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Geschichten aus dem Odenwald


plus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 01.09.2021

Artikelbild für den Artikel "Geschichten aus dem Odenwald" aus der Ausgabe 10/2021 von plus Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: plus Magazin, Ausgabe 10/2021

Die Buchenwälder sind wunderbar zum Wandern und Radeln

„Die Höhle ist zwei bis drei Millionen Jahre alt. Faszinierend, was sich die Natur ausgedacht hat“

Thea Klenk (61) kletterte als Kind heimlich in die Tropfsteinhöhle. Heute ist sie Führerin und zeigt Besuchern die „Hochzeitstorte“, gigantische Stalagmiten und Stalaktiten

Alles begann mit den schicken neuen Wildlederschuhen. Theas Eltern hatten sie sich vom Mund abgespart. Doch die Elfjährige beschloss, dass die neuen Schuhe das angemessene Outfit wären, um mit ihnen heimlich die Eberstadter Tropfsteinhöhle zu erkunden. 1972 war das, die Höhle war gerade erst entdeckt worden, ein gigantisches Loch im Berg, voll mit wunderschönen Stalaktiten und Stalagmiten – und der Boden knietief bedeckt mit zähem, braunem Schlamm.

Über eine wacklige Leiter kletterte die kleine Thea in den Spalt im Berg und stand dann staunend und glückselig mit ihrer Taschenlampe in der Höhle. Wie im Märchen fühlte sie sich. Die ...

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... schicken neuen Wildlederschuhe allerdings waren zu diesem Zeitpunkt nur noch zwei braune nasse Matsch-Klumpen an ihren kleinen Füßen. „Das gab zu Hause eine Abreibung, das können Sie sich nicht vorstellen“, sagt die inzwischen 61-jährige Thea Klenk und lacht. „Danach war ich bedient und bin erst mal 40 Jahre lang nicht mehr in die Höhle gegangen!“

Der Schatz um die Ecke

Seit 2017 ist Thea Klenk offizielle Führerin der Eberstadter Tropfsteinhöhle bei Buchen im Odenwald. „Ich wollte die Zeit nach der Pensionierung sinnvoll nutzen. Und ich wusste ja gar nicht mehr, welchen Schatz wir hier haben“, sagt sie, „dabei wohne ich um die Ecke!“

An diesem Vormittag zeigt sie einer zehnköpfigen Gruppe diesen Schatz, der sich hinter einem unscheinbaren Eingang verbirgt. „Stellt euch vor: Die Höhle ist zwei bis drei Millionen Jahre alt!“, erklärt Thea Klenk den Kindern der Gruppe und leuchtet die dunklen feuchten Wände mit ihrer Taschenlampe an. Seit ihrer Entdeckung vor 50 Jahren gilt die Höhle als eine der größten und schönsten ihrer Art in ganz Süddeutschland. Tropfen für Tropfen hat sich hier über Jahr millionen eine wundersame, zauberhafte Unterwelt entwickelt.

Gigantische Tropfsteine

„Was sich die Natur hier ausgedacht hat, ist wirklich faszinierend“, sagt Thea Klenk, während sie die Tropfstein­Höhepunkte zeigt: den „Elefantenrüssel“, der von der Höhlendecke hängt, die „Weiße Frau von Eberstadt“, und natürlich die berühmte „Hochzeitstorte“, ein gigantischer cremefarbener Tropfstein in Kuchenform, der in keinem Prospekt über die Höhle fehlen darf. „Die Besucher sind immer wieder erstaunt, was wir hier für eine unerwartet große und schöne Höhle haben!“

Wie die Höhle ist die gesamte Region rund um Buchen, hoch im Norden von Baden-Württemberg: wunderschön, aber ein bisschen verborgen, mit vielen Schätzen und Perlen, die es zu entdecken gilt. Eine Gegend, die nicht massentouristisch-marktschreierisch daherkommt, sondern eher leise und zurückhaltend, fast bescheiden. Die sich dem Gast nicht sofort in die Arme wirft, sondern lieber erst mal ein Stück des Weges neben ihm hergeht, um ihm dann Geschichten zu erzählen.

Gebirge in 3 Bundesländern

Der Odenwald ist ein deutsches Mittelgebirge und erstreckt sich über drei Bundesländer: Der Norden und der Westen (mit den Städten Darmstadt und Bad König) gehören zu Hessen, der Süden (Heidelberg, Mosbach, Buchen und Walldürn) zu Baden-Württemberg und der Nordosten (Amorbach) ist fränkisch/bayerisch.

Häuser aus Buntsandstein

Da gibt es die Buchener Altstadt mit ihren vielen historischen Gebäuden und Fachwerkhäusern wie dem Alten Rathaus, einem spätbarocken Bau von 1723 am Marktplatz. Dunkelrot und warm leuchtet der Buntsandstein in der Abendsonne, ein Gestein, das typisch ist für den Odenwald.

Ebenso rot leuchtet der Museumshof, eingerahmt von einem Ensemble historischer Amtsgebäude aus dem 15. bis 19. Jahrhundert. Wer in dieser kleinen Oase am Rande der Altstadt in die Stille hineinhorcht, hört vielleicht die Rufe und das Gebrüll, das Raunen und Johlen des Hellen Haufens vom Odenwälder Bauernheer. „Du bist unser Hauptmann!“, schrien die Männer im April 1525 genau an dieser Stelle ihrem Götz von Berlichingen zu, „mit dir ziehen wir in den Bauernkrieg!“

Am anderen Ende der kleinen Fußgängerzone, direkt an der Stadtmauer, steht der Stadtturm, dessen Erbauung bis ins Jahr 1300 zurückreicht. Die Buchener erzählen, dass dort oben im Turm für einige Zeit der Berliner Architekt und Möbeldesigner Egon Eiermann gewohnt und gearbeitet hat, nachdem sein Berliner Atelier gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ausgebombt wurde. Er entwarf unter anderem den Neubau der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Das Marktstädtchen Buchen war die Heimatstadt seines Vaters und so hatte es den Architekten hierhergezogen.

„Die Geschichte des Odenwalds erzählt von Hunger, Mühsal und Kriegen“

Margareta Sauer (43) ist Volkskundlerin und leitet das Freiland museum in Walldürn-Gottersdorf

Für das traditionsreiche Hotel Prinz Carl mit seiner über 400-jährigen Geschichte hat Eiermann einen modernen Neubau gestaltet, außerdem gemeinsam mit einem katholischen Pfarrer im nahe gelegenen Hettingen eine ganze Siedlung für Heimatvertriebene gebaut.

Buche im Stadtwappen

Eines der Häuser ist heute ein Museum, äußerlich unscheinbar, aber auf den zweiten Blick ein Schatz – ein Muss für Architektur- und Geschichts-Fans. Weil der Name Programm ist, findet sich im Wappen der Stadt Buchen eine Buche. Der Laubbaum prägt die Landschaft, der Odenwald ist für Naturfreunde ein Paradies. In alle Himmelsrichtungen können Wanderer hier laufen und Fahrradfahrer radeln. Es stören keine großen Straßen, keine Fabriken mit Schloten am Horizont, keine Hochspannungsleitungen.

Auf einer Bank im Wald rastet Stefanie Thiele, neben sich einen Rucksack mit Verpflegung und Wanderkarte. Die 50-Jährige aus der Pfalz kommt gern hierher. „Wenn ich bei einer Tagestour fünf oder sechs andere Wanderer treffe, ist das viel!“, sagt sie. „Wo gibt es denn so was heutzutage noch?“ Die Weite, die Stille: Wer in den Odenwald kommt, kann zu sich kommen.

Viele der Wanderwege sind jahrhundertealte Pilgerwege. Sie alle führen nach Walldürn, knapp zehn Kilometer nördlich von Buchen. Hier begrüßt schon aus der Ferne, hoch über den Dächern der Altstadt, die riesige Basilika St. Georg Zum Heiligen Blut die Wallfahrer.

Zur Hauptwallfahrtszeit ab Pfingsten drängen sich über mehrere Wochen Zehntausende Pilger tagsüber in den verwinkelten Gassen der Altstadt und in der Basilika, um des „Blutwunders“ von 1330 zu gedenken.

Begründet hat die Wallfahrt ein Missgeschick: Während der Messfeier warf ein Priester nach der Wandlung den Kelch um. Der schon konsekrierte Wein floss auf ein Altartüchlein und bildete dort den Gekreuzigten ab, umrahmt von elf dornenumwundenen Häuptern Christi. Das Tuch wird heute im „Blutschrein“ der Basilika aufbewahrt.

Reise in die Vergangenheit

„Die Volksfrömmigkeit, die Geschichte, die Natur – diese Gegend hat so viel zu erzählen, wenn man nur zuhört!“, schwärmt Margareta Sauer vom Freilandmuseum im Walldürner Ortsteil Gottersdorf. Auch dieses Museum will erst einmal gefunden werden: Auf uralten Pilgerpfaden oder einer schmalen Straße geht es von Walldürn aus durch den schattigen Wald, bis sich der Blick weitet über sonnige Felder und Wiesen.

Unten, am lauschigen Klosterteich, ist der Eingang des Freilandmuseums. Wer hier sein Ticket kauft, reist danach in die Vergangenheit – wie in einer Zeitmaschine. Die winzigen Häuser sind authentisch eingerichtet und wirken, als kämen ihre Bewohner jeden Moment zurück, um sich nach der harten Arbeit auf dem Feld an den Küchentisch zu setzen oder in eines der Betten zu legen. Die Betten haben Matratzen aus grobem Stroh, die nicht selten zwei oder drei Personen Platz bieten mussten. „Unsere Besucher mögen das sehr, dass wir ihnen hier keine Idylle vorspielen, keine gute alte Zeit, weil die eben nicht nur gut war“, sagt Margareta Sauer und bückt sich, um durch die niedrige Tür ins winzige Tagelöhnerhaus zu kommen.

Neben den Wohn- und Bauernhäusern gibt es eine Poststation und ein ehemaliges Gasthaus, eine Ziegelei und eine Darre. Hier wurde das unreife Dinkelkorn über dem Feuer getrocknet und geröstet, also „gedarrt“, bis es sich in den nussig-herben Grünkern verwandelte. Deshalb wird die Region auch Grünkernland genannt. Dass man Getreide auf diese Weise genießen kann, hatten die Bauern nach Missernten und Hungersnot entdeckt. In ihrer Verzweiflung rösteten sie unreifen Dinkel über dem Feuer und kochten ihn schließlich mit Wasser auf. Heraus kam eine köstliche Suppe. „Was heute in schicken Restaurants als Spezialität angeboten wird, war ursprünglich ein Arme- Leute-Essen!“, sagt die Museumsleiterin lachend.

„Die Geschichte hier erzählt viel von Hunger und Mühsal, von schlechten Böden und Kriegen“, erklärt Margareta Sauer. „Je mehr man darüber weiß, desto mehr versteht man die Region und desto näher kommt sie einem.“ Die 43-Jährige wandert selbst gern in der Umgebung, im Rucksack ein Stück Brot und einen Apfel und ihr Wissen um die Geschichte der Gegend.

Durch romantische Täler

Über Streuobstwiesen und durch winzige Dörfer geht es dann, vorbei an kleinen Bauernhäusern und durch romantische Bachtäler mit alten, verfallenen Mühlen. „Ich mag die Einsamkeit hier draußen, die Ruhe“, beschreibt die Museumsfrau, warum sie von der Region nie genug kriegt. Die nächsten Touristen- Hochburgen wie Würzburg oder Heidelberg sind nur eine gute Autostunde entfernt – und scheinen doch Lichtjahre weit weg.

Noch mal zurück nach Eberstadt in die Tropfsteinhöhle. Thea Klenk erwartet einen Reisebus für ihre letzte Höhlen-Führung heute. Der Bus verspätet sich, die 61-Jährige muss warten. „Macht nichts, ich hab doch Zeit!“, sagt sie fröhlich und setzt sich auf eine Bank in die Sonne. „Bei uns geht’s ja gottlob geruh­ samer zu als anderswo!“

„Es ist eine wunderschöne Region, die aber langsam erobert werden will“

Journalistin Friederike Kroitzsch zieht mit Hunden und Kamera gern durch den Odenwald