie-unabhängiges Geschäft zu verwerten“, sagte der Jurist und Datenschutz-Experte der TAZ. So sieht es auch Manuel Atug. „Mit Luca als App zur Kontaktnachverfolgung an den Start zu gehen, war für die Betreiber nur ein Mittel zum Zweck“, sagt der IT-Sicherheitsexperte vom Chaos Computer Club (CCC) gegenüber unserem Magazin. Doch das sei Augenwischerei gewesen. „Hennig ging es von Anfang an ausschließlich darum, sich Steuergelder zur Startup-Finanzierung und Nutzerkonten zur Weiterführung der eigentlich angedachten App-Nutzung zu beschaffen. Darauf baut er nun sein Business auf.“ Dazu hätte es nach seiner Meinung niemals kommen dürfen. Schließlich forderte der CCC bereits im vergangenen April „das sofortige Ende der staatlichen Alimentierung von Smudos Steuer-Millionengrab Luca-App“. Ohne Erfolg. Anstatt mehr Geld in die Weiterentwicklung der Corona-Warn-App zu stecken, die vom Bund finanziert wurde, machten die Länder diesem Produkt mit Luca sogar noch Konkurrenz.

Besonders leichtfertig ging Michael Müller mit den Steuergeldern um. Der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin rühmte sich sogar, dass der Spontankauf der Luca-App ohne technische Prüfung des Software-Produkts über die Bühne ging. Und ohne das bei staatlichen Aufträgen vorgeschriebene öffentliche Ausschreibungsverfahren. Obwohl es neben Culture4Life mehr als 30 Mitbewerber gab, die aber nicht berücksichtigt wurden. Das bemängelte im vergangenen November auch das Oberlandesgericht Rostock und erklärte den Kauf der Luca-Lizenz durch die Regierung in Mecklenburg für unwirksam. Weil das Bundesland einen Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht begangen habe.

Die hemdsärmelige Vergabepraxis ist aber nur einer von vielen Gründen, warum Kritik laut wurde. Schon vor mehr als einem Jahr hatten sich mehr als 70 führende IT-Sicherheitsforscher in einer gemeinsamen Erklärung gegen die Luca-App ausgesprochen. Als Argumente wurden insbesondere Datenschutzprobleme, grobe Sicherheitsbedenken und Missbrauchsmöglichkeiten genannt. Dass diese Vorwürfe berechtigt waren, machte Jan Böhmermann im April 2021 deutlich. Unter dem Namen „Michi Beck“ checkte der Satiriker per Luca-App über den QR-Code beim Osnabrücker Zoo ein. Von Berlin aus. „Ich verbringe jetzt virtuell eine Nacht bei Elefantenbaby Yaro“, schrieb der ZDF-Moderator auf Twitter und animierte seine Follower, dasselbe zu tun. Mehr als 100 Menschen folgten dem Aufruf und beamten sich wie Captain Kirk aus der Science-Fiction-Serie „Star Trek“ mit ihren Smartphones aus allen Teilen der Republik in den Tierpark nach Osnabrück. Zuvor hatten sie den auf einem Foto abgebildeten QR-Code des Zoos mit der Luca-App gescannt.

Das Böhmermann-Experiment beweist zum einen die Anfälligkeit der Luca-App gegen Missbrauch, zum anderen, wie wenig hilfreich der „Feuerlöscher“ für die Gesundheitsämter war, um Kontakte nachzuverfolgen. Der IT-Sicherheits-Experte Marcus Menge setzte sogar noch eins drauf. In einem Youtube-Video demonstrierte er, dass Hacker über die App im schlimmsten Fall Gesundheitsämter sogar komplett lahmlegen könnten.

Zum Glück müssen wir uns darüber keine Gedanken mehr machen. Doch eine Sorge gibt es nach wie vor:

Was macht Culture4Life mit den Millionen von Namen und Adressen, die immer noch auf der Luca-App hinterlegt sind? Werden sie künftig von dem Unternehmen genutzt, um mit dem neuen Bezahldienst „Luca Pay“ Geschäfte zu machen? Hennig verneint dies und verweist auf eine Pressemitteilung seines Unternehmens vom 4. Mai. Darin steht, dass Culture4Life „alle Daten von Nutzer:innen, die im Zusammenhang mit der Kontaktnachverfolgung abgelegt worden waren, vollständig gelöscht“ habe.

Also alles in bester Ordnung? Manuel Atug schüttelt den Kopf. „Auch wenn die Firma die Nutzerdaten gelöscht hat, kann sie weiterhin auf die vorhandenen Nutzerkonten der Luca-App zugreifen.“ Zwischen beiden Begriffen bestehe ein riesiger Unterschied. „Aus den Nutzerdaten geht nur hervor, welche Person zum Beispiel wann in einem bestimmten Restaurant war. Viel wichtiger für die Investoren und Hennigs eigentliches Business sind die Nutzerkonten, also das Profil des Users, mit Name und verifizierter Telefonnummer.“

Deshalb sei es wichtig, den Zugriff von Culture4Life auf Nutzerkonten zu verhindern.

Atug empfiehlt folgende Schritte: „Luca-App öffnen, Account löschen und bestätigen, App schließen und anschließend deinstallieren.“ Doch selbst dann bleibt immer noch ein bitterer Nachgeschmack. In seinem Fazit vergleicht der Bayerische Rundfunk die Luca-Story mit einem Serien-Plot: „Findige Geschäftsleute und ein prominentes Gesicht versuchen, ihr Business unter die Leute zu bringen. Große Teile der Politik lassen sich blenden, und Millionen Menschen schlagen Bedenken von Fachleuten in den Wind und holen sich die App.“ Und kaum einer ist stutzig geworden.

Gerhard Hörner