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GeschichTe :MENSCH, BRECHT


arte Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 21.02.2019

BIOGRAFIE Theatermacher, Kommunist und Frauenheld: Über den meistgespielten deutschen Dramatiker Bertolt Brecht ist viel bekannt – doch längst nicht alles, wie Heinrich Breloer mit seinem neuen Dokudrama beweist. Ein Drehbesuch in Prag.


Artikelbild für den Artikel "GeschichTe :MENSCH, BRECHT" aus der Ausgabe 3/2019 von arte Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: arte Magazin, Ausgabe 3/2019

Bewegte Zeiten: Von 1933 bis 1948 lebte Bertolt Brecht im Exil, darunter in New York. Zurück in Ostberlin bauten er und seine Frau Helene Weigel das Berliner Ensemble auf. In Erinnerung an den Krieg idealisierte er lange Stalin und die kommunistische Idee


N ew York, 1944. Mit kurzem Haar und runder Brille, in der Hand die qualmende Zigarre, sitzt Bertolt Brecht auf dem ...

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N ew York, 1944. Mit kurzem Haar und runder Brille, in der Hand die qualmende Zigarre, sitzt Bertolt Brecht auf dem Balkon einer Wohnung, im Hintergrund der Dunst der Großstadt. Nachdenklich schaut er in den Himmel. „Burghart!”, ruft jemand aus dem Off. „Kannst du deine Beine überschlagen?” Burghart Klaußner, der in dieser Szene Bertolt Brecht spielt, blickt zum Filmteam, nickt kurz und legt das rechte über das linke Bein. Es ist 11 Uhr an diesem Tag im Juli 2017 in den Filmstudios in Prag. Die Wohnung, das Panorama im Hintergrund, alles ist aus Holz und dicken Pappen zusammengebaut, mitten in einer Halle der Barrandov Studios. Hier wird das zweiteilige Dokudrama über den Theatermacher Brecht gedreht, da.aRTE im März ausstrahlt. Ein Mammutprojekt von Heinrich Breloer, der unter anderem vor mehr als zehn Jahren die opulente Inszenierung der „Buddenbrooks” auf die Kinoleinwand brachte. „Ready and Action!”, ruft die Stimme nun, und die Szene beginnt.

Einen Dokumentarfilm über den jungen Bertolt Brecht (1898–1956) hatte Heinrich Breloer schon 1978 gedreht. Doch das Leben des deutschen Dramatikers ließ dem Filmemacher und Autor keine Ruhe. „Man wusste lange zu wenig von Brecht als Privatperson, weil er sein persönliches Leben geheim hielt, vielleicht auch vor sich selbst”, erzählt Breloer an diesem Tag im Juli in einer Drehpause. Eine Anspielung auf Brechts Tagebücher, die vor allem in jungen Jahren Privates preisgeben, während die späteren eher Arbeitsberichten gleichen. Brecht als weltbekannter Dramatiker, als Kommunist, als Exilant und Frauenheld, so geht er später in die Geschichtsbücher ein. „Diesem Brecht-Denkmal wollte ich mich nähern, um es vom Podest herunterzubitten, damit wir ihm als lebendigen Menschen begegnen können. Mit all seinen Begabungen, aber auch Fehlern”, so Breloer.

Mit diesem Antrieb suchte der Regisseur nach Zeitzeugen für einen neuen Film. Rund 40 Menschen fand er, die Brecht kannten. Enge Vertraute, Mitarbeiter am Theater, Geliebte. „Brecht lebte wie in einer Kommune und wollte aus jedem das Kreativste herausholen”, erläutert Breloer. Dabei wurde er auch gern laut, wie Weggefährten erzählen. Ein exzentrischer Zeitgenosse. „Die vielen Gespräche, die ich geführt habe, ergaben in Summe allerdings ein sehr widersprüchliches Bild von Brecht”, sagt Breloer. „Mir war vorher zum Beispiel nicht klar, dass er beim Blick in den Spiegel bloße Unsicherheit sah und sich nicht recht traute, auf Frauen zuzugehen.”

Genau dieses Wechselspiel zwischen dem exzentrischen Künstler und dem zerbrechlichen Menschen offenbaren die Brecht-Darsteller Tom Schilling (für die Zeit von 1916 bis 1933) und Burghart Klaußner (1944 bis 1956) in den Spielszenen: der Lyriker mit der Fistelstimme, der schwach und scheu war und zugleich aus List log, der Todesängste ausstand und zugleich um Anerkennung rang. „Gegen das Genie-Bild von Brecht anzuspielen und zu zeigen: Da ist jemand, der kocht auch nur mit Wasser – das ist eine echte Herausforderung”, sagt Klaußner am Rande des Drehs.

Lebensecht: Jahrelang befragte Autor und Regisseur Heinrich Breloer Weggefährten Bertolt Brechts. Das daraus entstandene Dokudrama mit Tom Schilling und Burghart Klaußner feierte dieses Jahr auf der Berlinale Premiere. Den gesamten Schwerpunkt zu Brecht finden Sie auf Seite 36/37.

1Rückblick: Bertolt Brecht (Tom Schilling) im Berliner Theater am Schiffbauerdamm


2. wo 1928 die „Dreigroschenoperuraufgeführt wurde


3. Der junge Brecht mit Paula Banholzer (Mala Emde) und Sohn


4. Burghart Klaußner als Brecht


Ein Genie, mit vollem Namen Eugen Berthold Friedrich Brecht. 1917 schrieb sich der Augsburger an der Universität München für Medizin und Naturwissenschaften ein. Doch seine Liebe galt schon damals – neben den Frauen – der Literatur. Er lernte Lyriker wie Frank Wedekind kennen und verfasste 1918 eine erste Fassung seines späteren Werks „Baal”. Sein Stück „Trommeln in der Nacht” wurde 1922 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt, weitere Bühnenwerke folgten. 1924 zog Brecht nach Berlin, um als Dramaturg am Deutschen Theater zu arbeiten. „Für meinen Film konnten wir alle Orte, die in Brechts Leben eine Rolle spielen, in Prag nachstellen”, so Heinrich Breloer. „An einigen Stellen erinnert Pra.an Augsburg, und in der Umgebung fanden wir sogar ein Theater, das dem Deutschen Theater und dem Theater am Schiffbauerdamm ähnelt. Dort konnten wir eine Woche drehen. In Deutschland wäre das nicht möglich gewesen.”

Brecht entwickelte das epische Theater, in dem Schauspieler Figuren nicht gänzlich verkörpern, sondern vortragen. Es zielt auf Distanz zum Publikum, um zu kritischem Denken anzuregen. Mit dem Komponisten Kurt Weill schaffte Brecht Lehrstücke, die gesellschaftliche Missstände anprangerten. Weill vertonte auch Brechts „Dreigroschenoper”, die 1928 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin Premiere feierte.

Nach dem Reichstagsbrand 1933 ging Brecht ins Exil, zunächst nach Prag, später in die Schweiz, nach Paris, Dänemark, Schweden, Finnland. Seine Werke widmeten sich vermehrt dem antifaschistischen Kampf. Im Exil schrieb er „Mutter Courage und ihre Kinder”, das 1941 in Zürich uraufgeführt wurde. Eine Kritik, die zeigt, dass der Krieg „eine Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln ist”, wie er das Stück kommentierte.

Als Antwort auf den Faschismus verstand er den Kommunismus, von dem er lange überzeugt war. „Der Film erzählt auch von gescheiterten Utopien”, so Burghart Klaußner, der in diesem Abschnitt Bertolt Brecht spielt. „Sehr spät erst hat er von den Verbrechen des Stalinismus erfahren, doch diese vorsichtigen Erkenntnisse landeten in Gedichtform in einer Schublade, wie der Film zeigt.”

Brechts letzte Exilstation waren die USA.anders als Thomas Mann oder Lion Feuchtwanger feiertals ThThomas feierte er hier keine großen Erfolge. In diesem Land der Kapitalisten, wie Brecht es nur schwer ertrug, fand die Arbeit eines Kommunisten nicht viel Anklang.

Nach seiner Rückkehr nach Ostberlin 1948 baute Brecht in den Trümmern der Stadt mit seiner Frau Helene Weigel im Theater am Schiffbauerdamm das Berliner Ensemble auf. 1923 hatte der Lyriker die Schauspielerin kennengelernt. Ein Jahr später erwartete sie ein Kind von ihm – so wie andere frühere Geliebte. Paula Banholzer etwa, mit der er eine Liaison hatte, als er 19 war. Trotz seiner Affären heiratete er seine „Helli” 1929. Sie wird zur Konstante in Brechts Leben, doch auch sie wird er betrügen, immer wieder. In Breloers Film spielt Adele Neuhauser Brechts Ehefrau: „Helene Weigel ist eine bescheidene Frau”, erzählt die Österreicherin am Set. „Über die Beziehung zu Brecht und vor allem, wa.all die Affären mit ihr gemacht haben, wollte sie nie gerne sprechen.”


»Wir arbeiten und lieben uns, das hält uns zusammen«Bertolt Brecht,Dramatiker (Zita.aus dem Film „Brechtvon Heinrich Breloer)


Ein Drehtag für sechs Minuten Film Wie bei allem in seinem Leben brauchte Brecht, der schnelle Autos und Zigarren liebte, stets andere Menschen um sich. So war die Liebe bei Brecht eng verwoben mit der Kunst. Die meisten seiner Geliebten waren Mitarbeiterinnen und zugleich Inspirationsquellen. Ruth Berlau oder Margarete Steffin etwa, Mitautorinnen von „Der gute Mensch von Sezuan” (Premiere 1943). Die Szene im Prager Studio vom Vormittag spielt zu jener Zeit, als Ruth Berlau von Brecht ein Kind erwartet. In ihrem Appartement in New York arbeiten beide gerade an „Der Kaukasische Kreidekreis”, das Jahre später uraufgeführt wird. Die Dänin Ruth Berlau, verkörpert von Trine Dyrholm, kommt im weißen Sommerkleid auf den Balkon, auf dem Brecht mit übergeschlagenen Beinen sitzt. Sie gehen in die Wohnung, die durch akribisch gesammelte Requisiten aus aller Welt so authentisch wie möglich aussehen soll. Aufgebracht sagt Berlau: „Ich kann nicht dein Gespenst sein, die Hure von einem Klassiker.” Er erwidert: „Sei vernünftig. Es muss nicht jeder wissen, dass du ein Kind von Brecht bekommst.” Bissig antwortet sie: „Ich kann nicht vernünftig sein wie du!” – „Cut!” Burghart Klaußner und Trine Dyrholm lachen, jemand kommt dazu, um Dyrholms Lippenstift nachzuziehen. Das Team redet durcheinander, auf Deutsch, Englisch, Tschechisch. Ein Drehtag wie heute reicht für sechs Minuten auf der Leinwand.

Nach einer Pause am Mittag wird die Szene außerplanmäßig noch einmal gedreht, inzwischen ist es 16 Uhr: „Heute Vormittag war der Bruch zwischen Berlau und Brecht zu hart”, erklärt Breloer. Ruth Berlaus Körpersprache ist nun weniger harsch, der Dialog allein steht für das Verhältnis der beiden: „Ich kann nicht vernünftig sein wie du”, sagt Berlau ruhig. Brecht erwidert: „Wir arbeiten und lieben uns, das hält uns zusammen.” „Bleiben wir zusammen, für immer?”, fragt sie. Darauf antwortet Brecht nicht mehr. Und die Szene ist im Kasten.


FOTOS: WDR © WDR / STEFAN FALKE (3) ,WDR © WDR /NIK KONIETZNY