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Geschäftsmodell Verschwörungsglauben?


skeptiker - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 13.03.2020

Sind Verschwörungsmythen eine Einnahmequelle – oder haben sie andere wirtschaftliche Funktionen?


Als Motivation für das Verbreiten von Verschwörungsmythen werden oft finanzielle Interessen unterstellt. In Frage kommen zum Beispiel die Vermarktung von Anti-Verschwörungs-Produkten, die Tätigkeit für Truther-Organisationen, die Bereitstellung von Inhalten als Referent oder Autor sowie die Verbreitung von Inhalten über Onlinekanäle oder Printmedien. In der großen Mehrzahl der untersuchten Fälle zeigen sich die Erträge als sehr überschaubar. Bei Beispielen mit größeren Umsätzen sind diese oft nur zum Teil ...

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... oder indirekt auf den Verschwörungsglauben zurückzuführen. Als pauschale oder auch nur häufige Erklärung für das Verbreiten von Verschwörungsglauben können unmittelbare finanzielle Interessen also nicht bestätigt werden. Was sich aber in vielen Fällen zeigt, ist eine Funktion des Verschwörungsglaubens als argumentatives Bindeglied zwischen der Verbreitung rechtsextremer politischer Inhalte und der Vermarktung allgemeiner Esoterikangebote.

Fragestellung und Methode

In der öffentlichen Diskussion wird vor allem von Kritikern von Verschwörungsmythen regelmäßig die These aufgestellt, das Verbreiten dieser Ideen sei kommerziell motiviert. Dies zeigt sich beispielsweise in den Massenmedien. Spiegel Online bezeichnete 2014 Verschwörungsglauben als „Ge schäft mit der Angst“1, und die FAZ sah eine „Angstindustrie“2 am Werk. Für die Süddeutsche Zeitung ist Verschwörungsglauben „ein gigantischer Markt, in dem Millionenumsätze gemacht werden“3. Das ZDF erklärte gar: „Verschwörungstheoretiker sahnen ab“4. Auch einer der führenden skeptischen Autoren zum Verschwörungsglauben in Deutschland, der Tübinger Amerikanist Michael Butter, wird mit der Aussage zitiert, es handele sich um „ein wahnsinniges Geschäft“5. Um dies zu bestätigen, müsste man nicht nur zeigen, dass im Umfeld von Verschwörungsbehauptungen Produkte verkauft oder Honorare gezahlt werden. Vielmehr müsste sich zeigen lassen, dass Personen oder Unternehmen gezielt Verschwörungsglauben verbreiten mit dem Zweck, auf Basis dieser Behauptungen nennenswerte Erlöse zu erzielen. Es müsste sich außerdem zeigen lassen, dass die so erreichbaren Gewinne in einem realistischen Verhältnis zum Aufwand sowie zu den Opportunitätskosten (z. B. dem Verlust anderer Einkommensquellen durch verlorene Seriosität) stehen. Möglicherweise zeigen sich auch andere, mittelbare Zusammenhänge zwischen der Verbreitung von Verschwörungsglauben und wirtschaftlichen Zielen.

Foto: Adobe Stock-adragan

Analyse möglicher Erlösquellen

Da veröffentlichte Informationen über tatsächliche Erlöse der unterschiedlichen Geschäftsmodelle in der Regel lückenhaft bis nicht vorhanden sind, müssen Abschätzungen auf Basis bekannter Preise, veröffentlichter Geschäftsberichte oder der Selbstdarstellung der handelnden Unternehmen vorgenommen werden. Eine solche Analyse bleibt naturgemäß stichprobenartig.

Verkauf von Anti-Verschwörungs-Produkten

Politische Verschwörungsmythen wie z. B. um den 11. September oder um die Mondlandung bieten wenig Ansatzpunkte, sich durch den Kauf bestimmter Produkte schützen zu wollen. Solche Produkte gibt es vor allem im Zusammenhang mit Chemtrails. Hier werden immer wieder Möglichkeiten ins Gespräch gebracht, sich durch technische Maßnahmen vor den angeblich ausgebrachten Giften zu schützen. Der Verkauf dieser Produkte erfolgt jedoch in der Regel nicht über diejenigen Internetseiten, die primär für die Verbreitung und Rechtfertigung des Verschwörungsmythos sorgen. Von den aktiven deutschen Chemtrail-Seiten im Netz verfügt einzig noch chemtrail.de über einen Shop, verkauft dort aber auch nur Bücher, Flugblätter und Aufkleber6.

Auf dem Internetangebot der seit 2017 weitgehend inaktiven ehemals größten deutschen Vereinigung von Chemtrailgläubigen, der Bürgerinitiative Sauberer Himmel, findet sich nur ein kommerzielles Angebot: Es wird für Entgiftungskuren mit einem Zeolith-Produkt der österreichischen Firma LavaVitae geworben und diese auch verlinkt7. LavaVitae selbst betreibt Multi-Level-Marketing von Nahrungsergänzungsmitteln und wirbt mit Schönheit und Gesundheit. Die Gewinnmargen sind im Prinzip gigantisch: LavaVitae verlangt für 125 Gramm Zeolithpulver fast 40 Euro, während Zeolith andernorts als Katzenstreu zu einem Kilopreis unter 50 Cent angeboten wird. Auf Chemtrails beruft sich der Verkäufer selbst jedoch nicht. Empfehlungsgeber erhalten eine Provision, die allerdings noch unter den rund 10 Prozent Rabatt liegen dürfte, die ein Wiederverkäufer erhält8. Die damit erzielbaren Erträge dürften in keinem Verhältnis zum beträchtlichen Gesamtaufwand stehen, den die Initiatoren von Sauberer Himmel treiben – die Erlöse sind also allenfalls ein Mitnahmeeffekt.

Andere Angebote zum Schutz vor Chemtrail-Folgen bilden überwiegend nur kleine Anteile am Gesamtangebot umfassenderer Esoterik-Anbieter, in deren Kommunikation Chemtrails folglich auch nur eine untergeordnete Rolle spielen. Zu nennen sind hier sogenannte Sonnenglobuli und Aura-Sonnenessenzen, die 2016 als Chemtrails-Entgiftung angeboten wurden9. Anfang 2019 wurden vom gleichen Anbieter immer noch Sonnenglobuli und Aura-Lichtessenzen angeboten, aber ohne jegliche Erwähnung von Chemtrails10. Ein Esoterikanbieter vermarktet einen „Chemtrails-Urteilchen-Transmitter“ zum Tragen am Körper, der die Einflüsse von Chemtrails aufheben soll11. Dieses Angebot ist jedoch nur einer von mehr als 100 ähnlichen Transmittern des gleichen Anbieters, der darüber hinaus noch viele weitere Esoterikprodukte verkauft.

Ein Produkt, das von Skeptikern häufig als Beispiel für Geschäftemacherei mit dem Chemtrailglauben erwähnt wird, sind sogenannte Cloudbuster, Chembuster oder „heilige Handgranaten“. Diese sollen in der Regel auf der naturwissenschaftlich unsinnigen Orgontechnologie nach Wilhelm Reich basieren. Sie bestehen überwiegend aus einem Block aus durchsichtigem Acrylharz, in dem Metallspäne oder Kristalle eingegossen sind und aus dem oft Kupferrohre herausragen. Solchen Anordnungen wird die Fähigkeit nachgesagt, tatsächlich Wolken oder Chemtrails auflösen zu können. Für Vorrichtungen dieser Art existiert im Netz jedoch eine Vielzahl von Selbstbauanleitungen, was den Absichten von Verkäufern eigentlich entgegenstehen sollte. Vereinzelt werden fertige Cloudbuster von Esoterik- oder Orgonshops angeboten, wobei die Preise je nach Größe von rund 50 bis zu 5000 Euro variieren. Bemerkenswerterweise ist auch bei der Vermarktung von Cloudbustern eine angebliche Wirkung gegen Chemtrails in der Regel nur ein Teilaspekt12.

Eine besondere Form von Produkten zum Schutz gegen unterstellte Verschwörungen bietet die Alternative-News-Seite Recentr.com. Ursprünglich ein Ableger von Alex Jones‘ In fowars.com, wendet sich die Seite heute vor allem an sogenannte Prepper, die den bevorstehenden Zusammenbruch der westlichen Zivilisation erwarten. Dementsprechend werden im Onlineshop von Recentr Survivalzubehör, aber auch schusssichere Westen und Luftdruckwaffen angeboten. Da die Seite offensichtlich ein Einzelunternehmen ist und kaum auf anderen Kanälen wirbt, ist allerdings von einem überschaubaren Erfolg auszugehen. Der Betreiber erklärte in der Vergangenheit auch regelmäßig selbst, seine Finanzlage sei problematisch13. Somit hat offenbar derzeit kein deutscher Vermarkter von Anti-Verschwörungs-Produkten die Reichweite des Infowars-Gründers Alex Jones, der vor allem über Verschwörungsmythen zum 11. September bekannt geworden ist. Infowars ist ein kleines Medienunternehmen mit festen Mitarbeitern, nach deren Aussagen Jones aber alle Entscheidungen allein trifft. Als Haupteinnahmequelle gilt der Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln – es werden aber auch Survivalzubehör und Bücher angeboten. Infowars war nach Medienberichten zeitweise sehr erfolgreich, gerät jedoch durch Sperrungen auf sozialen Netzwerken und Verleumdungsklagen angeblicher Verschwörer zunehmend unter Druck.14 2019 ordnete ein Gericht die Offenlegung der Finanzen von Infowars an. Ergebnisse waren bis zum Herbst jedoch nicht veröffentlicht.15

Funktionärstätigkeit für Verschwörungsgläubigen-Organisationen

Neben Produktverkäufen kommt auch eine vergütete Funktionärstätigkeit als mögliche Motivation für das Verbreiten von Verschwörungsmythen in Frage. Eine solche Motivation vermutet zum Beispiel Jörg Lorenz in „Das Chemtrailhandbuch“ beim 2017 ausgestiegenen Initiator der Bürgerinitiative Sauberer Himmel, Dominik Storr16. Lorenz verweist darauf, dass der Umgang mit Spendengeldern und Onlineshop-Erlösen bei Sauberer Himmel nicht transparent sei, zumal es sich um keinen eingetragenen Verein handele. Schließlich sei bei Storr als Rechtsanwalt davon auszugehen, dass er auch versuche, Chemtrailgläubige als Mandanten zu gewinnen. Diese Punkte sind im Grundsatz sicherlich valide. Es ist jedoch zu prüfen, inwieweit bei den genannten Einnahmequellen mit wirtschaftlich relevanten Erlösen zu rechnen war.

Auf den Internetseiten von Sauberer Himmel wird bis heute um Spenden gebeten, die auf ein Konto des Initiators Dominik Storr zu überweisen sind. Einen Verein oder eine andere formalisierte Organisation, die die Verwendung der eingegangenen Spenden verwalten und kontrollieren würde, gibt es nicht. Eine Abschätzung der eingehenden Summen gestaltet sich somit schwierig. Einen Anhaltspunkt bieten allenfalls die Zahlen der auf der Seite registrierten Teilnehmer. Vor der Abspaltung der konkurrierenden Initiative Blauer Himmel Ende 2014 wies die Seite über 8000 registrierte Teilnehmer auf.17 Allerdings war die Registrierung als Teilnehmer vollkommen unverbindlich und führte nicht zu einer Beitragspflicht. Eine grob geschätzte Spende von 20 Euro von jedem zehnten Angemeldeten entspräche in Summe einem Betrag im niedrigen fünfstelligen Bereich. Verteilt auf den aktiven Zeitraum der Initiative von rund fünf Jahren, deckt das möglicherweise die neben ehrenamtlichem Engagement unvermeidlichen Betriebskosten einer Initiative dieser Größe, kann aber kaum als lukratives Geschäftsmodell bezeichnet werden.

Ein mit der Bürgerinitiative verbundener Onlineshop existierte tatsächlich unter dem Namen Himmel-und-Erde-Versand, wurde aber schon 2014 von der Initiative getrennt18 und ist seit 2017 offenbar dauerhaft inaktiv. Angeboten wurden vor allem Bücher und Werbemittel. Die Angebote waren laut Impressum umsatzsteuerbefreit nach der Kleinunternehmerregel19. Die Umsätze müssen also dauerhaft unter 17.500 Euro jährlich gelegen haben, was ein hauptberufliches kommerzielles Interesse ebenfalls ausschließen dürfte.


» Geschäftemacherei mit Chemtrail-Glauben: Cloudbuster und „heilige Handgranaten“. «


Über publikumswirksame, lukrative Mandate für Dominik Storr aus dem Kreis der Chemtrailgläubigen ist nichts Greifbares in Erfahrung zu bringen. Der einzige bekannte Fall, in dem Storr zum Thema Chemtrails für einen Mandanten anwaltlich tätig wurde, war im Ergebnis keine Werbung: 2011 reichte er eine Unterlassungsklage gegen den TVMeteorologen Jörg Kachelmann ein, weil dieser Chemtrailgläubige als „Neonazis und Verrückte“ bezeichnet hatte. Nach einer zunächst erfolgreich erwirkten einstweiligen Verfügung unterlagen Storr und sein Mandant im Hauptsacheverfahren vor dem Landgericht Berlin20. Auf seiner Kanzleihomepage nannte er Chemtrails nur als eins von vielen Arbeitsgebieten21. 2019 erklärte der 48-jährige Storr die Schließung seiner Kanzlei22. Einigen Aufschluss über Storrs mögliche Motivationen gibt eine Erklärung von ihm aus dem Dezember 2016. Darin kündigt er an, die Aktivitäten der Bürgerinitiative Sauberer Himmel zu beenden. Unter anderem berichtet er, im Auftrag von Freimaurerlogen werde seine gesamte Kommunikation überwacht und er werde regelmäßig beschattet. Selbst seine letzten beiden Lebenspartnerinnen und seinen langjährigen Weggefährten Werner Altnickel verdächtigt er, an der gegen ihn persönlich gerichteten Freimaurerverschwörung beteiligt zu sein. Auf die Mehrzahl der potentiellen Mandanten dürften derart bizarre Äußerungen mit ihrem paranoiden Tonfall eher abschreckend wirken.

Eine ganz andere Form potentiell lukrativer Funktionärstätigkeit übt Peter Fitzek aus, der sich selbst als oberster Souverän des Königreichs Deutschland (KRD) bezeichnet. Das KRD nennt sich selbst eine Vereinigung freier Männer und Frauen nach den Grundsätzen des Völkerrechts. Ziel sei die Wiederherstellung echter Staatlichkeit23. Als Gruppe, die der Bundesrepublik die Legitimität abspricht, ist es also der Reichsbürgerszene zuzuordnen. Räumlich bestand das sogenannte Königreich zeitweise vor allem aus dem inzwischen zwangsgeräumten Gelände eines ehemaligen Krankenhauses in Wittenberg. Laut dem im Internet veröffentlichten Melderegister betrachtet es sieben Personen als Staatsbürger oder als Adelige24. Das nach außen dargestellte Bild einer bargeldlosen Gesellschaft, in der alles geteilt wird, erinnert an eine Art sektenähnlicher Kommune.

Alles andere als bargeldlos hat das KRD die vergangenen Jahre immer wieder neue Geschäftsmodelle hervorgebracht. Eine inzwischen insolvente sogenannte Kooperationskasse sollte Privatanleger dafür gewinnen, ihre Ersparnisse in das KRD zu investieren. Nach staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sollen sich die Einzahlungen auf über 1,7 Millionen Euro belaufen haben25. Die NeuDeutsche Rentenkasse und die NeuDeutsche Gesundheitskasse sollten die entsprechenden Sozialversicherungen imitieren. Bei Kassen dieser Form ist systembedingt davon auszugehen, dass viele junge Beitragszahler zunächst einmal zu deutlichen Überschüssen führen, die bei ernsthaften Versicherungen als Altersrücklagen langfristig zurückgestellt werden müssten. Allein die Gesundheitskasse kassierte nach eigenen Angaben im Jahr 2012 monatliche Einnahmen von rund 32 000 Euro26. Wie viel die Gesundheitskasse längerfristig hätte zahlen müssen, ist fraglich, denn sie erklärte ausdrücklich, sie gewähre keinen Rechtsanspruch auf irgendwelche Leistungen27. Geworben wurde stattdessen mit kostenlosen Angeboten einer Heilpraktikerin, eines Geistheilers und eines Mediums. Nachdem Fitzek wegen nicht genehmigter Versicherungsgeschäfte eine Haftstrafe absitzen musste28, ist an die Stelle der Gesundheitskasse die Deutsche Heilfürsorge getreten, die ausdrücklich keine Krankenversicherung ist und sich auf das bundesdeutsche Sozialgesetzbuch beruft. Ein weiteres Verfahren wegen Untreue gegen Fitzek wurde 2018 eingestellt, weil die zu erwartende Haftstrafe im Gesamtstrafmaß „nicht beträchtlich ins Gewicht gefallen“ wäre29.

Soll auch vor Chemtrails schützen: ein Orgon-Generator


Foto: Adobe Stock-weris7554

Trotz Fitzeks Haft und der Liquidation der Finanzgeschäfte blieb das KRD mit einigen Geschäftsmodellen aktiv. Zentrales Thema in der Vermarktung ist weiterhin eine eher symbolische „Staatsangehörigkeit“, für die eine Prüfung zum Preis von 397 Euro abzulegen ist. An solchen „Staatsangehörigen“ sind von 201630 bis 201931 jedoch nur noch rund 50 Personen hinzugekommen. 2016 wurde auch noch sehr aktiv um „steuerfreie“ Firmengründungen im Königreich geworben. Allein im ersten Halbjahr 2016 meldetete das KRD 28 Neugründungen, für die jeweils mindestens 777 Euro kassiert worden sein müssen32. Heute ist die Werbung dafür von der Homepage verschwunden. Offenbar anknüpfend an die deutschlandweit boomenden Esoterikkongresse versuchte es das KRD 2019 dann mit einer vergleichsweise bescheidenen KRD-Messe mit Vortragsprogramm. Weiterhin existiert ein Einkaufsportal namens „Kauf das Richtige“ (kadari), auf dem eine überschaubare Zahl überwiegend geringwertiger oder gebrauchter Produkte in der Währung E-Mark angeboten wird. Mit Verweis auf Fitzeks zahlreiche Konflikte mit der deutschen Justiz wird außerdem regelmäßig um Spenden geworben. Als Erfolgsmodell kann das KRD jedoch nicht mehr gelten: Nachdem die Versicherungsgeschäfte bereits per Zwangsverwaltung aufgelöst und die Immobilien verkauft worden sind, wurde im August 2019 ein Insolvenzverfahren über das Restvermögen des KRD eröffnet33.

Referententätigkeit und Generierung von Content

Die Grenzen zwischen den Einkommensquellen sind mitunter fließend. So ist einerseits nicht immer eindeutig zuzuordnen, ob eine Tätigkeit als Referent oder Autor in erster Linie dazu dient, Honorare zu erhalten oder für eigene Produkte zu werben. Auch verschwimmen schon bei den Autoren selbst zum Teil die Grenzen zwischen Verschwörungsglauben und anderen Bereichen der Esoterik.

Ein typisches Beispiel ist Harald Kautz-Vella. Derzeit profiliert er sich vor allem als Referent und Coach zu Themen wie Persönlichkeit und Selbstliebe, aber auch als Koautor, Übersetzer und in Vorworten zu Büchern mit wirren Verschwörungsbehauptungen, vor allem zu Chemtrails. Zu ähnlichen Themen hat er Auftritte in rechten und esoterischen Onlinekanälen, agitiert gegen 5G-Mobilfunk, wirbt für bizarre Esoterikprojekte wie die Begrünung von Wüsten durch Fantasietechnologien wie Orgon, Cloudbuster oder „Himmelsakupunktur“ und will so auch Flüchtlinge in die Wüste schicken34. Anfang 2017 erklärte Kautz-Vella, dass gegen ihn ein Verfahren wegen Volksverhetzung anhängig sei35.

Weder die Kleinverlage, in denen Kautz-Vellas Bücher erscheinen, noch die Medien und Veranstaltungen, in denen er auftritt, lassen erwarten, dass er dadurch zu großem Wohlstand gelangt. Es besteht jedoch ein offensichtlicher Zusammenhang zu seinen Produkten. So vermarkten verschiedene Onlineshops mit Kautz-Vellas Namen Globuli, die ein angebliches Wunderöl namens „Black Goo“ enthalten sollen. Diesem Öl schreibt Kautz-Vella Intelligenz und ein Bewusstsein zu und strickt darum ein Spektrum eigener, bizarrer Verschwörungsmythen bis hin zu der These, der 2014 von russischen Rebellen über der Ukraine abgeschossene Flug MH17 sei Teil eines amerikanischen Experiments mit Grippeviren gewesen36.

Verschwörungsmythen sind für Kautz-Vella also klar mit ökonomischen Interessen verbunden. Viele seiner Behauptungen gelten allerdings selbst unter Verschwörungsgläubigen als abstrus. Angesichts der oft wenig professionell wirkenden Angebote und der ständig wechselnden Themen ist zu vermuten, dass diese wirtschaftlichen Betätigungen schlicht der Existenzsicherung dienen. Bis 2014 betrieb Kautz-Vella eine Seite, auf der neben Esoterikprodukten auch für seriöse Umwelttechnik wie Brunnen und Kleinkläranlagen geworben wurde37.

Ein Autor, der zweifelsfrei hauptberuflich vom Verbreiten von Verschwörungsmythen lebt, ist Gerhard Wisnewski. Er schreibt Bücher über den 11. September, die Bilderberger oder angeblich inszenierte Weltraummissionen und Terroranschläge. Seit 2008 erklärt er für den rechtsesoterischen Kopp-Verlag in Jahresrückblicken die Welt als System von Verschwörungen und war zentraler Akteur im inzwischen eingestellten Internetangebot Kopp online. Zur Einordnung ist allerdings zu beachten, dass Wisnewski vor 2003 ein erfolgreicher und angesehener Mainstream-Journalist war. Seine Beiträge erschienen in der FAZ, dem SZ-Magazin, der taz, dem Stern sowie in TV-Produktionen des ZDF und WDR. Für eine TV-Produktion über angeblich staatlich inszenierten RAF-Terrorismus erhielt er sogar den Grimme-Preis. Seinen Abschied vom seriösen Journalismus musste er erst nehmen, als ihm zu einer Dokumentation über den 11. September vorgeworfen wurde, Quellen manipuliert zu haben.

Der 11. September ist auch ein wiederkehrendes Thema bei Matthias Bröckers, dessen journalistische Karriere eng mit der taz verbunden ist. Im Themenspektrum seines Gesamtwerks machen Verschwörungsmythen jedoch nur einen überschaubaren Anteil aus. Das häufigste Thema in den Büchern des ehemaligen Hanf-Haus-Geschäftsführers ist die Legalisierung von Rauschmitteln.

Der wohl erfolgreichste Verschwörungsmythen-Autor im deutschen Sprachraum ist Jan-Udo Holey, bekannt unter dem Pseudonym Jan van Helsing. Holeys Durchbruch war 1994 das Buch „Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert“, das in phantastischen Geschichten über Verschwörungen und Außerirdische den Nationalsozialismus glorifizierte. Die Ideen waren oft von früheren Autoren entlehnt, von Edward Bulwer-Lytton (Ritter et al. 2016) bis zum verurteilten Holocaustleugner Ernst Zündel (Miele 1994).Holey verhalf den Mythen über Neuschwaben land und die Reichsflugscheiben jedoch zu einer bis dahin ungeahnten Reichweite. „Geheimgesellschaften“ wurde innerhalb kurzer Zeit mehr als 100 000-mal verkauft, war ab 1995 wegen des Verdachts der Volksverhetzung zeitweise beschlagnahmt, ist heute aber nur noch als jugendgefährdend indiziert. Ein weiterer Bestseller wurde zehn Jahre später „Hände weg von diesem Buch“. Inzwischen ist Holey auch Verleger, aber von den 18 weiteren Autoren, die er unter Vertrag hat, reicht keiner an seine eigene Popularität heran.


» Die Grenzen zwischen den Einkommensquellen sind mitunter fließend. «


Contentvermarktung online

Jan Udo Holey gehört nicht nur zu den erfolgreichsten Autoren, sondern auch zu den deutschen Pionieren der Onlinevermarktung von Verschwörungsmythen. So gründete er 2007 das Online-Videoangebot Secret.TV, mit ähnlichen Themen wie in seinen Büchern. Sonderlich erfolgreich war das Experiment jedoch nicht: Anfang 2009 erfolgte die Trennung von dem Gesicht von Secret.TV, dem Moderator Jo Conrad, der sich zuvor in der Reichsbürgerszene engagiert hatte38. Noch im selben Jahr verkaufte Holey den Kanal an eine GmbH39, die 2010 das letzte Programm produzierte und 2013 liquidiert wurde.

Die Abonnenten von Secret.TV fanden sich schließlich als Kunden eines neuen Online-Videoangebots namens nexworld.TV wieder. Die anfänglich zu Secret.TV recht ähnlichen Inhalte wurden im Laufe der Jahre zunehmend durch klassische Esoterik, Alternativmedizin und Psycho-Ratgeber ersetzt. Dass dieser Kanal damit heute noch existiert, zeigt die bei diesen Themen im Vergleich zu Verschwörungsmythen offenbar günstigere Ertragslage.

Ein werbefinanziertes Online-Videoangebot stammt zudem indirekt von Secret.TV ab: Moderator Jo Conrad ist jetzt der Protagonist von Bewusst. TV. Wenig überraschend findet sich dort neben Verschwörungsdenken, Esoterik und Alternativmedizin eine Rubrik „Recht“, die deutlich von Reichsbürgerdenken geprägt ist. In der Rubrik Gesundheit finden sich auffällig häufig Vorstellungen aus der sogenannten Germanischen Neuen Medizin. Über die Ertragssituation von Secret.TV ist wenig herauszufinden: Das Impressum verweist auf einen Schweizer Verein zur Förderung zensurfreier Medien, der dort auch um Spenden bittet. Dass sich das Angebot seit vielen Jahren hält, deutet jedoch darauf hin, dass die Einnahmen zumindest kostendeckend sein sollten. Relativ gut abschätzen lassen sich die Einnahmen durch die YouTube-Vermarktung selbst produzierter Videos. Die auf dem YouTube-Kanal von Jo Conrad innerhalb eines Monats hochgeladenen Videos erreichen zusammengenommen nach längerer Zeit rund 300 000 Klicks. Wegen Werbeblockern oder unpassender Zielgruppe kann YouTube davon jedoch nur jedem zweiten bis jedem vierten Zuschauer eine Werbung anzeigen. Für 1000 solcher Ansichten eines Werbevideos zahlt der Werbekunde drei bis fünf Euro, von denen YouTube gut die Hälfte an den Betreiber des Kanals ausschüttet40. Danach sollte Conrad pro Monat 100 bis 400 Euro aus der Monetarisierung seines YouTube-Kanals verdienen können. An die Ertragszahlen populärer Gamer oder Beautyberater reichen Verschwörungskanäle also nicht annähernd heran.

Sehr ähnlich operiert der Onlinekanal quer-denken.tv um den ebenfalls der Reichsbürgerszene nahestehenden Michael Friedrich Vogt. Der Rückgang neuer Inhalte seit Vogts Schlaganfall 2017 deutet darauf hin, dass es sich offenbar nie rentiert hat, außer ihm selbst eine arbeitsfähige Redaktion zu unterhalten.

In sogenannten „alternativen Medien“, die sich wenigstens der Form nach den Anstrich seriöser Nachrichtenmedien geben, wie MM News oder Extremnews, finden sich eindeutige Verschwörungsbehauptungen weniger in eigenen Inhalten, sondern vor allem dann, wenn Texte aus anderen Quellen übernommen werden, zum Beispiel von Sauberer Himmel41. Daneben durchzieht aber ein pro-russisches, AfD-nahes und oft antisemitisches Verschwörungsdenken mehr oder weniger subtil viele Kommentare und Formulierungen. Bei den Betreibern dieser Angebote handelt es sich in der Regel um kleine Mittelständler. Sofern sie als Kapitalgesellschaften zur Veröffentlichung von Jahresabschlüssen verpflichtet sind, weisen sie in der Regel eine stabile Finanzlage, aber keine spektakulären Gewinne aus. Ob neben Werbung noch weitere Einnahmequellen bestehen, ist nicht immer transparent.

Contentvermarktung gedruckt

Primär ein Printmedium, allerdings mit einem umfassenden Onlineangebot einschließlich vieler Videos ist das Compact-Magazin von Chefredakteur Jürgen Elsässer. Ursprünglich aus dem linken Lager stammend, ist Elsässer inzwischen häufiger Redner auf Veranstaltungen rechter Organisationen. Die Bedeutung von Verschwörungsmythen für Compact ist allerdings begrenzt: Angesichts der antikapitalistisch-nationalistischen, pro-russischen und antiamerikanischen Tendenz der Inhalte ist ein gewisses Verschwörungsdenken unterschwellig in vielen Artikeln vorhanden, wird aber selten eindeutig formuliert. Die monatliche verkaufte Auflage liegt bei 40 000 Heften mit einem Ladenpreis von 4,95 Euro, was bei üblichen Kalkulationen einem jährlichen Verlagsumsatz von ca. 1,2 Mio. Euro entspricht. Hinzu kommen mehrere Sonderhefte im Jahr sowie Anzeigenverkäufe, die im Zeitschriftenmarkt üblicherweise 50 bis 60 Prozent zusätzliche Umsätze generieren. Profitabel ist das Gesamtangebot jedoch nicht: Die veröffentlichungspflichtigen Jahresabschlüsse der Compact Magazin GmbH weisen regelmäßig Fehlbeträge aus, die sich bis Ende 2017 zu einem negativen Eigenkapital von 280 000 Euro aufsummiert haben. Inzwischen hat der Verleger Kai Homilius die Geschäftsführung der GmbH an Elsässer abgegeben, der das Magazin offenbar im Alleingang zu retten versucht.

Verschwörungsmythen als Geldmaschine?


Foto: Adobe Stock-vegefox.com

Im Mittelpunkt der meisten Presseartikel über angebliche wirtschaftliche Motivationen hinter Verschwörungsmythen steht der Rottenburger Kopp-Verlag. Tatsächlich handelt es sich um ein relativ großes und offenbar prosperierendes mittelständisches Unternehmen. Wirtschaftsauskunfteien und Presseauskünfte geben 60 Mitarbeiter, Umsätze von 5,7 Mio. Euro sowie eine Zahl von 3000 Buchversendungen täglich an. Wenn diese Zahl der Buchversendungen auch nur annähernd stimmen soll, ist relativ offensichtlich, dass ein beträchtlicher Teil des Umsatzes und vermutlich auch der Mitarbeiter nicht dem eigentlichen Verlagsgeschäft, sondern dem Versandhandel zuzuordnen ist. Darüber vermarktet Kopp neben Medien auch in beträchtlichem Umfang Esoterikprodukte, Nahrungsergänzungsmittel und Survivalzubehör und hat eigene Produktlinie mit Reformhausprodukten (Kopp Vital). Zu bestellen sind auch fragwürdige Mittel aus von Verschwörungsglauben geprägten Bereichen der Alternativmedizin wie der ätzende MMS-Ersatz Chlordioxidlösung (CDL)42 oder un-ter eigener Kopp-Marke das Wundermittel Dimethylsulfoxid (DMSO)43. Von den auf der Kopp-Seite aktiv vermarkteten Büchern beziehen sich weniger als 10 Prozent eindeutig auf Verschwörungsmythen. Klassische Esoterik macht einen weitaus größeren Teil des Angebots aus. Verschwörungsdenken ist also allenfalls ein Teilaspekt des Kopp-Geschäftsmodells.

Ein beträchtlicher Teil der Verschwörungsliteratur erscheint in Kleinverlagen mit oft wenig professioneller Gestaltung und Vermarktung. So erscheint neben diversen Büchern über eine angebliche Weltregierung der Freimaurer ein dreibändiges Werk mit dem Titel „Chemtrails existieren doch!“ im Verlag Pro Fide Catholica, der auch antisemitische, geschichtsrevisionistische und kreationistische Bücher vertreibt. Den Schwerpunkt des Verlagsprogramms bilden jedoch Texte im Sinne eines radikalen, von der Amtskirche abgespaltenen Katholizismus. Der Verlag wird bereits seit den 1980er Jahren von einem Einzelkaufmann betrieben.

Ebenfalls von einer Einzelkauffrau betrieben wird der Hesper Verlag, der aktuell auf rechtsesoterischen Kongressen sehr präsent ist. Das Verlagsprogramm umfasst deutlich mehr klassische Esoterik als Verschwörungsmythen.

Zu den kleinen Kapitalgesellschaften in diesem Verlagssegment gehörte der Ewert-Verlag, der die erste Ausgabe von Holeys „Geheimgesellschaften“ herausbrachte. Hier machten Verschwörungsmythen knapp die Hälfte des Verlagsprogramms aus, zu dem auch klassische Esoterik sowie religiöse Texte gehörten. Holeys Bestseller dürfte zu den erfolgreichsten Projekten des Verlags gehört haben. Die Betreiber-GmbH wurde 2003 finanziell gesund liquidiert, vermutlich mangels eines Unternehmensnachfolgers.

Bis heute aktiv und offenkundig erfolgreich ist hingegen der Michaels Verlag & Vertrieb, der für den Vertrieb von Holeys Bestseller verantwortlich war und unter anderem das Esoterikmagazin Matrix 3000 herausgibt. Michaels übernimmt den Vertrieb für eine Anzahl von Kleinverlagen, so dass das insgesamt angebotene Programm über 1300 Bücher umfasst. Verschwörungsglauben macht jedoch nur rund 10 % dieses Programms aus. Andere Schwerpunkte sind Esoterik, Religion und Haushaltsratgeber. Betreiber ist eine GmbH mit einem Umlaufvermögen von 450 000 Euro, was immerhin auf einen Betrieb mit mehreren Mitarbeitern schließen lässt.

Daneben erscheinen auch immer wieder Bücher, vor allem zu populären Verschwörungsmythen, in großen Publikumsverlagen, so zum Beispiel zum 11. September von Gerhard Wisnewski bei Knaur (Wisniewski 2003) oder von Andreas von Bülow bei Piper (von Bülow 2011).

Schlussbetrachtungen

Wie sich in der Analyse gezeigt hat, trifft die Vorstellung eines lukrativen Geschäftsmodells als Hauptmotivation für Verschwörungsmythen wenn überhaupt, dann nur für einige wenige Akteure zu. Beim weit überwiegenden Teil der betrachteten Fälle sind die erreichbaren Erlöse allenfalls ein Nebenerwerb oder gerade eben existenzsichernd. Bei einigen Akteuren sind die Alternativen auch begrenzt, nachdem sie sich durch ihren Verschwörungsglauben den Rückweg in ihre frühere berufliche Tätigkeit verbaut haben. Wieder andere werden in der Öffentlichkeit gerne mit Verschwörungsmythen identifiziert, beziehen jedoch den weitaus größeren Teil ihrer Einnahmen mit anderen Themen. Vor allem klassische Esoterik erscheint über alle betrachteten Ertragsmodelle hinweg ein deutlich profitableres Thema.

Neben der Esoterik gibt es einen weiteren Themenschwerpunkt, der überdurchschnittlich häufig im Zusammenhang mit Verschwörungsglauben auftaucht, nämlich politischen Extremismus. In diesem Kontext zeigt sich eine ökonomisch begründete Funktion von Verschwörungsmythen, die nicht die Form unmittelbarer Einnahmeerzielung hat. Gerade in „altenativen“ Onlinemedien zeigt sich deutlich, wie Verschwörungsglauben als thematisches Bindeglied zwischen Rechtsextremismus und Esoterik dient. Die Kernbotschaft vieler dieser Seiten ist die Verbreitung antisemitischer, ausländerfeindlicher oder anderweitig rechtsextremer Gedanken. Anhänger, die an diesen Botschaften interessiert sind, sind aber häufig nicht bereit, die Verbreitung über solche Onlinekanäle auch aktiv zu finanzieren. Die Anbieter finanzieren sich daher durch die Vermarktung von Produkten aus dem klassischen, im Prinzip unpolitischen, Esoterikspektrum. Dabei stehen sie vor der Herausforderung, dass die jeweiligen Zielgruppen unterschiedlich sind und sich nur begrenzt überschneiden. Verschwörungsmythen, ironischerweise vor allem solche mit antimarktwirtschaftlichen Schwerpunkten, bieten aber Anknüpfungspunkte für beide Gruppen und können sie so an den jeweils anderen Themenschwerpunkt der Angebote heranführen. Die Brückenfunktion von Verschwörungsmythen für rechtsextreme Propagandisten zu esoterischen Geldquellen funktioniert damit ähnlich wie die zu linken Gruppen im Rahmen der Querfront-Ideologie.


» In „alternativen“ Onlinemedien zeigt sich, wie Verschwörungsglauben als Bindeglied zwischen Rechtsextremismus und Esoterik dient. «


Literatur

Miele, F. (1994): Giving the Devil His Due. Skeptic 2,4:58-70.
Ritter, H. et al. (2016): Heute die Welt – morgen das ganze Universum. p.machinery, Murnau.
von Bülow, A. (2011): Die CIA und der 11. September. Piper, München.
Wisnewski, G. (2003): Operation 9/11: Angriff auf den Globus. Knaur, München.

1 Kaiser, S. (2015): Das Geschäft mit der Angst. www.spiegel.de/wirtschaft/verschwoerungstheorien-der-kopp-verlag-macht-geschaefte-mit-der-angst-a-967704.html, Zugriff am 19.02.2020.
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Foto: bluesbrother.de

Dr. Holm Gero Hümmler, geboren 22.9.1970 in Hanau, lebt in Bad Homburg und ist Inhaber und Geschäftsführer der Uncertainty Managers Consulting GmbH. Frühere berufliche Stationen führten ihn zur Boston Consulting Group und der Galileo Consulting Group. Nach einem Studium der Physik in Frankfurt promovierte er am Max-Planck-Institut in Physik in München und absolvierte ein wirtschaftswissenschaftliches Zusatzstudium an der FernUniversität Hagen. Forschungsaufenthalte führten ihn ans CERN und ans Brookhaven National Laboratory. Nach 20 Jahren Aktivität in der GWUP erschienen 2017 sein Buch „Relativer Quantenquark“ und 2019 „Verschwörungsmythen. Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden.“ Aktuelle Artikel zu Paraphysik, Verschwörungsmythen und rechter Esoterik erscheinen unregelmäßig auf quantenquark.com.