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Geständnis: Wenn sich alles nur noch um die eine Sache dreht: Mein Zwang und ich


Lea - epaper ⋅ Ausgabe 31/2018 vom 25.07.2018

Kleine Rituale haben wir alle, sie können sogar beruhigend im Alltag sein. Doch bei manchen schlagen sie irgendwann ins Gegenteil um – und werden schleichend zu einer alles beherrschenden Krankheit


Artikelbild für den Artikel "Geständnis: Wenn sich alles nur noch um die eine Sache dreht: Mein Zwang und ich" aus der Ausgabe 31/2018 von Lea. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Lea, Ausgabe 31/2018

Jeden Schritt ihres Mannes hat sie per Ortung verfolgt


Mareike (48): „Ich muss alles und jeden kontrollieren“

■ Von einer ängstlichen Mutter überbehütet aufzuwachsen, war für sie ein Fluch: „Nichts dem Zufall überlassen zu können, war für mich völlig normal. Ständige Kontrolle gehörte auch nach meinem Auszug selbstverständlich zu meinem Alltag.“ Doch die Zwänge werden stärker. Mareike geht bald zehn Mal zurück, um zu sehen, ob der Herd auch wirklich aus ist. Umrundet x-mal das Auto, um zu sehen, ob es tatsächlich abgeschlossen ist. „Erst dann stellt sich bei mir ein Sicherheitsgefühl ein.“

Dann trifft sie Heiko, beide verlieben sich, werden ein Paar. Anfangs belächelt er ihre ...

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... „komischen Marotten“ noch. Dabei wird Mareikes Alltag jetzt noch schwieriger – durch ihren Kontrollzwang. Einiges kann sie vor Heiko verbergen, etwa minutenlang wiederholtes Ab- und Aufschließen der Bürotür. Er bekommt ihren krankhaften Zwang allerdings auf ganz andere Art zu spüren. Wenigstens einmal in der Stunde muss sie ihn anrufen. Das nervt ihn gewaltig. Als er dann noch zufällig bemerkt, dass Mareike heimlich seine Handy-Ortung eingeschaltet hat, wird es ihm endgültig zu bunt. „Er hat mich vor die Wahl gestellt: Entweder ich mache endlich eine Therapie oder er verlässt mich.“ Mareike hat sich für die Liebe entschieden – und sucht sich gerade einen Platz in einer Verhaltenstherapie, um geheilt zu werden.

Annemarie (36): „Ich stehe schrubbend da und denke, ich werde verrückt“

■ Ihr Ritual darf auf keinen Fall unterbrochen werden, sonst muss sie noch einmal von vorn anfangen: Zuerst wäscht sie ihre Hände sehr lange mit viel Seife, danach schrubbt Annemarie sie gründlich mit einer Bürste, dann tupft sie sie mit einem Handtuch ab, bevor sie sie zwei Mal desinfiziert und an der Luft trocknet. Danach darf sie zehn Minuten lang nichts anfassen. Annemarie leidet schon sehr lange an einem Waschzwang. „Ich weiß, dass das Waschen in dem Ausmaß völlig irrsinnig ist. Aber ich kann einfach nicht anders. Ich muss es immer wieder tun.“

In die Öffentlichkeit zu gehen, ist für sie von Jahr zu Jahr schwerer geworden. Treppengeländer anfassen, Türklinken – das geht überhaupt nicht. Anderen Menschen die Hand schütteln müssen – ein Graus. Vor drei Jahren gewöhnte sie sich an, Handschuhe zu tragen. Auch, damit keiner die wunden Stellen an den Händen bemerkt. Wer es doch tut, bekommt gesagt: eine Allergie. Lange hält sie ihren Zwang geheim, schämt sich zu sehr. Doch dann lernt sie einen Mann kennen. Die Liebe macht sie stark. So stark, dass sie ihrem Zwang endlich den Kampf angesagt hat. Seit fünf Monaten ist sie in der Therapie – und die zeigt erste Erfolge. Hände und Seele haben endlich eine Chance, zu heilen.

Waschen, schrubben, desinfizieren – bis es blutet


Antonia Peters (60): „Das Haareausreißen nahm mir den Druck“

Die Hamburgerin ist Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen


Fotos: iStockphoto (2), Privat, stock.adobe.com

■ Ihr Schlüsselerlebnis kann sie heute noch genau beschreiben. Antonia Peters, von Geburt an gehbehindert, ist zwölf Jahre alt und bei einer Kur, weil sie zu dünn ist. Dort teilt sie sich das Zimmer mit einer Schulfreundin, die schreckliches Heimweh hat. Die Ärzte sagen, Antonia soll sich kümmern. „Aber damit war ich total überfordert. Ich war selbst in der Pubertät, wurde wegen meines Gehfehlers ausgegrenzt und war zum ersten Mal unglücklich verliebt. In dem Moment habe ich mir ein Haar herausgerissen und es über die Lippen gezogen. Ein sehr angenehmes Gefühl. Meine Anspannung war weg.“ Dieses Gefühl will sie wieder erleben. Also reißt sie sich immer wieder ein Haar aus, zieht es über die Lippen. Auch zu Hause, wo die Mutter immer wieder Leistung von ihr fordert. „Es hieß immer: Da du körperlich eingeschränkt bist, musst du geistig mehr bringen.“ Immer öfter reißt sie sich ein Haar aus. So viele, dass sie kahle Stellen am Kopf hat. „Mit 18 Jahren habe ich zu meiner Mutter gesagt: ,Ich glaube, ich brauche Hilfe.‘ Aber meine Mutter antwortete: ,So ein Quatsch, du musst es nur lassen.‘“ Natürlich geht das nicht mehr. Antonia macht weiter. Die Mutter kauft ihr eine Perücke.


„Ich würde mich nicht als geheilt bezeichnen, aber als symptomfrei“


Dann macht sie eine Ausbildung zur Erzieherin, das wollte sie von klein auf. Und wie so oft bekommt sie von allen gesagt: Das schaffst du doch gar nicht. „Aber ich bin eine Kämpfernatur. Ich wollte es den anderen zeigen.“ Sie wird Erzieherin, doch das Haareausreißen erschwert die Arbeit enorm. Sie hat Angst vor Nähe, privat und be-ruflich. Sie hat Angst, dass die Kinder ihr die Perücke vom Kopf reißen. Also hält sie sie auf Abstand. Als Erzieherin natürlich fatal. Trotzdem geht sie ihren Weg – und reißt heimlich, nie vor anderen, weiter die Haare heraus. Dann übernimmt sie eine Leitungsstelle für drei Jahre. Anschließend steht sie auf der Straße, bewirbt sich, wird aber nirgendwo genommen. „Irgendwie kann ich es auch verstehen. Ich muss ein sehr ambivalentes Bild abgegeben haben. Zum einen hatte ich sehr klare Vorstellungen von meiner Arbeit, zum anderen sah ich wirklich schrecklich aus.“ Antonia ist zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach bei Psychologen gewesen, doch die konnten nicht helfen. Dann nimmt sie an einer Studie teil, und das Blatt wendet sich. Sie lernt Psychologen, Mediziner, Betroffene kennen – und macht eine Verhaltenstherapie. Genau das Richtige. Heute ist sie Vorsitzende der Gesellschaft Zwangserkrankungen, hält Vorträge – und führt ein Leben ganz ohne Zwang.1.000.000
Deutsche geschätzt müssen zwanghaft waschen, putzen, kontrollieren, sammeln, ordnen, zählen.