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Gesellschaft: Tabak und Cannabis: eine unheilige Allianz


grow! Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 16.12.2020
Artikelbild für den Artikel "Gesellschaft: Tabak und Cannabis: eine unheilige Allianz" aus der Ausgabe 1/2021 von grow! Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: grow! Magazin, Ausgabe 1/2021

Bereits seit einem halben Jahrhundert gären Gerüchte über Investitionspläne der Tabakindustrie. Diese wolle das Big Cannabusiness übernehmen, um schwindende Gewinne aus rückläufigen Tabakverkäufen zu kompensieren. Bereits 1969 konnte man in einem Artikel der Business-Week lesen, alle großen Tabakkonzerne hätten bereits Markennamen für Cannabis-Zigaretten reserviert. Für diese Behauptung gab es keine Quellen, aber auch keine Dementi seitens der Tabakkonzerne. Erst Jahre später hatte sich das Rolling Stone Magazin entschieden, der Sache genauer auf den Grund zu gehen. 1971 veröffentlichte es ...

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... Stellungnahmen sämtlicher Tabakkonzerne, die das Vorgehen ausnahmslos bestritten. Der Direktor des US-Patentamts Wendt erklärte dem Rolling Stone sechs Jahre nach Erscheinen des ersten Artikels, dass das US-Patentrecht ein solches Vorgehen gar nicht zulasse, ein verbotenes Produkt zu patentieren. Wendt sagte 1977, dass bis dahin kein Tabakkonzern irgendetwas registriert habe, das mit Cannabis zu tun hatte.

BAT, Philipp Morris und Reynolds wollten einst Gras verticken

Doch obwohl an der angeblichen Registrierung nichts dran ist, lohnt ein Blick in die 2014 geöffneten Tabak-Archive der US-Regierung. Große Firmen hatten schon früh mit dem Gedanken gespielt, mithilfe von Cannabis legales Geld zu verdienen. Die Dokumente belegen, dass durchaus reges Interesse seitens der großen Firmen bestanden hatte. 1970 schrieb Sir Charles Ellis von British American Tobacco (BAT) sogar einen gewissen Sir Harry Greenfield an. Ellis schlug vor, Forschungsprojekte zu Cannabis-Zigaretten zu initiieren. Greenfield war als Vorsitzender des International Narcotic Control Board (INCB) der UNO sogar persönlich am weltweiten Cannabisverbot 1961 beteiligt.

Nebenberuflich war Greenfiled für BAT als Berater tätig und nahm den Brief damals sehr ernst. Er war sogar war bereit, im INCB über das Thema zu reden: „Ich möchte mit Ihnen auch über die immensen Anstrengen der Tabak-Industrie reden, die sie in die Cannabis-Forschung investiert. Die britische Tabakindustrie hat signalisiert, dass diese Möglichkeit von Wissenschaftlern beider Seiten (pro und contra Cannabis) diskutiert werden könnte. Ich habe dazu Sir Charles Ellis konsultiert, der BAT und uns (das INCB) in technischen Fragen berät. Er selbst hält so viel von der Idee, dass er so freundlich war, mir eine eine kurze Stellungnahme zukommen zu lassen. Ich habe sie hier beigefügt und hoffe, Sie haben Zeit, sie zu lesen, bis wir uns nächsten Dienstag sehen“.

Aus der Idee von Herrn Ellis ist dann doch nichts geworden, schließlich war Nixon gerade Präsident geworden und selbst die stärkste Tabak-Lobby konnte zu Anfang des von ihm eröffneten Drogenkriegs Cannabis nicht legalisieren. Trotzdem sind die Verflechtungen offensichtlich, schließlich war Greenfiled sowohl für einen Tabakkonzern als auch eine Drogenbehörde tätig. Philipp Morris hatte 1969 sogar direkt beim Innenministerium nach Gras zu Forschungszwecken gefragt und bat im Schreiben gleich noch um Diskretion. Gras gab es zwar nicht direkt, aber dafür Tipps, wie man es legal auf dem kleinen Dienstweg über die Steuerbehörde (IRS) beschaffen könne, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. „Camel“-Hersteller Reynolds war an den Konsumgewohnheiten junger Schwarzer interessiert und wollte wissen, wie beliebt ihre Marke „Kool“ unter jungen, schwarzen Cannabisrauchern ist und ob sie auch zum Joint schmecke.

Mitte der 1970er Jahre erklärt die Tabaklobby Cannabis zum Feind

Mit wachsendem wissenschaftlichen Erkenntnisstand zur Gesundheitsgefährdung durch Nikotin bekam die Tabakindustrie Angst, Tabakjunkies könnten aus Gesundheitsgründen zu Kiffern werden. So heißt es in einem interne Memorandum der britischen Tabaklobby von 1976: „Die Akzeptanz von Cannabis ist bis zu einem gewissen Grade eine Bedrohung für die Industrie. (…) In diesem Land [den USA] und anderswo gibt es eine Kampagne zur Legalisierung von Cannabis. Besonders in den USA besteht eine offensichtliche Gefahr: Sollte Tabak strenger reguliert werden und sich der Cannabis-Konsum weiter verbreiten, würden viele Leute bei dem Versuch, aus unserer neurotischen Gesellschaft zu entkommen, umsteigen. Cannabisbefürworter würden das als einen Sieg für die Gesundheit interpretieren“.

Doch mit der Abwahl Jimmy Carters, der durchaus Sympathien für eine liberale Cannabis-Politik hegte, schmolz auch das Interesse der Tabak-Lobby, ins Cannabusiness einzusteigen. In der repressiven Reagan-Ära der 1980er Jahre dachte die Zigarettenindustrie gar nicht mehr an Hanf. Erst Anfang der 1990er Jahre gab es wieder interne Planspiele des Tabakkonzerns Reynolds, die allerdings nie weiterverfolgt wurden.

Bis 2019 haben alle Tabakkonzerne immer wieder bestritten, ins Cannabusiness einsteigen zu wollen. Eine Privatperson aus Washington DC. hatte 2009 die Domains „AltriaMarijuana.com“ und „AltriaCannabis.com“ registriert und wurde vom Tabakkonzern daraufhin verklagt. Die Domain wurde nach den Prozess an den Konzern übergeben – ein alltäglicher Vorgang beim Urheberrecht. Kurz danach fand man bei Altria sogar eine Erklärung zu den grünen Gerüchten: „Wir sind eine US-Tabakfirma. Wir möchten unsere erwachsenen Konsumenten mit den besten Tabakprodukten versorgen. Wir verkaufen kein Cannabis und werden das niemals tun“.

Seit 2018 will Altria wieder mitspielen

Oder wollte man damals doch schon heimlich in die Zukunft investieren? Denn nur neun Jahre später scheinen diese Domains plötzlich keine Altlast, sondern eine Zukunftsperspektive sein: Im Dezember 2018 hat Altria mit dem Cannabisunternehmen Cronos vereinbart, 1,8 Milliarden Dollar für eine 45-prozentige Beteiligung an dem Unternehmen und die Option auf vollständigen Besitz zu investieren. So viel dazu, dass man „niemals Cannabis verkaufen wird“. „Durch die Cronos-Gruppe ist Altria besser positioniert, sollte Cannabis bundesweit zugelassen werden“, sagte der Sprecher von Altria, George Parman, Ende 2018 in einer Erklärung gegenüber Fox News.„Cronos ist ein ausgezeichneter Partner für Altria, um diese neue Wachstumschance im globalen Cannabis-Sektor zu verfolgen, an der wir durch diese Investition teilhaben können und von der wir glauben, dass sie für ein schnelles Wachstum im nächsten Jahrzehnt bereit ist“.

Tabak- und Alkoholkonzerne sollten besser ihre Finger vom Weed lassen

Als Cannabis in den USA und Europa in den späten 1960er Jahren seine Renaissance feierte, waren alle Tabakkonzerne an einem Einstieg ins Geschäft definitiv interessiert. Doch die politischen Widerstände waren besonders durch den gleichzeitig entfachten Drogenkrieg auch für die einflussreichen Tabak-Lobby einfach zu groß. Mit der zunehmend kritischen Haltung der Regierung zu Tabak wurde Cannabis mehr und mehr als Bedrohung und Konkurrenz wahrgenommen, die den Absatz von Tabak gefährdete. Jetzt, wo die Tabak-Industrie eine langfristige Chance wittert, dreht sie ihre Fahne in den mittlerweile lauen Wind. Die Tabakindustrie war nicht federführend bei der Regulierung oder Schaffung des Marktes, im Gegenteil. Tabakkonzerne sind Quereinsteiger mit viel Kapital, keine Wegbereiter oder -begleiter. Die größte Anti-Cannabis-Organisation der USA, SAM (Smart Approaches on Marijuana), argumentiert sehr selten faktenbasiert, wenn es um die Gefahren von Cannabis geht. Doch ihr Vorsitzender Patrick Kennedy scheint zumindest bei der zukünftigen Rolle der Tabakkonzerne Recht zu behalten. Kennedy hatte bereits 2013 gewarnt, „ehe wir uns versehen, werden wir eines Tages aufwachen und eine zweite Tabakindustrie haben. Man wird sie die Marihuana-Industrie nennen“, sagte Kennedy bereits 2013.

Aus alten Fehlern lernen

Lässt man die Zügel so locker wie einst bei der Regulierung von Alkohol oder Nikotin, wird Kennedy in diesem Punkt Recht behalten. Genau aus diesem Grund sind Drogenproduzenten auch nicht die richtige Adresse, die Regulierung und den Jugendschutz zu übernehmen, im Gegenteil. Denn nur, weil man diesen Fehler bei den legalen Substanzen Nikotin und Alkohol gemacht hat, muss er im Rahmen der Cannabis-Legalisierung nicht wiederholt werden. Denn auch Hersteller alkoholischer Getränke haben in die Branche investiert. Constellation Brands und Heineken sind nur zwei von zahlreichen Getränkeherstellern, die den sinkenden Bierabsatz langfristig mit Weed-Drinks kompensieren wollen. Hier können die großen Tabak- und Alkoholobbys einiges von der noch kleinen Cannabis-Lobby lernen. Denn wo Cannabis legal ist, gilt ein absolutes Werbeverbot. Die Gefahren eines übermäßigen Konsums oder eines zu frühen Einstiegs werden von Anfang an gegenüber den Konsumenten erwähnt, während man bei Tabak und Alkohol mehrere Jahrhunderte für diese Einsichten gebraucht hat. Anders als die Cannabis-Produzenten wehren sich beide Industrien immer wieder gegen komplette Werbeverbote sowie Fachgeschäfte mit obligatorischer Konsumentenberatung – all das ist im legalen Cannabusiness längst eine Selbstverständlichkeit.

Trotz angeblich strenger Jugendschutzmaßnahmen gibt es Nikotin und Alkohol weiterhin im Supermarkt, während Cannabis nur in Fachgeschäften von geschultem Personal angeboten werden darf. Niemand, nicht einmal der dauerbreite Dauerstoner, will, dass Cannabis im Supermarktregal steht. Legales Cannabis ist im Prinzip für die Öffentlichkeit fast unsichtbar, während Alkohol und Nikotin trotz Werbeverbots und anderer Einschränkungen omnipräsent sind. Lediglich anders herum wird ein Schuh draus: Würden Alkohol und Nikotin ähnlich streng reguliert wie Cannabis in den USA oder Kanada angeboten, gäbe es mit diesen Substanzen weniger Probleme.

Doch ob die Tabak- und Alkohollobby als Cannabis-Dealer auf perfide Werbestrategien verzichten, ist angesichts ihres Auftretens im bisherigen Kerngeschäft „Legaler Drogenverkauf und Schaffung neuer Märkte“ mehr als fraglich. Zudem hat die Tabakindustrie durch ihre Wankelmütigkeit seit den 1960er Jahren mehrfach bewiesen, dass es bei ihren Bemühungen um den Einstieg ins Cannabusiness nicht um gutes Weed oder Konsumentensicherheit, sondern nur die Maximierung der eigenen Profite geht.