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Geschmack: Super! Schön! Hässlich! Doof!


Hohe Luft kompakt - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 29.05.2019

Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Der eine trinkt lieber Bier statt Wein, der andere zieht Klassik Heavy Metal vor. Darüber zu diskutieren wäre müßig. Eigentlich. Tatsächlich streiten wir ständig über Geschmack. Aber auf welcher Basis?


UNSERE INTUITIONEN in Geschmacksfragen sind paradox. Das offenbaren schon simple Dialoge: Stellen Sie sich etwa vor, Tim und Lisa sitzen gemeinsam am Frühstückstisch. Tim schmiert sich sein Brötchen und sagt: »Leberwurst ist lecker.« Darauf antwortet Lisa: »Nö, Leberwurst ist überhaupt nicht lecker. « Einerseits scheint es in diesem Fall möglich zu sein, dass sich ...

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... keiner der beiden irrt; Geschmäcker sind eben verschieden. Andererseits scheinen Tim und Lisa sich offensichtlich zu widersprechen – sie streiten sich über Geschmack.

Diese beiden Intuitionen sind inkompatibel: Wenn Tim und Lisa sich streiten, indem sie sich widersprechende Sätze äußern, können nicht beide gleichzeitig die Wahrheit sagen. Rätsel zerlegt man am besten in ihre Einzelteile. Fragen wir also zunächst danach, was wir genau meinen, wenn wir von Streit sprechen.

Es scheint, als wären sich Tim und Lisa uneinig über die Wahrheit der Behauptung, dass Leberwurst lecker sei. Eine naheliegende Antwort wäre also, dass man sich streitet, wenn man die Wahrheit einer Aussage anzweifelt. Der Sprachphilosoph Timothy Sundell nennt dies das »Prinzip der substanziellen Uneinigkeit «. Demnach streiten sich zwei Leute genau dann, wenn einer »A« und der andere »B« sagt, wobei »B« die Negation von »A« enthält – etwa wenn Tim »es regnet« und Lisa »nein, es regnet nicht« sagt. Diese beiden Behauptungen können logisch nicht gleichzeitig wahr sein. Ruft Tim hingegen aus dem Urlaub an, um Lisa mitzuteilen, »ich stehe auf dem Eiffelturm«, und Lisa antwortet daraufhin: »Ich stehe nicht auf dem Eiffelturm«, dann streiten sich die beiden nicht. Das wird deutlich, wenn man das Wort »ich« mit den Namen der Sprecher ersetzt: »Lisa steht nicht auf dem Eiffelturm« ist keine Negation der Behauptung »Tim steht auf dem Eiffelturm«. Beide Aussagen können gleichzeitig wahr sein.

Das Prinzip der substanziellen Uneinigkeit beantwortet zwar noch nicht die Frage, ob sich über Geschmack streiten lässt. Aber es bewältigt die erste Hürde auf dem Weg dahin: Mithilfe des Prinzips lässt sich überprüfen, ob überhaupt ein Streit vorliegt. Und auf den ersten Blick scheint Lisas »Leberwurst ist nicht lecker« eine Negation von Tims Aussage zu sein – demnach könnte man legitimerweise sagen, dass sich die beiden über Geschmack streiten. Eine wortwörtliche Lesart des beliebten Sprichworts wäre somit widerlegt.

WAS IST ABER MIT DER Intuition, dass sich eventuell keiner der beiden irrt? Philosophen, die diese Intuition stark machen, nennen sich Kontextualisten. Sie erläutern Rätsel wie die Leberwurstfrage mit Verweisen auf Sätze wie »Max ist kräftig« und »Max ist nicht kräftig«. Je nach zugrunde gelegter Norm wird die eine Aussage oder die andere zutreffen: In der Redaktion einer Philosophie-Zeitschrift könnte Max durchaus als kräftig gelten, in einer Umkleidekabine voller Bodybuilder aber wahrscheinlich nicht.

Wörter wie »kräftig« oder »hoch« sind von ihrem Kontext abhängig. Weil wir »lecker« ebenfalls als kontextabhängiges Wort verstehen, glauben wir, dass sich in Geschmacksfragen niemand irren kann. Denn Tim spricht der Leberwurst die Eigenschaft »X« zu, wenn er sagt, Leberwurst sei lecker. Lisa behauptet hingegen, Leberwurst besitze nicht die Eigenschaft »Y«, wenn sie sagt, Leberwurst sei nicht lecker. Die Wurst ist lecker für Tim, und sie ist nicht lecker für Lisa. Tim und Lisa reden gar nicht über dieselbe Eigenschaft, da sie jeweils eine andere Geschmacksnorm zugrunde legen.


Philosophen sind stets gut beraten, alltägliche Intuitionen nicht leichtfertig über Bord zu werfen.


Das erkannte bereits der schottische Philosoph David Hume (1711–1776) in seinem Werk »Of the Standard of Taste«. Hume entdeckte, dass der Konsens in Geschmacksfragen oft nur ein vermeintlicher war: Seine Zeitgenossen befürworteten zwar ausnahmslos ein elegantes Auftreten. Was aber genau sie als elegant empfanden und was nicht, darüber herrschte Uneinigkeit. Jeder legte seinen persönlichen Standard von Eleganz zugrunde. Humes Lösung des Problems war jedoch eher unbefriedigend: Denn welcher Standard von Eleganz angemessen ist, bestimmen laut Hume die besten Kritiker. Doch wer bewertet die Kritiker?

Halten wir uns lieber an den einfachen Fall. Wir können nun beweisen, dass unsere ersten Intuitionen über Geschmack tatsächlich paradox sind: Wenn Geschmackswörter wie »elegant« oder »lecker« von der jeweiligen Norm abhängen, dann herrscht in der Leberwurstfrage keine »substanzielle Uneinigkeit«; die Aussage »B« negiert nicht die Aussage »A«, sondern bezieht sich auf eine ganz andere Eigenschaft. Tim und Lisa streiten sich gar nicht wirklich.

Philosophen sind stets gut beraten, alltägliche Intuitionen nicht leichtfertig über Bord zu werfen. Von außen betrachtet, ist die Leberwurstfrage eindeutig eine Form von Streit. Wenn das Prinzip substanzieller Uneinigkeit das nicht beweisen kann, sollte man die Fehler beim Prinzip suchen, nicht bei der Intuition. Es ist zwar auf den ersten Blick naheliegend, dass man sich erst wirklich streitet, wenn man sich widerspricht. Doch mit dieser Definition schließen wir künstlich eine Vielzahl von Streitereien aus, die wir real als Streit wahrnehmen. Eine bessere Definition wäre, dass wir uns streiten, sobald wir eine streitende Haltung einnehmen – egal ob die Positionen sich widersprechen oder nicht. So können wir auch dieses leicht abgewandelte Beispiel formal als Streit definieren:

»Leberwurst schmeckt lecker, nach meinen Standards.«

»Was? Also nach meinen Standards schmeckt Leberwurst überhaupt nicht! Was ist eigentlich mit deinem Geschmackssinn los? Da könntest du ja gleich pures Fett essen!«.

Auch wenn beide Aussagen gleichzeitig wahr sein können, fühlt es sich für Tim und Lisa eindeutig nach einem Streit an.

Wollen wir die Realität nicht verleugnen, dann dürfen wir das Sprichwort nicht wörtlich verstehen. Über Geschmack lässt sich streiten, und zwar nicht nur über Essen, sondern auch über Kunst und Kultur: Wenn jemand unsere Lieblingsmusik als »Schrott« bezeichnet, dann nehmen wir das für gewöhnlich nicht einfach hin. Stattdessen werden wir ihm widersprechen und vom Gegenteil zu überzeugen suchen – oder zumindest erwarten, dass er seine Meinung rechtfertigt.

DAS SPRICHWORT lässt sich aber auch noch anders verstehen. In der Realität mag man zwar über Geschmack streiten. Am Ende führ t das aber zu nichts, da niemand unrecht hat. Daher könnte man das Sprichwort auch so interpretieren, dass man über Geschmack nicht streiten sollte.

Ob man etwas tun sollte, weiß man nur, wenn man genau verstanden hat, was man da eigentlich tut. Streitet man über Fakten, dann sucht man nach der Wahrheit. In Geschmacksfragen spielen Tatsachen aber nur eine Nebenrolle. Dass Leberwurst lecker schmeckt, lässt sich nicht im Labor beweisen. Statt Fakten stehen hier die Standards zur Debatte, die wir unserem Urteil zugrunde legen. Anders als ein Dis put über Fakten gleicht ein Streit über Geschmack laut Timothy Sundell deswegen auch eher einer Verhandlung. Man erörtert, welche Norm in der jeweiligen Situation angemessen ist.

Die konkrete Verhandlung hat dabei meistens ganz pragmatische Ziele: Vielleicht überlegt man, was am Abend gekocht wird, welche Musik auf der Hochzeit laufen soll oder welchen Kinofilm man sich anschaut. Wie auch immer der konkrete Anlass für einen Streit über Geschmack aussieht: Wenn wir uns streiten, dann arbeiten wir an der Synchronisierung unserer Standards vor dem Hintergrund eines Ziels, anstatt die Wahrheit einer Behauptung anhand objektiver Kriterien zu überprüfen.

In diesem Sinne ist ein Streit über Geschmacksfragen eigentlich ein metasprachlicher Vorgang. Solche Vorgänge finden sich vielfach in unserer Sprache. Stellen Sie sich vor, nach dem Frühstück nimmt Tim seine Freundin Lisa mit auf eine Spritztour in seinem neuen Porsche – und beschleunigt direkt auf 200 km/h. Ein Königreich für einen metasprachlichen Dialog:

»Achtung, du fährst schnell.«

»Nein, schnell fahre ich noch lange nicht.«

Der Tachometer ist für beide einsehbar. Das kurze Gespräch dreht sich also nicht um die objektive Geschwindigkeit des Autos. Stattdessen verhandeln Tim und Lisa, welche Norm für den Begriff von Schnelligkeit in dieser Situation angemessen ist. Gelingt es Tim, Lisa von seinem Standard zu überzeugen – indem er etwa noch einmal stark beschleunigt –, hat er ausgehandelt, dass »schnell« in einem Porsche mehr als 200 km/h bedeutet. Das ist keine Wortklauberei. Wie man die Geschwindigkeit eines Autos beurteilt, hat durchaus praktische Konsequenzen.

Sollte das Auto zu schnell fahren, müsste Tim vielleicht auf die Bremse treten. Das Ergebnis der sprachlichen Verhandlung wäre insofern verantwortlich dafür, dass Tim den Porsche drosselt. Auf die Leberwurstfrage angewendet bedeutet das, dass nicht der faktische Geschmack der Leberwurst selbst be stimmt, ob sie morgens auf den Tisch kommt, sondern allein das Ergebnis der Verhandlungen.


Auch wenn es in Geschmacksfragen nicht um faktische Wahrheit, sondern um Normen geht, lassen sich diese Normen durchaus bewerten.


Man kann diese Sicht bezweifeln, weil es in der Realität offenbar Grenzen gibt, wofür man ein Wort sinnvoller weise verwenden kann. Bei einer Geschwindigkeit unter Schritttempo würde kaum ein Beifahrer davon sprechen, schnell zu fahren. Dennoch ist es prinzipiell nicht unmöglich, sinnvoll so zu reden. Man könnte sich etwa eine neue Form von Wettrennen vorstellen, bei der das Auto gewinnt, das in einem 50-Meter-Rennen als Letztes über die Ziellinie fährt, ohne je stehen geblieben zu sein. »Du fährst schnell« wäre bei 5 km/h in diesem Fall eine sinnvolle Aussage. Auf der Autobahn jedoch wäre es schlecht, schon bei Schritttempo von Schnelligkeit zu sprechen. Denn auch wenn es in Geschmacksfragen nicht um faktische Wahrheit, sondern um dahinterstehende Normen geht, lassen sich diese Normen durchaus bewerten. Denn der Dialog hat ein Ziel, und dieses Ziel ist mit Fakten verknüpft.

Lisa will mit ihrer Aussage nicht nur die Norm für Schnelligkeit diskutieren. Sie möchte Tim gleichzeitig dazu anhalten, sicher zu fahren. Faktisch existiert eine statistische Grenze, bei der Unfälle erheblich wahrscheinlicher werden. Liegt diese Grenze bei 130 km/h, wäre eine Norm schlecht, die schnelles Fahren erst bei 250 km/h verortet, weil das Gespräch das Ziel hat, einen Standard festzulegen, der sicheres Fahren ermöglicht. In Geschmacksfragen gelten dieselben Regeln wie im Autobahnfall; Je nachdem, wel che Ziele wir verfolgen, ist ein Standard besser oder schlechter. Wer einen Arthouse-Film über ein Schweigekloster langweilig nennt, weil nichts explodiert, der legt wahrscheinlich eine schlechte Norm zugrunde. Denn er verfehlt das Ziel der Diskussion: zu ergründen, was den Film wertvoll macht, welche Botschaft er vermittelt, wie er sich positioniert etc. Allerdings wäre es auch denkbar, dass eine Gruppe von Actionfilm- Fans über den Film diskutiert, um sich gegenseitig zu versichern, was sie an Blockbustern so lieben. Dann wäre vielleicht ein Standard gut, der die Messlatte für Langeweile bei fehlenden Explosionen anlegt. Welcher Standard sich in welchem Fall eignet, ist aber genau das, was wir in Diskussionen über Geschmacksfragen verhandeln.

SOMIT IST AUCH die zweite Lesart des Sprichworts widerlegt. Diskussionen über Geschmack haben eine wichtige kommunikative Funktion. Sie verhandeln die Normen, die den Kontext unserer Sprache regulieren – und beeinflussen auf diese Weise auch die praktischen Konsequenzen. Über Geschmack lässt sich also nicht nur streiten, man sollte es sogar.