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Geschichte(n) des Grauens


Karfunkel - epaper ⋅ Ausgabe 140/2020 vom 01.02.2020

Teil 3: Thronmonster am Bosporus


Kaiserliche Monster im „alten“ Rom gehören zur Allgemeinbildung: Der ebenso infantile wie mörderische Allmachtswahn Caligulas (12-41 n. Chr.), die wilde Brutalität Domitians (51-96 n. Chr.) oder auch Caracalla (186-217 n. Chr.), der aus Wut über eine Satire 20 000 Bürger Alexandrias abschlachten ließ, sind uns wohlbekannt. Aber auch die Krone im „neuen Rom“, Konstantinopel bzw. Byzanz, saß immer wieder auf dem Kopf von Bestien, die ihren altrömischen Vorgängern in nichts nachstanden - weder im Grausamen, noch im Grotesken.

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Bildquelle: Karfunkel, Ausgabe 140/2020

Tödlicher Opportunismus, paranoide Tyrannei ...

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Zu diesen Schreckfiguren gehörte die „Schlitznase“ Justinian Rhinotmeus (669-711), über den der Historiker Edward Gibbon schrieb: „Seine Leidenschaften waren stark; seine Auffassungsgabe war dürftig; und er war vergiftet von einem dümmlichen Stolz, dass seine Geburt ihm das Kommando über Millionen gegeben hatte, von denen die kleinste Gemeinschaft ihn nicht für ihren lokalen Magistrat gewählt hätte.“

Während „Schlitznases“ kapriziöse Tyrannei zeigt, wie die familiäre Erbfolge bisweilen sadistische Debile auf den Thron brachte, steht Basilei - os II. (957-1025), der Tausenden von Bulgaren die Augen ausstechen ließ, für die Gnadenlosigkeit oströmischer Feldherren. Andronikos I. Komnenos (1118-85) zeigt hingegen den skrupellosen Opportunismus, der die Spätphase byzantinischer Kaisermacht kennzeichnete und zugleich wesentlich zu ihrem Ende beitrug. Mit seiner „Geschichte des Grauens“ werden wir uns hier beschäftigen.

Prinzenmord und Kaiserpracht

Byzantium - zuerst Ostrom, später das Römische Restreich, noch später ein Rumpfstaat rund um die größte Stadt der Christenheit - war eine der größten Zivilisationen, die die Welt jemals sah. In Byzanz verschmolzen Ost und West, flossen Paganismus und Christentum ineinander, hier blühte der Hellenismus. Als das Weströmische Reich 476 stürzte, bestand das Oströmische Reich weiter, bis die Araber zwei Drittel seines Territoriums einnahmen, und als Rumpfstaat sogar bis 1453, der Eroberung durch die Osmanen. Die Renaissance, die im „dunklen Mittelalter“ das Wissen der Antike wiederentdeckte, wäre ohne Byzantium so nicht möglich gewesen.

„Purpur ist ein schönes Totenkleid“ soll Kaiserin Theodora zu Kaiser Justinian I. beim Nikaaufstand gesagt haben, als der Herrscher vor dem rasenden Mob fliehen wollte. Ein Kaiser in Byzanz hatte allzu häufig nur die Wahl, sich mit dem Tod vor Augen dem Kampf zu stellen oder zu fliehen und damit den kaiserlichen Purpur zu verlieren und oft ebenfalls zu sterben.

Wer Kaiser von Byzantium wurde, dem stand derweil ein Reichtum in Aussicht, den die Herren Mitteleuropas in ihren verlausten Burgen nur aus Märchen kannten. Zudem bewegte sich der Kaiser im Osten auch insofern in römischer Tradition, dass ihn formal niemand in seiner Macht einschränkte - weder Reichsstände noch Bürgerschaften, weder klerikale Territorialherrscher noch Adelskonvente.

Der Preis, den es zu erringen gab, war also extrem hoch; ebenso hoch aber der Einsatz: Prinzenmord oder Verstümmeln von Rivalen, Bestechen der Rädelsführer des metropolitanen Mobs, Verschwörungen der Palastwachen, Militärputsche und Thronkriege gehörten ebenso zur Kaiserkrone wie Erbrecht, Wahlen und die Weihe durch den orthodoxen Patriarchen.

Zeichnung von Konstantinopel aus der Zeit um 1420


Foto: Bodleian MS Canon. Misc. 280: Bondelmontius, Liber insularum Archipelagi

Die Königin der Städte

Konstantinopel war die strategisch wichtigste Stadt zwischen Europa und Asien und damit des globalen Handels, bevor die Europäer den Seeweg nach Indien entdeckten. Am 18. September 324 besiegte Konstantin in Chrysopolis (heute Üsküdar in Istanbul) den Ostkaiser Licinius und wurde alleiniger Kaiser von Rom. Das auf der gegenüber liegenden Seite des Bosporus liegende griechische Byzantion ernannte er zur „Stadt Konstantins“ und baute die Kleinstadt zur Metropole aus.

Bereits im 3. Jh. hatte der Osten des Römischen Reiches 12-mal so viele Einnahmen gebracht wie der Westen. Noch fast 1500 Jahre später sagte Napoleon: „Wenn es auf der Welt nur ein Land gäbe, wäre Istanbul (Konstantinopel) seine Hauptstadt.“ Wie keine andere Stadt lag Konstantinopel als Nadelöhr „at the crossroads of the world“ (Thomas F. Madden): Ein Flussbett, das Goldene Horn, mündet direkt dort, wo der Bosporus auf das Marmarameer trifft, und hier erstreckt sich eine Landzunge, von der sich nicht nur Bosporus wie Marmarameer überblicken ließen - der dortige Hügel war auch von schroffen Felsen und dem umgebenden Wasser vor Angreifern geschützt. Wer Konstantinopel beherrschte, der kontrollierte den Bosporus und damit die einzige Wasserstraße zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer - zwischen Asien und Europa. Auf dem Landweg endeten in Konstantinopel darüber hinaus die Seidenstraßen, die in China begannen und über Zentralasien, Afghanistan, Iran und Syrien verliefen. Von hier aus gelangten die Luxusgüter des Orients nach Europa.

Foto: Utz Anhalt

Foto: Utz Anhalt

Die unter Theodosius angelegte Landmauer machte Konstantinopel, die größte und reichste Stadt Europas auch zur am besten befestigten. (Auch) dieser Mauer ist es zu verdanken, dass Byzanz noch 1000 Jahre bestand, nachdem Rom im Westen an die Germanen gefallen war. Alanen, Araber und lange auch die Türken versuchten vergeblich die Mauern zu überwinden. Die Kreuzfahrer drangen 1204 durch die viel niedrigeren Seemauern ein.

Germanische Barbaren und dekadente Schwächlinge

Die Römergriechen im Osten sahen sich als leuchtender Stern der christlichen Zivilisation und zugleich des Römischen Reiches, der den „Heiden“ und Muslimen die Stirn bot und den Westen rettete, während Europa in einer dunklen Zeit versank.

Zeitgenossen des Mittelalters im Westen sahen „byzantinische Verhältnisse“ hingegen als Synonym für Verrat, Intrige, Feigheit, Korruption und Dekadenz. Die Herrscher in Konstantinopel hatten in Europa den Ruf von Weichlingen, die sich mit ihrem Reichtum Söldner kauften, statt selbst in die Schlacht zu ziehen.

Die Arroganz in Konstantinopel stand den westlichen Ressentiments in nichts nach: Die Kaiser sahen sich als direkte Nachfolger von Julius Caesar und Augustus, als Herrscher des ewigen Reiches, das niemals an die Barbaren gefallen war. Die Herrscher in Italien mochten sich Cäsar (= Kaiser), König oder Herzog nennen - für die Krone in Konstantinopel blieben sie germanische Primitivlinge, die die Ruinen eines Imperiums beschmutzten.

Einen besseren Ruf hatten lediglich die Venezianer. Diese hatten ihre Stadt in einer Lagune errichtet, um so den Goten zu entkommen - in den Augen der Byzantiner waren sie Römer geblieben. Das Römische Reich auch im Westen wieder zu errichten, war in Konstantinopel Staatsräson.

Zur Arroganz als letzter Brückenkopf eines Weltreichs kam eine eigenwillige Interpretation des Christentums, die der imaginierten Überlegenheit höhere Weihen gab.

Christus wird der neue Cäsar

Konstantin der Große (272-337), der aus dem griechischen Byzanteion die Metropole Konstantinopel machte, war der erste Kaiser Roms, der zum Christentum konvertierte, nachdem er zuvor Anhänger des Sonnengottes Mithras-Sol gewesen war. Zum Wahrzeichen der Stadt Konstantins erhob er aber keine christliche Kirche, sondern eine Bronzestatue, die ihn selbst als Sonnengott zeigte, der in den Osten, in Richtung der aufgehenden Sonne blickte. Viele Historiker gehen deshalb davon aus, dass Konstantin sich selbst als Christus ansah. In jedem Fall übernahmen seine Nachfolger diese Interpretation: Der Kaiser in Konstantinopel setzte auf Erden das Reich von Jesus in die Wirklichkeit. Ein Gott herrschte im Himmel und ein Kaiser, ein Cäsar, ein Augustus, ein Christus auf Erden - der eine stand für den anderen und alles andere war ihnen untergeordnet.

Die „Heiden“ unter das „Reich Christi“ zu unterwerfen, galt nicht mehr „nur“ wie zuvor als römische Überlegenheit, sondern als „Gotteswerk“. Der Militarismus, die Essenz des römischen Denkens, wurde so sakral überhöht: Militärische Erfolge galten als Beweis, dass der Kaiser das Werk Gottes ausführte.

So war Justinian I. (483-565) als „Nachfolger Jesu“ so gut wie unangreifbar, nachdem er Italien von den Goten und Nordafrika von den Wandalen erobert hatte und zudem mit der Hagia Sofia die größte Kirche der Christenheit baute.

Der Teufelskreis des Gottesruhms

Die sakral überhöhte Macht hatte indessen eine Schattenseite, die den Herrscher schnell das Leben kosten konnte. Waren Eroberungen Zeichen für das Werk Gottes, so zeigten Niederlagen, dass der Verlierer kein „wahrer Kaiser“ sein konnte - und auf eine solche Gelegenheit wartete gleich eine Schar von Rivalen.

Der Galataturm im heutigen Istanbul: Die Italiener hatten eigene Viertel in Konstantinopel; Galata, das heutige Karaköy, bewohnten vor allem Genuesen


Foto: Utz Anhalt

Also wurden Niederlagen zu Siegen umgelogen, und sinnlose Kriege geführt, um Erfolge vorzuweisen. Insbesondere, nachdem Belisar, der Feldherr von Justinian I., weite Teile des alten Römischen Reiches erobert hatte, war die Messlatte für die „Gunst Gottes“ sehr hoch gelegt.

Die Jahrzehnte nach dem Tod Justinians bestanden denn auch aus einem Dauerkrieg zwischen seinen und den persischen Sassaniden. Der Krieg blutete beide Reiche aus, ließ die Infrastruktur zusammenbrechen und ermöglichte, dass die islamischen Araber die reichsten Provinzen von Byzanz einsammelten wie vom Baum gefallene Äpfel.


„Die Krone von Byzantium war bisweilen geerbt, bisweilen gewählt und oft schlicht der Preis für Palastrevolutionen und Militärputsche. Darauf angelegt, Ruhm ohne Regeln zu erobern, brachte das System häufig Monster an die Spitze der Macht.“


Simon Sebag Montefiore

Auch wenn die ideelle Macht eines byzantinischen Kaisers also groß war, bewegte er sich im Inneren wie im Äußeren auf Messers Schneide - und das war wirklich wörtlich zu nehmen. Byzanz führte immer neue Vielfrontenkriege - gegen Hunnen wie gegen Alanen, gegen Bulgaren wie gegen Slawen, gegen Perser wie gegen Araber, mal gegen, mal mit Venedig und Genua, mal gegen, mal mit den Kreuzrittern.

Gekaufte Loyalität und tödliche Intrigen

Je mehr das oströmische Reich dabei schrumpfte, umso mehr wurden die Kaiser von Söldnern abhängig, die sie nach Bedarf einkauften. Auch wenn diese, wie die Waräger, loyal blieben, war die militärische Basis viel unsicherer als im strikt organisierten alten System der Legionen.

Zum Dauerkrieg an den Außengrenzen kam zudem die ständige Gefahr von innen. Jeden Kaiser hatten Machtgruppen auf den Thron gebracht, die bei jedem neuen Kaiser ihre Privilegien verloren. Ein neuer Herrscher musste sich also stets diesen alten Günstlingen gegenüber durchsetzen - und das bedeutete häufig, sie zu töten oder getötet zu werden.

Aristokraten mobilisierten ihre Privatarmeen; Söldner nahmen die Forderungen nach Lohn und Beute in die eigene Hand; die Palastwache konnte einem neuen Kaiser das Leben sichern oder ihn eliminieren. Und nicht zuletzt war das Volk der Megacity ein großer Machtfaktor. Alle diese Machtgruppen musste ein neuer Kaiser befriedigen oder sich zumindest der Loyalität der Stärksten unter ihnen sicher sein, um die Schwächeren in Schach zu halten.

Bestechung war in diesem fragilen „System“ existentiell, um als Machthaber zu überleben. Das Netz von Spitzeln und Zuträgern zum Beispiel war legendär, das Theodora, die Kaiserin von Justinian I. aufbaute, um die Führer der Zirkusparteien mit hohen Summen zu bestechen. Dem hohen Klerus schmeichelten spektakuläre Kirchenbauten, dem Volk kostenloses Brot oder großzügige Parkanlagen.

Aus Rache für das Pogrom an den Italienern verwüsteten genuesische Korsaren die Klöster auf den Prinzeninseln im Marmarameer. Die Inseln tragen ihren Namen, weil sie dazu dienten, die Thronfolge störende Prinzen unter Arrest zu stellen - im Vergleich zu Blenden, Verstümmeln oder Ermorden eine „milde“ Methode.


Foto: Utz Anhalt

Für hohe Beamte, Befehlshaber der Armee und kaiserliche Familien selbst war es nicht nur entscheidend, einem potenziellen Thronfolger bereits als Kind die Netzwerke aufzubauen, damit er den Weg an die Macht überlebte, sondern auch, dessen Konkurrenten auszuschalten. Da rivalisierende Gruppen mit ihren Kandidaten aber das gleiche vorhatten, war es lebensgefährlich, Thronfolger in spe zu sein. Je mehr das Reich zerbröckelte und je mehr das alte System von Erbrecht, kirchlicher Weihe, militärischen Eliten und „Volkswahl“ zerfiel, umso gefährlicher wurde das „Game of Thrones“ am Goldenen Horn.

Geblendete Kaiser und Bulgaren

„Blenden und Verstümmeln waren entworfen, um einen Kandidaten vom Thron zu disqualifizieren, während Erdrosseln die Methode darstellte, Prinzen zu töten, ohne königliches Blut zu vergießen.“ (Simon Sebag Montefiore)

Blenden diente auch dazu, äußere Feinde abzuschrecken. Kaiser Basileios II. (957-1025) war wegen seines explosiven Temperaments gefürchtet: Wenn er in seinem runden Gesicht seine Schnurrbarthaare mit den Fingern zwirbelte und seine blauen Augen zitterten, war es das Beste, sich sofort aus seinem Blickfeld zu entfernen.

Sein Erzfeind war Samuel, der Zar von Bulgarien, der auf ehemals byzantinischem Territorium ein Reich von der Adria bis zum Schwarzen Meer errichtet hatte. Jedes Jahr ließ Basileios seine Truppen in das bulgarische Reich einmarschieren und eroberte Stück für Stück Mazedonien zurück. Seine Gnadenlosigkeit gab ihm bereits zu Lebzeiten den Titel Bulgaroktónos, „Bulgarenschlächter“.

1014 schlugen Basileios’ Soldaten das bulgarische Heer vernichtend in der Schlacht von Kleidon, und das Nachspiel räumt dem Bulgaroktónos einen Unehrenplatz unter den Verbrechern gegen die Menschlichkeit ein. Johann Skylitzes, byzantinischer Historiker des 11. Jh., schreibt:

Foto: wikimedia commons, Furfur

„Der Kaiser blendete die bulgarischen Gefangenen - rund 15 000 wird gesagt - und er befahl, jeweils 100 zurückführen zu lassen (…) von einem einäugigen Mann.“

Blüte eines verwelkten Reiches

Mit dem Verlust Ägyptens, Syriens und Palästinas im 8. Jh. an die Araber und Kleinasiens im 11. Jh. an die Türken war Konstantinopel eine historische Kuriosität geworden, so der Historiker Thomas F. Madden: Eine reiche Hauptstadt mit großer Bevölkerung eines kleinen und relativ schwachen Reiches. Im 12. Jh. hatten die beiden größten Städte des christlichen Europas, Venedig und Rom, jeweils um die 50 000 Einwohner, die Metropole am Bosporus circa 400000. In Konstantinopel blühte nach wie vor die Pracht der Antike mit Springbrunnen auf weitläufigen Foren, kolossalen Bronzestatuen und riesigen Säulen, die die Straßen umrahmten. Das Hippodrom blieb ein Schauplatz mit Obelisken und mehr als 100 Statuen an seiner Zentralachse. Doch die Bewohner hatten längst deren Bedeutung vergessen und hielten die Figuren des Altertums für magische Talismane von Zauberern.

Zwei Faktoren hielten diese Absonderlichkeit am Leben: Zum einen der überbordende Handel im östlichen Mittelmeer, der Ägäis und dem Schwarzen Meer, besonders mit Venedig, Genua und Pisa. Zum anderen die Theodosianischen Landmauern, die die mit ausländischem Kapital versorgten Bewohner leicht vergessen ließen, dass der äußere Feind in Form der Türken immer näher rückte.

Maria von Antiochia gegen Maria Komnena

Mittel, um an die Macht zu kommen, waren Tricks, Lügen, Bestechung und gnadenlose Söldnerarmeen. 1143 folgte Manuel I. Komnenos seinem Vater Johann als Kaiser. Als Sohn einer ungarischen und als Gatte einer normannischen Prinzessin war er sowohl ein Produkt des Westens wie Konstantinopels, so Madden, und die westliche Kultur faszinierte ihn - im Gegensatz zu vielen Bosporusgriechen, die die „Lateiner“ ablehnten. Der Zorn auf die Westler wuchs noch, als sich die konkurrierenden Pisaner und Genuesen am Goldenen Horn Straßenschlachten lieferten.

Foto: Utz Anhalt

Die unter Justinian I. in voller Pracht errichtete Hagia Sofia war bis zum Bau des Petersdoms die größte Kirche der Christenheit. Hier wurden die Kaiser von Konstantinopel vom Patriarchen der orthodoxen Kirche gekrönt. Hier riss der Mob die Krone Konstantins herunter, die an einer goldenen Kette über dem Hauptaltar hing, und zwang den Patriarchen, sie Isaak auf den Kopf zu setzen. Die Innenarchitektur der Hagia Sofia (rechts) ließ die Raumgrenzen verschwimmen und stand für Gottes Kosmos. Die überwältigende Suggestion ließ die byzantinische Ideologie plastisch erleben: Ein Gott im Himmel und ein Kaiser auf Erden. Der eine stand für den anderen, und alles andere war ihnen untergeordnet. Die Muslime wandelten nach der Eroberung 1453 die größte byzantinische Kirche in eine Moschee um.

In den 1170ern brodelte zudem ein Kalter Krieg mit Venedig: Manuel hatte Geschäfte, Häuser und Schiffe der Venezianer konfisziert und Tausende von ihnen in Gefängnisse und Klöster gesperrt. Kurz vor seinem Tod 1180 ließ Manuel halbherzig venezianische Gefangene frei und knüpfte Bande zum unzuverlässigen Genua.

Während Manuel den Anschluss an den Westen als Schlüssel sah, um das Römische Reich wiederzuerrichten, und Europäer in Scharen an den Bosporus zogen, wuchs das antiwestliche Ressentiment. In den Augen der einheimischen Griechen sprachen die Westler „barbarische Zungen, verlangten arrogant, dass die Byzantiner sie bedienten, und verhielten sich wie Primitive“, so Madden. Es waren „Hassgefühle geboren aus Ohnmacht, welche zu den ansteckendsten gehören.“

1180 starb Manuel I. und hinterließ seinen elfjährigen Sohn Alexios II. als seinen Nachfolger. In Wirklichkeit herrschte Manuels Witwe Maria von Antiochia, eine Normannin. Viele Griechen fanden die Thronfolge des Sohns eines halbungarischen Kaisers und einer „germanischen“ Kaiserin bereits schlimm genug. Doch zusätzlich bevorzugte Maria die Genuesen und anderen Italiener in der Stadt.

Auch moralisch fühlten sich viele Byzantiner betrogen. Zwar waren die glänzenden Zeiten längst vorbei, als sich der sakrale Kaiser als Vollender des Werks von Jesus präsentieren konnte, doch was Maria tat, ging viel zu weit: Sie hatte geschworen, nach dem Tod ihres Gatten ihr Leben keusch als Nonne im Kloster zu verbringen. Stattdessen tobte sie sich sexuell mit Manuels Cousin aus. Der Volkszorn kochte.

Eine andere Maria, Maria Komnena, Manuels Tochter aus erster Ehe und schärfste Konkurrentin der kaiserlichen Witwe, versuchte, ihre Stiefmutter zu stürzen - unterstützt vom orthodoxen Patriarchen und von ihrem Ehemann, Renier von Montferrat. Die Verschwörung flog jedoch auf, die drei flüchteten in die Hagia Sofia und verbrachten Monate im Kirchenasyl, bevor die unkeusche Witwe Maria ihnen Amnestie gewährte.

Das Scheitern des Staatsstreichs erzürnte den griechischen Mob erst recht. In der ganzen Stadt brachen Aufstände los. Die Herrscherin Maria versuchte, sie niederzuschlagen, doch viele griechisch-byzantinische Soldaten weigerten sich, gegen die Aufständischen vorzugehen.

Marias Hoffnung lag nun auf der Warägergarde. Ursprünglich Söldner, waren diese 5 000 „Wikinger“ die loyalste Truppe der kaiserlichen Familie. Sie hatten ihre Wurzeln in Skandinavien und schworen einen Eid auf den Kaiser. Ihre Hauptwaffe war die einhändige Axt, wehalb sie auch „Axtträger“ hießen. Sie hatten schon manchen Palastputsch niedergeschlagen, doch gegen eine Volksrevolte waren sie viel zu wenig.

Andronikos - Terror, Sex and Crime

Üblicherweise stellte jetzt ein Adliger eine Armee zusammen und marschierte auf Konstantinopel, um seinen Kandidaten auf den Thron zu hieven oder diesen selbst zu besteigen. Die Komnenosdynastie war unter Alexios I. 1081 genau so an die Krone gekommen - diesmal, 1182, nutzte Andronikos Komnenos, ein Cousin von Manuel I., die Gunst der Stunde. Moralisch war er der Allerletzte, um sich gegen eine Kaiserwitwe zu stellen, die ihr Keuschheitsversprechen gebrochen hatte: Hätte sein Leben mit Anfang 60 geendet, wäre er nämlich als byzantinischer Casanova in die Geschichte eingegangen - nicht als Blut saufender Despot.

Foto: wikimedia commons, Ray Swi-hymn

1182 war er über 60 Jahre alt, aber immer noch eine beeindruckende Gestalt, so der Byzantiner Senator Nicetas Choniates: extrem muskulös gebaut, mit in der Mitte gescheiteltem Bart und kahlem Schädel, ebenso berühmt wegen seiner militärischen Fähigkeiten wie seines überbordenden Charismas. Letzteres verschaffte ihm immer wieder neue männliche Anhänger und Bettgefährtinnen.

Seine Affären bedingten ein Leben auf der Flucht: In seinen 30er-Jahren war er ein enger Vertrauter von Kaiser Manuel gewesen, führte indessen eine erotische Beziehung zu dessen Kusine Eudoxia, wurde 1153 wegen einer Verschwörung gegen den Kaiser eingesperrt, schaffte es 1165 aus dem Gefängnis zu fliehen und reiste auf der Suche nach einer Bleibe umher.

Im Kreuzritterstaat Antiochia fand er Unterkunft. Er heiratete Philippa, die Tochter des Prinzen Raimund und der Schwester von Kaiserin Maria. Manuel tobte, weil sie einem Verwandten von ihm versprochen war, befahl, ihn festzunehmen und nach Konstantinopel zu bringen. Andronikos entkam und ersuchte Asyl in Jerusalem, wo ebenfalls Kreuzritter regierten. Der dortige König Almaric I. schätzte den Hasardeur so sehr, dass er ihn zum Herrscher von Beirut ernannte.

Doch wieder hielt sich der Lustmolch nicht zurück. Der Charme des inzwischen über 50-jährigen Womanizers betörte Theodora, die 21-jährige Witwe des vorherigen Königs Balduin III., eine Nichte von Manuel I. und Andronikos’ Kusine. Ihre verbotene Affäre wurde entdeckt, und die beiden flohen aus Jerusalem auf eine Odyssee, die sie zuerst zum Sultan von Damaskus führte, dann nach Persien und Turkestan, rund um das Kaspische Meer und zum Kaukasus. Sie ließen sich schließlich in Trebizond am Schwarzen Meer nieder (das heutige Trabzon in der Türkei).

Der Statthalter von Trebizond ließ Theodora und die beiden Kinder des Paares, Alexios und Theodora, gefangen nehmen und nach Konstantinopel bringen. Andronikos unterwarf sich daraufhin dem Kaiser, der ihn begnadigte. In der Stadt Oinaion an der Schwarzmeerküste baute er eine riesige Burg. Kurz vor seinem Tod hatte Manuel ihm vollends verziehen und ihn zum Statthalter von Pontos eingesetzt.

Nach einem derart bewegten Leben hätten andere alternde Männer ihren Lebensabend am Schwarzen Meer genossen, statt sich in das „Game of Thrones“ einzumischen. Nicht so der Heißsporn. Er sammelte Truppen am Schwarzmeer und marschierte auf Konstantinopel zu. Und immer mehr Männer schlossen sich ihm an.

In der Stadt angekommen, begrüßten die Massen den Eindringling als ihren Retter. Der spielte erst einmal den Staatsmann. Er schlug vor, dass Kaiserin Maria in ihr Kloster zurückkehrte, um sinnloses Blutvergießen zu vermeiden, und erklärte, er sei gekommen, um ihr die Bürde abzunehmen, in Stellvertretung des minderjährigen Sohns zu regieren, bis dieser eigenständig Entscheidungen treffen könnte. Maria von Antiochia hatte keine Wahl und gehorchte.

Massaker am Goldenen Horn

Doch der Mob hatte Andronikos die Macht über die Metropole nicht kostenlos übergeben und verlangte eine Gegenleistung. Und diese war klar: Im April 1182 verkündeten Andronikos’ Agenten dem Volk freie Bahn, die Stadt von Westeuropäern zu „säubern“, und gaben so die Erlaubnis für ein Massaker, das seinesgleichen suchte.

Früh am Morgen begann das Gemetzel. Opfer waren besonders Italiener, die längs des Goldenen Horns lebten. Madden schreibt:

Der Mob brach in die Häuser ein, in die Kirchen und Krankenhäuser, mordete, vergewaltigte und folterte alle, die er fand. Tausende wurden in ihren Betten getötet, bevor sie auch nur verstanden, was passierte. Die einfachsten Ziele waren Frauen, Kinder und Alte, die gnadenlos niedergemacht wurden. Katholische Priester und Mönche wurden brutal massakriert. Sogar der Legat des Papstes, der in der Stadt als offizieller Botschafter agierte, wurde auf die Straße gezogen und geköpft. Sein Kopf wurde an den Schwanz eines Straßenhundes gebunden, den die blutlüsternen Griechen kilometerweit vor sich her trieben.“

Das Pogrom endete erst, als alle Westler tot oder geflohen waren. Ein venezianisches Handelsschiff traf auf ein Schiff voller Flüchtlinge, und die Überlebenden warnten den Kapitän davor, einzulaufen: „Wenn du nicht fliehst, bist du tot.“

Manuel I. Komnenos


Zeitgenossen schätzten die Zahl der Ermordeten auf 60 000, heutige Historiker halten bis zu 80 000 für realistisch. Tausende weitere wurden gefangen genommen und als Sklaven an die Türken verkauft.

Ein Regiment des Schreckens

Das Pogrom versetzte Westeuropa einen Schock. Herrscher Europas betrachteten Byzanz jetzt ebenso als Feind wie die Muslime, und Genua erklärte Byzanz sofort den Krieg.

Die grausige Geschichte hatte eine bittere Ironie: Andronikos selbst empfand keinerlei Hass gegenüber den Westlern, sondern gab die Erlaubnis aus reinem Machtkalkül. Viele seiner Geliebten waren Europäerinnen gewesen, und die Kreuzfahrerstaaten in Jerusalem und Antiochia hatten ihn aufgenommen. Doch der Usurpator wuss te nur zu genau, wo die Macht lag: auf der Straße. Madden schreibt:

„Der Mob hatte ihn zur Macht erhoben, wenn er nicht zufrieden gestellt würde, würde er ihn ebenso schnell wieder stürzen.“

Andronikos begann sofort, jeden potenziellen Rivalen auszuschalten. Die Halbschwester des jungen Alexios, Maria Komnena, hatte den Coup des Hasardeurs zwar unterstützt, doch er ließ sie umgehend vergiften und ihren Ehemann Renier von Montferrat ermorden. Kaiserin Maria ließ er aus ihrem Kloster holen und unter Arrest stellen. Unklar ist, ob er sie erdrosseln oder in einen Sack stecken und in den Bosporus werfen ließ - oder zuerst das eine, dann das andere. Zuvor hatte er den jungen Kaiser gezwungen, das Todesurteil zu unterschreiben. Die meisten anderen Mitglieder der kaiserlichen Familie - und damit seiner eigenen - ließ der Usurpator ebenfalls hinrichten.

Andronikos zwang Alexios II., ihn zu bitten, Mitkaiser zu werden. In der Hagia Sofia nahm er die Krone an. Unmittelbar danach schlichen sich zwei seiner Killer in den Raum von Alexios und erdrosselten ihn mit einer Bogensehne. Der alte Schurke heiratete darauf die Witwe des jun-gen Ermordeten, Agnes, die Tochter des Königs von Frankreich. Sie war zwölf Jahre alt.

Die Eroberung des christlichen Konstantinopels durch christliche Kreuzfahrerheere 1204


Foto: Bibliothèque nationale de France, Bibliothèque de l’Arsenal, MS-5090, réserve, Tome II, fol. 205r

Dann räumte er jeden weiteren potenziellen Konkurrenten in der Aristokratie aus dem Weg, um eine unumschränkte Autokratie an die Stelle der Adels- und Familienherrschaft zu stellen, die die komnenaische Dynastie fast 100 Jahre gekennzeichnet hatte. Das führte nun zu Aufständen führender Militärs, die in der Gunst Manuels gestanden hatten. 1184 besiegte Andronikos die Zentren der Rebellen in Bithynien und feierte den Sieg im Bürgerkrieg im Hippodrom. Beim kleinsten Verdacht stellte er Beamte unter Arrest und ließ Hunderte Adelige blenden, ver stümmeln, foltern oder pfählen. Er errichtete ein Regiment des Schreckens. Und je mehr Menschen er umbrachte, desto größer wurde seine Paranoia.

Der Fuchs in der Falle

Madden schreibt: „Andronikos regierte Konstantinopel so kühn, wie er gelebt hatte. Jedoch war die Stadt keine junge Prinzessin, die er leicht mit seinem Charme gewinnen konnte.“

Nach wie vor entschied er spontan, wie er in der jeweiligen Situation sein Ziel erreichen konnte. Damit ließ sich aber kein Reich unter Kontrolle halten. Als Braut räuber war er vor betrogenen Ehemännern weggelaufen - ein Thronräuber, der die Flucht ergriff, verlor aber seine Macht. Purpur war ein schönes Totenkleid, und der alte Fuchs saß in der Falle.

Die Genuesen plünderten byzantinische Häfen und Küstenstädte. Die lateinische Flotte verwüstete die Ufer des Marmarameeres, ermordete alle Bewohner, die sich nicht versteckten, überfiel sogar die Klöster auf den Prinzeninseln und töteten sämtliche Mönche und Einheimische, die in die Gotteshäuser geflüchtet waren. Ungarische Truppen nahmen die byzantinischen Territorien in Dalmatien ein. Und die Normannen nahmen den Mord an der normannischen Kaiserin zum Aufhänger, um ebenfalls in Griechenland einzufallen. Sie eroberten sogar Thessaloniki, die zweitgrößte Stadt des byzantinischen Reiches.

Furcht vor den Normannen, Hass auf Andronikos

Andronikos hatte keinen einzigen Verbündeten mehr. Wieder einmal spielte er auf Risiko und wandte sich 1184 ausgerechnet an Venedig. Und wieder einmal hatte er Glück: Die Venezianer waren von dem Pogrom 1182 weitgehend verschont geblieben, denn die meisten waren unter Manuel aus Konstantinopel geflohen. Tausende hatten überlebt, weil Manuel sie inhaftiert hatte und sie im Gefängnis in Sicherheit waren.

Andronikos ließ die Venezianer frei, restaurierte ihr Viertel und versprach Reparationszahlungen für alle Venezianer, die unter Manuel Schaden erlitten hatten. Venedig war hocherfreut: Das Massaker hatte den Rivalen Genua im Kaufmannsparadies am Goldenen Horn ausgeschaltet, und Venezianer bezogen jetzt die verlassenen Häuser der Genuesen. Binnen weniger Jahre lebten im venezianischen Viertel nahe der Galatabrücke fast so viele Venezianer wie in der Mutterstadt selbst.

Der Mob brodelte angesichts der Neusiedler. Die Byzantiner zitterten zudem in Furcht vor den Normannen, denn für die war Thessaloniki nur ein Vorspiel, um Konstantinopel selbst anzugreifen. Der Kaiser beschwichtigte die Massen und log, er hätte eine Falle gestellt, in die die Normannen tappen würden.

Doch statt die Verteidigung zu organisieren, trieb er sich mit einer Gruppe ausgesuchter schöner Frauen in der idyllischen Natur des Bosporus herum. Statt um die Stadt sorgte sich der alternde Satyr um seine Potenz und ließ sich aus Ägypten eine Medizin aus Eidechsen bringen, die seine Genitalien wieder in Schuss bringen sollte.

Eines der wenigen erhaltenen Mosaike in der Hagia Sofia


Foto: Utz Anhalt

Schwert in die Höhe und schrie, dass die Mörder des Kaisers versucht hätten, ihn umzubringen.

Tausende Neugierige folgten dem Reiter bis zur Hagia Sofia. Isaak floh in die Kirche, stieg auf eine Kanzel, proklamierte dort laut seine Unschuld und flehte die versammelten Bürger an, ihn vor dem grausigen Kaiser zu schützen. Immer mehr Menschen drängelten sich in der Kirche, und bald füllten die Massen auch das Augusteion.

Am nächsten Morgen segelte Andronikos in einer Trireme in den Hafen am Großen Palast und blickte auf eine Stadt im Aufruhr. Die aufgebrachten Massen hatten die Gefängnisse aufgebrochen und stürmten durch die Tore des Kaiserpalastes. Die Palastwache lehnte es ab, gegen die Einheimischen zu kämpfen.

Andronikos raffte so viel Gold zusammen, wie er tragen konnte, und ergriff mit seiner Gattin und mehreren Konkubinen die Flucht. Er verkleidete sich als Italiener und floh auf einem Schiff in Richtung Schwarzes Meer. Die Menge brach derweil in den Palast ein, verwüstete die Säle und Kapellen. In der Hagia Sophia schnitten sie die Krone des Konstantin ab, die an einer goldenen Kette über dem Hauptaltar hing, und zwangen den Patriarchen, sie Isaak auf den Kopf zu setzen. So wurde Isaak II. Angelos (1155-1204) Kaiser von Byzanz. Die Qualifikation des jungen Isaak bestand darin, dass Andronikos ihn hatte umbringen lassen wollen. Auf groteske Art wurde die Prophezeiung bestätigt: Ein Mann namens Isaak stürzte Andronikos.

Bestialisches Ende eines Despoten

Tyrannenmord gilt in den meisten Kulturen als einer der wenigen ethisch legitimen Gründe, einen Menschen zu töten. Doch der Tod von Andronikos stand seinen eigenen Verbrechen in nichts nach: Der abgesetzte Kaiser wurde gefangen und nach Konstantinopel gebracht. Die Meute band ihm Füße und Kopf mit Ketten zusammen, die sonst für wilde Tiere im Zirkus genutzt worden waren, und stieß ihn durch die Straßen - „geschubst, getreten und geschlagen von jedem, der das Bedürfnis hatte“, so Madden. Die Zornigen brachten ihn zu Isaak und schlugen ihm seine rechte Hand mit einer Axt ab.

Er verbrachte mehrere Tage in Ketten, dann schnitt ihm jemand ein Auge heraus. Manche Quellen berichten, ihm sei die Nase abgeschnitten worden. Ihm wurden Lumpen angezogen und er wurde auf ein Kamel gesetzt und durch die Straßen getrieben. Nicetas schreibt:

„Einige schlugen ihm mit Knüppeln auf den Kopf, andere verschmutzten seine Nasenlöcher mit Kuhdung, wieder andere benutzten Löffel, um ihm Pansensekret von Ochsen in die Augen zu träufeln.“

Gaffende warfen Steine, und eine Prostituierte goss ihm kochendes Wasser in das Gesicht.

Der Mob führte ihn auf das Hippodrom, seine Füße zusammengebunden, und die Tobenden hängten ihn mit den Füßen nach oben zwischen zwei Säulen. Nicetas berichtet:

„Sie zogen seine kurze Tunika aus und entblößten die Genitalien. Ein wahrhaft gottloser Mann stieß sein langes Schwert durch den Rachen in die Eingeweide; Europäer erhoben ihre Schwerter mit beiden Händen über seine Hinterbacken und zogen ihn herunter, um zu sehen, wessen Schnitt tiefer war.“

Andere Quellen heben hervor, dass der italienische Soldat, der ihm das Schwert in den Leib stieß, aus Mitleid handelte und Andronikos von seinen Qualen erlöste.

Mit dem Tod des lüsternen Despoten endete die komnenianische Dynastie, die, so Madden, „Konstantinopel zu neuen Stufen des Wohlstands und Verrats gebracht hatte.“

Der Weg in den Abgrund

Andronikos’ kurze Herrschaft leitete den Niedergang des Byzantinischen Reiches ein. Die italienischen Kaufleute waren für Konstantinopel ebenso Konkurrenz wie lebenswichtig, denn sie hielten den Handel mit Europa aufrecht. Andronikos’ Vorgänger hatten gezielt Genuesen, Pisanern und Venezianern Privilegien verschafft, sodass die Italiener sich gegenseitig in Schach hielten. Mit dem Massaker vor allem an Genuesen und dem darauf folgenden Monopol erwuchs Venedig ein Brückenkopf am Bosporus, der 20 Jahre später mit dafür sorgte, dass die Kreuzritter die Stadt eroberten. Fast 100 Jahre lang hatte eine Struktur das Reich stabil gehalten, die zum einen aus einer relativen Autonomie des Landadels und zum anderem aus dem Netzwerk der Komnenos-Familie bestand. Die Komnenenkaiser hatten als Familienoberhäupter regiert, waren ihrer Adelsfamilie gegenüber loyal gewesen und hatten sich so deren Loyalität gesichert. Dieses Netz zerriss Andronikos mit dem Mord am jungen Alexios und seiner Mutter.

Noch schlimmere Folgen hatte Andronikos’ Terror gegen den Militäradel, denn dieser hatte in den ererbten Provinzen die Infrastruktur aufrecht gehalten und zudem mit den Kaisern und ihrer Familie eng kooperiert, so lange diese ihnen einen regionalen Handlungsspielraum gewährten. Jetzt hatten sie allen Grund, dem jeweiligen Kaiser keinen Millimeter zu trauen, und gründeten eigene Reiche in Zypern, Trapezont, in Epiros, Thessalien und auf der Peloponnes.

Von den Palästen Konstantinopels blieb kaum etwas erhalten. Wenige Reste befinden sich im Hofgarten des Archäologischen Museums.


Foto: Utz Anhalt

Das Byzantinische Reich zerfiel und war so schwach, dass 1204 das Unvorstellbare geschah: Kreuzritter aus dem Westen nahmen Konstantinopel ein - und bestätigten alle Vorurteile, die die „letzten Römer“ über die „germanischen Barbaren“ hatten. Die Wüstlinge aus Frankreich, Flandern,Deutschland und Italien begingen eine der schlimmsten Plünderungen der Geschichte, brandschatzten die Kirchen, verschleppten die Schätze eines ganzen Jahrtausends nach Venedig oder Frankreich, schmolzen Hunderte von antiken Kunstwerken ein, um Münzen daraus zu gießen, rissen das Blattgold aus den Basiliken und die Ornamente vom Hippodrom. Bücher der größten Autoren der Antike, die die Analphabeten nicht lesen konnten, schmissen sie weg.

Die Kreuzritter teilten das Reich unter sich auf, und die Weltstadt verwahrloste. Als die Byzantiner in den 1260ern die Stadt Konstantins zurückeroberten, schritten sie durch Ruinen, in denen nur noch 50 000 Menschen lebten - von zuvor einer halben Million.

Literaturhinweise:
Lars Brownworth: Lost to the West. The forgotten Byzantine Empire that rescued Western Civilization, New York 2009
Peter Frankopan: Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt, Berlin 2016
John Freely: Istanbul - The Imperial City, New York 1996
Peter Heather: Die letzte Blüte Roms. Das Zeitalter
Justinians, Darmstadt 2019
Judith Herrin: Byzantium. The surprising life of a medieval empire, London 2007
Tom Holland: In the Shadow of the Sword, London 2012
Ralph-Johannes Lilie: Byzanz: Geschichte des oströmischen Reiches 326-1453, München 2014
Thomas F. Madden: Istanbul. City of Majesty at the crossroads of the world, New York 2016
Klaus Schippemann: Grundzüge des sasanidischen Reiches, Darmstadt 1990
Gerhard Schweizer: Drehscheibe zwischen Ost und West, Stuttgart 2005