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Gestärkt aus der Krise


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Frau im Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 46/2022 vom 09.11.2022
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VIEL GELERNT Silvana Koch- Mehrin, heute mit kurzen Haaren, blickt optimistisch in die Zukunft

Die vergangenen drei Jahre waren fürSilvanaKoch-Mehrin,51, eine extrem schwierige Lebensphase. Die ehemalige FDP-Politikerin und Vize-Präsidentin im Europa-Parlament litt an einer Brustkrebs-Erkrankung. Entdeckt wurde der bösartige Tumor 2019 bei einer Routine-Untersuchung, so dass die Diagnose für Koch-Mehrin „aus heiterem Himmel“ kam. Zu FRAU IM SPIEGEL sagt sie heute im Interview: „Ich war plötzlich mit einer anderen Dimension von Angst konfrontiert. Die Sterblichkeit wurde mir vor Augen geführt – mir wurde deutlich, dass ich das Leben, das ich noch habe, ganz bewusst leben will.“

EhemannJames,49, und ihre drei Töchter, 14, 17 und 19 Jahre alt, waren ihr in dieser Zeit eine große Stütze. Doch die dreifache Mutter sorgte sich auch sehr um ihre Kinder: „Sie haben gesehen, wie ich mich verändert habe, sie haben die Chemotherapie mitbekommen, genauso wie meine Entscheidung, ...

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... meine Brust nicht rekonstruieren zu lassen. Das sind für Mädchen, die im Teenageralter ein Körperbewusstsein als Frauen entwickeln, einschneidende Erlebnisse.“ Die bisher so taffe Politikerin holte sich auch Hilfe von außen und begann eine psychotherapeutische Behandlung. „Für mich war es sehr wichtig mit anderen zu reden – Hilfe zu suchen und mir einzugestehen, ich brauche Unterstützung. ,Ich kann nicht mehr‘ gehörte früher nicht zu meinem Wortschatz. Hilfe suchen, war für mich mit Schwäche zeigen verbunden.“

Wie wichtig es ist, stark zu wirken, hat Silvana Koch-Mehrin – jahrelang das weibliche Aushängeschild der FDP – in der Politik erlebt. In ihrem Buch „Jetzt, wo ich schon mal nicht tot bin“ beschreibt sie Machtkämpfe in der Partei und diverse sexuelle Übergriffe von älteren Parteikollegen. Offensiv gewehrt habe sie sich damals nicht. „Ich habe das getan, was man so tat – mal mit einem Spruch gekontert oder eine Hand weggeschoben. Ich wollte daraus keine große Sache machen. In meinem Buch war ich nun deshalb so offen, weil meine Geschichte eine von vielen ist. Die Belästigungen waren ja kein ausschließliches Politik-Problem.“ Namen von übergriffigen Kollegen nennt Koch-Mehrin bewusst nicht.WolfgangKubicki,70, erklärte kürzlich im TV-Interview, er habe mit ihr bei einem beruflichen Termin „geflirtet“, wies aber das Ausnutzen seiner Position zurück.

„Ich war mein eigener Missbrauch“, erklärt die gebürtige Wuppertalerin, die heute in Brüssel lebt, die damaligen Geschehnisse. Wie sie das meint? Sie habe viele Dinge igno-riert, einfach immer funktioniert. „Auch körperliche Aussetzer habe ich nicht ernst genommen. Kneifen gilt nicht, habe ich mir gesagt – nach dem Motto ,Nur die Harten kommen in den Garten‘. Was für ein absurder Spruch! Am Ende geht das schief, denn der Körper hat sein eigenes Gedächtnis. Ich wurde kurz vor einer FDP-Bundesvorstandssitzung ins Krankenhaus eingeliefert.“ Sogar eine Fehlgeburt erlitt sie damals.

Mit ihrem Mann haben sie all diese Ereignisse noch enger zusammengeschweißt. Er war auch ihr großer Rückhalt, als sie 2011 ihren Doktortitel verlor. Die Begründung lautete damals: In „substanziellen Teilen“ bestehe ihre Dissertation aus Plagiaten. Dazu sagt die 51-Jährige im Interview: „Es ist völlig in Ordnung, dass man mir den Titel aberkannt hat, ich hatte schlampig gearbeitet. Ich strebe keinen Doktortitel mehr an – das würde für mich nur noch Sinn machen, wenn ich eine akademische Karriere anstreben würde. Mein Ehrgeiz in diese Richtung ist gleich Null.“ Ein politisches Comeback kann sie sich auch nicht vorstellen. „Ich würde mich aber freuen, wenn ich dabei helfen könnte, dass mehr Frauen in die Politik gehen.“ Wenn eine ihrer Töchter eines Tages politische Ambitionen hätte, fände sie es gut. „Es gibt mittlerweile stärkere Netzwerke von Frauen, so dass man sich nicht als Einzelkämpferin fühlt und Erfahrungen austauschen kann.“

Silvana Koch-Mehrin trat 2014 nicht mehr zur Europawahl an und zog sich aus der großen Politik zurück. Heute ist sie Vorsitzende der Stiftung „Women Political Leaders“, die sie selbst mitgegründet hat. „Wir arbeiten mit Politikerinnen in verschiedenen Ländern zusammen“, erzählt sie und ist glücklich über die Verbesserungen für Frauen, die die Organisation erreicht. Wie 2016 nach einem Kongress in Jordanien: „Es ging darum, dass ein Vergewaltiger der Strafe entgeht, wenn er sein Opfer heiratet. In vielen Ländern ist das nach wie vor so. Durch unseren Kongress und die Zusammenarbeit mit Politikerinnen in Jordanien kam das Gesetz endlich durch – Vergewaltiger können ihrer Strafe dort nun nicht mehr entgehen.“

Ihr kürzlich erschienenes Buch sieht sie als Mutmach-Buch. „Wir wünschen uns einen offenen Umgang mit Angst, denn Angst ist das Mega-Thema unserer Zeit, wir alle kennen Angst, und sie ist unangenehm. Ich selbst musste lernen, der Angst einen Platz in meinem Leben zu geben. Das hat mir auch einen anderen Blick auf viele Dinge ermöglicht.“ Derzeit muss sie nach ihrer Brustkrebs-Erkrankung noch alle drei Monate zur Kontrolle. „Das ist immer wieder eine emotionale Achterbahn.“ Ab nächstem Jahr wird die Frequenz der Kontrollen weniger häufig. „Daran muss ich mich erst gewöhnen, denn regelmäßige Untersuchungen geben auch ein Gefühl der Sicherheit.“ Ihren Geburtstag am 17. November feiert Silvana mit ihrer Familie, dazu gehören ihre drei Jahre jüngeren Zwillingsbrüder mit ihren Familien und drei Kinder aus der Ukraine, die Koch-Mehrin bei sich aufgenommen hat. „Das gibt ein schönes Fest“, freut sie sich.

SUSANNE SCHORMANN