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GESCHHLOSSENE KANZEL: PRAXIS: Den Wind ernst nehmen


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 14.12.2018

Geschlossene Kanzeln. Viele Jäger glauben, dass mit zunehmender Höhe oder geschlossenen Fenstern das Wild keinen Wind mehr vom Ansitzenden bekommt. Dass dem nicht ganz so ist, weiß RevierjagdmeisterRoman v. Fürstenberg.

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Bildquelle: JÄGER, Ausgabe 10/2019

Rotwild ist äußerst empfindlich, was die Wittrung von Menschen angeht. Der kleinste Hauch kann ausreichen, und das ganze Rudel springt ab.


Dass der Wind bei der Pirsch mit das Wichtigste ist, das zwingend zu beachten ist, wenn sich jagdlicher Erfolg einstellen soll, wurde mehrfach unter Beweis gestellt. Ebenso, dass auch ein hoher Hochsitz es nicht vermag, den Jäger aus dem Wind des ...

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... Wildes zu zaubern.

DER KLEINSTE WINDHAUCH REICHT AUS

Selbst die zehn Meter hohe Kanzel hilft bei schlechtem Wind rein gar nichts. Viel zu schnell verteilen sich selbst bei nicht-fühlbarem Wind unsere Geruchspartikel über Äsungsflächen hinweg zu dem in 100 Metern und mehr stehenden Wild, welches sofort Notiz nimmt. Windstille bedeutet immer noch eine Windbewegung von null bis 0,3 Metern pro Sekunde. Pro Minute sind das schon 18 Meter – je nach Windströmung jedoch nicht nur immer strikt geradeaus, sondern mitunter breitflächig auf die Äsungsflächen, in die Einstände oder uns unsichtbar umschlagend. Nach etwa zehn Minuten kann somit die menschliche Wittrung bereits in rund 180 Metern äsendes Wild erreicht haben – ohne dass wir selbst groß einen Luftzug merken. Jeder, und sei er noch so leicht, merkliche Windhauch bedeutet eine weitaus schnellere Windausbreitung und -verteilung.

AM STANDORT TESTEN: WINDANZEIGER

Ideal, um zu sehen, wie der Wind unsere Wittrung verteilt, sind Seifenblasen, da diese über sehr weite Entfernungen vom Wind getragen werden. Auch Pulver und Zigarettenrauch können für das Prüfen des Winds genutzt werden. Sie lassen sich aber nicht so weit verfolgen wie Seifenblasen. Vor dem Neubau des Hochsitzes bietet es sich an, den gewählten Standort bei verschiedenen Windrichtungen mittels Rauchpatronen auf seine Tauglichkeit hin zu überprüfen. Eine Anleitung hierzu findet sich im JÄGER 9/2016.

Zum Prüfen des Windes sind Seifenblasen ideal.


FOTO: ROMAN V. FÜRSTENBERG

PROBLEMFELD: WILDSTÖRUNG

Besonders das sehr stressanfällige Rotwild nutzt den Wind aus, um Kontakte mit Menschen zu vermeiden, bedeutet menschliche Wittrung doch stets Gefahr. Durch diese Tatsache kann durch Ansitze bei nicht optimalem Wind schnell ein extremer Jagddruck entstehen. Besonders das Rotwild fühlt sich durch diese Art der Störung gestresst. Und das erkennen wir Jäger daran, dass es ein erhöhtes Sicherungsverhalten an den Tag legt. Ein zu hohes Sicherungsverhalten ist wildbiologisch und jagdpraktisch immer von Nachteil, denn es zieht unweigerlich negative Folgen nach sich: Wildschäden, „unsichtbares Wild“, Umstellen in andere Reviere, schlechte körperliche Konstitution oder Veränderung der Zeit-/Raumnutzung. Äsendes Rotwild, das deutlich mehr als zehn Prozent der Zeit einer Äsungsperiode sichert, hat Stress. Bei der Erfassung hilft eine Stoppuhr, die mittlerweile jedes Smartphone besitzt. Werte von etwa acht Prozent können als normales Sicherungsverhalten angesehen werden. Durch den wiederholten Ansitz bei negativem Wind werden schnell Werte von weit über dem Durchschnitt erreicht. Spaziergänger ordnet das Wild ganz anders ein als den leisen, schleichenden Jäger.

Das Sicherungsverhalten gibt Aufschluss darüber, ob das Wild im Revier unter Stress steht oder nicht.


FOTO: WOLFGANG RADENBACH

WIND IST NICHT GLEICH WIND

Echte Windstille gibt es in der Natur nicht. Der ideale Wind ist somit jener, der leicht und konstant in eine Richtung weht. Kommt der Wind von vorn, von der Äsungsfläche auf den Jäger zu, ist doch eigentlich alles perfekt, oder? Nicht immer, denn der Wind kann hinter dem Jäger umschlagen und seitlich vom Jäger wieder in die entgegengesetzte Richtung ziehen. Mit halbem Wind kann es ebenso ergehen. Küselt der Wind nicht, sondern weht dem Jäger konstant ins Gesicht, ist trotzdem zu bedenken, dass das Wild, insbesondere Rotwild, doch meist gegen oder mit halbem Wind aus der Deckung auf die Äsungsflächen zieht. Solche Überlegungen sind beim Hochsitzbau unentbehrlich.

GESCHLOSSENE KANZEL?

Da durch die Verteilung des Windes die Höhe der Kanzel nur wenig hilft, um dem Wild aus dem Wind zu kommen, soll eine geschlossene Kanzel Abhilfe schaffen. Die Idee dabei: Man schließt die Fenster oder lässt nur eines geöffnet, so dass die Wittrung des Ansitzenden nicht nach außen dringt. Der Ansitz beginnt jedoch bereits mit dem Angehen des Hochsitzes – nicht selten sehen wir nichts auf der Fläche, weil der Wind nicht frühzeitig geprüft und beachtet wurde. Wild war möglicherweise bereits auf der Fläche und hat Notiz vom Jäger genommen, bevor dieser auch nur an den Wind gedacht hat. Erfolg: negativ!

Mit einer Rauchbombe kann getestet werden, wohin sich die Geruchspartikel von der Kanzel aus verteilen.


FOTOS: ROMAN VON FÜRSTENBERG

KANZELFFENSTER SCHLIESSEN?

Ist die geschlossene Kanzel nun unter Beachtung des Windes erreicht und dreht dieser während des Ansitzes, ist doch eigentlich alles in Ordnung – einfach das dem Wind zugewandte Fenster schließen, dann kann doch nichts mehr passieren, oder doch? Zwar weht der Wind nicht quer durch die Kanzel zum Wild hin wie bei offenen Fenstern, jedoch hat der an der Kanzel vorbeistreichende Wind eine Sogwirkung im Bereich des dem Wind abgewandten Fensters. Hierdurch entstehen im Innern der Kanzel leichte Verwirbelungen. Die Geruchspartikel des Jägers werden verteilt und mit nach außen gesogen, auch bei Windstille. Die so mitgezogenen Geruchspartikel erreichen das Wild ebenso wie jene vom auf einer offenen Kanzel ansitzenden Jäger. Die Wittrung des Menschen verbreitet sich unweigerlich in der Kanzel. Gerade im Bereich etwaiger Dachkonstruktionen mit kleinen Zwischenräumen wird diese Wittrung entweichen und fortgetragen.

Das Schließen der Fenster kann helfen – wenn diese wirklich dicht sind. Dann muss aber auch der Rest des Sitzes wirklich dicht sein, und das ist selten zu 100 Prozent der Fall. Fest steht auch: Soll Wild erlegt werden, müssen Fenster geöffnet werden, mindestens eines. In diesem Moment kann, je nach Windgeschwindigkeit, bereits die Wittrung zum Wild getragen werden, schließlich muss ja auch noch angesprochen werden. Das Wild kann das Öffnen der Fenster durch Reflexionen durchaus wahrnehmen und je nach Konstruktion und Bewegungsaufwand auch vernehmen. Im schlechtesten Fall ist der Ansitz dann gelaufen.

Mithilfe einer Drohne erkennt man hier, wohin der Duft des Jägers weht.


Der Wind weht von der Kanzel weg und schlägt plötzlich auf die Fläche.


Ideal: der Wind geht auf den See. Dort kann er das Wild nicht erreichen.


NACHTEIL GESCHLOSSENER FENSTER

Ein weiterer Nachteil der geschlossenen Kanzel liegt auf der Hand: Wir können nicht mit allen Sinnen jagen, da uns die Fenster ein leises Anwechseln des Wildes nicht vernehmen lassen. Ebenso schlucken Fenster in der Nacht einen gewissen Teil des Lichts – ein richtig gutes Sehen, gar mit dem Fernglas durch eine Plexischeibe, ist nur mit starken Einbußen möglich. Ein kleiner Fehler dann in der Kanzel, ein Geräusch, und es ist nur noch das laute Abspringen oder Schrecken zu hören. Auch in diesem Fall ist der Ansitz gelaufen.

Besonderer Nachteil der geschlossenen Kanzel in diesem Fall: der Resonanzkörper. Fällt eine Patrone in einer offenen Kanzel herunter, so ist das deutlich leiser als in der geschlossenen Box.

VORHER WINDRICHTUNG TESTEN

Die Ausbreitung der menschlichen Wittrung ist im unmittelbaren Bereich der Kanzel am höchsten. Der Weg, auf dem der Wind diese mit sich trägt, kann nicht immer klar von uns bestimmt werden, da der Wind bereits in einigen Metern Entfernung eine aus den örtlichen Gegebenheiten resultierende gänzlich andere Richtung annehmen kann. Ideal für die weitere Verfolgung des Windes sind Seifenblasen, da diese über weitere Entfernungen gesehen werden können als Pulver oder Rauch. Vor dem Neubau eines Hochsitzes bietet es sich an, den Standort bei verschiedenen Windrichtungen mit Rauchpatronen auf die Tauglichkeit hin zu überprüfen.


FOTO: WOLFGANG RADENBACH