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Geständnis : „Mama, ich liebe dich – aber ich kann dich nicht pflegen“


Lisa - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 06.02.2019

Ist sie vielleicht eine schlechte Tochter? Ramona (46) plagen schlimme Schuldgefühle. Dabei hat sie sich ihre Entscheidung wirklich nicht leicht gemacht


Artikelbild für den Artikel "Geständnis : „Mama, ich liebe dich – aber ich kann dich nicht pflegen“" aus der Ausgabe 7/2019 von Lisa. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Lisa, Ausgabe 7/2019

Ramona und ihre Mutter Annemarie (79) haben eine Beziehung auf Augenhöhe – und die Tochter möchte, dass es auch so bleibt


Als mein Vater vor drei Jahren im Alter von 81 Jahren im Sterben lag, bat er mich, ihm zu versprechen, mich um meine damals 76-jährige Mutter zu kümmern. Ich sollte sie nie im Stich lassen und nicht in ein Heim abschieben. Denn nach seinem Tod wäre ich als einziger Mensch noch für sie da. Papa hatte recht, ich habe keine Geschwister, ...

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... natürlich gab ich ihm mein Wort. Ich ahnte damals nicht, dass mich dieses Versprechen einmal vor die schwierigste Entscheidung meines Lebens stellen würde. Denn nach Vaters Tod ging es auch mit Mama bergab.

Dabei war sie früher so agil . Und interessiert an allem, was in der Weltgeschichte und um sie herum passierte. Sie war beliebt bei den Nachbarn, ständig zu einem Späßchen aufgelegt, voller Lebensfreude – und immer für eine Überraschung gut: So schenkte sie Papa noch zum 80. Geburtstag einen gemeinsamen Tanzkurs, den die beiden mit viel Elan und ganz großer Freude absolvierten. Wenn die zwei davon erzählten, wirkten sie so lebhaft und jung. Nicht im Traum hätte ich damit gerechnet, dass Papa uns schon im Jahr darauf verlassen würde. Er stürzte zu Hause und brach sich das Hüftgelenk. Nur drei Monate später ist er dann im Krankenhaus gestorben.

Sein Tod hat meine Mutter bis ins Mark getroffen und mit Papa ist auch der größte Teil ihrer Lebensfreude gestorben. Bis heute hat sie sich nicht von diesem Schlag erholt. Wahrscheinlich kommt sie nie mehr darüber hinweg.

LISAGRAM

Jeder einzelne Tag
Wegen einer seltenen Hirnstörung kann sich die Australierin Rebecca Sharrock (28) an jeden einzelnen Tag ihres Lebens erinnern – wie das Wetter war, was sie gegessen und getragen hat! Mit dieser Fähigkeit ist sie einer von nur 60 Menschen weltweit.

Ganz schön frustig
Deprimierend statt inspirierend: 30 Minuten Instagram-Scrollen reichen aus, um sich unattraktiv zu fühlen. Das ergab eine Studie der australischen Griffith University. Der Grund: die vielen bearbeiteten Fotos attraktiver Körper, mit denen wir uns vergleichen.

Auf selbstfahrende Autos kann ich verzichten. Ich warte auf die selbstputzende Wohnung.

Reich, reicher, am reichsten
Kaum zu glauben: Die 26 Reichsten der Welt besitzen so viel wie 50 Prozent der ärmsten Menschen. In absoluten Zahlen: 26 Milliardäre haben so viel wie 3,8 Milliarden Arme.

Happy Birthday
Nashorn-Dame Betty feierte gerade im Tierpark Berlin ihren 24. Geburtstag – unter anderem mit Söhnchen Karl (Foto). Ihr jüngstes und siebtes Hörnchen brachte die alleinerziehende Panzernashorn-Mama erst im September 2018 zur Welt.

Stehende Tüten
Zu wenige Schälchen für Chips und Flips bei einer Party? Erst die Tüte öffnen und den oberen Rand einrollen. Dann die Ecken am Boden nach innen stülpen und aufrollen. So hebt sich der Inhalt und die Tüte steht sicher. Klappt auch mit Müsli-Tüten.

Jeden Tag schaue ich bei ihr vorbei . Gleich nach der Arbeit. Ich bringe ihr Obst, manchmal frische Blumen, räume auf, kümmere mich um das Geschirr oder die Wäsche und setze mich dann zum Erzählen zu ihr. Wenn ich die Wohnungstür aufschließe, erwartet mich fast immer dasselbe erschreckende Bild: Sie sitzt auf der Couch im Wohnzimmer, die Rollläden sind halb heruntergelassen und sie ist meist ein wenig eingenickt.

Es riecht stickig, die Heizung ist aufgedreht, das Radio oder der Fernseher laufen. Ganz schmal ist sie mittlerweile geworden und ihr Haar weiß, weil sie es seit Papas Tod nicht mehr färben lässt. „Wozu denn, Kind, er sieht mich ja nicht mehr“, hat sie mir vor ein paar Monaten gesagt, als ich sie ermuntern wollte, mit mir gemeinsam mal wieder einen Beauty-Tag einzulegen. So wie früher. Vor Papas Tod. Doch das wollte sie nicht. Sie hat zu nichts mehr Lust, kann sich kaum noch über etwas freuen. Dazu kommen Probleme mit dem Herzen und der Blase. Nachts hat sie es einmal nicht mehr bis auf die Toilette geschafft und das Bett war feucht. Eine furchtbar peinliche Situation für uns beide. Ich glaube, für sie war es sogar noch schlimmer als für mich – Mama hat sich vor mir geschämt und sogar geheult.


Meine Mutter soll in Würde alt werden


Immer öfter übernehme ich jetzt schon die Führung. Und denke auch immer häufiger an das Versprechen, das ich meinem Vater gegeben habe. Und dass ich es auch halten will. Allerdings mit einer Ausnahme: Denn auch wenn es hartherzig klingen mag – der Gedanke, meine eigene Mutter auszuziehen, zu waschen oder ihr tatsächlich einmal Windeln anzuziehen, ist für mich einfach unvorstellbar.

Dabei habe ich allen Grund, ihr dankbar zu sein. Als Kind überhäufte mich Mama mit Liebe und Zuneigung, kümmerte sich um meine kleinen und großen Kinderprobleme, später half sie mir über den ersten Liebeskummer hinweg, war immer für mich da. Unser Verhältnis wurde mit den Jahren eher noch inniger, weil wir uns mit jedem Jahr, das ich älter wurde, immer mehr auf Augenhöhe begegneten. Und ich möchte, dass es auch so bleibt.

Mama war immer eine starke Frau. Dass sie immer unselbstständiger wird, macht ihr enorm zu schaffen. Und ich spüre deutlich, wie unangenehm es ihr schon ist, dass ich jetzt für sie einkaufe. Deshalb liegt es mir auch so am Herzen, dass wir auch in Zukunft respektvoll miteinander umgehen. Könnte ich das wirklich noch, wenn ich ihr zum Beispiel auf die Toilette helfen muss, weil sie irgendwann selbst dazu nicht mehr fähig ist? Ich glaube nicht, dass so etwas möglich ist.

Wie sieht Mama das? Ich hatte bisher noch nicht den Mut, das Thema bei ihr anzusprechen. Aber ich sprach mit unserer Hausärztin, die uns beide seit Jahren kennt. Sie meinte, ich solle nichts tun, wozu ich mich überwinden muss. Das würde uns beiden nur ein schlechtes Gewissen machen. Meiner Mutter, weil sie spüren würde, wie unangenehm mir diese Aufgabe sei. Und mir, weil ich mich für meine eigenen Gefühle schämte. „Dabei empfinden das viele Menschen ganz genauso. Mit diesem Problem stehen Sie nicht allein da“, versicherte mir die Ärztin. „Und es ist sinnvoller, sich einzugestehen, dass man sich die Pflege der eigenen Mutter allein nicht zutraut“, sagte sie. „Es gibt viel, was Sie für sie tun können. Die Intim- und Körperpflege kann man aber beispielsweise einem mobilen Pflegedienst überlassen, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.“

Mama soll in Würde altern dürfen – und dazu gehört für mich, dass sie sich nicht von der eigenen Tochter waschen lassen muss. Ich werde an ihrer Seite bleiben und versuchen, ihr das Leben noch so schön wie irgend möglich zu machen. Für sie einkaufen gehen, mit ihr plaudern, in Fotoalben blättern und ihr zuhören, wenn sie von Papa spricht. All das kann ich ihr geben. Mit ganzem Herzen.Ramona U.* (46), Hannover

Infos & Fakten

Belastungsprobe Pflege
Knapp 70 Prozent der 2,5 Millionen Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut. Und meistens sind es die Frauen, die dafür oft bis an den Rand ihrer Kräfte gehen

Ein emotionaler Kraftakt Von der Tochter- in die Betreuerrolle zu wechseln, ist nicht einfach, oft sogar sehr schmerzhaft. Zum einen, weil uns die Endlichkeit des Lebens so deutlich bewusst wird. Aber auch, weil es sehr oft zu großen Spannungen kommt. Denn viele pflegebedürftige Eltern wehren sich heftig gegen alles, was ihre Kinder sagen oder tun. Der Grund: Sie waren es Zeit ihres Lebens gewohnt, das Sagen zu haben. Andersherum fühlen sich viele Angehörige einfach nicht in der Lage, die Pflege in allen Bereichen zu übernehmen – so wie Ramona. Eine gute Lösung kann hier ein mobiler Pflegedienst sein.

Hier bekommen Sie Hilfe
Wer für einen Angehörigen die Pflege organisieren muss, ist oft ratlos
Pflege-Telefon Das Bundesfamilienministerium hat ein Pflegetelefon eingerichtet. Unter der Telefonnummer 0 30/20 17 91 31 werden von Montag bis Donnerstag zwischen 9 und 18 Uhr alle Fragen rund um das Thema Pflege schnell und vertraulich beantwortet. Infos im Netz: wege-zur-pflege.de.

Für die Pflege professionelle Hilfe anzunehmen, kann für alle Beteiligten die beste Lösung sein


Name von der Redaktion geändert; Fotos (Szene nachgestellt): Instagram, iStock (2), privat

instagram/tierparkberlin