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GESCHICHTE: SCHILLERNDES VERMÄCHTNIS


arte Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 23.05.2019

PRUNK In einem Sumpfgebiet westlich von Paris verwirklichte Ludwig XIV. seinen prächtigsten Traum: Versailles. Bis heute fasziniert das Schloss.


Artikelbild für den Artikel "GESCHICHTE: SCHILLERNDES VERMÄCHTNIS" aus der Ausgabe 6/2019 von arte Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: arte Magazin, Ausgabe 6/2019

Farbenpracht und Opulenz: Tänzerinnen und Tänzer der Gruppe „LEventail“ führen im Spiegelsaal von Versailles ein barockes Stück auf


Man könnte Versailles auf ein barockes Schloss westlich von Paris reduzieren, um das eine veritable Kleinstadt gleichen Namens gewachsen ist. Tatsächlich war und ist es aber mehr als nur ein Schloss. Versailles steht für eine eigene Welt, einen eigenen Kosmos. Der Hof, der mit seiner Prachtentfaltung Neid und Bewunderung ...

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... hervorgerufen hat, strahlte weit über Frankreich hinaus und wurde schnell zu einem Vorbild für alle europäischen Adelshöfe. Die Strahlkraft des Ortes überdauerte die Fran-zösische Revolution von 1789; auch 1871 und 1919 stand das Schloss noch einmal im Fokus der Weltpolitik.

Ursprünglich war der Baugrund ein sumpfiges Waldgebiet. Ludwig XIII. ließ hier 1623 ein kleines Schloss errichten, um sich vom höfischen Leben und den Intrigen zurückzuziehen und seiner Jagdleidenschaft zu frönen. Der junge Ludwig XIV. mochte das abgeschiedene Versailles ebenso. Oft und gern verbrachte er dort Zeit mit seiner Mätresse Louise de La Vallière. Später machte er das geheime Liebesversteck publik und lud eine kleine Anzahl von Höflingen als Akt der Anerkennung und besonderen Auszeichnung ein, ihn dorthin zu begleiten.

Erst Saus und Braus, dann Neid und Gefängnis
Der 17. August 1661 änderte alles. An jenem Tag richtete der französische Finanzminister Nicolas Fouquet ein rauschendes Fest in Vaux-le-Vicomte aus und präsentierte sein neues Schloss, bei dem die Gäste von goldenen Tellern aßen. Erstmals waren Architektur, Landschaftsgestaltung und Innendekora-tion zu einer vollkommenen Einheit verschmolzen. Fouquet hatte Louis Le Vau als Architekten, den Maler Charles Le Brun als Innenausstatter und André Le Nôtre als Gartenbaumeister engagiert.

Angesichts dieser Pracht und seiner leeren Staatskasse erblasste der junge Sonnenkönig vor Neid. Doch drei Wochen später hatte er sich gefangen und einen Entschluss gefasst: Fouquet, der sich auf Staatskosten bereichert hatte, wanderte bis zu seinem Lebensende 1680 ins Gefängnis, während Ludwig XIV. die Herren Le Vau, Le Brun und Le Nôtre mit dem Bau eines neuen königlichen Schlosses in Versailles beauftragte.

Indes schwebte Ludwig XIV. kein barockes Lustschloss vor – das rationale Kunstverständnis des Königs verlangte nach einem schlichten und zugleich kraftvollen Bau, der vor allem mit seinen ausgewogenen Proportionen beeindrucken sollte. Jahrzehntelang waren Zehntausende Arbeiter damit beschäftigt, den königlichen Traum zu verwirklichen. Gigantische Erdarbeiten waren nötig, um die Sichtachsen zu schaffen, die das Schloss und die Gartenanlagen mit ihren Wasserspielen zur Geltung bringen sollten. Zeitweise arbeiteten bis zu 36.000 Menschen gleichzeitig in Versailles. Der Glanz des Bauwerks sollte Frankreich und das restliche Europa blenden.

Ludwig XIV. bringt Elefanten ins Schloss
Dem Beispiel Fouquets nacheifernd, inszenierte Ludwig XIV. im Mai 1664 erstmals ein grandioses Fest in Versailles. Eine Woche lang wurden 6.000 geladene Gäste in einen Festrausch versetzt, wie ihn das damalige Europa noch nicht erlebt hatte. Sogar ein Elefant, ein Dromedar und ein Bär wurden in einer Prozession mitgeführt, der sich ein nicht enden wollender Reigen von Konzerten, Balletten, Diners, Feuerwerken und Akrobatenvorführungen anschloss. Alle Gäste, der Großteil davon hochrangige französische Adelige, erschienen in fantasievollen Kostümen. Die Unsummen, die Ludwig in den folgenden Jahrzehnten für seine Feste ausgab, untermauerten seine Stellung gegenüber dem Adel und werteten seine Untergebenen zugleich zur Staffage ab.

Ab 1682 residierte der Hof dann ständig in Versailles, das der Sonnenkönig zum Zentrum seines absolutistischen Herrschaftswesens machte, wobei er Architektur und Kunst geschickt zu nutzen wusste. Man denke an die Escalier des Ambassadeurs, die große Gesandtentreppe, mit der Ludwig beim Empfang ausländischer Ludwig beim Empfang ausländischer Botschafter seine Macht demonstrierte. Der kritische Moment war das erste Aufeinandertreffen auf der Treppe, wo die Stellung des Gastes sich darin äußerte, ob und wie viele Stufen der gastgebende Monarch dem Gesandten entgegenging. Der Prunk der Treppe mit seinen

Versailles – Palast des Sonnenkönigs
Dokumentarfilm

Samstag, 1.6. • 20.15 Uhr
bis 26.6. in der Mediathek

Prachtbau: Zur Zeit des französischen Königs Ludwig XIV. war das Schloss eine ständige Baustelle. Danach wurde es von wechselnden Herrschern mehrfach umgebaut. Eine virtuelle Rekonstruktion.

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1 Diplomatie: Je höher der Rang der Gesandten war, die am Hof Ludwigs XIV. erschienen, desto mehr Stufen der Haupttreppe stieg der König hinab, um sie zu empfangen

2 Geometrie: Das Schlafgemach des Königs lag genau in der Mittelachse des Schlosses. Alle Gebäude und Gärten der Anlage wurden danach ausgerichtet

3 Plünderung: Während der Französischen Revolution riefen entrüstete Marktfrauen zum Sturm auf das Schloss auf. Binnen Tagen verwüstete die Menge die Gemächer des Hofstaats, schmolz das Tafelsilber ein und verhökerte das Mobiliar

4 Krönung: 1871 wurde der preußische König Wilhelm I. aus dem Haus Hohenzollern im Spiegelsaal zum ersten deutschen Kaiser gekrönt

Stuckaturen und illusionistischen Fresken kündete von der Macht des französischen Königs. Anschließend mussten die Besucher eine Reihe von prachtvollen Salons und den 73 Meter langen Spiegelsaal (Galerie des Glaces) durchschreiten. Der mit allegorischen Bildfolgen und malerischen Überhöhungen von Ludwigs Kriegstaten dekorierte sowie mit Silbermobiliar und einem silbernen Thron ausgestattete Saal bildete den Höhepunkt der königlichen Propagandatour.

Innenarchitektur als politisches Manifest
Die Architektur des Schlosses war auf das Schlafzimmer des Königs ausgerichtet, das in der Mittelachse lag – sogar die umliegende Stadt entstand in der Fluchtlinie des königlichen Schlafgemachs. Das Baldachin-Bett war ein politisches Manifest: Das von Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, ersonnene höfische System vom Lever (deutsch: Aufstehen) bis zum Coucher (Zubettgehen) wurde zum Mythos absolutistischer Machtfülle.

Versailles, der prachtvolle Hof Ludwigs XIV., war mehr als nur ein Bauwerk, das als äußeres Zeichen für die Konsolidierung der französischen Monarchie zu verstehen ist. Der Name wurde zum Inbegriff des französischen Stils der Herrschaftsrepräsentation und somit des Absolutismus schlechthin – es gab kaum einen europäischen Hof, der von der Intensität, mit der in Versailles politischer Anspruch und politische Realität in Kunst und Zeremoniell umgesetzt wurden, nicht fasziniert war. Ob in Wien, Berlin oder Würzburg – man orientierte sich am französischen Vorbild. Schon wenige Jahrzehnte nach dem endgültigen Bauabschluss verlor Versailles allerdings viel von seiner Anziehungskraft, brachte kritische Zeitgenossen zum Gähnen und ließ sie Ablenkung in den urbanen Salons von Paris suchen. Dort kamen jene intellektuellen Kreise zusammen, die der Aufklärung den Weg bereiteten. Nach Ludwig, der sich für das Zentralgestirn hielt, folgte die Epoche des Lichts: das Zeitalter der geistigen und sozialen Reformbewegung der Aufklärung. Ihren Abschluss fand die absolutistische Repräsentation, die schon unter Ludwig XIV. ihren Höhepunkt überschritten hatte, in einem Ereignis, für das heute die Jahreszahl 1789 steht.

Wenige Monate nach dem Sturm auf die Bastille zogen ein paar Tausend wegen der hohen Brotpreise entrüstete Marktweiber von Paris nach Versailles und skandierten: „Jetzt holen wir den Bäcker, die Bäckersfrau und den kleinen Bäckerjungen.“ Die königliche Familie wurde genötigt, nach Paris umzuziehen, das Château geplündert, das Tafelsilber eingeschmolzen. Bilder, Möbel und Teppiche wurden verhökert. Doch am Ende bewahrte der Mythos Versailles das Schloss vor seiner Zerstörung: Während in den Wirren der Revolution in Frankreich unzählige Klöster und Schlösser in Flammen aufgingen, blieb Versailles verschont.

Seit der Revolution verwaist, rettete zunächst Napoleon das Schloss vor dem weiteren Verfall. Da Versailles jedoch das Ancien Régime verkörperte, verwarf er Pläne, das Schloss fortan als Sommerresidenz zu nutzen; auch die wieder auf den Thron zurückgekehrten Bourbonen mieden Versailles wie der Teufel das Weihwasser. Bürgerkönig Louis-Philippe hatte schließlich die befreiende Idee, das Schloss in ein Museum der Geschichte Frankreichs zu verwandeln. Doch der Mythos von Versailles war größer als die den französischen Ruhmestaten gewidmeten wuchtigen Schlachtengemälde, die in seinen Zimmerfluchten präsentiert wurden.

VERSAILLES

5 Frieden: Die Pariser Friedenskonferenz am 18. Januar 1919 war eine Revanche für die Ereignisse des Jahres 1871 und hatte den Versailler Friedensvertrag zur Folge


Im Zuge des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 wurde in Versailles erneut Geschichte geschrieben: Nach der gewonnenen Schlacht von Sedan stießen die deutschen Truppen weiter vor und kamen erst kurz vor den Toren der französischen Hauptstadt zum Stehen. Während der Belagerung von Paris richtete die deutsche Armee vom 5. Oktober 1870 bis zum 13. März 1871 ihr Hauptquartier in Versailles ein. Am 18. Januar 1871 wurde der preußische König Wilhelm I. im Spiegelsaal zum Deutschen Kaiser ausgerufen.

Das Datum hatte man bewusst gewählt: Genau 170 Jahre zuvor war Friedrich I. zum preußischen König gekrönt worden. Die Wahl von Versailles war eine von deutschen Nationalisten bejubelte, letztlich aber unglückliche, nachgerade tragische Entscheidung. Denn die besiegte französische Nation fühlte sich durch diesen Akt zusätzlich gedemütigt. Getreu dem Motto „man sieht sich immer zweimal im Leben“ kam der Tag der lang ersehnten Abrechnung für die Franzosen wenige Monate nach Ende des Ersten Weltkriegs: Die Pariser Friedenskonferenz wurde von den Siegermächten symbolisch am 18. Januar 1919 in Versailles eröffnet und war eine offensichtliche Revanche für die schmachvollen Ereignisse des Jahres 1871.

Obwohl in Versailles danach keine Politik mehr gemacht wurde, blieb das Schloss weiterhin ein Symbol für den verhassten Zentralismus: Im Juni 1978 verübten bretonische Separatisten dort einen Bombenanschlag, der schwere Schäden anrichtete und mehrere Säle verwüstete. Ein Jahr später wurde Versailles endgültig den irdischen Sphären entrückt: Als die Unesco 1979 erstmals fünf französische Stätten als Weltkulturerbe adelte, stand das Schloss von Versailles mit seinem Park selbstverständlich mit auf der Liste.


FOTO: LUDOVIC MARIN / AFP / GETTY IMAGES

“RÉCEPTION DU GRAND CONDÉ À VERSAILLES”, JEAN-LÉON GÉRÔME, 1878; AKG-IMAGES/CDA/GUILLOT, BIBLIOTHÈQUE NATIONALE DE FRANCE, ARCHIVE PHOTOS/GETTY IMAGES, IMAGNO/SCHOSTAL ARCHIV/GETTY IMAGES