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„Gestatten: Paasche, Hans Paasche, Jugendbewegungsikone!“


ZfSp Zeitschrift für Sozialpädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 14.03.2020

Über die dunkle Seite eines Marineoffiziers sowie der Jugendbewegungshistoriographie aus (sozial-) pädagogischer wie kolonialismuskritischer Perspektive und mit Seitenblick auf (s)eine zumeist verschwiegene Krankheit: Syphilis


Hans Paasche ist eine der Ikonen der Jugendbewegung, scheinbar zugleich auch eine der Friedens- wie Ökologiebewegung. Mehr als dies: Fast will es scheinen, Paasche gäbe bis in seinen Tod hinein fast schon einen ‚Blutzeugen‘ ab für das Triftige der berühmten ‚Meißnerformel‘ der freideutschen Jugend vom Herbst 1913, wonach jeder nachwachsenden Generation jeweils neu der Auftrag ...

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... obläge, aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung und in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben zu führen. Dies kann aber kein Grund sein, nicht, übrigens ganz im Geiste der in dieser Formel beschworenen Wahrhaftigkeit, dem dunklen Geheimnis Paasches nachzugehen, zur Not auch wider die offizielle Erinnerungspolitik.

Schlüsselwörter: Jugendbewegung; deutsche Kolonialgeschichte; Antisemitismus; Afrikaforschung; Gesundheitsfürsorge

Hans Paasche was one of the icons of the German youth movement, seemingly also of the peace and ecology movements. It seems that Paasche, in his life and death, bore witness to the essence of the famous “Meissner Formula’ of 1913 according to which each succeeding generation must renew its commitment to leading a life that is independently chosen, responsible for its actions and inwardly truthful and sincere. Nevertheless, in the spirit of the truthfulness demanded by the Meissner Formula, we must probe Paasche‘s dark secret, even at the risk of sullying his memory.

Keywords: youth movement, German colonial history, anti-Semitism, Africa research, health care

1. Eine Jugendbewegungsikone, deren Tod auf die Kappe Jugendbewegter geht?

Wer über Hans Paasche (1881-1920) sich informieren will, findet kaum noch Halt im Strudel spektakulärer Attribute. „Der Mann war ein Skandal, seine Geschichte könnte dem Agenten James Bond, dem ‚Fluch der Karibik‘-Pirat Jack Sparrows oder wahlweise dem schottischen Freiheitskämpfer William Wallace aus dem Schlachtepos ‚Braveheart‘ komplette Drehbücher liefern“, dichtete beispielsweise vor zehn Jahren Stephan Sommerfeld (2009: 98), der Geschäftsführer der Jugendbildungsstätte Ludwigstein, in durchaus sympathisierender erster Annäherung, um sogleich, schöpfend aus jugendbewegten Fortbildungsseminaren, Bekenntnisse Jugendlicher nachzuliefern vom Typ: „Hans Paasche, ich denke du warst schon ein cooler Kerl. Ich hätte dich gerne kennen gelernt. Ich wäre gerne so wie du.“ (ebd.: 107) Fragt sich nur: Hat Sommerfeld jenen, die diesen ihren Brief an Paasche (sel.) mit „Hochachtungsvoll Deine Freunde Nils und Marcin!“ zeichneten, wirklich hinreichend deutlich gemacht, wer Paasche war und was er mit der Jugendbewegung zu tun hat und inwiefern er wirklich als ihre Ikone gelten darf? Oder hat er ihnen womöglich verheimlicht, es handele sich bei Paasche, aufs Ganze gesehen, um einen der schärfsten Kritiker der Jugendbewegung? Und hat er dies getan im Interesse einer bloß verehrenden Historiographie in jugenderzieherischer Absicht – zu Lasten der von Nietzsche 1874 vehement eingeforderten kritischen Historie? Sommerfelds Text – aber nicht nur dieser – erlaubt genau diesen Schluss.

Dabei kann, der Sache nach, eigentlich kein Zweifel bestehen: Wer, wie Hans Paasche als Enddreißiger in einem seiner letzten Texte, der Jugendbewegung vorhält, sie sei „zum größten Teil erst seelisch im Gleichgewicht [gewesen], als sie mit Zupfgeigenpopeia Reserveoffizier wurde und die Juden beschimpfte“ (Paasche 1919: 19), redet kaum dem aktuellen Mainstream der Jugendbewegungshistoriographen das Wort, sondern der neueren kritischen Lesart des Wandervogel wg. dessen Nähe zur Hitlerjugend. (vgl. Niemeyer 2013) Mehr als dies, schlimmer: Der Tod Paasches infolge eines Überfalls von Freikorpssoldaten scheint jenen geschuldet, denen die von Paasche 1919 kritisierten völkischen wie antisemitischen Jugendbewegten geistig nahestanden. Bedürfte es hierfür noch eines Beleges über die Details des Attentats auf den jüdischen Außenminister Walther Rathenau (1867-1922) hinaus, am Ende systematischer Hetze, auch im Bund (1920), der Zeitschrift des Wandervogel, völkischer Bund (vgl. Niemeyer 2013: 35), so erbrachte ihn der von seinem literarischen Schaffen her (vgl. Niemeyer 2013: 139 ff.; 22018: 142 ff.; 2019: 288 ff.) als eindeutig NS-nahe einzuordnende Jungwandervogel Hjalmar Kutzleb (1885-1959): Nach dem von den Folgen her tödlich verlaufenen Freikorpsattentat auch noch auf den Bruder von Paasches Schwiegervater, den jüdischen Publizisten Maximilian Harden (1861-1927), spottete Kutzleb über diesen „Literaturjuden“ und dessen Anhänger vom Typus des „Intellektuellen“1, der „wie ein gestochenes Schwein [quietscht], wenn eines seines Gelichters […] endlich einmal, leider ohne vollen Erfolg, der Rächerfaust zum Opfer fällt.“ (Kutzleb 1929: 22) In Übersetzung geredet: Kutzleb hatte 1929 das Attentat, dessen Folgen Harden zwei Jahre zuvor erlegen war, gutgeheißen und damit letztlich auch seine nachträgliche Zustimmung zum tödlichen Freikorpsüberfall auf Paasche kundgetan – und ein Jugendbewe- gungshistoriograph wie Jürgen Reulecke hat, wie andernorts dargelegt (vgl. Niemeyer 2019: 246 f.), bis auf den heutigen Tag nicht den Mut aufgebracht, derlei überhaupt anzusprechen, wohl, weil beides nicht geht: Man kann nicht Paasches gedenken – und zugleich des Umstandes, dass seine Häscher als auch deren Sympathisanten Unterschlupf beanspruchen unter dem gleichen Dach namens Jugendbewegung. Was also tun?

Nun, die Antwort wurde eben schon angedeutet: Nicht darüber reden! – so jedenfalls der Mainstream.2 Und tatsächlich: Wenn man sich die aufs Paasche bezügliche Erinnerungsarbeit Jugendbewegter, etwa auch jene des Stephan Sommerfeld, etwas genauer anschaut, fällt auf, dass sie letztlich gar nicht den 1919er Paasche feiert, sondern den vergleichsweise harmlosen des Jahres 1913. Heißt: Paasches Nachkriegsurteil über die Jugendbewegung wird selten zur Kenntnis gegeben, im Vergleich zu jenem aus der Vorkriegszeit, nachzulesen in einem in Briefform gehaltenen, sehr erfolgreichen ‚Kultbuch’ der Jugendbewegung. Es bringt fiktive, aus den Erinnerungen des Autors an seine Hochzeitsreise zehrende ethnomethodologisch angelegte Briefe von der Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins Innerste Deutschland (1913), deren Absicht auf eine Art Zivilisations- und Wilhelminismussatire geht und, im Ergebnis, den damaligen Mainstream der Jugendbewegung feiert, also jedenfalls nicht die Gruppe um Gustav Wyneken und um die von ihm betreute, von Siegfried Bernfeld und Walter Benjamin betriebene Jugendzeitschrift Der Anfang (vgl. Niemeyer 2013: 135 f.). Resümierend gesprochen: 1913, in eben jenen Briefen, war Paasche noch weit entfernt von jenem Kreis, dem er 1919 sich nahe wusste und der mit Jugendbewegung so gut wie nichts mehr zu tun hat, der auf sie vielmehr mit Skepsis zurückblickte, sie als mehrheitlich völkisch ablehnte, als antisemitisch und bellizistisch. Paasches neue geistige Heimat ist nun die äußerste Linke um USPD und KPD, was ihn in Haft brachte, „bis er, spektakulär von Matrosen befreit, als Novemberrevolutionär mit der Kaisergattin verhandelte und Aufarbeitungsprozesse sowie Denkmalssprengungen plante.“ (Sommerfeld 2009: 98) Dies meint zugleich, und zwar als bittere Nachricht an Jugendbewegungshistoriographen vom Typus Jürgen Reulecke: Dieser Paasche fällt als Jugendbewegungsikone komplett aus – taugt aber durchaus als Friedensbewegungsikone in der Linie von Robert Jungks (1913-1994) Frage Wo sind die Paasches der Jahrtausendwende? (1992) – die (berechtigte) Frage eines Zukunftsforschers und Trägers des Alternativen Nobelpreises (1986). In der Tat: Paasches vorbildhafte Relevanz auch und gerade für eine Zeit, die seinerzeit anbrach und in der wir inzwischen mitten inne stehen, steht nach wie vor auf der Agenda, als Frage von Greta-Thunberg-Format in einer Zeit des womöglich nicht mehr abzuwendenden, weil von maßgebenden Politikern schlicht in Abrede gestellten globalen Klimawandels; als Frage zugleich, in der sich, in Gestalt der vielfach als neue Jugendbewegung gelesenen ‚Fridays-for-Future‘-Kampagne, Widerstand zusammendrängt gegen Gefahrenleugner und Ignoranten in der älteren, saturierten Generation. Diesem Paasche, der Frage mithin auch, wie er möglich wurde, der Frage aber auch nach seiner dunklen Seite, gilt in der Folge mein Interesse, nicht jenem anderen, ganz zu Unrecht von Jugendbewegungsveteranen als Teil für das Ganze in Anspruch genommenen Paasche des Jahres 1913. vereinbartes Gespräch mit dem Paasche-Biographen P. Werner Lange wurde nach Lektüre einer Vorfassung, die demnächst in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft erscheinen wird, von demselben abgesagt, ein Mailverkehr mit dem Paasche-Herausgeber Helmut Donat lief unfriedlich aus. Die Drucklegung einer weiteren Vorfassung dieses Artikels für die Pädagogische Rundschau wurde in letzter Minute durch Birgit Ofenbach ohne Angabe von Gründen storniert, eine kritische Rückfrage zu dieser Entscheidung, gerichtet an ihren Mitherausgeber Volker Band, blieb ohne Antwort. Dank gebührt allerdings Susanne Rappe-Weber vom Archiv der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein, die mir wichtige Hinweise gab und mich auf unkomplizierte Art und Weise mit einem Paasche-Text versorgte.

2. Eine Art Mr. Hyde, mit Dr. Jeckyll und ziemlich grausigen Eltern im Gepäck?

Dabei darf man wohl voraussetzen: Dass sich da jemand wandelt (vom Militaristen zum Pazifisten), steht nicht wirklich für ein Problem, ist im Übrigen fast normal bei herausragenden, dem Bann ihrer Sitte entfliehenden Menschen – Nietzsche muss hier als Beispiel genügen (vgl. Niemeyer 2019a: 38 ff.) –, die zunächst den ihnen überlieferten Erwachsenenwerten und -tugenden zu folgen bereit schienen, schließlich aber desto heftiger ausbrechen und das ihnen eigene entdecken und geltend zu machen suchen. So auch hier: In Paasches Lukanga Mukara (1913) wird der Vater, immerhin zu jener Zeit Vizepräsident des Deutschen Reichstages (1912-1918), als „Zahlenkarl“ persifliert, als „gebildeter Narr […], unfähig zu tiefem Empfinden, mit Maulwurfsaugen auf die Schönheit der Welt starrend, teilnahmslos umhergehend und törichte Bücher mit sinnlosen Zahlen füllend.“ (Lange 1995: 13) Eingerechnet dabei eine Glosse auf die Privatwohltätigkeit des Kaiserreichs, also auf jene, die Geld stiften, „damit die Kranken, die Krüppel, die Bettler und die Verrückten ihnen nicht begegnen, sondern in schöne Häuser eingesperrt werden…“ (Paasche o. J.: 54 f.) – so, wie dies die Mutter in den 1890er Jahren mit Nietzsche tat, ist man fast versucht zu fragen.

Wie aber auch immer: Hier, in derlei übrigens auch sozialpädagogisch aufschlussreichen Passagen aus diesem ‚Kultbuch’ der Jugendbewegung, kann man am ehesten erkennen, dass unseren Helden seine Hochzeitsreise nach Afrika die Dinge neu sehen lehrte. Nicht vergessen, und dies war wohl die spätere Zurechnungsweise seiner Mutter (vgl. Donat 1992: 23), eine „antisemitische Nationalistin“, die „1925 mit ihrem Mann eine Propaganda-Reise gegen die angebliche Kriegsschuld-Lüge von Seiten Amerikas organisierte“ (Sommerfeld 2009: 98): Der Sohn lernte unter dem von der Mutter als verheerend verbuchten (jüdischen) Einfluss seiner Frau den Vater neu se hen, etwa als „dunkle, bedrängende Gestalt, die dem Sohn gleichermaßen Ansporn und Schrecknis sein und ihn schließlich in die Höllenqualen verschmähter Liebe stoßen wird“ und dem zum Trotz er den Satz festhält, „er sei Mensch geworden, obwohl er durch das Gestrüpp deutscher Erziehung gehen mußte.“ (Lange 1995: 12) Von hier aus überrascht es kaum, dass sich Paasche nach dem Krieg in seiner fulminanten Flugschrift Das verlorene Afrika (1919), dem Credo folgend: „Wer aber nicht auswandert aus seinem alten Menschen, der wird in keiner Steppe frei“ (Paasche 1919: 6), mit einem erziehungskritischen Furor vernehmen lässt, wie er bis dato allenfalls von Zarathustra resp. Nietzsche her bekannt war, also etwa wie folgt:

„Ich habe, wie alle freien Deutschen – dies Wort ist nicht contradictio3 – keine Jugend gehabt. Knechtsgeist umwehte meine Kindheit; nicht leben sollte ich, nicht lieben, weil die Unfreien und Feigen, diese vorige Generation, den ganzen Haß der Unerlösten als Erziehung auf mein aufblühendes Leben warf, bis sie in ihrer Teufelei mich gerade für gut hielten, für ihre Narrheiten in den Tod zu gehen. Ich verkörpere deutsches Schicksal.“ (ebd.: 4)

Dies klingt übrigens auch nach 68er, würde sich aber auch 2020 auf einer Fridays-on-Future-Demo gut machen, ebenso wie der folgende Satz:

„Eine Generation, die nicht lebt und nicht zu lieben weiß, kann nichts schaffen, was Beachtung verdient. Ihren Werken sehen wir an, daß unerlöste, unglückliche Menschen sie schufen. Ihre Leistung trägt den Keim der Zerstörung in sich.“ (ebd.: 244)

Insoweit: Ja, es gibt gute Gründe für Robert Jungks Lob auf Paasche als eine Art frühen Ökopax. der den der Jugendbewegung angeblich von Beginn an eigenen ökologischen als auch pazifistischen Grundzug beglaubigen soll und Ausdruck findet im von Paasches Tochter Helga zur Jugendburg Ludwigstein transferierten Grabstein Paasches, nebst dem Paasche-Erinnerungsraum, dem Paasche-Archiv, vor allem aber der 1921 geweihten Paasche-Linde, die 2007 als Zeichen deutsch-polnischer Versöhnung erneuert wurde. (vgl. Sommerfeld 2009: 98 ff.)

Was aber, wenn eine derartige Ikone, wie die Überschrift andeuten soll, eine noch über das bisherige hinausweisende dunkle Seite hätte, nach Art des Mr. Hyde, etwa wie Jerry Lewis mit seinen gleichfalls ziemlich grausigen Eltern in der genialen Filmparodie Der verrückte Professor (1963)? Mut, in diese Richtung zu fragen, ergibt sich in der Linie Hermann Poperts (1871-1932), zwischenzeitlich Paasches bester Freund. Er verwies in seinem Nachruf auf eine „furchtbare Veränderung“ an Paasche, die er „zuerst im Vorfrühling 1916“ bemerkt habe, „kurz nach seinem plötzlichen Abschiede aus der Flotte, der seinen Grund schon in diesen Dingen hatte.“ (Popert 1920: 293) Wir wollen im Folgenden diese in der Paasche-Hagiografie (exemplarisch: Donat 1992: 36 f.) in der Regel unter ‚Dichtung‘ abgelegte Spur, unter Weiterführung von andernorts Dargelegtem (vgl. Niemeyer 2019: 228 ff.), gründlich nachgehen, der Frage folgend: Muss, wenn Popert recht hätte, die Mär unseres Helden neu erzählt, auch neu gewertet werden – und dies ganz unabhängig davon, dass der 100. Todestag Paasche vor der Tür steht und Wasser in den Gedenkwein fraglos unerwünscht ist?

3. Ein Lebenslauf und seine Auffälligkeiten

Ein wenig wissen wir jetzt schon von Hans Paasche, vielleicht höchste Zeit, sich einmal das ganze Paket vor Augen zu führen, unter Konzentration zunächst einmal auf die offizielle Kolportage. Bestens geeignet hierfür, wie es scheinen will, Helga Paasche (1916-2011), die zum 65. Todestag ihres Vaters dessen Geschichte wie folgt erzählte: Geboren am 3. April 1881 in Rostock als Sohn von Hermann Paasche (1857-1925), damals Professor für Wirtschaftswissenschaften“ dortselbst, und seiner Frau, der Schriftstellerein Elise Faber (1858-1943), „auf Wunsch der Eltern Seekadett“, von 1904-06 Erster Offizier auf einem Kreuzer, Eisernes Kreuz wg. seiner Mutes bei „Niederwerfung eines Negeraufstandes“ in ‚Deutsch-Ostafrika‘ plus Beförderung zum Kapitänleutnant 1907, 1908 Heirat mit der 19-jährigen Ellen Witting (1889-1918), Tochter des (späteren) jüdischen Bankiers Richard Witting (1856-1923), anschließend auf „forschender und sammelnder Hochzeitsreise im afrikanischen Kulturraum“, Teilnahme am Ersten Weltkrieg, „aber Ende 1916 trat er endgültig aus der Marine aus“, in der Folge Entwicklung in Richtung eines Pazifisten und Linksintellektuellen, im Oktober 1917 „Verhaftung und Anklage wegen Hochverrat“, am 9. November 1918 Befreiung durch „aufständische Matrosen“ (Paasche 1986: 306 ff.) – so, bis hierher, Helga Paasche. Bemerkenswert die perfekte Staffelübergabe: Der Jugendbewegungshistoriograph Jürgen Reulecke versicherte der Tochter ein Vierteljahrhundert später in seinem Nachruf auf sie gleichsam bis ins Grab hinein, ihr Vater werde (auch fürderhin) in der Jugendbewegung als „jugendbewegter Pazifist“ und „bedeutender Lebensreformer […] in lebendiger Erinnerung gehalten.“ (Reulecke 2011: 337) Zweifel aus anderen seinerzeitigen Nachrufen, etwa dem von Hermann Popert, den Umstand betreffend, dass Paasches 1916er „Abschied aus der Flotte“ wohl eher krankheits- denn überzeugungsbedingt erfolgte (vgl. Popert 1920: 293), hatten bei derart brüsker Vorentschiedenheit für die Sache der Verehrung wohl eher keinen Platz. Einsatz P. Werner Lange: 85 Jahre nach Popert – ohne ihn überhaupt nur zu erwähnen – nannte er, Paasches erster und bisher einziger Biograph (vgl. Lange 1995), den von der Tochter ‚Austritt‘ geheißenen Vorgang von 1916 „Entlassung“ und erklärte ihn mit Paasches „Weigerung“, „an einem Standgericht teilzunehmen“ (Lange 2006: 61), hinzusetzend: „Wertung hieße nur, die Elle unseres Jahrhunderts an einen Menschen zu legen, der ohnehin zu überragend war, um gemessen zu werden.“ (ebd.: 59) Unter diesen Auspizien überrascht nicht, dass das, was dem noch nachfolgte in Paasches Leben, fast schon wie ein Sturzbach wirkte auf die hiermit in ersten Umrissenen beschriebene Mühle ‚monumentaler‘ Jugendbewegungshistoriographie, darunter, vor allem, sein Legenden umwobener Tod: Alleinerziehend lebend nach dem Tod seiner gerade einmal neunundzwanzigjährigen Frau und vierfachen Mutter an Spanischer Grippe im Dezember 1918 auf seinem Gut nahe Posen, wurde Paasche dortselbst am 21. Mai 1920, vom Baden kommend, von Mitgliedern der rechtsterroristischen ‚Brigade Ehrhardt‘ erschossen, womöglich ‚auf der Flucht‘. Soweit die offizielle Mär, aus der wir nun einige Auffälligkeiten sukzessive herausgreifen wollen.

3.1 1904-06: „Niederwerfung eines Negeraufstandes“: Über das Kriegstrauma eines angehenden Pazifisten in kolonialisierungskritischer Darstellung

Die erste, einfachste Auffälligkeit aus dieser komplexen Überschrift: Was, zum Teufel, hatte ein Rostocker Marineoffizier eigentlich 1904 in Afrika zu suchen? Eine Antwort auf diese Frage hätte man gerne auch bekommen – um nur dieses Beispiel aufzugreifen – aus Kerstin Deckers Sachbuchbestseller Meine Farm in Afrika (2015). Er endet – soweit politisch korrekt – mit einem Bekenntnis zum „radikalen Pazifisten“ Hans Paasche sowie dessen „bis heute unvergessenes, wunderbares“ Buch Lukanga Mukara, das für „eine Erwiderung des kolonialen Blicks auf Augenhöhe“ (Decker 2015: 459) stünde. Dies würde man gerne unterschreiben – wenn man nur sicher wäre, was die Autorin unter einem anti-kolonialen Blick versteht, eingedenk des Umstandes, dass ihr, wie mir scheinen will, jedes diesbezügliche Gespür abgeht in Bezug auf ihr Hauptthema. Nachzeichnen nämlich will sie das Leben der Kolonialromanautorin Frieda von Bülow (1857-1909) in Deutsch-Ostafrika, unter Einbezug von deren unglücklicher Liebesaffäre mit der späteren NSKolonialikone Carl Peters (1856-1918). Dessen politisch dunkelste Seiten bleibt indes unerwähnt: Er war es, der den Protest gegen den deutsch-englischen Helgoland-Sansibar-Vertrages vom 1.7.1890 organisierte – ein Vertrag von gleichsam ‚urkatastrophaler‘ Dimension. Denn man muss hier bedenken, dass dieser Vertrag, von Peters und Konsorten gelesen als ‚Verzicht‘ auf Sansibar und andere, nach Peters‘ Meinung von ihm fast gesicherte Kolonien wie Uganda im Tausch gegen Helgoland, zur Formierung der auf weiteren Kolonienerwerb abstellenden Alten Rechten beitrug. Zu denken ist etwa an den von Peters 1891 mitbegründeten Alldeutschen Verband (ADV), der unter Heinrich Claß (1868-1953) ab 1908 auch rassenantisemitisch agierte. Mehr als dies: Der mit dem ADV assoziierte, von Claß im Februar 1919 begründete Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund (DVSTB) – als Nachfolgeorga nisation gilt die NSDAP – mit immerhin 180.000 Mitgliedern, darunter viele Freikorpssoldaten, wurde im Sommer 1922 nach dem Rathenau-Attentat verboten (vgl. Jungcurt 2016: 296 ff.). Und da Hans Paasche zwei Sommer zuvor gleichfalls von Freikorpssoldaten ermordet worden war, liegt die Vermutung nahe, dass die Neuausrichtung Paasches in Richtung eines Pazifisten während des Ersten Weltkrieges die radikale Rechte vor allem deswegen störte, weil ihrem Streben nach Korrektur des Versailler Friedensvertrages – der die Rückgabe sämtlicher deutscher Kolonien verlangte – dadurch zuwidergehandelt wurde. Heißt: Die Ermordung Paasches ist das B zum von Peters organisierten A – ein Punkt, den Decker ausblendet zugunsten verharmlosender Küchenpsychologie ohne jedes Gespür für den Ernst dessen, was hier in Kritik hätte stehen müssen: nämlich die damalige deutsche Kolonialpolitik in ihren rassistischen und imperialistischen Begründungen.4

Ein Beispiel: Bülow gibt in ihrer in der NS-Zeit als „Roman um Carl Peters“ annoncierten, ansonsten unverändert wiederaufgelegten völkischen Schmonzette Im Land der Verheißung (1899) als Maleen unbeanstandet („Unser armes Deutschland ist krank an Theoriefieber“; Bülow 31942: 72) Kunde von Peters‘ (im Roman Rolf Krome geheißen) Auffassungen wie etwa: „Heute schon hier mit europäischen Humanitätsanschauungen arbeiten zu wollen, wäre ein Mißgriff, der unsere ganze koloniale Zukunft in Fragen stellen könnte.“ (ebd.) Oder, als gleichsam ultimative Solidaritätserklärung der Autorin mit dem inzwischen selbst im Kaiserreich verfemten bestialischen ‚Negerfresser‘: „Dieses viel redende wie schreibende Volk von Kritikern, Zweiflern, Tadlern und sentimentalen Ideologen ist eines kraftvollen Willens zur Macht einfach nicht fähig. In seinen Eroberern sieht es Verbrecher.“ (ebd.: 210) Heißt, in Übersetzung geredet: Bülow outet sich als Anhängerin von Peters’ Rassismus – und keine(r), zumal nicht Bülows Biographin Kerstin Decker 2015, merkt’s.5 Und um die Nutzanwendung auf den Fall Paasche nicht aus den Augen zu verlieren: Decker weiß vielleicht noch – und unterstreicht es durch ihr Buch und seinen Titel –, was ein ‚kolonialer Blick‘ ist, nicht aber, was ein anti-kolonialer auf Augenhöhe erfordert: nämlich allererst das Außerkraftsetzen der bagatellisierenden Vorstellung, man habe sich zu Bülows Zeiten Farmen in Afrika auf den legalen Weg des Grundstückserwerbs sichern können, nicht aber, was die Regel war, durch Betrug welt- und leseunkundiger Eingeborener nach den von Peters (1940: 41 ff.) fast schon augenzwinkernd geschilderten Verhandlungsprinzipien vom Typ weniger von verlässlichen Schutzzusagen denn von Schutzgelderpressungen à la Camorra.

Damit rückt auch eine Antwort auf die Frage näher, was ein Rostocker Marineoffizier eigentlich 1904 in Afrika zu suchen hatte – nämlich, substantiell betrachtet, kaum Besseres als zwanzig Jahre zuvor Carl Peters.6 Diesen Rückschluss erlaubt ohne weiteres ein unlängst erschienener Überblick zur deutschen Kolonialgeschichte. (vgl. Grill 2019) Wichtig daran: Ihr zögerlicher Beginn in den 1880er Jahren aus hier nicht im Einzelnen zu erläuternden außen-, finanz- wie steuerpolitischen Bedenken (vgl. Ullrich 1997: 92 ff.), aber auch: Ihre fortdauernde Brisanz, bot sie doch, zumal aus völkischer Sicht, eine Lösung für die in den 1880er Jahren aufbrechende soziale Frage: Landflucht, Industrialisierung, Verstädterung, Wohnungsnot, Großstadt- sowie Auswanderelend – all dies, so Carl Peters in 1906 nachgereichter und nach 1933 neu aufgelegter verklärender Darstellung (vgl. Peters 1940: 16 ff.; ähnlich zu Klampen 1938: 38 ff.), könne qua Kolonisation eine Ende finden. So betrachtet gehört auch die deutsch-völkische Kolonie von Nietzsches Schwager sowie Schwester in Paraguay (vgl. MacIntyre 1994) – für die beide Nietzsche mit allen nur denkbaren Tricks zur Kasse zu bitten suchten (vgl. Fiebig 2019) – dieser Variante des Versuchs der Lösung der sozialen Frage zu. Und, auch dies gilt es zu beachten, nach der Seite des Rückschlags hin und mit Seitenblick auf die zeitgleich aufbrechende sexuelle Frage, als deren dunkelste Seite die Syphilis in ihren schrecklichen Folgen auch für die Säuglingssterblichkeit zu gelten hat: Auch diese Geschlechtskrankheit, via Kolumbus in Europa heimisch geworden und als erstes im großen Ausmaß bei den Renaissance-Päpsten Fuß fassend (vgl. Niemeyer 2019: 197 ff.), darf der Kolonialgeschichte ins Schuldbuch geschrieben werden, etwa auch in der Variante der Rache am kleinen Mann, nenne man ihn nun Hans Paasche oder wie auch immer.

Wichtiger vorerst indes, im globalen politischen Raum selbstredend: Das vergleichsweise abrupte Ende der deutschen Kolonialgeschichte 1918 durch die erzwungene Kolonienabtretung als Teil des Versailler Friedensvertrages – ein nicht endgültiges Ende, wie hier, unter dem Vorzeichen des all-deutschen Revanchismus, zu notieren ist. Denn nach 1933 lebte das Gespenst des Kolonialimperialismus wieder auf, zumal in Gestalt von in jugenderzieherischer Absicht freigesetzten und auch in Jugend- wie Pfadfinderbewegung folgenreichen Träumen künftiger Größe7, um unter dem Druck der sich auftürmenden neuen Herausforderungen zumal nach Beginn auch noch des ‚Russlandfeldzuges‘ allmählich in sich zusammenzubrechen, auch als Ergebnis der Einsicht Hitlers, der am 26.7.1942 bei seinen legendären Tischgesprächen „ein unabweisbarer Bedürfnis nach Kolonien […] in Anbetracht der Ostgebiete mit ihren außerordentlichen Rohstoffmöglichkeiten nicht anerkennen [konnte].“ (zit. n. Picker 1993: 667) Dies war’s letztlich – übrigens auch für die durch den NS- als auch Jugendbewegungsveteran Walther Jantzen (1904-1962) (vgl. Niemeyer 2013: 40) durch Schulungsbriefe (etwa Jantzen 1941) nach dem ‚Volk-ohne-Raum‘-Motiv Hans Grimms resp. die Kolonialschule Witzenhausen forcierte NS-Kolonialpolitik. Dies war‘s aber auch, nachdem sich der Traum von „der Ergänzung Großdeutschlands durch überseeische Kolonien“ (Schnee 1941: 174) im Rauch über den Trümmern Stalingrads allmählich verzogen hatte, mit Hitler. Gottseidank.

Schauen wir uns, nach wie vor den Fall Paasche auf dem Schirm, Beginn und Motive der deutschen Kolonialgeschichte einmal etwas genauer an. Wichtig dabei, als A & O für das Verständnis ihres Beginns: Das ihr die von Karl May in Die Slawenkarawane (1888/89) erzählerisch aufgegriffene Problematik einer arabischen, schon über Jahrhunderte währenden Sklavenjagd in Afrika vorherlief. May selbst rückte dabei, in dieser seiner Reiseerzählung, einen ‚Guten‘ der deutschen Kolonialpolitik ins Zentrum: Den als Sohn jüdischer Eltern in Schlesien zur Welt gekommenen, später zum Islam konvertierten und bei einer Expedition in den Kongo von arabischen Sklavenhändlern aus Rache8 ermordeten Arzt und Afrikaforscher Mehmed Emin Pascha (1840- 1892; eigentl. Eduard Schnitzer) – ein, wie es bei May heißt, „hochberühmter Mann, welcher alles tut, um den Wohlstand seiner Untertanen zu begründen und zu beheben. Besonders duldet er keinen Sklavenhandel, den er in seiner Provinz aufgehoben hat.“ (May 1889/90: 227)9 Dieses Pascha-Kurzporträt aus der Feder eines neuerdings seinerseits (etwa Babka 2015), ganz zu Unrecht, des kolonialen Denkens Verdächtigten entspricht in etwa den historischen Tatsachen10 und ist hier von exemplarischer Bedeutung. Denn die deutsche Kolonialpolitik – auch die britische, französische, belgische – profitierte ursprünglich von dem Versprechen, sie böte Schutz vor den arabischen Sklavenhändlern, ein Versprechen indes, in dessen Rücken sich die koloniale Praxis nicht eben selten als andere Form von Versklavung (gleichsam vor Ort) darstellte, mit der Folge eben jener ‚Negeraufstände‘ als Teil einer antikolonialen Bewegung – und mit der Folge eines immer wieder neu vorgetragenen deutschen Kolonialismus, in der wohl härtesten Variante 1908 vom Siedler Woldemar Schütze (1868-?) propagiert unter dem Vorzeichen, was allererst Not tue sei ein Feldzug gegen die in Gestalt der arabischen Sklavenhändler zutage tretende „panislamistische Bewegung“ nach dem Muster:

„Die Bekämpfung dieser Bewegung ist sehr schwer und nicht leicht anzugeben. Immer wird aber ein energisches, konsequentes Vorgehen der Regierung mit genügenden militärischen Kräften den Fanatikern den besten Dämpfer aufsetzen, und wenn sie einsehen lernen, daß sie von den Deutschen eine zwar strenge, aber gerechte Behandlung zu gewärtigen haben […], so dürften allmählich auch die Panislamisten sich beruhigen. Vorbedingung ist aber auch hier, daß die Deutschen wirklich in jeder Hinsicht die Herren des Landes bleiben.“ (Schütze 1908: 147)

So also sah sie aus, die denkbar härteste Linie zu Zeiten Paasches, die wir als Maßstab nehmen wollen zur Bewertung seines seinerzeitigen Agierens in Deutsch-Ostafrika in den Jahren 1904 bis 1906.

Vorauszusetzen ist dabei des Weiteren, was diesen spezifischen Ort angeht, dass Deutsch-Ostafrika unter deren (erstem) Gouverneur (1895/96) Hermann v. Wissmann (1853-1905) die Eingeborenen nach Wissmanns Prinzips labore et ora (statt des christlichen, missionarisch bewehrten ora et labore; vgl. Wissmann 21890: 36 ff.) behandelte, um in der Folge mit der „Einführung direkter Steuern“ (Schmidt 1906: 438) für wachsendem Unmut zu sagen – bis es schließlich 1905 zum Maji-Maji-Aufstand kam und in der Folge zum größten Kolonialkrieg in der Geschichte des afrikanischen Kontinents mit Opferzahlen von bis zu 300.000 Toten (inkl. ziviler Hungertote), „davon 15 Europäer […] und 316 Angehörige der Hilfstruppen auf deutscher Seite.“ (htttps://de.wikipedia.org/wiki/Maji-Maji-Aufstand, S. 9; aufgerufen am 7.8.2019) In Übersetzung geredet und unter Einbezug weiterer Einzelheiten: Die damalige deutsche Kolonialpolitik unter Paasches Vorgesetzten, bis herauf zum zuständigen Gouverneur zwischen 1901 und 1906, Gustav Adolf Graf von Götzen (1866-1910), ließ in Deutsch-Ostafrika ab 1905 ein Massaker sondergleichen veranstalten, zunächst direkt mittels MG-Feuer auf sich ihres Zauberwassers (Maji-Maji) wegen für unverwundbar haltende Eingeborene (vgl. Graichen/ Gründer 32005: 154 f.), nach Veränderung der Kriegstaktik der Aufständischen in Richtung Guerillakrieg mithilfe einer skrupellosen Politik Verbrannter Erde.

Was aber genau war der Anteil Hans Paasches an diesem Ultra-Alptraum, dessen Beginn man durchaus, einer weiteren Einlassung Hitlers vom 2.4.1942 zufolge, auf das Jahr 1905 legen könnte, insofern Hitler Wilhelm II. vorhielt, nicht bereits in diesem Jahr „zugeschlagen“, sondern „bis 1914 mit dem Weltkrieg gewartet“ (zit. n. Picker 1993: 249) zu haben? Nun, die Frage ist etwas inkorrekt, da Hitler die Marokkokrise und den Streit mit Frankreich darüber meinte, nicht aber jenen zeitgleich aufbrechenden ‚Negeraufstand‘ etwas weiter weg, also in – mit heutigen Namen geredet – Tansania (ohne Sansibar), Burundi, Ruanda11 sowie eines kleinen Teils von Mosambik, mit (damals) 7,75 Millionen Einwohnern auf einer nahezu doppelt so großen Fläche, kurz: bis 1918 des Deutschen Reichs größte Kolonie. Gesetzt nun, jener ‚Negeraufstand‘ hätte zum Verlust dieser Kolonie geführt, wäre dies wohl, in Hitlers 1942er Logik, eine Krise vom Format der Marokkokrise gewesen, die insoweit den Weltkrieg schon 1905 zur Folge hätte haben müssen. So, nach dieser Präzisierung, noch einmal die Frage: Was, genau, war Paasches Job bei dieser so zu verortenden ‚Niederschlagung des Negeraufstandes‘?

Paasches Lebenslauf von 1917 gibt sich in dieser Frage noch zugeknöpft, auffällig hölzern heißt es lediglich:

„1904 wurde ich auf den kleinen Kreuzer Bussard nach Ost-Afrika kommandiert. Ich war bald mit Land und Leuten und mit der Landessprache, dem Kisuaheli, so vertraut, daß mir, als der Negeraufstand 1905 ausbrach, auf besonderen Wunsch des Gouverneurs Götzen, ein Kommando in das Innere des Landes anvertraut wurde. Es wurde dann anerkannt, daß ich durch mein Vorgehen auf dem Nordufer des Rufiji die Aufstandsbewegung auf den Süden der Kolonie beschränkt habe.“ (in: Donat/Paasche 1992: 55)

Was für ein ‚Vorgehen‘ genau? Man erfährt es nicht, ahnt es nur, kann es, zur Not, nachlesen in den zwei hier angegebenen Quellen, zum einen dem amtlichen Bericht, zum anderen jenen Götzens. Diese Diskretion mag bedingt sein durch den Erzählzweck dieses kleinen Textstücks12, was auch den dürren Folgesatz erklären könnte: „Ich hatte außer einer farbigen Truppe zuerst eine Abteilung Matrosen, später nur einen Sanitätsunteroffizier bei mir, blieb sieben Monate im Lande und brachte gründliche Kenntnisse mit.“ (ebd.) Dass es um weit mehr ging, zeigen die Briefe aus jener Zeit, vor allem die einen Vorfall vom 21. August 1905 betreffenden, als Paasches Trupp an einer Brücke sich einem „Verband von mehreren hundert Aufständischen gegenüber( sieht), die den Rufiji überqueren wollen.“ Paasches Biograph Werner Lange des Weiteren hierzu:

„Die Gegner, die über etwa dreihundert Vorderlader, ansonsten nur über Pfeil und Bogen verfügen, sind völlig überrascht. Hans Paasche, sechs deutsche Soldaten und die Askaritruppe, feuern aus hohem Gras und Büschen heraus mit modernen Infanteriegewehren, deren Ladestreifen sechs Patronen fassen, und so währt das Gemetzel nicht lange. Am Ende sind mehr als siebzig Aufständische tot, viele weitere ertrinken hernach während der Flucht im Fluß. Paasche verliert nicht einen von sechsunddreißig Begleitern.“ (Lange 1995: 45)

Das Fazit scheint eindeutig: Paasche konnte ihn zur Not auch – den Krieg vom Typ Massaker à la Götzen. Und: Er zeigte noch 1905 vor Ort seinem Vater das Schlachtfeld seines bis dato größten Sieges als Kapitänleutnant – und beruhigte damit und wohl auch mit seinem Auftreten erkennbar die Nerven des Alten Herren13, seines Zeichens inzwischen (und dieser Funktion wegen vor Ort) „Referent für einen Hauptteil des Kolonialetats.“ (Lange 1995: 48) Aber – Lukanga Mukara lässt grüßen – ansatzweise meldet sich schon das schlechte Gewissen, etwa in Gestalt der Hoffnung, die Sache sei nun beendet. „Am 22. August 1905 meldete er“, so Paasches Biograph, „daß die Aufständischen zerstreut, zum Frieden bereit seien, erbat Anweisungen für Verhandlungen mit den Geschlagenen.“ (ebd.: 45 f.) So rasch schießen, besser: nicht-schießen die Preußen indes nicht. Auch – ohne dies hier genauer noch verfolgen zu wollen – Hans Paasche blieb seiner Sache offenbar unsicher, quittierte den Dienst, trat am 10. Februar 1906 sein Kommando auf der Bussard wieder an, nahm kein Chinin mehr und begründete das damit, dass es ihm unter dessen Einfluss unmöglich gewesen sei, zielsicher zu schießen (vgl. Paasche 1907: 94) – eine Nebelkerze, wie Werner Lange unter Verweis auf eine Anekdote Otto Buchingers vermutet, als wahren Grund Paasches Wissen anführend, „was folgte, wenn jemand Chiningaben ablehnte: eine Malariaerkrankung, die ihn wohl nicht tödlich gefährden, aber baldige Rückkehr nach Deutschland erzwingen würde.“ (Lange 1995: 50) Kurz: Paasche war amtsmüde – und fand Jahre später, in Meine Mitschuld am Weltkrieg (1919), klare Worte im Rückblick auf dieses sein Kriegstrauma von 1905:

„Am Rufiji, wo der Behemot, das Flußpferd, brüllte wie zu Hiobs Zeiten im Jordan, wo Leviathan, das Krokodil dem Fluß entsteigt und seine Spuren nachts um die Hütten drückt, fiel ein neues Licht auf Versingtetorix und die Nervier. Wir marschierten bewaffnet im Lande; sogleich entsteht der Begriff: Feind. Wir suchen ihn, wir töten ihn: es ist nichts als eine Treibjagd, wie sie jeder Förster leitet, und man nennt uns genial. Das ist unerträglich.“ (in: Donat/Paasche 1992: 225)

Wenig später, in der seiner Frau Ellen gewidmeten anti-koloniale Philippika Das verlorene Afrika (1919), bekannte sich Paasche zu einem „Volk der Liebknecht, Luxemburg, Eisner“, das den Zugang zur Welt neu öffnen werde, „den uns die Militärs versperrt hatten“ (Paasche 1919: 19) – Äußerungen, die Paasche, zusammen mit seiner hier vorgetragenen Kritik an alldeutschen „Hetzern“ (ebd.: 17), ohne jede Frage „für die Todeslisten rechter Freikorps“ (Sommerfeld 2009: 99) qualifizieren.

So weit, so klar. Bleibt die Frage: Eignet dem Tod Paasches nicht auch anderes, im Dr. Jeckyll-Motiv heimisches?

3.2 1908: Jenseits von Afrika – eine Heirat im Zeichen des Wassermann (pos.)?

Die Überschrift, vor allem der Nachsatz, ruft die Rückerinnerung an Hermann Poperts Nachruf auf, hier die Bemerkung betreffend:

„Heute darf es gesagt werden, was bislang nur Wenige wußten […]: Von einer seiner prachtvollen Afrikareisen hatte Hans Paasche schon vor langer Zeit ein schleichendes, unheilbares Leiden mitgebracht, das in den letzten Jahren namentlich seinen sonst immer jungen, mutigen Geist mehr und mehr umdunkelte.“ (Popert 1920: 293)

Hinweise in Richtung dieser ‚Geistesverdunkelung‘ finden sich einige in den Akten, auch in auf eine veritable Depression hinweisenden, recht wirren Tagebuchnotizen14, nebst Klagen von Paasches junger Gattin über ihren offenbar eifersüchtigen, hin und wieder ungewöhnlich groben Gatten, der „völlig wir und planlos“ (zit. n. Lange 1995: 182) agiere. Hinzuzurechnen sind Anzeigen gegen den Sohn seitens der gemütskrank in einem Nebengut lebenden Mutter (ebd.: 176), schließlich ein Familienfoto vom Sommer 1917, das, so Paasches Biograph, „eine angespannte, beklemmende Stimmung [vermittelt]“ (ebd.: 183), des Weiteren Berichte Paasches über psychotische Episoden15 – das Ganze kulminierend in einer Hausdurchsuchung im Oktober 1917 mit nachfolgender Verhaftung Paasches wg. eines Flugblatts, in welchem zum Generalstreik aufgefordert worden war. Schließlich – wohl auch der Prominenz des Vaters als auch des Schwiegervaters wegen – die salomonische Lösung: Paasche wird dem Schutz des § 51 des Strafgesetzbuches unterstellt, das Verfahren wird mit der Begründung eingestellt, „er habe die ihm vorgeworfenen strafbaren Handlungen im ‚Zustande krankhafter Geistestätigkeit‘ begangen.“ (Donat 1992: 30) Bleibt die Frage: Ist all dies jenem ‚Leiden‘ in Rechnung zu stellen, das Popert erwähnte, aber offenbar nicht beim Namen zu nennen wagte?

Die Überschrift dieses Abschnitts deutet eine bejahende Antwort an, genaueres sagte Hans Paasche seiner Ellen, die er Ende 1906, unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Deutsch-Ostafrika, bei einem Geschäftsbesuch im Haus ihrer Eltern kennen und lieben gelernt hatte: Er, so gestand er im Sommer 1907, komme gerade vom Arzt, leide an „Syphilis im Sekundärstadium“, zugezogen vermutlich vor beider Kennenlernen „während des Aufenthalts in der Massaisteppe“ (Lange 1995: 67) – zwei Sätze wie aus dem Maschinengewehr, zumal wenn man diese Variante mit der späteren von 1917 aus dem oben bereits mit Skepsis beigezogenen Lebenslauf Paasches vergleicht:

„Fieber hatte mich so mitgenommen, daß ich in Deutschland mehrere Monate Erholungsurlaub nehmen mußte. Ich verlobte mich mit Ellen Witting“ (in: Donat/Paasche 1992: 55)

– eine Variante, die, wohl des bereits angesprochenen Erzählzwecks wegen, geschönt wirkt. Greifen wir vier Punkte heraus: Entgegen der von Lange referierten Aktenlage erwähnt Paasche in Mein Lebenslauf (1917) (1.) den Grund jenes Erholungsurlaubs in Deutschland nicht, tut (2.) so, als habe dieser nichts mit dem anderen zu tun bzw. als sei dieser Urlaub (3.) vor der Verlobung gewesen und nicht, wie die von Lange ausgewerteten Akten als auch die ärztliche Vernunft nahelegen (4.), Bedingung der Verheiratung gewesen.

Deswegen erneut, diesmal nach den Akten, erzählerisch etwas aufgepeppt: Verliebt war man seit Dezember 1906, verlobt seit Anfang des Jahres – nur noch nicht verheiratet. Da waren die Eltern der Braut vor gewesen, die dem Ehewunsch ihrer Tochter im Blick auf den zwar sehr schneidigen und gutaussehenden, aber etwas zu abenteuerlichen Kapitänleutnant mit Afrikaerfahrung von Beginn an skeptisch gegenüberstanden. So gab beispielsweise Ellens Vater im November 1917 gerichtlich zu Protokoll, er und seine Frau hätten sich seinerzeit empfindlich abgestoßen gefühlt von der „ganzen seltsamen und unberechenbaren Art des jungen Bräutigams.“ (zit. n. Lange 1995: 66) Dies erklärt wohl, dass er 1908 auf einer ärztlichen Untersuchung vor dem Hintergrund des aktuell verbesserten Forschungsstandes16 und gemäß der damals gängigen Praxis17 bestand – mit eben jenem schockierenden Befund. Hans Paasche, so erzählt Lange weiter, habe daraufhin „beschämt“ regiert, sich aber einer langwierigen Behandlung mit Quecksilber unterzogen, wiederum dem damals gängigen Procedere folgend. Freilich: Diesem zufolge18 hätte damals eigentlich niemand im Hause Witting endgültige Heilung erwarten dürfen, zumal der Patient offenbar weit davon entfernt war, den Ernst der Lage zu erkennen. So meinte er beispielsweise seine Ärzte zur stillen Empörung des anwesenden Schwiegervaters darüber belehren zu müssen, dass „die Wassermannsche Reaktion […] kein unfehlbarer Hinweis auf Syphilis [sei]“ (ebd.: 67) – ein Einwand bezüglich eines damals brandneuen Verfahrens, der mindestens zeigt, dass sich Paasche offenbar bereits gehörig expertisiert hatte, vermutlich in Reaktion auf einen Vorfall in Afrika. Immerhin: Paasches Braut stand fest zu ihrer großen Liebe. Hans‘ Erkrankung vermehrte, so Werner Lange, „Ellens Mitgefühl“ (ebd.: 67), so dass die Brauteltern schließlich, wohl im Vertrauen auf eine erfolgreiche Kur über „mehrere Wochen oder gar Monate in einem Wiesbadener Sanatorium“ (ebd.: 69), ihren Widerstand aufgaben: Am 19. Dezember 1908, nach über 1 ½-jähriger Verlobungszeit, wurde geheiratet, und die Sache schien zunächst auch gutzugehen, mit dem Höhepunkt einer von den Brauteltern finanzierten Hochzeitsreise nach den Quellen des Nils (so der Titel weitgehend verlorengegangener Aufzeichnungen) 1909/10. Allerdings: Der Umstand, dass Paasche in seinem auf die Hochzeitsreise Bezug nehmenden Vortrag Was ich als Abstinent erlebte (1911) einräumte, „in Afrika bisweilen unter heftigem Malariafieber“ (Lange 1995: 111) gelitten zu haben19, könnte darauf hinweisen, dass, wie via Max Flesch wenig überraschend, die Syphilis nicht besiegt war und Paasche selbst auf seiner Hochzeitreise Beschwerden machte. Denn immerhin kann jenes ‚Malariafieber‘ ja auch ein künstlich erzeugtes gewesen sein, als Teil einer frühen Form von Malariatherapie, für die Julius Wagner-Jauregg (1857-1940) 1927 den Nobelpreis bekam, bei dieser Gelegenheit erzählend, der Malaria-Erreger sei 1880 in Algerien entdeckt worden und die Erzeugung eines künstlichen Fiebers in therapeutischer Absicht bei Paralytikern seinerzeit wenn schon nicht gängig, so jedenfalls doch womöglich in Afrika hin und wieder im Gebrauch. (vgl. Wagner-Jauregg 1927)

Wie bereits angedeutet: Nach 1995 ist nie wieder, auch vom Paasche-Biographen Lange nicht, über Paasches Syphilis berichtet worden, zumal nicht im engeren Kreis der Jugendbewegungsszene. Andere waren da unbedenklicher, Brunold Springer etwa in seinem Buch Die genialen Syphilitiker (1926), in welchem auch Paasche eine Heimat findet – womöglich nicht von ungefähr. Denn Springer war der Lebensgefährte Helene Stöckers, war von ihr, als Freundin Ellen Wittings, womöglich auf weitere Interna dort hingewiesen worden, was wiederum erklären könnte, dass er Paasche als Syphilitiker auswies, das auf Otto Buchinger zurückgehende Attribut „Hutten des Freideutschtums“ (Wanderer 1921: 46) vieldeutig aufnehmend – Ulrich von Hutten war Syphilitker –, erläuternd zu ergänzen, und zwar recht frivol:

„Er [Paasche; d. Verf.] ist ein Opfer der Auffassung geworden, daß junge Offiziere auch im Bordell ihren Mann stehen müssen.“ (Springer 1926: 211)

Damit war ein neues Blatt im Spiel, wie sogleich auch Kurt Tucholsky erkannt haben dürfte. Dies zeigt seine Rezension dieses Büchleins mit dem Urteil „Geistiger Wassermann: positiv negativ“ (Tucholsky 1960, Bd. V: 151), insofern er über einen der von Springer Genannten auffällig laut schwieg: Paasche, als sorge er sich, nun im neuen Licht über seine von Helmut Donat (1992:36 f.) dankbar aufgenommene 1920er Attacke auf den ‚Pinscher‘ Popert nachverhandeln zu müssen. (vgl. Niemeyer 2019: 246 ff.) Damit steht, via Springer, wieder Popert ungedeckt im Raum und mit ihm die Frage, ob er Paasche so gut kannte, dass er der traurigen Geschichte von Ellen & Hans womöglich Impulse entlehnte für seinen Roman Helmut Harringa.

2. Helmut Harringa – ein, so die These, auf Paasche gemünzter Anti-Syphilisroman, im erweiterten Kontext betrachtet

Der Roman Helmut Harringa (1910) von Hermann Popert ist noch erfolgreicher gewesen als Hans Paasches Lukanga, ein Erfolg übrigens, den Paasches Fremdenlegionär Kirsch (1914)20 mit einer Auflage von 250.000 (bis Kriegsende) locker in den Schatten stellte. Poperts Helmut Harringa ist also, anders als Paasches Lukanga, ein One-Hit-Wonder, stammend von einem „Einbuchautor par excellence“ (Helwig 1960: 102), des Weiteren ein ‚Kultbuch‘ der Jugendbewegung (vgl. Herrmann 1989: 48) und, mit einer Auflage von 310.000 Stück (1925), ein Bestseller, dies auch infolge des Vertriebs durch die völkische Kulturreformbewegung namens Dürerbund. Thematisch geht es, so Hermann Meier-Cronemeyer vor über fünfzig Jahren, darum, dass ein blonder Friese „gegen die Unterwelt Hamburgs und den Alkoholismus [kämpfte], aus dem alle Übel, vom vorehelichen Geschlechtsverkehr über Prostitution und Syphilis bis zur Verunreinigung der germanischen Rassen stammten.“ (Meier-Cronemeyer 1969: 1) So ähnlich liest es sich auch in der wohl bisher umfassendsten Textanalyse aus der Feder Ulrich Herrmanns – wenngleich man an ihr tadeln könnte, dass zwar „die Verlobung eines verlotterten, unheilbar an der Syphilis erkrankten Juristen mit einer ahnungslosen blühenden jungen Frau“ (Herrmann 1989: 49) erwähnt, aber leider nicht erkannt wird, dass es sich hier um eine Schlüsselszene handelt, die weitergehende Erläuterungen, insbesondere die im Folgenden anzustellenden, erfordert. Sie stellen die seit Herrmann gängige Rubrizierung des Helmut Harringa als „Anti-Alkoholroman“ (Balcar 2018: 72) in Frage und hätten sicherlich auch dienlich sein können für die allerneueste einschlägige Darstellung, jene von John Khairi-Taraki (2017: 121), insofern die Syphilis hier zwar kurz erwähnt, aber im gleichen Atemzug „der Kampf gegen den Alkohol“ als „roter Faden“ des Romans herausgestellt wird.

Roter Faden? Die oben angestellte Vermutung in Sachen der auch Hermann Popert wohl bekannten Syphiliserkrankung Hans Paasches erlaubt hier einen etwas anderen Schluss. Hilfreich ist in dieser Frage auch Anja Schonlau (2005: 106 f.). Zu beachten ist dabei, dass sich in der Zeit, in der Popert seinen Roman schrieb, unter Einfluss von Rassenhygienikern wie Auguste Forel und Alfred Ploetz die Vorstellung sich durchzusetzen begann, dass „der Sex nicht mehr gefährlich [ist], weil er die Nerven der Einzelnen schädigt, sondern weil durch ihn schlechte Erbanlagen weitergegeben werden.“ (Sarasin 2001: 445) Im Sog dessen entwickelte sich die Syphilidophobie „zu einer Triebkraft der völkischen Lebensreform“ (Radkau 1998: 157) – ein Motiv, dem Hermann Poperts Helmut Harringa zugerechnet werden könnte, und zwar als erstes Exemplar des damit freigesetzten neuen Genre der Anti-Syphilis-Romane in sexualerzieherischer Absicht.21 Dabei hat den Autor, Amtsrichter in Hamburg und militanter Antialkoholiker, womöglich beides umgetrieben: eigene Gerichtserfahrungen, aber auch, wie hier behauptet, der Fall Paasche, also die Geschichte von Hans & Ellen. Ganz ohne Arg diesbezüglich: Kurt Tucholsky, der im Rückblick (1928) den Erfolg von Poperts Helmut Harringa mit dem angenehmen Lustgefühl erklärte, „das es in dem nicht inkorporierten Wandervogel wachrief, der nach […] [Poperts] Schilderungen studentischen Lebens getrost sagen durfte: ‚Seht, wir Wilden sind doch bessere Menschen!‘“ (Tucholsky 1960, Bd. 6: 36) Das war zwar klug beobachtet, aber doch nicht so klug, wie es Tucholsky möglich gewesen wäre, hätte er nicht unter dem Bann gestanden, an seiner aus dem Jahr 1920 herrührende Vorentschiedenheit in Sachen von Paasches (geistiger) Gesundheit gegen Popert festhalten zu müssen.

Nach diesen Vorreden nun zum Roman selbst. Ureigenster Abkunft ist dabei Poperts rassenhygienische Besorgnis, auch seine Anleihen beim damals grassierenden völkischen Ideologem des Antislavismus (vgl. Niemeyer 2013: 120 ff.), das die folgende rhetorische Frage aus der Programmrede des Romanhelden Helmut Harringa inspiriert haben dürfte:

„Wer sind denn die, die bei uns so gewaltig zunehmen an Zahl? Welches Stammes Weiber sind es, die Kinder gebären wie Sand am Meer? Der Polen Weiber, nicht die der Deutschen!“ (Popert 221912: 146)

Es waren, wie man vermuten darf, Passagen wie diese, die den Paasche-Biographen Werner Lange empört ausrufen ließ, mit Seitenblick auf den in der Tat befremdenden Erfolg „dieses Machwerks“:

„Erwähnenswert vielleicht noch, daß zumindest ein Leser [= Hans Paasche] wohl bewegt war von dem im Roman geschilderten Schicksal eines jungen Mannes, der einen leichtfertigen Augenblick mit einer Syphiliserkrankung und schließlich mit dem Leben bezahlte.“ (Lange 1995: 110)

Man fasst es nicht und kann es nur unter ‚gewollter Zusammenhangsblindheit‘ verbuchen: Ausgerechnet Lange, dem wir letztlich die eingangs nacherzählte Geschichte von ‚Hans & Ellen in der Verlobungszeit 1907/08‘ verdanken, übersieht diese Fähre, befangen von der Frage, wie es denn bloß um alles in der Welt passieren konnte, dass Paasche „zunächst hinwegsah über die im ‚Harringa‘ offenbare nationalistische und rassistische Mythomanie.“ (ebd.: 111) Meine Vermutung wäre: Dies konnte passieren, weil Paasche zu jener Zeit noch gar nicht so dezidiert anti-nationalistisch dachte, wie sein Biograph infolge seiner eigenen, hagiographischen Erzählweise zu glauben beginnt, zu Lasten eines offenen Blicks dafür, woraus sich das spezifische Interesse Paasches für Helmut Harringa erklärt: aus der, wie man wohl mutmaßen darf, düsteren Ahnung, dass es in dieser Geschichte seines Freundes auch um ihn (& Ellen) ging.

Deutlicher wird dies, wenn wir uns den Roman in seinen Einzelheiten einmal etwas genauer anschauen. Gestrickt ist die Geschichte nach dem bewährten Rezept der Kontrastierung von Gut und Böse, in diesem Fall: Der gute Syphilitiker heißt Friedrich, hat (wie Nietzsche, soll man hier wohl ergänzen) im jugendlichen Übermut ein einziges Mal ein Bordell besucht, sich unglücklicherweise gleich bei diesem einen mal infiziert und sucht „den Selbstmord in der See, weil er mit ‚geschändetem Leibe‘ nicht leben will.“ (Schonlau 2005: 437) Instruktiv ist in dieser Frage der Wochen nach der Verlobung im Hause Brooks abgegangene Abschiedsbrief Friedrichs, wonach er den Freitod gewählt habe22 und ins Wasser gehen werde, denn: Nach einem feucht-fröhlichen Abend im Kreise seiner Burschenschaftler sei er von einem Mit-Burschenschafter zu einem Bordellbesuch überredet worden. Der ist allerdings nicht folgenlos geblieben – etwas verbrämt geredet, denn die Vokabel ‚Syphilis‘ wird von Popert, wie in seinem 1920er Nachruf auf Paasche, gemieden und versteckt sich in Sätzen wie: „Der Arzt muß es mir angesehen haben, daß ich mein Schicksal begriff, als er mir den Namen der Krankheit nannte.“ (Popert 201912: 220) So womöglich auch Hans Paasche im Juni 1907 bei seinem erwähnten Arztbesuch, vor allem aber und der Fiktion des Autors zufolge: So Friedrich am 13. Juli 1904, erläuternd hinzufügend als nur noch halb erinnerte Reminiszenz an jenen Bordellbesuch:

„Eine häßliche Haustür mit einer roten Laterne darüber. Und dann plötzlich helles Licht, ein schön eingerichtetes Zimmer, Sprechen und Lachen von einem halben Dutzend weiblicher Stimmen.“ (ebd.: 228)

Dies wiederum wirkt wie abgeschrieben aus der drei Jahre zuvor (in realer, nicht fiktiver Zeitrechnung) von Nietzsches Freund Paul Deussen berichteten Anekdote:

„Nietzsche war eines Tages, im Februar 1865, allein nach Köln gefahren, hatte sich dort von einem Dienstmann zu den Sehenswürdigkeiten geleiten lassen und forderte diesen zuletzt auf, ihn in ein Restaurant zu führen. Der aber bringt ihn in ein übel berüchtigtes Haus. ‚Ich sah mich‘, so erzählte mir Nietzsche am andern Tage, ‚plötzlich umgeben von einem halben Dutzend Erscheinungen in Flitter und Gaze, welche mich erwartungsvoll ansahen. Sprachlos stand ich eine Weile. Dann ging ich instinktmäßig auf ein Klavier als auf das einzige seelenhafte Wesen in der Gesellschaft los und schlug einige Akkorde an. Sie lösten meine Erstarrung, und ich gewann das Freie.‘“ (Deussen 1901: 24)

Diese Anekdote, die den Schluss auf einen weiteren, diesmal zur Infektion führenden Bordellbesuch Nietzsches erlaubte, lud Thomas Mann in seinem Nietzsche/Syphilis-Roman Doktor Faustus (1947) mit literarischer Bedeutung auf, dahingehend etwa, dass der als Spätfolge dieser Infektion zu deutende Turiner Zusammenbruch Nietzsches im Januar 1889 sowie der Zusammenbruch Deutschlands und des Hitler-Regimes im April/Mai 1945 in Vergleich gesetzt werden könnten. (vgl. Brann 21978: 212 f.)

Weniger bekannt als dies, deutlicher: so bisher noch nicht erzählt: Dass Nietzsches Schwester, eine militante Gegnerin der Syphilisdiagnose bezogen auf ihren Bruder und insoweit dieser Militanz halber durchaus vergleichbar mit jugendbewegten Leumundszeugen pro Paasche, Deussens insoweit sehr folgenreiche Anekdote auf überaus aufschlussreiche Art und Weise entsorgte. Offener Widerspruch war nicht ratsam, dafür war Deussen zu wichtig, auch für das Image des von der Schwester aufgebauten und auf Spenden angewiesenen Weimarer Nietzsche-Archivs. Also griff sie nach einer anderen Lösung: Im Zuge der Neufassung ihrer Darlegung der Jugend- wie Studentenjahre ihres Bruders für das Buch Der junge Nietzsche (1912) erwähnte sie Deussens Bordellgeschichte mit keiner Silbe, verlegte sie allerdings zeitlich nach vorn, von Februar 1865 auf Oktober 1864. Deutlicher: Die Deussen-Mär von 1901 überdeckte sie so durch Erinnerungen an „einen entfernten Verwandten Deussens mit Namen Ernst Schnabel“ (Förster-Nietzsche 1912: 142). Der Trick dabei: Diesen Schnabel gab es wirklich, wie ein 1864er Brief Nietzsches belegt,23 zusammen mit einem weiteren Schreiben vier Jahre später, diesmal an Deussen, „die angenehme Nachricht von Ernst Schnabels Verheirathung“ betreffend und endend mit: „Wenn Du ihm auch in meinem Namen einmal Glück wünschen willst, so machst Du mir eine besondere Freude“ (2: 271) – nicht nur eine Floskel, wie es scheinen will, vor allem aber: ein bitter nötiger und leider nicht in Erfüllung gegangener Wunsch. Dies zeigt die ganze Geschichte, die Deussen 1901 unterbreitete: Schnabel, sein „nächster Freund“ und Cousin, sei ein rechter Luftikus gewesen, der 1874, also nur sechs Jahre nach seiner Eheschließung, am „gelben Fieber“24 in Havanna gestorben sei, nachdem er nach dem Tod seiner Frau dahin auswanderte. Deussen – so viel wird deutlich – betrauert den Tod „Mariechens“, dieses „seelenguten Mädchens“ (Deussen 1901: 16) – mit Geburtsnamen Maria Stürmer – recht lautstark, nicht ohne Grund. Denn schließlich hatte er, wie ja schon von Nietzsche in seinem 1864er Brief erzählte, heftig, aber erfolglos um sie geworben. Dann aber musste er mit ansehen, wie Schnabel sie unglücklich machte. Deussen, eigentlich ein stocktrockener Professor, an dieser Stelle aber beinahe im Ton eines Novellisten der französischen Schule:

„Leichtsinnig, wie der war, gründete er mit einem anderen ein Geschäft in Barmen, heiratete sein und mein Mariechen und lebte einige Jahre herrlich und in Freuden. Das Geschäft ging zurück und mußte aufgelöst werden; der Kummer nagte an Mariechen, sie gebar ihrem Gatten ein Söhnchen und starb.“

Aber es kam noch schlimmer: Bald nach dem Tod des Vaters auf Kuba starb auch der von ihm bei den Großeltern gelassene Sohn, so dass sich „über dieser ganzen Liebestragödie das Grab geschlossen hat.“ (ebd.: 17)

Also eine Lovestory, mit Deussen in der Rolle des um seinen Freund, vor allem aber um dessen Frau Trauernden, mehr als dies: eine Tragödie, verursacht womöglich gar durch Syphilis? Wir wissen es nicht, ahnen nur, dass Förster-Nietzsches sehr ausführliches 1912er Referat dieser von ihr noch 1895 komplett ignorierten Story Sinn machen muss – möglicherweise den, zu suggerieren, die von Deussen auf Februar 1865 datierte Bordellgeschichte passe viel eher auf Schnabel denn auf Nietzsche, vielleicht habe er, Deussen, ja die Namen verwechselt. So habe Schnabel, erzählte Deussen 1901 des Weiteren und referierte die Schwester nun, 1912, lang und breit, auf einer 1864er Rheinreise abends in den Gassen Königswinters mit Nietzsche als Beteiligtem „allerlei lose Reden von einem armen rheinischen Jungen, der um ein Unterkommen für die Nacht bitte“, gehalten, und auch „Nietzsche flötete und girrte; sein’s Liebchen, sein’s Liebchen“, ehe dann folgte, in Deussens Bericht:

„Gleichsam als Sühne für dieses, übrigens vereinzelte Vorkommnis geschah es, daß wir am nächsten Tag im Klavierzimmer des Berliner Hofes eine Flasche Wein bestellten und durch das wundervolle Phantasieren Nietzsches unsere Seelen läuterten.“ (ebd.: 18)

Nochmals sei es betont: Nietzsches Schwester referierte diesen Abschnitt in Der junge Nietzsche ausführlich (vgl. Förster-Nietzsche 1912: 142 ff.), verlor aber nicht ein Wort über die von Deussen 1901 nur vier Seiten später präsentierte Bordellanekdote vom Februar 1865. Warum? Nun, eine Vermutung wäre: Da einige Ingredenzien dieser Anekdote, etwa das Klavierspiel Nietzsches, schon in jener auf Oktober 1864 bezüglichen Königswinter-Szene ent- halten waren, allerdings mit einer sehr viel fragwürdigeren Hauptperson wie Schnabel im Zentrum, hoffte Nietzsches Schwester mittels ihrer 1912er Mär denjenigen, die nur von ungefähr um die Deussen-Mär wussten, suggerieren zu können, sie habe sich nicht auf Februar 1865 (Köln), sondern auf Oktober 1864 (Königswinter) bezogen – und also nicht wirklich ihren Bruder als Hauptperson im Sinn, sondern den 1874 an einer Tropenkrankheit verstorbenen Luftikus und mutmaßlichen Syphilitiker Ernst Schnabel. Details freilich, um die Popert – sein Helmut Harringa erschien zwei Jahre vor Förster-Nietzsche Der junge Nietzsche – nicht wissen konnte.

Anders steht es da schon um Franz Adam Beyerleins (1871-1949) Anti-Syphilis-Roman Jena oder Sedan? (1903), in dem die Nebenfigur Albina, „bald als Kellnerin, bald als Büfettmamsell oder etwas noch ganz anderes“ (Beyerlein 1903: 195) vorgestellt, zu dem „Treiben ihres Gatten“ meinte:

„Nach ihrer Ansicht zehrte eine schleichende Krankheit an ihm. Über kurz oder lang mußte das Leiden zum Ausbruch kommen.“ (ebd.: 527)

Erinnert sei hier an Poperts oben schon beigezogene Bemerkung, Paasche habe aus Afrika „ein schleichendes, unheilbares Leiden mitgebracht“ (Popert 1920: 293) – offenbar also ein damals gängiger Code für Syphilis. Schauen wir uns deswegen diesen Roman, den meistgelesenen des Jahres 1903, einmal etwas genauer an, der Frage folgend, ob dessen Verfasser, ein Altersgenosse Paasches, der aus Erinnerungen an seine eigene Militärzeit (in Pirna) schöpft, womöglich die Geschichte Paasches gleichsam vorerzählt, Popert also an sich brennend hätte interessieren müssen, zumal: Der Held dieses Romans, Leutnant Reimers, erinnert auf frappierende Weise an Paasche: schneidig wie er, mit – recht düsterer – (Süd-) Afrika-Erfahrung wie er, an die er sich während eines Manövers auf einem Truppenübungsplatz in der Heide erinnert fühlt, so dass ihm urplötzlich, wie Paasche, „das Schreckliche des Krieges klar und bestimmt auf[ging]: Menschen, die sich rasenden Tieren gleich anfielen und zu töten suchten, Blut und Feuer, Tod und Verwüstung.“ (Beyerlein 31903: 705 f.) Wenig überraschend also, dass derlei Räsonieren gegen Ende des Romans einmündet in militär- wie zivilisationskritischen Anwandlungen bis hin zur Vision eines neuen Deutschlands als eines „Landes des Friedens und des Glückes.“ (ebd.: 726) Wichtiger, und dies ist nun die entscheidende Parallele zu Paasche, deutlicher: zum Fall Paasche: Auch Reimers ist von einem Leiden heimgesucht, das indes über Seiten hinweg nur vage angesprochen wird, ebenso wie dessen Genese. Diesbezügliche Aufforderungen von Regimentskameraden („Na, Reimers, nun schießen sie mal los! Blättern Sie Ihr südafrikanisches Kriegstagebuch auf! Wir sind ganz Ohr!“; ebd.: 103) verhallen entsprechend resonanzlos. Auch die panische Angst der von diesem womöglich dann doch nicht so gesunden Leutnant heimlich Geliebten, einer unglücklich verheirateten und in Abstinenz lebenden Tennis-Beauty25 und Hauptmannsgattin (Hanna von Gropphusen) vor einer Schwangerschaft an und für sich26, bleibt als nicht wirklich aufgeklärtes düsteres Rätsel lange Zeit im Raum stehen – es sei denn, man nähme an, sie wisse um ihr „verschwiegenes Leiden“ (ebd.: 118) und/ oder ahne um die tödliche Fracht des Samens ihres Gatten, eines Wüstlings von Renaissance-Format.27 Reimers, lange hoffend, doch noch zum Zuge zu kommen, aktiviert schließlich Plan B, entscheidet sich wider sein Herz (das Hanna gehört) für das jungfräuliche Obersttöchterchen Marie, allerdings, wohl eines allerletzten Nachdenkens über Plan A halber, erst einmal in den Wald reitend, absteigend, einschlafend – um zu erwachen „von einem zarten Kitzeln und Prickeln“, ein „zierliches Figürchen“ wahrnehmend, mehr als dies: „Ein schwüler Hauch entströmte der raschelnden Seide ihres Gewandes, ein Hauch von Verderbtheit, wie aus dem verlockenden Treiben einer Großstadt herüberwehend“ (ebd.: 581 f.)28 – kurz und um zur Pointe zu kommen: Ein paar Wochen später teilt ihm der Oberstabsarzt einen Befund à la Paasche mit, inklusive der Aufforderung:

„Ein anständiger Kerl heiratet unter solchen Umständen nicht. Wenn er es tut, begeht er – wissentlich oder unwissentlich […], – ein Verbrechen. Nicht nur an der einen Frau, sondern mehr noch an seinen Kindern“ (ebd.: 583)

– eine Mär, die Maries Vater später, unter Rückgriff auf die gleichfalls syphilisbedingte Leidens- und Sterbegeschichte eines Vetters29, aktiviert, um seiner Tochter Marie die Gründe für Reimers Verzicht schmackhaft zu machen. Dieser indes hält nach einigem Nachdenken Plan A keineswegs für erledigt – mit Erfolg: Hanna gibt sich Reimers endlich hin, nachdem er weiß, dass ihr bisheriges Zögern den Grund in der Sorge vor der venerischen Mit-Gift ihres inzwischen nach einem Sex-Skandal ins Ausland geflüchteten Gatten hatte, ein Bedenken, das nun aber in Wegfall kommt, zumal sie weiß, dass auch er, Reimers, seit jener Waldesszene mit (mutmaßlich) Albina infiziert ist – eine Lösung nicht ohne Vorbild, wie man vielleicht noch hinzusetzen darf, allerdings ohne dies hier näher erläutern zu können (vgl. Niemeyer 2019: 97 ff.), mit Seitenblick auf den Syphilitiker Guy de Maupassant (1850-1893). Eine Lösung allerdings mit einem ganz neuen Problem im Gefolge, der Sorge nämlich bezüglich einer einschlägig infizierten Leibesfrucht. Heißt: Was Hanna angeht, bleibt nur der Freitod, den sie recht sportlich inszeniert: als Reitertod, selbstredend mit Pferd. (Beyerlein 31903: 718) Zusammenfassend geredet: Beyerlein entlarvt, hart an der Grenze zum Romanheftchen-Kitsch und mit einigem Gespür für die Interessenlagen des Voyeurs, die Militärszene um 1900, der Paasche zugehörte, als eine Art zweites Sodom und Gomorrha à la Martin Luther (vgl. Niemeyer 2019: 208 ff.) und Johann Hinrich Wichern (ebd.: 150 ff.), mit dem allfälligen Suff als Dauergast und der Syphilis als abgeleitetem Problem, von Beyerlein (aber das ist eher die Regel) nicht beim Namen genannt, aber stets (vor allem in Afrika und südlichen Ländern wie Italien) präsenten gefährlichen Gast. Fazit: Der Schreckensruf „Syphilis!“ hallt, zur Seite der sozialen Diagnose hin, durch den ganzen Roman, ebenso wie der Hilferuf „Sozialpädagogik!“ oder nach so etwas wie sozialer Therapie. Sei es für die haltlose Kellnerin, den wüsten Leutnant, den dekadenten Hauptmann oder Albinas prügelnden Gatten.

Womit wir nun endlich zu Popert kommen können mit der Frage nach dessen Antwort auf den in Rede stehenden Schreckensruf. Es will scheinen, diese (sozialpädagogische) Antwort sei sozialstruktureller Art und konzentriere sich auf die Ausrufung seines Helden Helmut Harringa als Gegenidol in wilder Zeit. Für Helmut jedenfalls ist die Sache nach dem Freitod seines Bruders Friedrich, eines „Siegfried, den ein finsterer Hagen erschlug“ (Popert 201912: 220), klar: „Ich will ein Krieger sein im Heere des Lichts“ – namens und im Auftrag einer wunderlichen Prozession von Untoten, der zuletzt die vom Syphilitiker Eduard Wendland geschändete Lili Brooks „aus dem Dunkel der Nacht“ beitritt „[u]nd dann ein unendlicher Haufe von blassen Kindern, weinenden Frauen, Jünglingen mit Messerwunden in Brust und Rücken, und Männern in Sträflingskleidern und Spitalsgewand.“ (ebd.: 233) Diese Ikonographie wirkt beinahe wie eine Planskizze zu George Grosz‘ Gemälde Widmung an Oskar Panizza (1917/18) und erinnert an Grosz‘ Beschreibung:

„In einer seltsamen Straße wälzt sich zur Nacht eine höllische Prozession entmenschter Figuren, in den Gesichtern spiegeln sich Alkohol, Syphilis, Pest.“ (zit. n. Ullrich 1997: 502)

Dies nun erlaubt es, den Roman Helmut Harringa seiner Intention nach noch etwas genauer einzuordnen. Denn ein Schelm wäre, wer beim ‚bösen‘ Syphilitiker Eduard Wendland nicht an Hans Paasche dächte, in Teilen jedenfalls: ein Burschenschaftler und Reserveoffizier, lesen wir da bei Popert, der, da „arm und verschuldet“ (Popert 221912: 190), heftig um die 22-jährige Hamburger Kaufmannstochter Lili Brooks wirbt, die allerdings, wie dies damals so Standard war in den Familien des Bürgertums, „in den wichtigsten Dingen des Lebens so unklug und so ungewarnt [ist], wie sie es mit drei Jahren war.“ (ebd.: 184) Soll man hier wirklich noch ergänzen: so wie Maria Stürmer in Fall Ernst Schnabel? Und, dies ist natürlich naheliegender: So wie Ellen Witting im Fall Hans Paasche?

Dies gesetzt, ist auch der Rest klar: Auftritt Friedrich Harringa, also des ‚guten‘ Syphilitikers. Aufgrund einschlägiger Kneipengespräche (analog jener Poperts mit Paasche?) weiß er von Wendland selbst um dessen dunkle Seite, in den Worten des Dichters, damit zugleich die Ruchlosigkeit des ‚bösen‘ Syphilitikers anprangernd:

„Daß sein Leib geschändet war von ungeheilter schmutziger Krankheit, das wußte er [Wendland; d. Verf.] seit zwei Jahren. Daß seine Umarmung Pest war für jeden Frauenleib, den er berührte, das hatte ihm die Erfahrung dieser beiden Jahre oft genug gezeigt.“ (Popert 221912: 190)

Guter Rat war also eigentlich nicht teuer – wäre da nicht Helmut Harringa, der seinen Bruder Friedrich in einem langen Gespräch davon überzeugt, dass dessen Idee, Lilis Eltern vor dem Bewerber zu warnen, zu nichts führen könne außer zu einem Duell mit dem sich zweifellos als tödlich beleidigt gerierenden Reserveoffizier. Dafür sprächen fehlende Beweise, etwa aufgrund ärztlicher Dokumente, die der Schweigepflicht unterlägen. Dafür spräche aber auch die aus falsch verstandener Sittsamkeit resultierende Naivität der Eltern in Sachen der dunklen Seite des Begehrens, die am Ende Friedrich als schlicht eifersüchtigen Mitbewerber um Lilis Gunst dastehen lasse. Friedrich sieht diese Argumentation seines Bruders ein. Dieser wiederum wähnt im Verlauf eines Balles im Hause Brooks in gleichsam letzter Minute, wie Lili instinktmäßig den „Blick der Hyäne“ in Wendlands Augen gewahr wurde, in den Worten des für das Dramatische wahrlich nicht unbegabten Dichters:

„In diesem Augenblick haben das Leben und der Tod um Lili Brooks gekämpft. Und nahe, nahe ist das Leben daran gewesen, sich diese holde Blüte zu retten.“ (ebd.: 192)

Doch zu spät: Die Musik bricht ab – und der nichtsahnende Vater erklärt voller Stolz, so wie vermutlich Anfang 1907 Ellen Wittings Vater, die Verlobung seiner Tochter mit Herrn Wendberg, an dessen Brust Lili Brooks in der Schlussszene des 6. Kapitels „selig“ (ebd.: 196) ihr Haupt bettetet. Mit – und hier enden die Parallelen – absehbaren Folgen, die an den wohl schockierendsten Fall aus Alfred Fourniers Fallsammlung Syphilis und Ehe (1879/81) erinnern: Lili erstes Kind wird totgeboren, und auch für die zweite Schwangerschaft lässt sich nach fünf Monaten nichts Gutes hoffen, gab der jungen Mutter „nichts von der schwellenden Kraft und Frische, die gesunden Frauen das keimende Leben verleihen kann“ (Popert 221912: 258), kurz: Das zweite Kind kommt zwar lebend zur Welt, wird aber „nie darüber nachdenken können, welch‘ köstliches Geschenk ein Leben sein kann“, die Mutter landet in der Heilanstalt, Diagnose: „Hirnlähmung“ (ebd.: 357 f.), Prognose bis zum Exitus: „sechs Monate“ (ebd.: 359). Und der Vater, also Wendberg? Nun, so Anja Schonlau in pointierter Zusammenfassung: Während Lili „noch ihrem Tod entgegen siecht, hat der skrupellose Wendberg bereits eine neue Braut.“ (Schonlau 2005: 437) Und dies alles nur, so Hermann Popert, weil Lilis Mutter an ihrer Tochter die Pflicht der Aufklärung versäumt und dadurch den „untrüglichen Instinkt“ geschwächt habe, „der das reine Weib warnte vor dem Mann mit dem kranken geschändeten Körper“, wodurch auch, so Popert weiter „[d]ie Stimme der ungeborenen Kinder in ihr“ geschwächt worden sei, „die das Gift witterten, das ihnen den Weg ins Leben sperren sollte.“ (Popert 221912: 193) So, in etwa, sieht sie also aus, diese Mär des Hamburger Amtsrichters – deren auf den Fall Paasche bezüglichen Aspekt wir geklärt haben.

Bleibt noch die Frage angesichts von Romaninterpreten angefangen von Ulrich Herrmann und endend bei John Khairi-Taraki: Konnte dies und das dahinter verborgene Syphilisthema bisher wirklich niemand erkennen? Oder wollte dies niemand tun, etwa um die ‚monumentale‘ Historie rund um Paasche nicht zu gefährden? Eine Frage für unseren Epilog.

Epilog

Die Hans-Paasche-Verehrung, so lautete unser Ausgangspunkt, steht und fällt für manch einen Jugendbewegungshistoriker offenbar mit der erfolgreichen Ausgrenzung der dunklen Seiten des gefälligst zu Verehrenden, also mit der Beiseitesetzung seiner 1919er Skepsis gegenüber der von ihm noch 1913 gefeierten Bewegung, des Weiteren mit der Beiseitesetzung der Sympathie etwa eines Jungwandervogel wie Hjalmar Kutzleb für jenen Mörderorden namens Freicorps, dem Paasche zum Opfer fiel. Schließlich, um dies nicht zu vergessen: mit der Beiseitesetzung der dunklen Seite, die der Syphilisfrage inhäriert. Im Prinzip ist zumindest dieses zuletzt genannte Desinteresse vom Ansatz her nachvollziehbar, erklärt es sich aus der natürlichen Skepsis, auf die ein Übermaß von Interesse an der Schlüssellochperspektive gerade in der Wissenschaft berechtigterweise trifft, ebenso wie der 68er Enthüllungswahn vom Typ: „Das Private ist politisch!“

Und doch: Gibt es nicht im Vorhergehenden angedeutete gute Gründe, den Fall Hans Paasche als Beleg für die Notwendigkeit des Gegenteils zu lesen? Sicherlich: Popert hat sich vollstädig im Ton vergriffen, als er in seinem Paasche-Nachruf schrieb: „Für schlimmste Mache halte ich dagegen die jetzt herumgereichte Behauptung, Hans Paasche sei ermordet worden.“ (Popert 1920: 293) Eine Alternative bot, wie mir scheinen will, sechs Jahre später Brunold Springer auf, als er schrieb: „Seine [Paasches; d. Verf.] ruchlose Ermordung hat dem unabwendbaren Fortschreiten der Syphilis vorgegriffen.“ (Springer 1926: 211) Zu Gunsten Springers spricht die Vokabel ‚ruchlose Ermordung‘, zu seinem Nachteil hingegen geriet die Vokabel ‚Syphilis‘, die Popert noch vermieden hatte, wohl, weil er darauf vertraute, dass sein Roman Helmut Harringa den Kundigen darüber instruierte, wie er das Leiden seines Freundes einordnete. Fehlanzeige, wie gezeigt: Niemand in der Jugendbewegungsszene hat sich, bis auf den heutigen Tag, einen Reim der im Vorhergehenden vorgetragenen Art gemacht, besser wohl: machen wollen.

Woraus folgt: Der Schaden ist nun größer als zuvor – kaum für Paasche, dem seine einleitend erwähnten, inzwischen nicht mehr ganz so jugendlichen Verehrer Nils und Marcin derlei Menschlich-Allzumenschliches nach sehen dürften; wohl aber für das sich um Paasche scharende Kartell von Jugendbewegungshistoriographen. Denn der Verdacht dürfte nun erneut neuen Auftrieb erhalten, ihnen sei es, wie schon für die Kindt-Edition ausgewiesen (vgl. Niemeyer 2013: 19 ff.), nur um ‚monumentale‘ Historie zu tun, nicht aber um ‚kritische‘, welche die Zeit an sich so dringend bedarf, wenn sie nicht endgültig zu bloßer Gegenaufklärung verkommen will, wie sie sich, als Teil kulturindustrieller Verblendung, in den Büchern der Kerstin Decker ankündigt, exemplarisch, wie zu erinnern ist: in Meine Farm in Afrika; sowie, wichtiger für die Sache, für die in Zukunft, ganz im Geiste Paasches, zu streiten ist: im Blick auf die Gegenaufklärung allgemein, die, schlimmer wohl noch als zu Paasches Zeiten, vorangetrieben wird durch Menschen, die durch ihr tägliches Agieren und durch das Verschweigen des ihre Deutungsmacht Gefährdenden demonstrieren, wie herzlich egal ihnen die im Zentrum der ‚Meißnerformel‘ stehende Wahrhaftigkeit ist.

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Angaben zum Autor:

Prof. Dr. Christian Niemeyer, ist Professor (i.R.) am Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften an der TU Dresden und lebt in Berlin.
E-Mail: niemeyer-c@t-online.de
Letzte wichtige Veröffentlichung: „Auf die Schiffe, ihr Philosophen!“ Friedrich Nietzsche und die Abgründe des Denkens. Freiburg i. Br. 2019.

Eingereicht am: 15.07.2019
Angenommen am: 20.09.2019

1 Gemeint ist offenbar Tucholsky, der 1922 über den Prozess gegen die Harden-Attentäter berichtet und das (milde) Urteil harsch kritisiert hatte. In diesem Zusammenhang hatte er einen der Täter zu Kutzlebs Empörung als „sexuell verbogenen Wandervogel mit Schillerkragen, hehren Überzeugungen und ungewaschenen Füßen“ (Tucholsky 1960, Bd. 8: 331 f.) charakterisiert.

2 Als Beleg diene hier, dass Stephan Sommerfeld, mit einer Erstfassung dieses Artikels bedacht, nie geantwortet hat. Desgleichen blieben Nachfragen zur Ablehnung einer weiteren Vorfassung dieses Artikels durch Gutachtende von Jugendbewegung und Jugendkulturen. Jahrbuch, gerichtet an drei von zehn Herausgebern desselben, ohne jede Antwort. Ein schon vereinbartes Gespräch mit dem Paasche-Biographen P. Werner Lange wurde nach Lektüre einer Vorfassung, die demnächst in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft erscheinen wird, von demselben abgesagt, ein Mailverkehr mit dem Paasche-Herausgeber Helmut Donat lief unfriedlich aus. Die Drucklegung einer weiteren Vorfassung dieses Artikels für die Pädagogische Rundschau wurde in letzter Minute durch Birgit Ofenbach ohne Angabe von Gründen storniert, eine kritische Rückfrage zu dieser Entscheidung, gerichtet an ihren Mitherausgeber Volker Band, blieb ohne Antwort. Dank gebührt allerdings Susanne Rappe-Weber vom Archiv der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein, die mir wichtige Hinweise gab und mich auf unkomplizierte Art und Weise mit einem Paasche-Text versorgte.

3 Könnte eine Anspielung sein auf Nietzsches auf den geistigen Verfall seit der Reichsgründung anspielenden Aphorismus: „‘Deutscher Geist‘: seit achtzehn Jahren eine contradictio in adjecto.“ (Nietzsche 1889: 104) Hinzuweisen ist hier auf Paasches Freundschaft mit dem jugendbewegten Nietzscheverehrer Walter Hammer (1888-1966), der sich aus Verehrung für dieses Werk seinen Geburtsnamen (Hösterey) ablegte und den Namen des „mit dem Hammer“ philosophierenden Röckener Pastorensohnes zulegte, was dann auch erklären könnte, dass Paasche einen seiner letzten Texte, in welchem er unter der Überschrift „Umwertung aller Werte“ dazu auffordert, „alle Götzen und ihre Tempel [müssen] zertrümmert werden“ (in: Donat/Paasche 1992: 205), ein Nietzschezitat als Motto voranstellte.

4 Dass sie damit nicht allein steht, wie der Fall Siegfried Placzek lehrt, kann kein Trost sein. Immerhin konnte dieser Nervenarzt noch das Kriterium der persönlichen Bekanntschaft mit Peters geltend machen bei seiner vehementen Abweisung des Versuchs des homosexuellen (und wohl auch pädophilen; vgl. Niemeyer 2019:…) Wandervogel-Idols Hans Blüher, Peters als einen gehemmten Inversen auszulegen. (vgl. Placzek 41919: 128 ff.) Dass indes dieser intime Zugang zum Thema nicht notwendig Erkenntnisfortschritt verbirgt, tritt einige Seiten später zutage: Placzek will, als Binswanger-Schüler in Jena, „unauslöschliche persönliche Eindrücke“ (ebd.: 137) vom Patienten Nietzsche davongetragen haben – trägt aber in der Sache nichts wirklich Neues bei, und daran hat sich auch später (vgl. Placzek 1934: 99 ff.) wenig geändert.

5 Schon der Titel Meine Farm in Afrika ist komplett deplatziert, scheint einem Beratungsgespräch mit irgendeiner Bank entnommen, welcher ein windiger Kunde seine Solvenz zu bescheinigen sucht. Die Inhaltsangabe toppt diese Art Verzicht aufs Nachdenken locker: „1887 sprengt eine junge Baronesse alle Rollen, vor allem die der Frau und die des Standes. Sie folgt ihrem Traum von Afrika. Dort hat ein deutscher Privatdozent ein Riesenreich annektiert, sehr zum Verdruss Otto von Bismarcks. Der Amateureroberer Carl Peters und die Kolonie Deutsch-Ostafrika werden Frieda von Bülow zum Schicksal.“ (Rückumschlag) Zum Verdruss Bismarcks? Und was ist mit jenem der dort Ansässigen? Sowie jenen Hunderttausenden unter ihnen, denen die Deutschen in Ostafrika bis 1918 wahrhaft Schicksal waren, weil sie, siehe Carl Peters, Tod und Verderben brachten? Was also ist mit dieser (späteren) NS-Kolonialikone von (im NS-Film von 1941 nach dem Buch von Erich zu Klampen [1938] und dem Drehbuch von Ernst von Salomon [1902-1972], vorm. Freikorps Maerker und Beteiligter am Rathenau-Attenttat [vgl. Niemeyer 2013: 205]) Hans-Albers-Format, deren noch im Kaiserreich straf- wie dienstrechtlich scharf sanktionierte psychopathische Veranlagung nach 1933 kein Problem mehr war, vielmehr 1937 durch einen weiteren Psychopathen (Hitler) nachträglich für rechtens erklärt wurde (vgl. Graichen/ Gründer 32005: 289)? Kein Problem für unsere Baronesse, wie eben an ihrem Carl-Peters-Roman Im Land der Verheißung gesehen, schlimmer allerdings: kaum ein Thema auch für Kerstin Decker, die ersatzweise – beinahe ihr Markenzeichen nach dem Credo: „Wir vergnügen uns zu(m) Tode!“ – Witzchen nach Art des Hauses bevorzugt, zumeist solche auf Kosten Nietzsches, wie etwa diesem hier: „Gäbe es eine angewandte Philosophie, so darf Carl Peters in gewissem Sinne als ins Groteske gekehrte Trivialausgabe von Nietzsches Ideal gelten.“ (Decker 2015: 473) Heißt? Man(n) weiß es nicht, ahnt es nur, wenn man die Fotos dieses wild entschlossen in die Kamera blickenden „kriminellen Psychopathen“ – so Hans-Ulrich Wehler, wie Decker übrigens durchaus weiß (ebd.: 457) – betrachtet, der angeblich seine erotischen Freuden zu finden wusste „zwischen den Frauen seines Blutsbruders“ (ebd.: 118), die dieser dichtend beschwor („Der Übermensch als Erotiker“) in Unter Töchtern der Wüste aus Also sprach Zarathustra IV beispielsweise. Nur am Rande gefragt: Ist sich Decker eigentlich klar darüber, dass sie mit derartigen Witzeleien, jene Dichtung Nietzsches im Kontext betrachtet (vgl. Niemeyer 2019: 120 ff.), im Begriff steht, Carl Peters eine Syphilis anzudichten? Kaum weniger erschreckend: Deckers endlich, nach über vierhundert Seiten, demonstrativ nachgereichtes Bekenntnis in Sachen Kolonialismus und Rassismus vom Typ „Ostafrika ist die Wiege des Homo sapiens“, ergo: „Der Ostafrikaner ist der Primärmensch, alle anderen sind Migranten“ – mit der dann fast unvermeidbaren Selbstdistanzierung: „Die Autorin entschuldigt sich an dieser Stelle beim Andenken der Neandertaler für retrospektive Diskriminierung.“ (Decker 2015: 457) Was, mit Verlaub, sollen solche AfD-nahen Spielchen mit der political correctness seitens einer arrivierten Tagesspiegel-Journalistin?

6 Zu dessen (vorübergehenden) Unterstützern rechnet auch (vgl. Pelger 2008: 238 f.) der in der Jugendbewegungshistoriographie traditionell, etwa in jener der Kindt-Edition, systematisch verharmloste (vgl. Niemeyer 2013: 56 ff.) SS-nahe Rassenzuchtideologe Willibald Hentschel (1858-1947).

7 Diesem Zweck dienten beispielsweise neben den genannten Publikationen zu oder gar von (vgl. Peters 1940) Carl Peters weitere NS-nahe (Roman-) Biographien zu Afrikahelden wie Hermann von Wissmann (1853-1905) (vgl. Heuer 1940) oder auch die Neuauflage des erstmals 1918 erschienen ‚afrikanischen Tagebuchs“ Der Ölsucher von Duala (1933) aus der Feder des auch nach 1945 komplett unbelehrbaren NS-Dichters sowie Freundes des Sozialpädagogen Herman Nohl (1879-1960), Hans Grimm (1875- 1959) (vgl. Niemeyer 22018: 207 ff.), des – so die NS-Literaturkritik – „Sachwalters Deutschlands und seiner Rechtsansprüche auf den afrikanischen Raum.“ (Nadler 1941, Bd. IV: 576)

8 Emin Pascha beging zumindest in einem Fall das Sakrileg – zumindest aus islamischer Sicht, die Slavenhandel zumal mit ungläubigen, dem Tier ähnlichen Eingeborenen Schwarzen nicht untersagt, war beispielsweise von Ali Ghandour (2019) nur ungern thematisiert wird (vgl. Niemeyer 2019c) –, moslemische Slavenjäger der Rache der Bejagten zu überlassen, mit entsprechend grausamen Folgen. (vgl. Meissner 1969: 232; zu der Zeit unmittelbar davor: Mounteney Jephson/ Stanley 1890).

9 Der Konjunktiv im Satz „Die Figur des Emin Pascha könnte einem Karl-May-Roman entsprungen sein“ auf Seite U 2 der neueren Gesamtdarstellung von Patricia Clough (2012) steht, so betrachtet und in Fußballersprache geredet, für ein klassisches Eigentor (ersatzweise: für eine Blutgrätsche des Lektorats).

10 Die Hans Heuer in seinem NS-affinen Wissmann-Roman noch um den Witz zu bereichern suchte: „‘Wenn ich ehrlich sein soll, Herr Major… seitdem ich Emin Pascha gesehen habe, bin ich Antisemit!‘, lachte einer der Offiziere.“ (Heuer 1940: 176)

11 Der Völkermord in Ruanda von 1994, als in einhundert Tagen die Hutu-Mehrheit etwa 75 % der Tutsi-Minderheit massakrierte (mit ca. 800.000 Opfern), hat mindestens eines ihrer Motive in der deutschen Besatzungszeit, insofern man damals in herrschaftspolitischer Absicht die Tutsi, dominierend mit Viehzucht beschäftigt, gegenüber den rassisch angeblich minderwertigen, mit Ackerbau beschäftigten Hutu gezielt aufzuwerten begann.

12 Paasche erstellte diesen Lebenslauf auf richterliche Anforderung im Rahmen seines Verfahrens wg. Aufforderung zum Hochverrat und Landesverrat.

13 „Es ist ja vortrefflich, dass in der ganzen Kolonie eigentlich kein Mensch ist, der mir nicht versicherte, – um den brauchen Sie sich nicht zu sorgen, so wie der sind wenige zum Buschkrieg geeignet etc.“ (Hermann Paasche an Hans Paasche am 18.9.1905 aus Mohorro; zit n. Lange 1995: 49)

14 Etwa: „Ich bin alt geworden. Ich kann mich nicht mehr freuen. Ich habe die Freude schon weitergegeben in meinen Kindern. Es ist furchtbar, die Erscheinungen der Dinge so nutzlos zu sehen, wie ich sie jetzt sehe.“ (in: Donat/Paasche 1992: 171) Ähnlich in einem Brief an seinen Freund Otto Buchinger am 10. März 1917: „Hätte ich sie [meine Kinder] nicht, ich würde jetzt Schluß machen.“ (ebd.: 181)

15 „Ich irrte auch nachts umher und war ohne Wissen meiner Eltern nachts in ihrem Haus…“ (zit. n. Lange 1995: 183) – Episoden, die nicht ungewöhnlich sind im Prodromalstadium der Paralyse. (vgl. Gennerich 1921: 88 ff.)

16 1903 war es gelungen, Syphilis auf Affen zu übertragen, was der exprimentellen Forschung und der Sero-Diagnostik neue Impulse gab. (vgl. Bäumler 1976: 159 f.) Nachdem 1905 der Erreger identifiziert war („Spirochaeta pallida“) (ebd.:135 ff.) und sich als Gewebeparasit erwies, konnte, auf diesen Tierexperimenten aufbauend, 1906 der deswegen erforderliche komplizierte Test auf Antikörper (Wassermann-Test) entwickelt werden. (ebd.: 156 ff.) Die insoweit verbesserbare Diagnose ließ die Hoffnung steigen, auch bald die Therapie optimieren zu können – ein Irrtum: Noch in einem verbreiteten Ratgeber aus der NS-Zeit wird von dem Dermatologen Bodo Spiethoff (1875-1948) – Hitleranhänger schon vor 1933 und verstrickt in die NS-Euthanasie – ausdrücklich gewarnt: „Für den Kranken ist nichts gefährlicher als eine ungenügende und unregelmäßig-lässig durchgeführte Behandlung. Es können dadurch Schäden entstehen, die nie wieder gutzumachen sind.“ (Spiethoff 1936: 349) Und noch im II. Weltkrieg, unmittelbar vor Entdeckung der „idealen Waffe“ Penicillin durch Alexander Fleming (1881-1955; Nobelpreis 1945), wurden 300.000 bei der Musterung als infiziert identifizierte US-Soldaten in eilig geschaffenen Therapiezentren einer mindestens 18-monatigen Behandlung unterzogen. (ebd.: 360 f.. 390)

17 Ähnlich der 1877 im Fall Nietzsche durch Otto Eiser angestellten und seit Alfred Fournier (1879/81) gängigen. (vgl. Niemeyer 2019: 186 ff.)

18 Geschlechtskranke, so der renommierte Gynäkologe Max Flesch (1852-1943 [KZ Theresienstadt]) 1905 in Helene Stöckers Zeitschrift Mutterschutz mit vieldeutigem Seitenblick auf „Matrosen und Marinesoldaten“, die, „wenn sie nach längerer Fahrt an Land kommen, gar nicht zu halten seien“ (Flesch 1905: 278), dürften heiraten, „wenn sie als Syphilitische eine gewisse Zeit unter geeigneter Behandlung hinter sich haben, so dass sie u. a. gesunde Kinder erwarten können.“ Allerdings fügte der Autor ausdrücklich ein „unlogisch“ hinzu und verwies auf die Möglichkeit „parasyphilitischer Nachkrankheiten“, des Gleichen „auf die Unheilbarkeit gewisser Formen des Tripper u. a.m.“ (ebd.: 271)

19 Bezeichnenderweise fehlt dieser Passus in dem – von zahlreichen, markierten und nicht markierten Auslassungen durchsetzten – Nachdruck dieses Textes in der 1992 von Helmut Donat und Helga Paasche besorgten Edition.

20 „Der Jugend, die die Welt erobern will, kann kein besseres Beispiel gegeben werden als die Gestalt unseres Helden“ (Paasche 1916: 7), heißt es, verkaufsklug, gleich im ersten Satz – was, so müssen wir Paasches Biographen verstehen, den Zensor ablenken sollte von der Intention des Autors, den Militarismus in Deutschland zu meinen, wo in diesem Kriegsbericht aus Kamerun 1914/15 „Militarismus in Frankreich schlecht gemacht wird.“ (Paasche im Mai 1916 an Maximilian Harden, zit.n. Lange 1995: 162)

21 In der NS-Zeit erreichte es bei dem mit Berufsverbot belegten und deswegen in das S/FMilieu ‚abgetauchten‘ Ex-Lehrer Rudolf Heinrich Daumanns und seinem utopischem Roman Patrouille gegen den Tod (1939) seinen Höhepunkt, „systemkonform“, so Anja Schonlau unter Berufung auf Sander L. Gilman (1992: 281 ff.), „zur faschistischen Deutung der Syphilis“ (Schonlau 2005: 435), soll heißen: passend zur im Oktober 1939 beginnenden Maßgabe, im Rahmen des Euthanasieprogramms Patienten aller Heil- und Pflegeanstalten mit „therapie-refraktärer Paralyse und anderen Lues-Erkrankungen“ (Schmuhl 1987: 197) zu erfassen.

22 Das Szenario erinnert an Arthur Conan Doyles (1859-1930) Erzählung The Third Generation (1894, dt.: Die dritte Generation), mit entscheidenden Abweichungen: Doyle, der übrigens die Vokabel ‚Syphilis‘ meidet wie die Pest und seinen Helden als ausgewiesen tugendhaft zeichnend, lässt ihn am Vorabend der Hochzeit den Freitod wählen, durch Sturz vor eine Kutsche. Auslöser hierfür: Der Besuch bei einem Arzt, der ihn mit Eheverbot belegt hat wegen Syptomen, die den Rückschluss erlauben auf eine vom lasterhaften Großvater ererbten Syphilis. (vgl. Doyle 1894: 49 f.)

23 In ihm stellt Nietzsche, 19-jährig, Schnabel seiner Mutter wie Schwester als „jungen, äußerst liebenswürdigen Kaufmann“ vor, ergänzt um den Hinweis: „er ist Deussens bekannter und begünstigter Nebenbuhler.“ Das zwischen beiden strittige Liebesobjekt verbirgt sich der zweiten der in diesem Brief Genannten, „Johanna und Marie […], nette Mädchen, indeß nicht meine Art, etwas geschmacklos in ihrer Kleidung.“ (2: 4 f.)

24 In Nachschlagewerken aus jener Zeit konnte man zu diesem Lemma lesen: „[A]n den Küsten der Tropenländer, besonders Westindiens, endemische Krankheit, welche besonders Eingewanderte befällt und in wenigen Tagen unter thyphösen Erscheinungen, Bluterbrechen und Gelbsucht verläuft. Die Sterblichkeit 40-50 %. Behandlung aussichtslos.“ (Meyers…. 21878: 721)

25 Tennis war damals – etwa wie das ‚Parshippen‘ in heutiger, bewegungsmüder Zeit – la dernière crie in Sachen chercher la femme. Als Tennisspieler kann ich in dieser Frage, jedenfalls was den TC Heiligensee angeht, Entwarnung geben (wahlweise: muss für Enttäuschung sorgen).

26 „Ich? Ein Kind? – Um Gottes Willen! Nie! Nie!!/ Dabei nahmen ihre Augen den Ausdruck eines furchtbaren Entsetzens an. Sie hielt die Hände vor ihr Gesicht, als wolle sie etwas ganz Abscheuliches von sich stoßen.“ (Beyerlein 1903: 227),

27 „In der Tat liefen einigermaßen phantastische Gerüchte […] über ihn um, das tollste von einem Ballet, das er sich von fünfzig nackten Tänzerinnen habe vorführen lassen.“ (Beyerlein 1903: 114)

28 Beschreibungen, die sowohl an Hanna, vor allem an Albina denken lassen, zumal Letztere, Ansteckungsträgerin in Sachen Syphilis, in einer der letzten Szenen vor dieser von ihrem sie in flagranti erwischenden Gatten über den ganzen Kasernenhof geprügelt worden war, darob er in der Irrenanstalt landete und sie im Wald verschwand. (vgl. Beyerlein 1903: 529 ff.)

29 Dieser, Otto von Krewesmühlen geheißen und mit einem Majorat im Fränkischen ausgestattet, war „einer Bekanntschaft von der Riviera, die sich auch nicht allein um des Vergnügens willen am Mittelmeer gesonnt hatte“, verfallen, mit entsetzlichen Folgen: „Zwei Knaben wurden geboren, aber Otto von Krewesmühlen war nicht lange Zeit danach gestorben. Der älteste Junge folgte ihm nach, im Majorat und im Tode, und die Witwe und der zweite Sohn gliche zwei Flämmchen, die der Wind des Lebens nur noch aus Gnade und Barmherzigkeit flackern ließ.“ (Beyerlein 31903: 663 f.)