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GESUNDHEIT: AUGEN ZU UND DURCH


manager magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 22.03.2019

GESUNDHEIT Früher prahlte man mit sehr viel Arbeit, heute mit gutem Schlaf. Aufgeweckt entscheidet es sich einfach klüger. Der Megatrend lässt eine Milliardenindustrie entstehen.


Artikelbild für den Artikel "GESUNDHEIT: AUGEN ZU UND DURCH" aus der Ausgabe 4/2019 von manager magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

SCHLAFLOS IN TOKIO
Der Mann im Hotelbett ist der Fotograf Alec Soth, hier freiwillig wach – anders als viele Manager


Foto: Alec Soth / Magnum Photos / Agentur Focus

Florian Weigs (44) neues Leben begann mit einem Unfall. Ein Fußballspiel mit den beiden kleinen Söhnen im Garten, ausgerutscht, Wadenbeinbruch. Acht Wochen Krücken.

Im Sommer 2017 war das. Heute betrachtet Weig, Senior Partner und Büroleiter bei McKinsey in München, ...

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... seinen Sturz beinahe als Segen. Denn er brachte den bis dahin rastlosen Hochleister dazu, sein Leben neu einzurichten.

Weig musste sehr schnell einen Weg finden, Ziele zu ver - einen, die er bis dahin für gegensätzlich gehalten hatte: Um seinen Heilungsprozess nicht zu gefährden, brauchte er Ruhe. Um im engen Terminkalender auch noch Arzt und Physiotherapie unterzubringen, musste er effizienter arbeiten. Die Lösung, für ihn selbst überraschend: Schlaf. „Wenn ich ausreichend und gut geschlafen hatte, war ich am nächsten Tag deutlich klarer und konzentrierter.“

Seit dieser Erkenntnis hält sich Florian Weig so gut es geht seine sieben bis acht Stunden Nacht - ruhe frei. McKinsey missioniert er gleich mit, da gilt er längst als Schlafguru. Sein Team hat er davon überzeugt, nach wichtigen Sitzungen beim Klienten, wenn alle fix und fertig sind, nicht mehr zu feiern, sondern sich zu erholen, „im Sportstudio oder eben im Bett. Gefeiert wird am nächsten Tag.“ Er holte eine Schlafwissenschaftlerin ins Münchener Office, die Schlaftypen analysierte und Rat erteilte. Seitdem gilt im Camp Weig: Wer Leistungs- und Regenerationsphasen richtig managt, kann seine „Peak Performance“ akkurater abrufen.

„Snooze is for losers“, „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“ – derlei markige Sprüche kramt die Leistungselite zunehmend seltener aus ihrem Rhetorikrepertoire. Mit dunklen Ringen unter den Augen im Büro zu prahlen, man habe sich mal wieder nur die allernötigsten Stunden gegönnt, gilt immer öfter als uncool. Dass eine Marissa Mayer gern mit ihren gerade mal vier Stunden Schlaf brüstete, passt ins Bild: als Yahoo- CEO ist sie gescheitert.

Jeff Bezos dagegen, Amazon- Gründer und reichster Mann der Welt, der als junger Programmierer noch mit dem Schlafsack zur Arbeit gekommen sein soll, verkauft seinen Schlaf als Doping für den Aktienkurs: „Ich brauche acht Stunden, um erfrischt und energiegeladen zu sein.“

Continental-Vorständin Ariane Reinhart (49) entrümpelt re - gelmäßig ihre To-do-Liste und versucht, auf ihre sieben, acht Stunden zu kommen. Wer always on ist, den hält sie nicht für professionell: „Busy is the new stupid.“ Rachel Empey, Finanzvorständin von Fresenius, erholt sich ebenfalls mit ausgiebigem Schlaf.

Fitness und Superfood sind auch schon gut, die Besten der Selbstoptimierer aber suchen ihr Heil in erholsamem Schlummer. Ausreichend Schlaf wird in der notorisch gehetzten globalen Leistungsgesellschaft der 24/7- Smartphonenutzer zum Distinktionsmerkmal, zum Kennzeichen der wahren Elite. „Schlaf“, findet die „New York Times“, „ist das neue Statussymbol.“ Dass Roger Federer, einer der erfolgreichsten Tennisspieler aller Zeiten, täglich bis zu elf Stunden die Augen schließt, bekommt man neuerdings in Managerkreisen ständig zu hören, mit bewunderndem Unterton.

Care-Pakete für Übermüdete Nur Erkenntnis und Wille allerdings reichen oft nicht. Eine Umfrage der Max Grundig Klinik auf der Bühlerhöhe unter Führungskräften ergab: 54 Prozent des männlichen und 59 Prozent des weiblichen Managementpersonals sind mit der Qualität ihrer Nachtruhe unzufrieden. Fast die Hälfte kann nicht durchschlafen: zu viel Stress im Büro. Tesla-Chef und Raumfahrtvisionär Elon Musk ist einer der wenigen, der seine Schlaflosigkeit (die er mit einem Cocktail aus Rotwein und dem Schlafmittel Ambien bekämpft) öffentlich problematisiert.

Schlaflos in der Chefetage – eine ganze Industrie hat den Markt der heillos Übermüdeten entdeckt. Auf 100 Milliarden Dollar taxieren Marktforscher den globalen Markt für Schlafhilfen. Viel Raum für Gimmicks und Gadgets also. Boxspringbetten und getunte Matratzen haben sowieso schon die meisten, jetzt kommen Drinks, Brillen, Apps und Ro boter – Schlaf als ultima - tives Biohack.

Was die faktenfixierte Managerkaste elektrisiert, sind neue Erkenntnisse über die Funktionen des Schlafs im Körper. Executive Summary: Schlafmangel beeinträchtigt Konzentration und Kreativität und macht krank.

PUTZMUNTER
LangschläferinAriane Reinhart , Personalvorständin von Continental (o.),Florian Weig , Senior Partner bei McKinsey (l.), Fresenius- Finanz chefinRachel Empey undMichael Süß , Präsident des Verwaltungsrats von Oerlikon (u.)

Galt das Thema in der Wissenschaft früher als eher langweilig und die Chronobiologie, die Lehre von der inneren Uhr, als Wissenschaft für Sensibelchen, ist es jetzt ein heißes Forschungs - objekt – spätestens seit 2017 drei amerikanische Grundlagenforscher der Chronobiologie den Medizinnobelpreis bekamen.

Jungstars wie Jeff Iliff, Asso - ciate Professor an einer medizi - nischen Hochschule in Oregon, wiesen mittels Kernspinaufnahmen des Gehirns lebender Mäuse nach, dass das Gehirn im Schlaf gründlich aufräumt. Die Abfallprodukte des täglichen Energieverbrauchs werden von der Ze - rebrospinalflüssigkeit über die Außenseite der Blutbahnen abtransportiert. Die klare Flüssigkeit spült die Zwischenräume zwischen den Zellen so richtig durch – aber nur wenn wir schlafen. Sonst bleibt der Dreck liegen. Zu den Abfällen zählt Amyloid- beta, ein Protein, das mit Alzheimer in Verbindung gebracht wird. Iliffs Hypothese: Schlaflosigkeit könnte Alzheimer begünstigen.

Auch Leiden wie Demenz, Multiple Sklerose, Parkinson, Diabetes, Depressionen, Rheuma und Migräne assoziieren Studien mit Schlafmangel. Selbst harmlose Krankheiten häufen sich, weil das Immunsystem leidet.

Eine Studie der Western University in London, Ontario, mit 10.000 Teilnehmern brachte zutage: Wer regelmäßig weniger als vier Stunden schläft, trübt seine kognitiven Fähigkeiten stark ein. Das wird dann irgendwann auch teuer: Der US-Thinktank Rand Corporation hat sich eine Rechnung zugetraut, was Arbeitsausfälle und höhere Sterblichkeit aufgrund von Schlafde fiziten für Volkswirtschaften bedeuten. Ergebnis, allein für Deutschland: ein Fehlbetrag von 60 Milliarden Euro pro Jahr.

Gnadenloser Biorhythmus

Der deutsche Oberschläfer ist der Chronobiologe Till Roenneberg, ein leutseliger Wissenschaftler mit Hornbrille und besorgtem Blick, sein neuestes Buch trägt den Untertitel „eine Kampfschrift für den Schlaf“.

Der Biologe und Leiter des Zentrums für Chronobiologie am Institut für medizinische Psychologie der LMU München erforscht das sogenannte zirkadiane System. Er hat mit Pilzen, Einzellern, Vögeln gearbeitet, um die Biorhythmen der Lebewesen zu verstehen.

Roenneberg hält es für einen gefährlichen Irrglauben, dass Schlaf beliebig domestiziert, verschoben und vernachlässigt werden kann. Die Mehrheit der Menschen wird zwischen 22 und 23 Uhr müde und bei Sonnenaufgang wieder fit, dafür sorgt ein komplexes Zusammenspiel von Körpertemperatur, Herzschlag, Blutdruck und Hormonen, das sich allein mithilfe von Licht und Dunkelheit auf den 24-Stunden-Tag einstellt.

Roennebergs Kollege Ken Wright von der Universität Colorado nahm Studenten mit zum Zelten in die Rocky Mountains. Nach wenigen Nächten unterm Sternenhimmel hatten sich ihre in der Stadt extrem variablen Schlafrhythmen weitgehend angeglichen.

Der Bezug zum natürlichen Rhythmus geht verloren, weil der moderne Leistungsmensch sich dem Tag-Nacht-Wechsel der Natur kaum noch aussetzt. Endlose Stunden am Arbeitsplatz bei schwachem Kunstlicht, Handys und Tablets mit schlafvertreibend blauer Lichtstrahlung im Bett, Interkontinentalflüge und Büro-Allnighter bringen alles durcheinander.

Manager mit einer robusten Konstitution mögen dem schlaffeindlichen Lebensstil noch einigermaßen standhalten, sagt Roenneberg: „Dieses Verhalten ist jedoch mit Sicherheit nicht gesund.“

Wenigschläfer, die sich wohl damit fühlen, gibt es dennoch. Die Wissenschaft siedelt ihre Anzahl im unteren einstelligen Prozentbereich an. Christoph Heidt, Chef der Barkette Sau - salitos, zählt dazu. Er steht um 4.30 Uhr auf, geht joggen, alles bestens. Immobilientycoon René Benko ist Fünf-Stunden- Schläfer und kommt damit nach eigenen Angaben gut über die Runden. Genauso wie Twitter- Mann Jack Dorsey und Apple- Chef Tim Cook.

Wer nachts kürzer schläft, dafür aber tagsüber regelmäßig powernappt, kann auch aufs nötige Gesamtpensum kommen. Der sogenannte biphasige Schlaf setzt allerdings die Fähigkeit voraus, in Ruhepausen prompt einschlafen zu können. Ein Drittel der Bevölkerung hat das Talent, sagt die Forschung, zu ihnen gehören Kanzlerin Angela Merkel und Bayer-CEO Werner Baumann. Der Mann schaltet selbst auf harten Sitzbänken an Flughafengates mühelos für eine Viertelstunde ab und ist nach dem Aufwachen wieder voll da.

Michael Süß, Ex-Siemens- Vorstand, heute Präsident des Verwaltungsrats des schweizerischen Mischkonzerns Oerlikon, ein massiger Bayer, kam so ebenfalls jahrzehntelang zurecht. Wenn andere schlappmachten, war er noch putzmunter. Drei bis fünf Stunden Schlaf reichten ihm, „über Monate“. Er hat sich auch mal untersuchen lassen, alles okay. Jetzt, mit 55, braucht er sechs bis acht Stunden Nachtruhe. In dem Alter „ist man in einem anderen Modus unterwegs, das muss man sich eingestehen“. Und Schlafphasen beliebig herumschieben, das geht auch nicht mehr. Termine in Asien um 8 oder 9 Uhr morgens, genau zu der Zeit, zu der die innere Uhr signalisiert: hinlegen!, das empfindet er mittlerweile als hart. Er schafft es trotzdem noch, wenn es sein muss: „Der Körper ist dann eben vier Tage im Sondermodus.“

Süß regeneriert heute gern im Auto: Auf langen Fahrten klappt er den Beifahrersitz runter und legt ein Federkissen auf die Kopfstütze. Das Kurzschlafgen betrachtet er als Geschenk Gottes. „Man hat’s oder hat’s nicht.“ Die es nicht haben, machen sich fertig. Er kennt viele, die für die Härten des Jobs nicht gemacht sind.

TRAUMVERKÄUFER
Sleep.ink- Gründer Jan-Frieder Damm (o.), Fabian Foelsch von Braineffect (r.) und Hans Vriens (Snoooze)

Boombusiness Schlaf

Etliche nehmen Pillen. Andere gehen strategisch ran. Wie McKinsey- Mann Weig. Er nähert sich seinem Schlafbedürfnis inzwischen wie einem Kundenproblem. Eine App rechnet ihm vor, wie viel Schlaf er verliert, wenn er mal die Nacht zum Tag macht. Abends filtert er blaues Licht aus Smart - phone oder Tablet, weil es die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin blockiert. Die letzte halbe Stunde vor dem Einschlafen verbringt Weig wieder mit Buch oder Zeitung. Statt sich morgens in aller Herrgottsfrühe in den Flieger zu quälen, reist er lieber am Vorabend beim Klienten an. Wenn er so auf 7,5 Stunden Schlaf pro Nacht kommt, geht es ihm gut. Und wenn Weig seinen Klienten von seiner Schlafbesessenheit erzählt, erntet er mittlerweile „viel positive Resonanz“.

Etliche Führungskräfte gondeln hingegen weiterhin als halbe Leichen durch die Welt, ohne es sich einzugestehen, beobachtet Hans Vriens (54). Der drahtige, gut gelaunte Niederländer ignorierte sein Schlafbedürfnis selbst jahrelang. Vriens war Mitarbeiter Nummer drei bei Red Bull, hat den Energydrink in 38 Ländern eingeführt und das USA-Geschäft aufgebaut. Später rackerte er im Topmanagement bei Barry Callebaut, dem größten Schokokonzern der Welt. Als Entwicklungsvorstand bereiste er oft zwei Kontinente pro Woche: „Dass ich müde war, wäre noch milde ausgedrückt.“ Das Handy immer am Mann, angeschaltet auch nachts neben dem Bett. Permanent im Leistungsmodus, „das wird erwartet, die modernen Kommunikationsmittel setzen die Norm“.

Vriens experimentierte mit Diäten, Fitness, Yoga, bevor er sich entschied, einfach mal früher zu Bett zu gehen und länger liegen zu bleiben. Seither weiß er, dass Schlaf „lekker Vorteile“ bietet, sagt er mit Rudi-Carrell-Akzent: „Schlafhormone fördern das Sättigungsgefühl und das Immunsystem, selbst das Sportprogramm kann ich reduzieren.“

Und die Motivation steigt: „Lassen Sie die Leute schlafen, und Sie müssen keinen Bonus mehr auszahlen.“ Weil er so lange Getränke gemanagt hat, macht er jetzt selbst eins. Eine Antithese zu Red Bull: Seinen Snoooze-Drink (Passionsblume, Zitronenmelisse, Lindenblüte, kalifornischer Mohn) gibt es in regular und strong, auf Baldrianbasis. Die Idee stammt von Vriens’ Gattin.

Das Business of Sleeping ist zum Tummelplatz für Innovatoren geworden. Schlaftabletten werden wegen ihres Abhängigkeitspotenzials gefürchtet und passen nicht zum Selbstbild des fitnessgestählten, gern auch ve - ganen Topperformers. In die Bresche springen Konzerne wie Apple und Philips genauso wie kleine, junge Firmen. Es gibt ständig neue Cocktails, Apps und Gadgets, die den Schlaf überwachen, vor allem aber helfen sollen, ihn zu optimieren.

Elektroden, die die Gehirnaktivität messen und an Kopfhörer gekoppelt sind, die Musik einspielen um die Tiefschlaf-Deltawellen zu verlängern; ein Schlafroboter fürs Bett, der den optimalen Atemrhythmus vorgibt – das problemlose Einschlafen ist nur der erste Schritt. Gesunder Schlaf meint vor allem: Durchschlafen. Der Stoff, aus dem die Träume sind, heißt derzeit Melatonin. Darauf setzt Sleep.ink, ein flüssiger Kräutermix mit Sauerkirschgeschmack. Die drei Gründer aus Berlin-Wedding um Jan-Frieder Damm (28) haben sich vorher an veganer Biotrinknahrung versucht und sind pleitegegangen.

Sleep.ink läuft besser, man ist schon bei Douglas gelistet. Auch Braineffect, wieder aus Berlin, diesmal aus Weißensee, arbeitet mit Melatonin. Gründer Fabian Foelsch (32), Ex-Leichtathlet (Diskus), überzeugter Biohacker und Selftracker, will nicht einfach nur Ruhe einkehren lassen. Er ist angetreten – und das klingt schon wieder etwas anstrengend –, aus dem Schlaf das Optimum herauszuholen. Sein Topseller ist Sleep. Foelsch setzt auf Wirkung statt Geschmack: Er verpackt das Melatonin in Kapseln und ein schwach minziges Spray.

Das Hormon, das im Körper von der Zirbeldrüse gebildet wird und in der Natur unter anderem in Pistazien vorkommt, gilt als einschlaffördernd. Der Vertrieb in dieser Dosis könnte in Deutschland unter das Arzneimittelgesetz fallen, darüber streiten sich Me - latoninanbieter noch mit der Justiz. Gekauft wird es längst. Zu Foelschs Kunden gehören Schalke 04 und Biathletin Vanessa Hinz sowie Berliner Entrepre - neure wie Hellofresh-Mitgründer Dominik Richter

Meetings erst ab 12 Uhr

Schlaf als neues Lifestylekonzept verkörpert Foelsch, Medizinersohn aus Marburg, natürlich auch selbst. Er hat gleich seine ganze Firma, 40 Leute, auf optimale Schlafbedingungen eingenordet. Per Fragebogen ließ er den Chronotyp jedes Mitarbeiters er- mitteln. Begeisterte Frühaufsteher können um 6.30 Uhr mit der Arbeit beginnen, Nachteulen müssen nicht vor 10 Uhr da sein. Bis 12 Uhr gibt es keine Meetings. Auf den Stehpulten stehen große Tageslichtlampen, die auch bei schlechtem Wetter für ausreichend Lux sorgen sollen.

Sogar einen eigenen Arbeitsrhythmus hat der Gründer angeregt: auf 50 Minuten Konzentration folgen 10 Minuten Pause, die als Work-out im Bewegungsraum oder an frischer Luft genossen werden können. Das hat er sich von Sportwissenschaftlern ab - geschaut, die Topathleten begleiten: „Arbeit ist Marathon. Mikroregenerationsphasen sind essenziell, um optimale Produktivität dauerhaft abrufen zu können. Kein Athlet trainiert drei Stunden nonstop auf intensivstem Niveau.“

Auf der Packungsbeilage der Sleep- Produkte prangt ein QR-Code, mit dem Kunden ein 30-tägiges Schlaf - coaching per Chatbot abrufen können. Einschlafen, durchschlafen, tiefschlafen – die App hat stets eine Antwort.

Den Königsweg zum Premiumschlaf haben aber bislang auch die Schlafentrepreneure nicht gefun - den. Dafür sind die Mechanismen, das Zusammenspiel von Tiefschlaf, Traumschlaf und kurzen Aufwachphasen, zu komplex und noch zu wenig erforscht.

Experten wie Ingo Fietze, Schlafmediziner an der Berliner Charité (siehe Kasten „Einnicken hilft“ rechts) und Autor des Buches „Die übermüdete Gesellschaft“, propagieren vorerst einen simpleren Ansatz, um den Leistungsdruck aus der Nachtruhe zu nehmen. Fietze wünscht sich eine Arbeitsgesellschaft, in der „jeder mittags einfach mal 20 Minuten den Kopf auf die Tastatur legen darf, ohne schief an - geschaut zu werden“. Die meisten Arbeitgeber ignorierten die Dauer - müdigkeit ihrer Mitarbeiter.

Immerhin: Bei Bayer wird Schlaf - hygiene inzwischen trainiert. Es gibt ein Onlinecoaching und die besten Schlaftipps „von Kollegen für Kol - legen“ als Postkartenedition. Ganz Bayer soll gut schlafen können. So wie CEO Baumann.


Fotos: Franziska Gilli / laif, Thomas Effinger / McKinsey, PR, Ute Grabowsky/photothek.net

Fotos: Till Rimmele, PR, Wild + Team Fotoagentur / APA / picture alliance