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GESCHICHTSLEHREN


Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 14.07.2021

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Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 8/2021

„WAS UNS NICHT UMBRINGT, MACHT UNS NUR STÄRKER.“

GENE SIMMONS

Gene, nahezu auf den Tag genau vor zwei Jahren warst du noch Ehrengast in unserer Berliner METAL HAMMER-Redaktion. Seitdem ist ziemlich viel passiert. Die Pandemie hat selbst vor Kiss’ „End Of The Road World Tour“ nicht haltgemacht und diese ausgebremst. Wie und womit hast du die ungewollte Bühnenzwangspause bislang verbracht?

Ich habe viel Zeit mit meiner Familie verbracht. Moment, mein Haargummi ist gerade rausgefallen. (Gene nestelt an seinem Zopf – Anm.d.A.). Wie gesagt, ich habe die meiste Zeit mit meiner Familie in Kanada in dem Örtchen Whistler verbracht. Dort habe ich auch mit der Malerei angefangen. Ich hatte anfangs keinen blassen Schimmer davon, wollte mir einfach nur die Zeit vertreiben. Also habe ich Acht-Fuß-lange Stücke Leinwand gekauft und angefangen, zu malen. Die Ergebnisse habe ich dann ein paar Leuten gezeigt. Und ...

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... jetzt, ich bin gerade in Las Vegas, wird es in zwei bis drei Monaten eine Gene Simmons-Kunstausstellung in der größten Kunstgalerie von Las Vegas geben! Die ersten Werke wurden sogar schon verkauft. Für 250.000 Dollar pro Stück. Darüber hinaus habe ich mich in der Zwischenzeit auch in das Thema Kryptowährungen reingekniet: Bitcoin, Ethereum, LifeCoin und ein paar andere. Ich habe sogar Dogecoin gekauft und wieder verkauft. Außerdem bin ich inzwischen stolzer Geschäftspartner bei ein paar neuen Unternehmen wie etwa Alaska Cold Storage oder Noble.AI, die sich mit Künstlicher Intelligenz befassen. Und ich habe ein paar neue Sachen mit meinem Trademark, dem Dollarzeichen-Geldsack-Logo, vor. (Er zeigt auf seine Basecap mit ebenjenem Zeichen – Anm.d.A.) Ich möchte meine eigene Kryptowährung mit diesem Symbol rausbringen. Ich habe es sogar geschafft, ein Trademark für das Euro-Zeichen zu erwerben, sodass ich es nun auch für mein Logo verwenden kann.

Das klingt, als ob du – erwartungsgemäß – geschäftig warst. Die letzte Nachricht von musikalischer Natur war unterdessen, dass du in Las Vegas eine Masterclass in Sachen Bass und Songwriting gibst. Was hat es damit auf sich?

Bei einer Masterclass bringe ich Leuten innerhalb von zwei Stunden bei, wie sie ein Instrument spielen und einen eigenen Song schreiben. Das geht. Es ist dann nicht unbedingt Beethovens Fünfte (Gene fängt an, besagte Sinfonie zu trällern – Anm.d.A.), so komplex ist es natürlich nicht. Aber ein schöner einfacher Song, bei dem sich der Kursteilnehmer die Melodie und den Text ausdenkt und das Ganze dann auf dem Bass oder der Gitarre spielen kann, ist durchaus machbar. Das Prinzip ist simpel. Ich spreche ein paar Sprachen, jeweils ein wenig Deutsch, Hebräisch, Ungarisch, natürlich Englisch und etwas Japanisch. Um eine Sprache schnell zu erlernen, muss man das Lesen und Schreiben außen vor lassen. Das ist zu viel. Aber einfaches, ständiges Wiederholen funktioniert. Ich zeige den Leuten also, wie sie die Sachen wiederholen. Bei einer Gene Simmons-Masterclass nimmt man das entsprechende Lied dann auch noch mit mir als Produzent auf. Ich singe auch Background. Und am Ende kann man seinen eigenen Song mit nach Hause nehmen, auch wenn man vorher noch nie ein Instrument in der Hand oder ein Lied geschrieben hatte.

Ist das auf diese eine Las Vegas-Erfahrung limitiert oder gedenkst du, das weiter auszubauen?

Das ist eine gute Frage. Wir fangen in Las Vegas an und schauen, wie es sich entwickelt. Kiss sind gerade auch vielbeschäftigt: Es kommt bald eine vierstündige Fernsehdokumentation namens ‘Biography: KISStory’ heraus. Anfang August geht es dann weiter mit der Tournee. Wir wollen noch gut hundert Shows spielen, bevor es wirklich zu Ende geht. Wir kommen also auch wieder zu euch nach Deutschland!

In der Live-Musik-losen Zeit haben manche Bands ihr Studiopensum verdoppelt. Hat die Aussicht, für unbestimmte Zeit nicht auf Achse gehen zu können, eventuell auch bei euch dazu geführt, den Ansatz zu überdenken, keine neue Musik und Platten mehr zu machen?

Früher war das wirklich Aufregende an einem Album, in einen Plattenladen zu gehen, es dort im Regal stehen zu sehen oder zu sehen, wie die Fans es kaufen. Die Leute haben Platten gesammelt. Wenn man ein Artwork mochte, hat man es auf den Kaminsims oder Wohnzimmertisch gestellt. Dieser romantische Aspekt ist tot. Leute sammeln Platten nicht mehr in dem Maß, es ist alles sehr schnelllebig. Und Downloads und Filesharing bringen junge Bands zur Strecke. Das alles hat keine Auswirkung auf mich. Aber die nächsten Beatles oder der nächste Peter Maffay haben von vornherein keine Chance mehr, weil man als Musiker von der Musik allein nicht leben kann und nebenbei als Lkw-Fahrer arbeiten muss. Und wer hat das zu verantworten? Die Fans! Die Fans, die sich für kein oder nur sehr wenig Geld die Sachen runterladen. Ich weiß, wovon ich rede. Meine Tochter Sophie hat eine mit Platin ausgezeichnete Platte mit Felix Cartal draußen und auch schon einen Juno-Award gewonnen, was der kanadische Grammy ist. Sie hat für Rick Ross Songs geschrieben, diesen Rapper. Mein Sohn Nick ist auch sehr erfolgreich und hat seine Songs schon in TV-Shows unterbringen können. Aber es braucht Hunderttausende Downloads, bis man mal ein paar Tausend Dollar dafür sieht. Das zerbricht einem das Herz. Das große Geld liegt eben immer noch bei den großen Bands. Von 1958 bis 1988, also in einem Zeitraum von 30 Jahren, gab es – und, ja, ich weiß, ihr hattet sogar noch Dschinghis Khan – die Beatles, die Stones, Elvis, Pink Floyd. Auf der härteren Seite gab es Bands wie AC/DC, Metallica, vielleicht auch Kiss. Dazu Madonna im Disco-Bereich sowie David Bowie, Prince. All diese reichhaltige Musik. Seitdem Napster herauskam, sucht man die neuen Beatles, den neuen Elvis bis zum heutigen Tag vergebens. Es gibt populäre Bands wie BTS, die sind gut und toll. Aber sind sie die neuen Beatles? Nein.

„ICH MÖCHTE MEINE EIGENE KRYPTOWÄHRUNG RAUSBRINGEN.“

Es stimmt, dass die alten Bands noch immer die größten Zugpferde sind. Wie hat sich der Konzertmarkt deiner Ansicht nach über die Jahre verändert?

Unglücklicherweise verlassen sich immer mehr Künstler auf Technik, um sich das Leben zu erleichtern. Damit meine ich Dinge wie Playback oder Backingtracks und solche Sachen. Wenn man heute eine Pop-Diva mit 15 Tänzerinnen auf der Bühne sieht und sie dabei nie außer Atem ist und perfekt singt, weiß man, dass das eigentlich sehr schwer möglich ist. Das heißt nicht, dass ihre Show nicht toll ist. Aber ich möchte Authentizität. Vielleicht ist das jüngeren Fans nicht so wichtig. Deadmau5 ist ein toller EDM-Künstler. Er drückt auf einen Knopf, das Licht spielt verrückt, und zehn- bis dreißigtausend Leute hüpfen auf und nieder und haben eine gute Zeit. Keiner spielt auf der Bühne irgendein Instrument, keiner singt. Ich habe nicht mal eine Meinung dazu. Mir ist wichtig, dass die Leute im Publikum ihren Spaß haben. Man will den Stau vergessen, oder dass deine Freundin gerade eifersüchtig ist, weil du vorhin ihre Mutter gemustert hast – was auch immer das Problem war oder ist, man möchte es vergessen. Insofern ist es egal, ob es ein EDM-Künstler oder ein Rapper ist, der nie ein Instrument gelernt hat oder weiß, wie man einen Song schreibt – das alles hat seine Berechtigung, solange sich die Leute daran erfreuen können.

Kiss waren und sind bekannt für ihre spektakulären Liveshows. Was war in jungen Jahren dein Konzerterweckungserlebnis? Welche Show hast du als kleiner Junge gesehen, nach der du wusstest: Genau das will ich auch machen, nur eben noch ein bisschen größer?

Ich erinnere mich noch daran, Jim Hendrix und The Who bei einem der ersten größeren Festivals in Nordkalifornien gesehen zu haben. The Mamas And The Papas waren auch noch dabei, Janis Joplin sowie Eric Burdon & The Animals. Ein Riesen-Event. Und sie haben alle nahezu nichts dabei verdient. Ein paar Tausend Dollar vielleicht für die größten Künstler. Man musste schon einen Moment innehalten, als Jimi Hendrix seine Gitarre auf den Boden legte, sie zu begatten begann und danach in Flammen setzte. Oder als Pete Townshend seine Gitarre gegen die Marshalls schlug – was geht denn hier plötzlich ab? Live-Musik ist nicht nur Musik, es ist eine Aufführung. Musik allein ist für die Ohren, aber was bietet man den Augen? Das ist die Frage, die ich mir immer gestellt habe. Es ist okay, wenn man Adele ist und auf der Bühne steht und einfach nur singt. Das kann ich auch genießen. Aber raste ich dabei total aus? Nein, ich will auch eine optische Attacke. Ein paar dieser EDM-Künstler haben die eben auch. Deadmau5 zieht eine Mega-Show ab. Aber lass uns mal über unser neues Live-Bootleg-Album reden...

Selbstverständlich. OFF THE SOUND­BOARD – TOKYO 2001 steht natürlich auch noch auf unserer Agenda...

Wir haben uns dafür entschieden, dieses Live-Album als Bootleg zu klassifizieren, weil es so unbehandelt ist. Es gibt keinen Remix, keine nachträgliche Autotune-Behandlung, nichts. Dementsprechend ist es so ungeschönt und ehrlich wie ein Bootleg. Und ich muss sagen: Die Band klingt gut, wir waren gut in Form und sind sehr glücklich damit.

„WIR WOLLEN NOCH GUT HUNDERT SHOWS SPIELEN , BEVOR ES WIRKLICH ZU ENDE GEHT.“

Es heißt, dass dies der Auftakt einer neuen Reihe offizieller Kiss-Bootlegs sein wird...

Bis vor Kurzem hatten wir gar nicht darüber nachgedacht, aber es gibt ein paar Hundert solcher Konzertaufnahmen, die es wert wären, veröffentlicht zu werden. Shows, bei denen wir obskurere Songs spielen oder manchmal auf der Bühne irgendwelche Späße machen. Wir werden uns also näher damit auseinandersetzen, noch ein paar solcher Geschichten rauszubringen.

Was war der Grund dafür, genau diese Tokio-Show von 2001 zuerst auf den Markt zu werfen?

Nun, wir gehen bald wieder nach Nippon, wie man in Tokio sagt. Ich kenne auch ein paar japanische Phrasen: ご機嫌いかがですか ? わたしはジーンシモンズです。あなたは最高です。 Habt ihr das verstanden? (Auf Deutsch sinngemäß: „Wie geht es Ihnen? Ich bin Gene Simmons. Sie sind großartig.“ Dank gilt an dieser Stelle Hitomi sowie Herrn Hartmann für die nachträgliche, muttersprachkundige Übersetzungshilfe – Anm.d.A.) Das ist also einer der Gründe, warum wir eine Tokio-Show gewählt haben. Der andere ist der: Als wir zum ersten Mal in Japan gespielt haben, sind wir in Budokan aufgetreten, der damals größten Arena dort. Wir haben den bisherigen Rekord der Beatles gebrochen. Sie hatten drei oder vier Budokan-Shows hintereinander gespielt. Wir spielten eine mehr. Wir wussten damals, dass die Sache in Amerika durch die Decke ging. Aber das in Japan war der Beweis dafür, dass es weltweit passierte. Dass wir einen 747er-Jet hatten, auf dem Kiss stand, war wohl auch ein Zeichen dafür, dass es weltweit gerade ganz gut für uns lief. Aber wenn man im Zentrum des Sturms steht, weiß man eben nicht immer, wie groß und wild das ist, was um einen herum tatsächlich passiert.

Auf besagtem Bootleg und der Tournee 2001 war Ace Frehley noch der euch begleitende Gitarrist. In letzter Zeit wurde wieder vermehrt spekuliert, ob Ace und eventuell sogar auch Gründungsschlagzeuger Peter Criss für den ein oder anderen Gastauftritt bei der „End Of The Road World Tour“ auftauchen könnten. Wie siehst du das?

Vorweg: Ohne Ace und Peter wären wir nicht, wo wir jetzt sind. Es ist ein bisschen wie mit Mutter und Vater. Irgendwann ist der Vater abgehauen, fing an zu trinken und die Familie zerbrach. Aber er wird immer der Vater bleiben, genauso wie die Erinnerung an die gemeinsamen frühen Jahre. Mit Ace und Peter ist das genauso. Ohne sie wären wir nicht hier. Aber genauso gilt auch, dass wenn Ace und Peter noch in der Band wären, Kiss vielleicht nicht mehr da wären. Nicht jeder ist dafür geschaffen, einen Marathon zu laufen. Manche Leute sind wie Sternschnuppen. Sie haben ein paar gute Jahre in sich, und dann setzt die Selbstzerstörung ein. Ace und Peter waren drei Mal Teil und wieder nicht Teil der Band. Doch zu deiner Frage: Ich habe Peter persönlich gefragt, ob er bei der Tour oder der Dokumentation mitmachen möchte. Er hat nein gesagt. Ich fragte ihn, ob er sich sicher sei, die Fans würde es definitiv freuen. Er entgegnete nur, dass er mit der Sache durch sei. Mit Ace hingegen sind wir noch immer in Gesprächen. Es wäre echt traurig, wenn bei der letzten Kiss-Show – und die wird kommen, egal, ob auf dem Mars oder im Himmel – Ace und Peter nicht herauskommen würden, um einen oder zwei Songs mit uns zu spielen. Aber die Fragen nach Ace und Peter sind immer ein bisschen so, als wenn man sein Lieblings-Football-Team hat und nach etlichen Jahren fragt, wann denn die ursprünglichen Spieler mal wieder aufs Feld kommen. Das setzt ja voraus, dass man noch immer gut Football spielen kann. Was wir da machen, ist eine physische Herausforderung. Ich bin jetzt 71 Jahre alt und habe noch immer volles Haar. (Gene lüpft zum Beweis kurz sein Basecap – Anm.d.A.). Aber noch viel wichtiger ist, dass ich in Topform bin. Siehst du diese Hand? (er hält seine Hand ohne Anzeichen von Tremor und kerzengerade in die Kamera – Anm.d.A.) Ich habe nie Drogen genommen, Alkohol getrunken oder geraucht. Das Innenleben dieses Motors ist also noch vollkommen intakt und gesund. Das können nicht viele von sich behaupten. Auf dieser Bühne in Riesen-Plateau-Stiefeln zu stehen, das ganze Gewicht zu tragen, während die Scheinwerfer und Feuerbomben glühen, erfordert eben einfach, dass man topfit ist.

Selbst in Zeiten, in denen Konzerte absolute Mangelware sind, habt ihr es wieder noch lauter krachen lassen als alle anderen: Am Silvesterabend 2020 habt ihr eine Streamingshow in Dubai gespielt und damit unter anderem neue Guinness Buch-Weltrekorde für Pyroeinsatz eingefahren. Wird es deiner Meinung nach weiterhin einen Markt für Streamingshows geben, selbst wenn reguläre Konzerte wieder möglich und an der Tagesordnung sind?

Ja, das denke ich. Aber ich bin kein Fan davon. Leute, die alleine in einer Höhle saßen oder sitzen, werden irgendwann irre. Menschen sind dafür gemacht, zusammen Zeit zu verbringen. Wir sind soziale Lebewesen. Wir brauchen einander für Sicherheit, Sex, Gesellschaft, Geselligkeit. Es ist doch schon traurig, wenn man alleine im Restaurant sitzt. Man braucht drei, vier Leute um einen herum, erst das ist Leben. Livestreaming ist okay, das ist etwa so, wie alleine ein Buch zu lesen. Dabei rast das Herz auch nicht so wie bei einem Konzert mit tausend anderen Leuten. All die guten Bands schaffen es, mit dem Publikum zu interagieren, einen Austausch stattfinden zu lassen. Livestreaming kann diese Erfahrung nicht ersetzen. Roboter werden uns auch niemals zum Weinen bringen können. Das können nur andere Menschen. Genauso wird kein Roboter jemals einen Witz erzählen können, bei dem man vor Lachen in Tränen ausbricht. Wir Menschen sind die emotionale Nahrung, die wir gegenseitig brauchen. Und deshalb sind Live-Konzerte so wichtig. Geht raus und trefft andere Leute. Wir brauchen das.

Wie wird das Leben deiner Ansicht nach werden, wenn all dies endlich wieder wie vor der Pandemie möglich sein wird?

Besser als je zuvor. Die Wirtschaft wird wieder einen Aufschwung haben, die Politik ebenso. Für gut zwölf Monate lag alles brach und wir hatten die Möglichkeit, zu reflektieren. Inzwischen hat man eben auch erkannt, welche seiner vormals besten Freunden strunzdumm sind, weil sie sich einer Impfung verweigern. Das sind egoistische Arschlöcher. Die Pandemie hat klargemacht, was die wichtigen Dinge im Leben sind: Familie, Freunde, rauszugehen und das Leben zu genießen. Und genauso weiß man jetzt ganz deutlich, wer die Kakerlaken sind. In politischer Hinsicht wie auch in anderen Belangen.

Letztendlich kann man in all dem Elend also auch etwas Gutes sehen?

Vielleicht haben wir das gebraucht. Aber es bleibt natürlich eine Tragödie, weil weltweit Hunderttausende Menschen sterben mussten. Doch mal ganz pragmatisch und ehrlich gesagt: Was uns nicht umbringt, macht uns nur stärker. Dass es Pfizer und andere große Pharmakonzerne geschafft haben, innerhalb nur eines Jahres mit einem Impfstoff aufzuwarten, ist ebenso beispiellos. Und es wird uns dabei helfen, mit der nächsten Pandemie umzugehen. Denn die wird kommen.

Von Vorteil könnte zumindest sein, dass nun ein größeres Bewusstsein für diese Art der Gefahr besteht...

Ja, auch wenn es weiterhin Leute gibt, die eben nicht daran glauben. Aber es gibt auch immer noch Leute, die glauben, die Erde sei eine Scheibe.

Wie soll man deiner Meinung nach mit solchen Leuten umgehen?

Sie ignorieren. Nicht mit ihnen reden.

Worauf freust du dich am meisten, wenn du wieder geregelt alle paar Abende auf der Bühne stehen kannst?

Ich freue mich darauf, das Leben mit Leuten zu feiern, die mir wichtig sind und denen ich wichtig bin. Das ist das Beste, was das Leben einem bieten kann. Ich freue mich auf das Brüllen der Menge und den Geruch der Schminke. Das ist ein an ein berühmtes Bühnenstück von Anthony Newley angelehntes Zitat. Es geht darin um Clowns. Und das große Geheimnis ist, dass wir alle Clowns sind. Wir sind alle ein Teil des Zirkus’, der sich Leben nennt: der PSYCHO CIRCUS.

Welcher dann hoffentlich bald auch wieder durch „good old Germany“ rollt...

Wisst ihr eigentlich warum vor allem Amerikaner von „Germany“ anstatt von Deutschland sprechen? In der Römerzeit war Germania der tatsächliche Name der geografischen Region. Das war noch lange vor Bismarck, und bevor um 1870 euer Land eine Nation wurde, die später den Namen Deutschland tragen sollte, weil Deutsch ja eure Sprache ist. Ich habe früher mal sechste Klassen unterrichtet. Daher weiß ich sowas.

FRANK THIESSIES