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Geschwister


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 10/2018 vom 12.09.2018

Sie sind Vertraute, Rivalen und Teile von uns selbst: Geschwister begleiten uns oft ein Leben lang und prägen unsere Persönlichkeit entscheidend. Gleichzeitig stecken wir mit ihnen oft in alten Kindheitsrollen fest. Was wir gewinnen, wenn wir die alten Muster überwinden – und uns als Erwachsene neu begegnen


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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 10/2018


Wir lieben und wir hassen sie.
Ambivalenz ist das hervorstechendste Merkmal von Geschwisterbeziehungen


Es gibt keinen anderen Menschen in Linas* Leben, mit dem sie sich so eng verbunden fühlt wie mit ihrer großen Schwester Anette. Und niemanden, der sie so sehr verletzt. Die beiden haben bis zum 16. ...

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... Lebensjahr ein Zimmer geteilt und sich daheim um ihre chronisch kranke Mutter und den deutlich jüngeren Bruder Marco gekümmert. Der Vater war währenddessen als Kundenberater viel unterwegs.

Anette hat Lina beim ersten Liebeskummer Taschentücher und eine Wärmflasche gereicht und die „nette Kleine“ im nächsten Augenblick mit einer fiesen Bemerkung vor ihren Freundinnen vorgeführt. Lina ist auf Ansage ihrer großen Schwester mit Marco zum Abenteuerspielplatz gefahren, hat daheim das Bad geschrubbt und die Oberhemden des Vaters gebügelt. „Manchmal habe ich Anette richtig gehasst“, erinnert sich die heute 30-Jährige. „Mich hat das sehr verunsichert, wenn sie mich so herumkommandiert hat.“ Immer habe die Älteste zu Hause alles bestimmen und ihren beiden Geschwistern vorschreiben wollen, was sie zu tun und zu denken haben. „Dabei war ich ja gerade mal ein Jahr jünger als sie. Gefühlt waren es zehn Jahre!“

Wie ist dieser empfundene Abstand zwischen den Geschwistern zu erklären? Manchmal wird ein Kind aus verschiedenen Gründen in die Rolle der Ersatzmutter gedrängt: Anette – heute 31 – war nicht nur die älteste Tochter und große Schwester, sie hat auch mütterliche Aufgaben in der Familie übernommen. „Eine solche Verelterlichung hat einen Einfluss auf die Geschwisterbeziehung“, erklärt der Züricher Psychologe und Geschwisterforscher Jürg Frick. „Übernimmt ein Kind die Mutterrolle, führt das häufig – aber nicht immer – zu Machtkämpfen zwischen Geschwistern oder zu einer starken Abgrenzung untereinander.“

Anette war in der besonderen Familiensituation zur „Unentbehrlichen“ aufgestiegen, sie hatte eine herausgehobene Stellung erhalten, die zur Machtausübung über die Geschwister verführte und zu dominanten Umgangstönen. Das heißt nicht, dass sich eine „Unentbehrliche“ immer gut bei diesem Verhalten fühlt. Oft ist mit dieser Rolle auch eine Überforderung verbunden und ein übermäßiges Verantwortungsgefühl für die anderen Kinder. Wut und Hass bis hin zu heftiger Rivalität unter den Geschwistern können die Folge sein. „Wenn meine große Schwester damals irgendetwas behauptet hat, habe ich das sofort geglaubt“, erinnert sich Lina. Und Marco, das Nesthäkchen? „Der ist ja fast acht Jahre jünger als ich und lief so nebenher.“

Eingewoben in unsere Identität

Geschwisterbeziehungen sind dramatisch, lustig, unterhaltsam und überall präsent: Sie finden auf der Kinoleinwand statt, in TV-Serien, in Romanen, Biografien, in der Mythologie, in Märchen – und natürlich und vor allem auch im Leben. Aber: „Erstaunlicherweise spielen sie im professionellen Rahmen von Pädagogik, Entwicklungspsychologie, Beratung, Psychotherapie und Psychoanalyse noch immer nur eine marginale Rolle“, erklärt die Hallenser Erziehungswissenschaftlerin Dr. Inés Brock. In der Forschung wurden Geschwistererfahrungen jahrzehntelang vernachlässigt, obwohl Alfred Adler (1870 bis 1937), der Pionier der Individualpsychologie, schon in den 1920er Jahren darauf aufmerksam gemacht hatte, dass es starke Geschwisterrollen gibt, die sich gegenseitig beeinflussen.

Erst seit etwa 30 Jahren gibt es in Deutschland auch empirische Geschwisterforschung. Man hat erkannt, dass Schwestern und Brüder einen mindestens ebenso wichtigen Einfluss auf die seelische Entwicklung eines Menschen haben wie die Eltern. Der Familientherapeut und Psychoanalytiker Hans Sohni schreibt in seinem BuchGeschwisterdynamik , mittlerweile sei es „auch der Erfahrung von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten nicht entgangen, dass Geschwister oft in ihrer Bedeutung an erster Stelle vor den Eltern rangieren. Mit zunehmender Sensibilität empfinden wir die Elternachse und die Geschwisterachse als gleichwertig.“ Die niederländische Psychologin Kirsten Buist von der Universität Utrecht, die 2013 eine Studie zu diesem Thema veröffentlichte, hebt ebenfalls hervor, „dass der Einfluss der Geschwister auf die emotionale und soziale Entwicklung manchmal sogar größer ist als der der Eltern“.

Wie Eltern ihre Kinder behandeln – ob sie eines bevorzugen, eines zurücksetzten, das dritte läuft so nebenher –, beeinflusst das Verhältnis der Geschwister zueinander entscheidend


Hinzu kommt, dass die Geschwisterbeziehung meist die intensivste und am längsten andauernde Beziehung im Leben eines Menschen ist. „Geschwister begleiten uns länger als Partner und Eltern. Geschwister sind in unsere Identität eingewoben“, bringt es Hans Sohni auf den Punkt. Sie sind nach den Eltern unsere ersten Vorbilder, sie bieten uns ein Trainingsfeld für soziale Beziehungen, sie helfen uns bei der Identitätsfindung, und sie stehen in Krisen an unserer Seite. „Geschwister prägen uns viel mehr, als uns bewusst ist“, fasst die Schweizer Autorin Susann Sitzler in ihrem BuchGeschwister die Beobachtungen zusammen. „Welche Facetten unseres Ichs wir kultivieren, wie wir uns in der Gesellschaft positionieren, welche Partner uns gefallen – unsere gesamte Identität hängt auch mit unseren Geschwistern zusammen.“

Aussuchen können wir uns nicht, mit wem wir aufwachsen. Und wir können uns von unseren Geschwistern auch nicht scheiden lassen. Aus dieser angeborenen Bindung kommt man sein Leben lang nicht mehr heraus. Selbst wenn sich Geschwister nicht mehr verstehen oder sogar Funkstille eingetreten ist, bleiben sie Teil einer Familie. Wir können mit unseren Schwestern und Brüdern eine tiefe Verbundenheit erfahren und an die Grenzen unserer Macht stoßen, wenn sie uns in unserer Entwicklung behindern oder unterdrücken. Wir verhalten uns solidarisch und beneiden sie doch, wir lieben und wir hassen sie. Diese Widersprüchlichkeit beschreiben Psychologen als ein wesentliches Charakteristikum dieser Beziehung. „Das vielleicht hervorstechendste Merkmal der Geschwisterbeziehung ist ihre Ambivalenz“, sagt etwa Jürg Frick, und auch die Psychotherapeutin Katharina Ley bestätigt: „Ambivalente Gefühle zeichnen das Miteinander von Geschwistern aus.“

„Diese Mischung aus Liebe und Wut, die ich aus der Kindheit kenne, empfinde ich auch noch als Erwachsene beim Gedanken an meine ältere Schwester“, gesteht Lina, die heute als Ergotherapeutin tätig ist. Vor einigen Monaten hat sie, ausgelöst durch den Tod einer jungen Verwandten, deshalb angefangen, systematisch einige Ratgeber zum Thema Geschwisterbeziehung durchzuarbeiten. Und seitdem ihr Bruder Marco an seinem 20. Geburtstag der verdutzten Familie bei einem feierlichen Essen mitgeteilt hat, dass er homosexuell sei und sie bloß nicht darauf warten sollten, dass er eines Tages mit Ehefrau und einer Horde Kindern zu Besuch komme, sind die zugewiesenen Geschwisterrollen für Jungen und Mädchen in der Familie in Bewegung geraten. „Wir Schwestern haben uns jahrelang eingeredet, dass unser kleiner Bruder nur so tut, als ob er schwul ist. Dass er sich nur mit Glitzer schminkt, um aufzufallen und uns zu provozieren. Der typische Rebell eben“, sagt Lina. „Ich habe jetzt erkannt, dass alles ganz anders sein kann, als ich denke. Und ich fühlte mich plötzlich unendlich weit weg, weil ich nicht verstanden habe, wie Marco wirklich ist.“

Sich als Erwachsene anders begegnen – gemeinsame Aktivitäten, neue Rituale können dabei helfen


Welchen Einfluss hat der Geburtsrang?

Die „machtorientierten Erstgeborenen“, „die aufgeschlossenen Zweiten“ und die „rebellischen Nesthäkchen“ – der US-Amerikaner Frank J. Sulloway, Psychologe und Wissenschaftshistoriker, meinte noch Ende der 1990er Jahre statistisch belegen zu können, dass unsere Position in der Geburtenreihenfolge entscheidend bestimmt, wie wir uns entwickeln. Erstgeborene seien eher konservativ und dominierten ihre Geschwister. Mittlere Kinder müssten sich eine Rolle suchen, um sich vom Erstgeborenen abzugrenzen, und schwankten zwischen Nähe und Distanz. Und die Letztgeborenen wiederum müssten eine Nische finden, um von den Eltern als einzigartig wahrgenommen zu werden. Sie entwickelten sich deshalb auch häufig zu experimentierfreudigen, rebellischen Menschen, so Sulloway.

Auch wenn solch klare Zuordnungen auf den ersten Blick verlockend sind: Vielen jüngeren Forschern, darunter Stefan Schmukle aus Leipzig und Boris Egloff aus Mainz, erscheint der Einfluss des Geburtsrangs zwar wichtig, aber nicht vorrangig. „Die Geschwisterposition stellt nur einen Faktor dar und umfasst so nur Teile des komplexen Beziehungsmusters zwischen Geschwistern“, schreibt auch Jürg Frick in seinem BuchIch mag dich – du nervst mich .

Die Haltung der Eltern habe dabei einen großen Einfluss, sowohl auf die individuelle Entwicklung als auch darauf, wie Geschwister sich miteinander verstehen, und das nicht nur als Kinder. „Auch im Erwachsenenalter ist es wichtig, wie Väter und Mütter den Lebensweg, die Leistungen und das Verhalten ihrer Kinder quittieren“, betont Frick. Für die Psychoanalytikerin und Familientherapeutin Dorothee Adam-Lauterbach ist die Geschwisterbeziehung, auch wenn sie sich unabhängig entwickle, letztendlich nur vor diesem Hintergrund zu verstehen. „Eltern können Beziehungen der Geschwister spalten und projizieren auf die Kinder oftmals eigene ungelöste Geschwisterkonflikte“, sagt sie (siehe auch Interview auf Seite 26). Wie Eltern im Alltag auf ihre Kinder eingehen, ob sie Konkurrenz zulassen, ein Kind bevorzugen oder auf eine faire und gerechte Behandlung aller achten, ob sie jedem innerhalb der Familie feste Rollen zuweisen oder Flexibilität fördern – das alles beeinflusst das Verhältnis der Geschwister untereinander (siehe Seite 25).

Durch Marcos Outing haben nicht nur die Eltern, sondern auch die Schwestern Lina und Anette einen Anknüpfungspunkt für Gespräche gefunden und begonnen, sich mit einem anderen Blick auf ihre Familiengeschichte auszutauschen: Kann man merken, wenn ein Bruder oder eine Schwester sich nicht wohlfühlt in der Rolle, die er oder sie in der Familie spielt oder glaubt spielen zu müssen? Sollten sich Geschwister bei allen Entwicklungen bis ins Erwachsenenalter unterstützen? Oder braucht man Abstand, um einen eigenen Weg zu entdecken? Hat man sich überhaupt etwas zu sagen? Oder sind die Gene das einzige, das man teilt?

Bei Lina und Anette war ihre Beziehung in der Kindheit wesentlich durch Machtkämpfe und die Sorge um die kranke Mutter und den kleinen Bruder geprägt. Es hat lange gedauert, bis sie es geschafft haben, sich auf Augenhöhe zu begegnen. „Das war anfangs schwer für mich“, sagt Lina. „Nach dem Outing meines Bruders musste ich mich ein paar Monate zurückziehen und herausfinden, was ich von einer Beziehung mit ihm und meiner Schwester eigentlich erwarte. Und was ich überhaupt möchte.“


„Ich bin erwachsen und darf gehen“


Anette sei völlig von ihrem Job als Personalberaterin gefordert, Marco habe sich immer mehr in einem ihr fremden Umfeld eingerichtet, er habe Freunde, die sie nicht kennt, er träume davon, Schauspieler zu werden, jobbe in einer Bar und komme meist erst in den frühen Morgenstunden nach Hause. Dann sei sie schon auf dem Weg zur Arbeit im Krankenhaus. Eine wache Stunde zum Telefonieren zu finden sei fast unmöglich. „Trotzdem haben wir immer versucht, den Kommunikationsfaden nicht ganz abreißen zu lassen“, sagt Lina. Anette, die Älteste, hat deshalb die WhatsApp-Gruppe „Geschwisterleben“ gegründet. Jetzt wissen die drei immer, was jeder gerade macht. Und trotz dieser Beziehung passiert es Lina immer wieder, dass sie bei einem Familientreffen in die alte Rolle rutscht. „Manchmal reicht eine Bemerkung, und ich fühle mich sofort wieder klein und ohnmächtig. Dann muss ich mich mantramäßig daran erinnern, dass ich erwachsen bin und einfach weggehen kann, wenn mir etwas nicht guttut.“

Fest steht: Das Verhältnis zu unseren Geschwistern ist nicht vorbei, wenn wir das Elternhaus verlassen. An so manchen Schmerz, den wir einander zugefügt haben, erinnern wir uns auch später noch – bewusst oder unbewusst. Die psychotherapeutische Praxis zeigt, dass gestörte Geschwistererfahrungen nicht nur vorübergehend für Stress sorgen, sondern auch seelische Erkrankungen auslösen können (siehe Interview Seite 26). „Alle Geschwisterprobleme, vom andauernden Hänseln bis hin zur körperlichen Gewalt, die über Jahrzehnte hinweg unter den Teppich gekehrt werden, kommen irgendwann als Riesenbeule wieder zum Vorschein“, sagt der Familienforscher Hartmut Kasten. „Alles, was sich da auftürmt, kann zu einer Tretmine werden, die sich explosionsartig entleert.“ So ist es Lina einmal passiert, dass sie mit einem überf lüssigen Witz über seine neuen blauen Haarsträhnen ihren kleinen Bruder so sehr getroffen hat, dass sie damit einen tagelangen WhatsApp-Krieg auslöste.


Die Beziehung zu unseren Geschwistern ändert sich.
Ein Leben lang


Die Beziehung zu unseren Brüdern und Schwestern verändert sich im Laufe unseres Lebens. Und sie ist in den verschiedenen Lebensabschnitten unterschiedlich eng. Die amerikanische Familiensoziologin Ann Goetting und Hartmut Kasten gehen von drei Phasen der Verbundenheit aus (siehe auch „Ich war zuerst da!“, Psychologie Heute 2/2015). In der Kindheit und Jugend bauen sich in der Geschwisterbeziehung demnach Freundschaft und Kameradschaft auf, man hält zusammen, notfalls auch gegen die Eltern. „Wenn die Geschwister dann erwachsen werden, gehen sie vorerst eigene Wege, denn nun steht die eigene junge Familie an erster Stelle“, so Hartmut Kasten – das ist die zweite Phase. Auch Konkurrenzgefühle aus der frühen Kindheit können im jungen Erwachsenenalter noch Thema sein und die wenigen Berührungspunkte der Geschwister belasten. In der dritten Phase, dem späteren Lebensabschnitt, schaffen es laut Ann Goetting viele Geschwister, sich über ihre Konkurrenzgefühle auszutauschen und sie zu überwinden. Sie entdecken dann eine neue emotionale Verbindung zueinander, was sie stärkt und Kraft spendet.

Das Beziehungsmuster, das wir in der Geschwisterbeziehung entwickelt haben, kann später auch in ganz andere Bereiche unseres Lebens hineinwirken, die Partnerschaft etwa oder den Beruf, ohne dass es uns bewusst ist. Dann rutschen wir immer wieder in Gefühlszustände, die mehr mit unserem Bruder oder unserer Schwester zu tun haben als mit dem Kollegen oder der neuen Chefin (siehe auchWie früher in der Familie ,Psychologie Heute 11/2015).

Wer sich einen Partner sucht, mit dem er die gleichen schwierigen Situationen von Bevormundung, Abwertung bis hin zu Gewalt erlebt, wer immer wieder die gleichen Konflikte mit seinen Kollegen oder dem Chef austrägt, sollte sich in Ruhe überlegen, welche Probleme davon auf die Geschwisterbeziehungen zurückzuführen sein könnten. Reagiert man mit Wut auf seinen Partner, weil man sich, wenn er vor Kopfschmerzen jammert, an seinen kranken Bruder erinnert und emotional erpresst fühlt? Geht man der neuen, strengen Chefin unbewusst aus dem Weg, weil man von ihr einen ähnlich starken Gefühlsausbruch erwartet wie von seiner großen Schwester? „Diese alten Muster, die man über Jahre hinweg eingeübt hat, geben einem eine gewisse Sicherheit“, sagt Jürg Frick. „Aber genau das ist häufig auch ein Gefängnis, weil man diese Muster wiederholt und immer wieder dieselben Probleme generiert.“


Die alten Muster geben Sicherheit. Aber sie sind auch ein Gefängnis


An der Beziehung zu seinen Geschwistern kann man arbeiten, ein Leben lang. Was auch bedeutet, die Kindheitsrollen aufzugeben, nicht mehr „der Besserwisser“, „die Rebellische“ oder „die Fröhliche“ zu sein, sondern sich auf einer erwachsenen Basis zu begegnen. Was können Geschwister dafür tun?

• Die eigene Geschichte verstehen: Sich klarwerden, wer man selbst war und welche Rolle man eingenommen hat. Sich dabei auch die Frage stellen, so Jürg Frick, welche nicht gelebten Persönlichkeitsanteile der Bruder oder die Schwester einem vorleben.
• Haltung annehmen: Die Geschwister nicht als etwas Selbstverständliches betrachten. Respekt und Höflichkeit ermöglichen ein gutes Verhältnis.
• Erinnerungen teilen: Sich über die unterschiedlichen Perspektiven auf die gemeinsame Kindheit austauschen und sich selbst dabei ein Stückchen neu entdecken.
• Emotionen managen: Üben, über die eigenen Gefühle zu sprechen.
• Verletzungen einordnen: Konkurrenz, Eifersucht und Neid sind typische Gefühle in Geschwisterbeziehungen, die oft tabuisiert werden. Hier hilft es, Beobachtungen, Bewertungen und Schlussfolgerungen zu trennen.
• Ungerechtigkeiten benennen: Über die unterschiedliche Behandlung durch die Eltern sprechen.
• Ansichten hinterfragen: Gewohnte Bewertungen anderer Geschwister, die im Familienverb- und vorherrschen, hinterfragen und sich für Neues öffnen.
• Muster durchbrechen: Versuchen, alte Rollenverteilungen abzulegen. Nicht immer der Vernünftige sein, nur weil die anderen das erwarten. Wer sich überraschend anders verhält, kreiert neue Berührungspunkte mit den Geschwistern.
• Perspektive wechseln: Überlegen, was den Bruder oder die Schwester zu ihrem Verhalten bringt – und nachfragen.
• Abstand wagen: Steckt die Geschwisterbeziehung in einer Krise, darf man auf Distanz gehen. Danach kann eine Wiederannäherung in kleinen Schritten möglich sein.
• Realität akzeptieren: Die Geschwister so akzeptieren, wie sie sind. Sich selbst daran erinnern, dass man erwachsen ist und aus vielen Situationen selbstbestimmt hinausgehen kann.
• Unterstützungsgemeinschaften bilden: Geschwister, die bei der Unterstützung ihrer Eltern im Alter und Sterben zusammenarbeiten, stärken ihre Verbundenheit.
• Lebenslanges Band pflegen: Gemeinsam mit den Geschwistern Rituale erfinden, die sie regelmäßig zusammenführen. Das gibt Struktur und schafft Verbundenheit.

Zentral ist dabei, dass die Geschwister die Gleichwertigkeit in der Beziehung akzeptieren. „Nur die gegenseitige Anerkennung als Gleichwertige ermöglicht eine neue, erwachsene, horizontale‘ und befriedigende Neukonstellierung der Geschwisterbeziehung“, sagt Jürg Frick. Was wir dabei gewinnen können, ist wertvoll: eine lebendige gelebte Beziehung zu Menschen, mit denen uns zentrale biografische Erfahrungen verbinden.

Anette, Lina und Marco sind noch immer dabei, ihre konfliktreiche Beziehung auf eine erwachsene Basis zu stellen. Das ist nicht einfach und erfordert Zeit und Übung. „Wir wissen, was wir aneinander haben, und wollen das auf keinen Fall aufs Spiel setzen“, sagt Lina. Ihr nächstes Ziel: eine regelmäßige gemeinsame Unternehmung, damit sie sich immer wieder sehen. „Anette hatte die Idee, dass wir zusammen neue Großstädte erkunden könnten, da wäre dann sicher für jeden was Interessantes dabei. Marco hat Amsterdam vorgeschlagen. Und ich werde nach den Flügen schauen.“

Die Quellen zu diesem Beitrag finden Sie auf psychologieheute.de/literatur


ILLUSTRATIONEN: ELKE EHNINGER