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Geständnis: #MeToo kann uns alle treffen


Lea - epaper ⋅ Ausgabe 25/2018 vom 13.06.2018

Mit ihrem Buch will sie aufklären, die Situation der Opfer deutlich machen und vor allem eines: den Frauen helfen


Artikelbild für den Artikel "Geständnis: #MeToo kann uns alle treffen" aus der Ausgabe 25/2018 von Lea. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Lea, Ausgabe 25/2018

Interview mit der Buch-Autorin: Marlene Lufen (47)

Eigentlich sind Sie Moderatorin. Was gab den Anlass für das Buch?
► „Ich hatte das Gefühl, es muss einfach geschrieben werden. Denn ein Buch in dieser Art gibt es noch nicht. Anlass waren damals die Gerichtsverfahren von und gegen Gina-Lisa Lohfink. Wir hatten sie zur Sendung eingeladen, und ich hatte mich intensiv vorbereitet. Auch meine Einstellung zum Thema war für mich klar. Damals ist mir aufgefallen, dass nur wenige Empathie für die ...

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Eigentlich sind Sie Moderatorin. Was gab den Anlass für das Buch?
► „Ich hatte das Gefühl, es muss einfach geschrieben werden. Denn ein Buch in dieser Art gibt es noch nicht. Anlass waren damals die Gerichtsverfahren von und gegen Gina-Lisa Lohfink. Wir hatten sie zur Sendung eingeladen, und ich hatte mich intensiv vorbereitet. Auch meine Einstellung zum Thema war für mich klar. Damals ist mir aufgefallen, dass nur wenige Empathie für die Betroffene haben. Ein Zweifel steht immer im Raum. Nach dem Motto: Es sind ja auch zwielichtige Frauen dabei. Vielleicht sind sie ja selbst ein bisschen schuld.“

Aber das stimmt nicht, wie man an Ihrem eigenen Beispiel sieht.
► „Genau. Ich war 19 Jahre alt, als mich ein Fotograf bedrängt hat. Aber glücklicherweise konnte ich mich wehren und flüchten. Zu Hause habe ich sofort alles erzählt, und meine Eltern haben mir geglaubt, standen mir zur Seite. Mit dem Buch möchte ich auch deutlich machen, dass es eben jeder Frau passieren kann. Und dass man sich nach einer solchen Tat eher zurückzieht, als darüber zu sprechen. Ich fand es immer peinlich, darüber zu reden. Das habe ich öffentlich erst 2016 auf meiner Facebook-Seite getan.“

Wie waren die Reaktionen auf Ihren Facebook-Post?
► „Zum einen habe ich festgestellt, wie es ist, wenn man beschimpft wird, wenn es zum Beispiel heißt: Schlampe. Oder auch: ,Jetzt kramt sie ’ne alte Geschichte aus, um Aufmerksamkeit zu bekommen.‘ Zum anderen haben sich allerdings viel mehr Frauen gemeldet, die gesagt haben: ,Es tut so gut, dass Sie das schreiben.‘ Allein rund 100 Frauen unter den Kommentatorinnen machten konkrete Andeutungen, dass sie Ähnliches erlebt haben. Außerdem haben mich viele über den Messenger und per Email angeschrieben oder mir Briefe geschickt. Es waren insgesamt rund 500 Fälle, die mir so geschildert wurden.“

Und so ist die Idee zu Ihrem ersten Buch entstanden?
► „Daraus und aus der Reportage, die ich für SAT 1 gemacht habe. Ich habe mich sehr stark in das Thema eingearbeitet. Dazu war es mir durch mein eigenes Erlebnis immer sehr nahe. Für das Buch habe ich mit sehr vielen Fachleuten und noch viel mehr betroffenen Frauen gesprochen, die mich angeschrieben hatten.“

Wie konnten Sie es aushalten, sich die Erlebnisse anzuhören?
► „Manchmal war es sehr schwer. Einmal habe ich drei Nächte in Folge nicht schlafen können, nachdem ich mich mit Frauen getroffen hatte, die Schreckliches erlebt haben. Ich konnte die Gedanken nicht aus dem Kopf kriegen. Und während ich das Buch geschrieben habe, hatte ich auch eine Phase, in der mir die Erlebnisse einer Frau sehr schwer auf der Seele lagen. Es war Jule, die versucht hat, in einem ausführlichen Brief an ihre Mutter das Geschehene zu verarbeiten. Sie wurde jahrelang von ihrem Stiefvater missbraucht. Sie musste immer wieder mit ihm auf den Dachboden. Danach durfte sie nicht zur Toilette, sich nicht waschen, sondern musste so wieder ins Bett. Die Geschichte hat mich sehr mitgenommen. Ich brauchte dann auch für meine eigene Seele eine Pause vom Schreiben.“

Gibt es noch einen Fall, der Ihnen bis heute in Erinnerung bleibt?
► „Erschreckend ist, wie viel Ablehnung Betroffene erleben. Eine Frau zum Beispiel, die als Kind schwerst missbraucht wurde, hat mir erzählt, dass sie Jahrzehnte später den Frauenarzt gebeten hat, vorsichtig zu sein, weil sie noch immer Schmerzen hat. Daraufhin hat er sie kaum noch angeschaut und mit spitzen Fingern behandelt. Das ist doch wirklich unvorstellbar!“

Ist Ihr Buch eher für Frauen oder auch für Männer gedacht?
► „Eigentlich für uns alle. Es sind ja nicht nur Fälle beschrieben, sondern auch umfassende Fakten zum Thema darin. Ich möchte, dass die Menschen mehr wissen und sich auskennen, wenn sie darüber diskutieren. Aber es werden vermutlich eher Frauen lesen. Ihnen will ich mit dem Buch helfen. Es gibt viele Informationen, auch darüber, wie man die Straftat bei der Polizei anzeigt, wie eine Trauma-Therapie aussieht, außerdem eine Hilfestellung zur Selbstheilung und viele Ansprechpartner. Aber ich habe auch von einigen Männern sehr positives Feedback bekommen.“

Meinen Sie, dass sich bei diesem Thema jemals etwas ändern wird?
► „Das Problem ist so alt wie die Menschheit, das wird es immer geben, aber es tut sich gerade etwas sehr Wichtiges. Ich sehe das Buch als einen Baustein in dieser Entwicklung. Ich erlebe immer stärker, dass wir Frauen untereinander nicht missgünstig oder neidisch sind, sondern dass wir uns gegenseitig stärken und für einander einstehen. Ich hoffe, dass es in Zukunft mehr Mitgefühl für Betroffene geben wird. “

Ist ein nächstes, also zweites Buch vielleicht schon in Planung?
► „Nein, das ist es noch nicht. Aber ich habe gemerkt, wie gut mir das Schreiben gefällt und dass es mir leicht von der Hand geht. Ich habe ja zu Anfang meiner journalistischen Karriere auch für verschiedene Magazine geschrieben. wenn, dann schreibe ich als nächstes aber einen lustigen Roman. Davon habe ich tatsächlich schon immer geträumt.“

Die Zahlen erschrecken: Nur fünf Prozent aller Sexualstraftaten werden angezeigt. Die meisten Betroffenen schweigen. Einige sind nicht in der Lage, darüber zu sprechen, andere glauben, dass sie mitschuldig sind, wieder andere wollen eine Fassade aufrechterhalten. Doch wenn diese grauenhaften Taten im Dunkeln bleiben, kann sich nichts ändern. Marlene Lufen macht mit ihrem Buch Mut, das Schweigen endlich zu brechen.

In der Partnerschaft

Die große Mehrzahl der Vergewaltigungen findet in der Beziehung statt, also dort, wo man sich eigentlich sicher fühlen sollte. Und die meisten Frauen erzählen darüber: nichts. „Neben der Scham sowie der Angst vor der Rache des Partners und den Folgen einer Trennung ist auch das Bedürfnis, das eigene Leben nicht schäbig darzustellen, mit ein Grund für das Schweigen“, schreibt die Autorin. Nach außen hin machen die Paare einen harmonischen Eindruck. Sexuelle Gewalt kann man in jeder Phase der Beziehung erleben, vom ersten Date bis hin zur Trennung in einer Ehe. Für eine Vergewaltigung beim ersten Date gibt es im Englischen den Fachbegriff „date rape“. Auch hier ist die Hemmschwelle, etwas zu erzählen, hoch. Schließlich hat man viel geflirtet.

Am Arbeitsplatz

Eine Studie aus dem Jahr 2014 ergab, dass gut 60 Prozent aller Frauen in Deutschland schon sexuelle Belästigung erlebt haben, jede Dritte davon bei der Arbeit. Sexistische Sprüche, die Hand auf dem Po, anzügliche Textbotschaften gehören leider für viele ganz normal zum Arbeitsalltag. Und auch das ist – ganz klar – ein falsches Verhalten der Kollegen. Auch wenn man natürlich nicht jedes nette Wort und jeden kleinen Flirt verurteilen muss. Marlene Lufen rät, sich auf das Bauchgefühl zu verlassen, denn alle Menschen haben ein Gespür dafür, ob eine Anziehung erwidert wird. Echter Sexismus zeige sich dann, so die Autorin, wenn eher Frauen von sexueller Gewalt bedroht seien und gleichzeitig geringere Chancen hätten, einen beruflichen Aufstieg zu schaffen. Die meisten Betroffenen berichten von Vorfällen zu Beginn ihres Berufslebens, als sie noch jung und unerfahren waren und auf einer niedrigen Hierarchie-Stufe standen. Im Buch wird zum Beispiel der Fall einer Auszubildenden geschildert, die von ihrem Chef vergewaltigt wird.

Der Fremde

Nur 15 Prozent der Sexualstraftaten gehen auf das Konto von Fremden. Oft passieren sie im Dunkeln und in eher einsamen Gegenden wie zum Beispiel Parks. Die Polizei rät im Fall einer Vergewaltigung, sich so schnell wie möglich zu melden, Kleidung, Wäsche gut aufzubewahren, zum Arzt zu gehen und die Verletzungen und Spuren dokumentieren zu lassen sowie ein Gedächtnisprotokoll zu verfassen. Das Sexualstrafrecht wurde nach den Silvester-Übergriffen reformiert. Die drei Änderungen: Es gilt der Grundsatz „Nein heißt Nein“; wenn der Angriff von einer Gruppe ausgeht, sollen auch alle belangt werden; und das Grapschen an Po oder Busen wird jetzt als Straftat definiert. Es kann eine Freiheits- oder Geldstrafe verhängt werden.

Trauma-Therapie

„Viele Frauen haben zunächst Angst vor der Therapie, weil sie nicht über das, was ihnen widerfahren ist, sprechen wollen und oft auch nicht können“, schreibt die Autorin. Doch niemand muss zu Anfang erst einmal seine Geschichte erzählen. Die Trauma-Therapie ist darauf ausgerichtet, dass man es irgendwann kann. In der ersten Phase lernt man, wieder die Kontrolle über die eigenen Gefühle zu bekommen. Es gibt Distanz- und Beruhigungsübungen. Danach beginnt die Verarbeitungsphase und zum Abschluss geht es um eine Neuorientierung.

Selbsthilfe

In einem geschützten Raum, wie zum Beispiel der Selbsthilfegruppe FARO in Hamburg, kann man all das besprechen, was Nichtbetroffene weniger gut verstehen. Der Austausch mit Leidensgenossinnen gibt Kraft, das Leben zu meistern. Einigen der Frauen, die Marlene Lufen zum Interview getroffen hat, hilft das Schreiben über die Tat und die eigenen Gefühle. Wer alles schwarz auf weiß sieht, kann sich leichter von den immer wieder kreisenden Gedanken um die Tat befreien. Die Betroffenen entwickeln Abstand. Auch Nähe und Bindung zu anderen Betroffenen und zu liebevollen Partnern ist oft ein Gegenmittel.

Was kann ich tun?

Durch die #metoo-Bewegung hat sich einiges verändert. Die Wahrnehmung des Themas ist eine andere geworden. Natürlich muss jede Frau für sich selbst entscheiden, ob sie eine Straftat anzeigt. Doch sie ist ganz sicher nicht mehr „die erste“. Wem selbst nichts passiert ist, der sollte achtsam sein, hinsehen und Hilfe anbieten. Das „sich Einmischen“ ist in diesem Fall ganz sicher nichts Schlechtes.

Lea-Redakteurin Nicole Sindermann sprach mit Moderatorin Marlene Lufen über deren Buch


3 Alle Minuten wird in Deutschland eine Frau vergewaltigt.


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Fotos: Nadine Dilly, Lübbe, Privat, stock.adobe.com