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GESELLSCHAFT: KLIMA DES HASSES


arte Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 21.03.2019

SPALTUNG Die Grabenkämpfe zwischen Antifa und Alt-Right werden immer erbitterter. Es geht um nicht weniger als den Erhalt der US-Demokratie.


Artikelbild für den Artikel "GESELLSCHAFT: KLIMA DES HASSES" aus der Ausgabe 4/2019 von arte Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: arte Magazin, Ausgabe 4/2019

Laut und gewaltbereit: Bei einer Demonstration 2017 in New York protestieren Alt-Right-Anhänger und Trump-Wähler gegen muslimische Einwanderer, die angeblich die Scharia-Gesetze in die USA bringen wollen


Acht Jahre meines Lebens verbrachte ich damit, Menschen grundlos zu hassen, mit denen ich zuvor nicht einmal gesprochen hatte“, erinnert sich Angela King an ihre Zeit bei den amerikanischen Neonazis. „Ich verachtete sie aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Abstammung ...

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... oder ihres Glaubens, da ich der irrigen Meinung war, sie würden unsere Kultur und Gesellschaft zerstören.“ Nach einem Raubüberfall auf ein jüdisches Geschäft landete King 1998 für zwei Jahre hinter Gittern. Zuvor hatte sie eine steile Karriere in der rechtsradikalen Szene hingelegt, war in den Führungszirkel aufgestiegen und kümmerte sich vor allem darum, Frauen zu rekrutieren.

Im Knast kam die Läuterung: King lernte eine Afroamerikanerin kennen, die ihr die Leviten las – und sie ins Herz schloss. Sie wandte sich vom Rechtsextremismus ab und gründete 2011 mit anderen Aktivisten Life After Hate, eine Organisation, die Ex-Neonazis den Wiedereinstieg in die Gesellschaft erleichtert. Ein mühsames Unterfangen. 2014 erhielt Life After Hate von der damaligen US-Regierung eine Finanzspritze in Höhe von 400.000 Dollar. „Das war eine große Unterstützung und eine wichtige Anerkennung unserer Arbeit“, sagt die 43-jährige heutige Sozialwissenschaftlerin, die zu den prominentesten Gegnerinnen der sogenannten Alt-Right-Bewegung zählt. Das Budget ist dennoch knapp: Allein im Zeitraum von August 2017 bis November 2018 betreute die Organisation 135 Fälle in 30 USBundesstaaten. Tendenz: stark steigend.

Schmelztiegel totalitärer Strömungen
Spätestens seit den Ausschreitungen am 12. August 2017 in Charlottesville, Virginia, ist die radikale Rechte in den Fokus der Medien und politischen Beobachter gerückt. Ein Fanatiker hatte beim dortigen Neonazi-Aufmarsch „Unite the Right“ die Gegendemonstrantin Heather Heyer getötet und Dutzende weitere verletzt. Seit Donald Trumps Machtübernahme verzeichnete das FBI eine drastische Zunahme rassistisch und nationalistisch motivierter Gewaltverbrechen: 2017 stieg deren Anzahl landesweit um 17 Prozent, in einigen Hotspots wie Virginia sogar um 50 Prozent. Unterm Strich zählte die Bundesbehörde fast 7.200 Gewalttaten mit rechtsextremem Hintergrund. 78 Prozent aller 2018 in den USA verübten terroristischen Verbrechen mit Todesfolge gingen laut einer Untersuchung der Menschenrechtsorganisation Anti-Defamation League auf das Konto der Alt-Right.

Für Thomas T. Cullen, Bundesstaatsanwalt von Virginia, ein deutliches Alarmsignal: „Wir müssen die Entwicklung unbedingt stoppen“, fordert der Jurist. Nur wie? Hilfen für Aussteiger seien wichtig, aber „allenfalls ein Teil der Lösung“. Vielmehr müsse die Politik – und damit sei die Trump-Administration gemeint – „dringend das 2009 verabschiedete Gesetz zur Bekämpfung von Hasskriminalität novellieren, da es in seiner aktuellen Form zahnlos ist“.


»Wir müssen das Gesetz zur Bekämpfung von Hasskriminalität dringend novellieren«
Thomas T. Cullen,Bundesstaatsanwalt von Virginia


Gegenprotest: Am Rande einer Alt-Right- Demo 2017 in Boston ist die Stimmung erkennbar aufgeheizt


Die Chancen dafür stehen schlecht, denn der Präsident will es sich mit den Wählern am rechten Rand nicht verscherzen. Nach Schätzungen des Institute for Family Studies vom August 2018 gehören der Alt-Right ein paar Hunderttausend Menschen an, zumeist Männer, oft aus prekären Verhältnissen. Sie organisieren sich in diversen Splittergruppen. Zum harten Kern zählen laut Angaben ihres Anführers Richard Spencer einige Zehntausend. Viele sind fanatisch, einige gewaltbereit.Was den Schmelztiegel aus Neofaschisten, Identitären, Ku-Klux-Klan-Anhängern, Islamophoben, Antisemiten, Rassisten und Verschwörungstheoretikern eint, ist die Sympathie für Trumps Politik. Der hatte sich im Wahlkampf 2016 eindeutig zu Zielen bekannt, die sich auch die Hardliner der Alt-Right auf die Fahnen geschrieben haben.

Das Klima des Hasses entstand freilich nicht über Nacht, ist aber inzwischen drückend geworden, berichtet Adam Bhala Lough in seiner Doku „Rassenkrieg in den USA?“, die ARTE im April ausstrahlt. Darin geht es um zwei Antipoden, die einander seit Jahren bekämpfen: Alt-Right-Boss Spencer einerseits, der einen Staat schaffen will, dem ausschließlich Weiße angehören, andererseits die Galionsfigur der Antifaschisten, Daryl Lamont Jenkins.

Während Spencer und Jenkins kaum eine Gelegenheit auslassen, sich gegenseitig mit Schlamm zu bewerfen, setzt der kalifornische Pastor James Stern auf subversive Methoden: Mit einem cleveren Schachzug gelang es dem afroamerikanischen Geistlichen, die Kontrolle über die sogenannte National Socialist Movement (NSM) zu übernehmen, eine der größten faschistischen Gruppen in den USA. Stern ließ sich kurzerhand vom amtierenden NSM-Boss Jeff Schoep – juristisch einwandfrei – die Amtsgeschäfte übertragen, als Schoep und weitere Kader infolge der Unruhen von Charlottesville verklagt wurden. Nun will der Priester die Anhänger der berüchtigten Nazitruppe aus Detroit auf eine friedvolle Mission einschwören – oder zumindest ihrem Treiben ein Ende bereiten.

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FOTOS: NINA BERMAN / NOOR / LAIF, SCOTT EISEN / GETTY IMAGES