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GESCHICHTE IM ALLTAG: Die Erfindung der Geisterbahn


G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 20.09.2019

Das Münchner oder Leipziger Oktoberfest, der Wasen in Stuttgart – ohne Geisterbahnen kaum denkbar. Kein Wunder: Das Geschäft mit der Angst hat Tradition


GESCHICHTE IM ALLTAG
Die Geisterbahn

Artikelbild für den Artikel "GESCHICHTE IM ALLTAG: Die Erfindung der Geisterbahn" aus der Ausgabe 10/2019 von G Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 10/2019

Spaßfaktor Gruseln
Auf dem Münchner Oktoberfest verbreiten »Monster« Angst und Schrecken


Nicht den Kopf verlieren
Ein Skelett darf in keiner Geisterbahn fehlen


Sich kurz gruseln für ein paar Euros? – Gerne doch! Hinter diesem scheinbar spontanen Entschluss verbirgt sich ein menschliches Grundbedürfnis: die Sehnsucht nach der Angstlust – so benannt von dem ungarischen Psychoanalytiker M. Balint (* 1896, † 1970). Was ...

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... lag da näher, als dieses naturgegebene Verlangen nach Gänsehaut professionell zu nutzen? Somit stand der Erfindung der Geisterbahn nichts im Weg. 1931 präsentierte der Schausteller Carl Böhm auf dem »Hamburger Dom« die erste: ein rechteckiger Hallenbau, im Inneren ein Schienensystem und natürlich »Geister«. Böhm wusste, dass er mit diesem neuartigen Fahrgeschäft einen echten Rummelplatz-Coup gelandet hatte. Nachahmer würden nicht lange auf sich warten lassen. Daher warnte er im »Komet«, der Fachzeitschrift für Schausteller, vor zu erwartenden Geld-, ja Haftstrafen bei Verstößen gegen das von ihm angemeldete Grusel- Patent. Gekümmert hat das aber niemanden, denn bereits 1932 tauchten auf dem Münchner Oktoberfest vier weitere Geisterbahnen auf. Das konnte man auch völlig unbehelligt tun, denn Carl Böhms Patent stand auf wackligen Beinen. Möglicher Geisterbahn-Erfinder könnte nämlich auch ein Holländer gewesen sein – ganz abgesehen von diversen Vorläufern.

Der kurze Horrortrip stillt unsere Lust auf Abnormales

Es wäre auch zu kurz gegriffen, bei aller bis heute erstaunlichen Kreativität von Fahrgeschäft-Betreibern, Innovationen allein einzelnen findigen Unternehmern und Ingenieuren zuzuschreiben. Entwicklungen liegen immer irgendwie in der Luft, und zwar lange schon, bevor sie reale Gestalt annehmen. Abgesehen davon, dass dieser Erfindung der Voyeurismus, die Lust Abnormes zu betrachten, entgegenkam. Wichtige Wegbereiter der Geisterbahn waren jedoch wohl vor allem auch das entsetzliche Geschehen rund um den Ersten Weltkrieg, dazu das Medium Film, das bereits vorhandene literarische Horrorszenarien visualisierte, und letztendlich das harmlose Vergnügen einer Fahrt in der Panoramabahn.

Folgt man etwa dem Historiker Philipp Blom, so kehrten Männer aus den großen Schlachten des Ersten Weltkrieges zurück, die in ihrem humanen Selbstverständnis tief erschüttert waren. Bislang unbescholtener Bürger, war man im Schützengraben zum »Mörder« mutiert. Man war zu einer Art Monster à la »Dr. Jekyll and Mr. Hyde« geworden. Auch der Film »Orlacs Hände« (1924) veranschaulicht dieses Gefühl exemplarisch, als ein Pi- anist nach einem Unfall, mit den Händen eines Mörders versehen, Angst hat, zwanghaft töten zu müssen. Die reale Prothetik, die plastische Chirurgie, für viele Kriegsversehrte unverzichtbar, beflügelt jedoch auch Ängste vor menschenähnlichen Maschinen, die als seelenlose, ferngesteuerte Roboter ihr Unwesen treiben.

Nachts auf der Kirmes
Vor allem in der Dunkelheit entfaltet sich die düstere Stimmung


Schausteller und Pionier des Kinos
Georges Méliès brachte bereits 1896 den ersten Geisterhausfilm auf die Leinwand


Faszination Monster
Sie zeigt sich bereits in Filmen wie »Dr. Jekyll und Mr. Hyde« von 1931


Die literarische Welt ist bereits im Vorfeld voll von diesen Gestalten. Der Film und später die Geisterbahn muss sich ihrer nur bedienen: Mary Shelleys Frankenstein, Bram Stokers Dracula, oder Dr. Caligari (1920), der sein Unwesen auf einem Rummelplatz treibt, um nur einige wenige zu nennen. Bald werden ihre Konterfeis die kulissenartigen Vorbauten und das Innere der Geisterbahnen bevölkern.

Will man noch weiter in der Filmgeschichte zurückgehen, darf auch der französische Filmpionier Georges Méliès nicht unerwähnt bleiben. Hauptberuflich Schausteller und Zauberkünstler, produzierte er bereits 1896 mit »Le Manoir du Diable« den ersten Geisterhausfilm. Méliès’ Idee trieb von da an in vielen Filmen ihr Unwesen.

Die heute bis zu vierstöckigen Geisterbahnen voller Monster, durch die auf Schienen Einzelgondeln oder Züge rattern, waren damit nurmehr eine Frage der Zeit.

Für die »härteste Geisterbahn der Welt« benötigt man ein Attest

Themen-Züge gab es natürlich auch schon zuvor in der harmloseren Variante der Panoramabahnen. Bereits von 1872 an bis heute nutzt man die schaurig- schöne Kulisse von Grotten wie der von Postojna in Slowenien. Ab 1895 konnte man das allmählich aufkommende Fernweh auf dem Wiener Prater mit Modelleisenbahnen in Schaukästen stillen. Eine imaginäre Reise an die Adria oder ins ferne Konstantinopel war damals völlig CO2-neutral. Im Laufe der Jahre boten die »Reiseziele« jedoch immer größeren Nervenkitzel. In den USA gab es bald »Zauberberg« -Fahrten (»Magic Mountain«), deren Name bewusst auf Thomas Manns Roman anspielte. Und 1925 war es die Firma Hitzig, die nun auf dem besten Weg war, die natürliche Angstlust zufriedenzustellen. Ganz zweifellos präsentierte sie mit ihrer »Elektro-Höllenbahn « den Vorläufer der Geisterbahn (wohl auch deshalb hat sich »Geisterbahn- Erfinder« Carl Böhm mit Klagen wegen Patentverletzung zurückgehalten). Durch eine Felsentür gelangte man ins dunkle Innere. Plötzlich leuchten rote Lampen auf, Drachen und teuflische Fratzen erscheinen, immer schneller fährt die Bahn, bis man zu einem Höllenkessel mit künstlichen Flammen gelangt, akustisch untermalt durch Sirenengeheul. Heute, in Zeiten von Hightech-Horror mit allen nur denkbaren Finessen, klingt das alles harmlos. Aber an der Idee Geisterbahn wird weiter getüftelt. Die neuesten Entwicklungen gibt es in den USA. Dort kann man »McKamey Manor, die härteste Geisterbahn der Welt« genießen. Vorab muss man allerdings ein ärztliches Attest über psychische und physische Tauglichkeit vorlegen.

AUSFLUGSTIPP
Der »Allgäu Skyline Park« hat 2019 eine mehrstöckige, familienfreundliche Geisterbahn eröffnet.→www.skylinepark.de


BILDNACHWEIS: DDP IMAGES, DPA/PICTURE ALLIANCE/SZ PHOTO, INTERFOTO/THE ADVERTISING ARCHIVES, ISTOCK/KIRSCHBAM, SZ PHOTO/TIMELINE IMAGES