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GESUNDHEIT: Das EKG am Handgelenk


Chip - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 05.07.2019

Die aktuelleApple Watch erkennt, wenn das Herz aus dem Takt gerät. Diese EKG-Funktion soll Leben retten


Artikelbild für den Artikel "GESUNDHEIT: Das EKG am Handgelenk" aus der Ausgabe 8/2019 von Chip. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Chip, Ausgabe 8/2019

Apples größter Beitrag zur Menschheit wird „die Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens der Menschen sein“, sagte Apple-Geschäftsführer Tim Cook Anfang des Jahres in einem Interview. Kurz zuvor hatte sein Unternehmen die EKG-Funktion für die Apple Watch Series 4 freigeschaltet.

Zusammen mit dem schon länger funktionierenden Pulsmesser besetzt die schicke Computeruhr damit einen Platz zwischen Fitnesstracker, Mode-Accessoire und Gesundheitssensor. Als Apple Ende März die neue EKG-Funktion ...

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... der Apple Watch auch in Deutschland freischaltete, war ich einer der ersten, die sie mit einem Testgerät ausprobieren konnten. Uhr umgeschnallt, AGBs akzeptiert, illustrierte Belehrungen über mich ergehen lassen und dann der erste Versuch: Hübsch animiert startet die EKG-App, mit dem rechten Zeigefinger berühre ich die Krone der Uhr und ein Teststrom fließt einmal durch meine Arme, quer über mein Herz und zurück in die Uhr. Auf dem Weg zeichnet das EKG auf, wie meine Herzmuskeln arbeiten. Das Ergebnis entspricht einem Ableitung-I-EKG: ein Messkanal, der horizontal durchs Herz führt. 30 Sekunden dauert diese Messung und ist so hübsch animiert, dass ich sie gleich wiederholen will: So retrofuturistisch schick sahen EKG-Rhythmusstreifen sicherlich noch nie aus. Und dass sich beim Start der App aus einer Punktwolke auf dem Uhrendisplay ein Herz formt und parallel dazu aus den Einzelmessungen eine Datenwolke meines Herzens in der iCloud: An dieser Symbolik werden sich die Nachahmer die Zähne ausbeißen.

Aber das elegante Design kann mich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um den Tod geht. Genauer: um meinen. Mit ihrem einzigen Messkanal und etwas Rechenarbeit kann die Apple Watch Hin- weise auf Vorhofflimmern entdecken, die unkoordinierte Tätigkeit der Herzvorhöfe. Ein bis zwei Prozent aller Menschen leiden unter diesen Störungen. Oft gibt es keine erkennbare Ursache; in zwei Dritteln aller Fälle ist eine andere Herzerkrankung der Grund. Aber siebzig Prozent aller Patienten wissen nichts von ihrem Problem. Sie fühlen sich nur matt, schlafen schlecht oder ihr Herz stolpert und rast. Weil mit Vorhofflimmern aber oft andere Herzkrankheiten einhergehen, ist das Risiko für Betroffene deutlich erhöht, frühzeitig zu sterben. Geheilt werden kann Vorhofflimmern zwar nicht, aber die Symptome können erfolgreich behandelt werden.

AUSPROBIERT
Die Apple Watch Series 4 zeichnet Ein-Kanal-EKGs auf und erkennt automatisch Vorhofflimmern des Herzens. Preis: zwischen 429 und 529 Euro


Ein ganz normaler Sinusrhythmus – oder verbirgt sich doch ein fatales Problem im Datenrauschen? Die medizinische Selbstvermessung ist nichts für Hypochonder


Potenzieller Lebensretter

Als mir Apple die Testuhr überreichte, konnte ich nicht anders als nachrechnen: Wenn auch nur jeder Hunderste Uhrentester ein Vorhofflimmern erkennt und sieben von zehn davon zum ersten Mal hören, dann hat Apple bald eine hübsche Sammlung journalistischer Erfolgsgeschichten: „Wie mir die Apple Watch das Leben rettete.“ Werde ich zu den glücklichen Unglückligen gehören? Nach ein paar Wochen Herzmessung kenne ich nur den Entwarnungs-Hinweis meiner Test-Watch: Von 24 Messungen zeigten zwanzig einen gesunden Sinusrhytmus, null ein Vorhofflimmern, null eine niedrige oder hohe Herzfrequenz und vier ein uneindeutiges Ergebnis an.

Ich könnte durchatmen (auch daran erinnert mich die Apple Watch) und mich über das Ergebnis freuen. Aber dazu bin ich zu rational. Erstens ist die Watch zurückhaltend mit Diagnosen und gibt eher falsche Entwarnung als falsche Warnungen aus. Andererseits kann sich schon morgen mein Herz gegen mich entscheiden. Solche Gedanken hatte ich nicht, bevor ich mich vom Nutzen der Uhr überzeugen wollte. Ich kenne jetzt einen Datenpunkt mehr über meinen Körper und trotzdem bleibt mir so viel verborgen. Warum der Stress – und die Angst?

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die ständig ihre Gesundheit überwachen wollen. Elektronische Nabelschau, Fitnesstracking und Lebensstilkontrollen sind mir nicht nur fremd. Ich lehne diese Art der Selbstoptimierung sogar ab: Ich bin keine Maschine, die ständig einer fiktiven Optimalleistung hinterherrennt. Und die Apple Watch ist ja auch nur der Anfang, nicht nur für Apple. Bald schon sollen Wearables auch den Blutzuckerspiegel, Blutsauerstoff und andere Gesundheitswerte erfassen.


Der Blick ins Herz
Über die Health-App kann man seine Herzdaten mit Ärzten teilen


Chemielabors auf Chips können Krankheitsmarker am Handy entschlüsseln und selbstlernende Programme von der Haut- bis zur Lebensstilveränderung alle Unregelmäßigkeiten aufdecken, die auf eine Krankheit hinweisen könnten. Die Suche nach Problemen bei sich selbst ist meiner Meinung nach selbst ein Problem: Wir sind alle ständig nicht normal, aber wir wissen es meist nicht und müssen es auch nicht wissen.

Ich halte es eher mit dem konstruktiven Ansatz: Ich will nicht Probleme suchen, sondern etwas, das mir im Ganzen hilft. Und da hat mir die Apple Watch tatsächlich schon geholfen: Ganz ohne Anstrengung laufe ich täglich zehn Kilometer durch die Stadt oder fahre zwanzig mit dem Fahrrad. Das tat ich schon vor dem Test. Aber erst durch die genaue Vermessung der Uhr wurde mir bewusst, wie viel ich mich täglich sportlich betätige – und das einfach nie so gesehen habe.
redaktion@chip.de

Beschränkungen

Die Apple Watch zeichnet anhand eines einzigen Messkanals („Ableitung-I-EKG“) die Herztätigkeit auf. Damit kann sie nur Hinweise auf Vorhofflimmern zuverlässig erkennen, nicht aber Minderversorgungen, Herzinfarkte oder komplexere Rhythmusstörungen. Trotzdem bewertet die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie das Gerät positiv. In einer ersten Einschätzung schrieb sie: „Insgesamt bietet die Apple Watch eine interessante Möglichkeit zum Monitoring möglicher Herzfrequenzauffälligkeiten und kann vor allem Patienten mit bekannten Herzrhythmusstörungen bei der Nachsorge unterstützen.“


FOTOS: HERSTELLER