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gesundheit: Die Alarmanlage des Körpers


Vital - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 04.12.2019

„Achtung, hier läuft etwas schief!“ MitSchmerzen will uns der Organismus warnen, nicht ärgern. Im Grunde also eine feine Sache – die Sirenen sollen aber bitte auch schnell wieder verstummen. Doch manchmal hören sie gar nicht mehr auf zu heulen


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Bildquelle: Vital, Ausgabe 1/2020

Was wehtut, kann nicht gut für uns sein: Der Hammer auf dem Finger, ein Holzsplitter in der Haut, die Entzündung im Ohr – und natürlich würden wir gern darauf verzichten. Dabei meint es der Schmerz biologisch betrachtet nur gut mit uns. Wenn wir z. B. mit den Fingern eine heiße Herdplatte berühren, senden Schmerzrezeptoren in unserer Haut entsprechende Signale ...

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... an das Gehirn. Wir nehmen den Kontakt mit der Hitzequelle als schmerzhaft wahr – und ziehen die Hand reflexartig zurück, was Schlimmeres verhindert.

Eine Frage der eigenen Persönlichkeit

„Akuter Schmerz hat in der Regel eine klar erkennbare Ursache und verschwindet nach einer gewissen Zeit auch wieder. Bei dem Herdplatten-Missgeschick bewahrt er uns vor ernsten Gewebeschäden“, erklärt Prof. Dr. Christine Schiessl, Medizinische Direktorin der Algesiologikum-Zentren für Schmerzmedizin in München (siehe Seite 48). Es mag paradox klingen, aber akuten Schmerz können wir deshalb auch als „guten Schmerz“ bezeichnen. Zugegeben, wenn uns nach einem langen Tag der Schädel brummt, fällt es schwer, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen. Dabei schlägt der Körper doch nur deshalb Alarm, weil wir zu viel Stress hatten, der Organismus Erholung braucht und wir einen Gang runterschalten sollten. Doch das ist oft leichter gesagt als getan.

Liegt es nicht in unserer Hand, die eigentliche Schmerzursache auszuschalten, greifen wir zu rezeptfreien Tabletten mit Acetylsalicylsäure bzw. ASS, Ibuprofen, Paracetamol oder Diclofenac (z. B. „Ibu-Lysin 684 mg“, in Apotheken). Dagegen spricht auch erst einmal nichts, diese gängigen Wirkstoffe hemmen bestimmte Botenstoffe im Körper und damit das Schmerzsignal an das Gehirn. Doch sie können immer nur eine kurzfristige Lösung sein. Denn die goldene Regel lautet: ohne ärztlichen Rat Schmerzmittel höchstens drei Tage hintereinander und maximal zehn Tage im Monat einnehmen! Andernfalls riskieren wir Nebenwirkungen, z. B. dass die Stoffe Magen, Leber oder Nieren schädigen. Außerdem kann ein sogenannter schmerzmittelinduzierter Kopfschmerz entstehen. Das bedeutet, dass die Mittel selbst den Schmerz auslösen, weil bei Dauereinnahme die Empfindungsschwelle sinkt. Patienten nehmen dann Beschwerden, die früher vom Körper als unproblematisch eingestuft wurden, als schmerzhaft wahr.

Neuralgien im Fokus

Wenn Krankheiten und Verletzungen aufdie Nerven gehen, wird alles noch komplizierter

Was ist hier los?

Wenn die Nervenbahnen, anstatt nur entsprechende Signale zu verarbeiten und weiterzuleiten, selbst schmerzen, sprechen Mediziner von neuropathischem Schmerz oder Neuralgie. Siezählen zu den intensivsten Schmerzen überhaupt. Die Symptome reichen von Taubheitsgefühlen, extremer Berührungsempfindlichkeit, Kribbeln, als liefen Ameisen unter der Haut, bis hin zu brennenden, stechenden Schmerzen.

Woran liegt’s?

Zwei Varianten sind zu unterscheiden, die peripheren und zentralen Nervenschmerzen. Letztere gehen vonGehirn oder Rückenmark aus, z. B. nach einem Bandscheibenvorfall, Schlaganfall oder wenn bei einer Operation Nerven durchtrennt werden (mussten).Periphere Nervenschmerzen treten meist an den Extremitäten auf, also an Händen, Beinen, Füßen. Je weiter sie vom Rückenmark entfernt sind, desto schlechter können sie bei einer Störung versorgt werden. Typischerweise treten solche Neuropathien bei einem schlecht eingestelltenDiabetes auf.

Was hilft?

Gängige Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen sind gegen Nervenschmerzen praktisch machtlos. Besser eignen sichschmerzlindernde Medikamente, die zur Behandlung von Epilepsie (Antikonvulsiva bzw. Antiepileptika) und Depression (Antidepressiva) zum Einsatz kommen. Auch Kälte- und Wärmeanwendungen, Massagen sowie Schwachstrombehandlungen können für Linderung sorgen. Diabetiker, die unter Neuropathien leiden, haben oft zu wenig Vitamin B1 im Blut, sie scheiden diesen wichtigenNerven-Vitalstoff vermehrt über die Nieren aus. Dann können spezielle Präparate aus der Apotheke (z. B. „milgamma protekt“) gegensteuern.

Prof. Dr. Christine Schiessl
Die Medizinische Direktorin der Algesiologikum-Zentren für Schmerzmedizin in München behandelt nach einem ganzheitlichen Therapieansatz


Generell, so Prof. Schiessl, empfinde jeder Mensch Schmerz ganz individuell: „Wie stark er uns vorkommt und wie sehr er uns belastet, hängt von unseren Erfahrungen, Erwartungen und dem aktuellen Kontext ab.“ Stellen Sie sich zwei Situationen vor: An einem völlig verregneten Tag stellen Sie unterwegs fest, dass Sie Ihr Portemonnaie verloren haben. Oder Sie machen mit Ihrer besten Freundin einen Spaziergang und haben gerade erfahren, dass Sie ein Wellness- Wochenende in einem schicken Hotel gewonnen haben. „Falls Sie bei dem Spaziergang stolpern und sich den Fuß verknacksen, nehmen Sie den Schmerz vielleicht so gut wie gar nicht wahr“, sagt die Expertin. Im ersten Beispiel dagegen wird der Knöchel vermutlich richtig stark wehtun.

Im Teamwork gegen chronische Schmerzen

Dass unsere Gefühle und Gedanken das Empfinden bei akuten Schmerzen beeinflussen, leuchtet ein. Diese Faktoren spielen auch im Fall von chronischen Schmerzen eine große Rolle. Mehr als zwölf Millionen Menschen leiden laut Deutscher Schmerzgesellschaft bei uns daran, am häufigsten sind es Rückenschmerzen. „In der Regel sind Schmerzen dann chronisch, wenn sie länger als drei bis sechs Monate andauern, wenn sie ihre Warnfunktion verloren und sich zu einer eigenständigen Krankheit entwickelt haben“, so die Fachärztin. „Der Schmerz wird zum Lebensmittelpunkt der Patientinnen und Patienten.“ Chronischer Schmerz geht zwar häufig auf einen körperlichen Auslöser – etwa einen Bandscheibenvorfall – zurück. Doch das sehr lernfähige Nervensystem reagiert auf ständige Schmerzimpulse, beispielsweise auch bei nicht adäquat behandeltem Akutschmerz, mit der Zeit immer sensibler, selbst bei leichtesten Reizen. Oder sogar auch ganz ohne konkreten Auslöser.

Ob aus akutem Schmerz ein chronischer wird, der bleibt, hängt laut Christine Schiessl weniger von psychischen und sozialen Risikofaktoren ab als von den körperlichen. Deshalb basiert die moderne Schmerztherapie auf dem sogenannten bio-psycho-sozialen Schmerzverständnis (siehe Seite 50). Es berücksichtigt, dass Schmerz immer auf drei Ebenen stattfindet, die sich gegenseitig beeinflussen. Im Detail: Bei chronischen Schmerzen schonen sich Betroffene oft körperlich („bio“), was die Beschwerden letztlich sogar verstärken kann. Hinzu kommt, dass auch das seelische Gleichgewicht aus der Balance gerät („psycho“). Denn Schmerzen machen Angst, sie führen zu Wut, Frust, Depressionen. Einige Patienten ziehen sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, isolieren sich regelrecht („sozial“). „Das liegt zum Teil daran, weil immer wieder das Umfeld mit Unverständnis reagiert, der Schmerz ist äußerlich ja nicht sichtbar. Betroffene werden schnell als Simulanten abgestempelt, wenn die Ursache als behoben gilt“, so Schiessl.

Die Wege des Schmerzes

Wasim Körper abläuft, wenn wir merken, dass es irgendwo wehtut

Am Anfang eines akuten Schmerzes steht derAuslöser (1): Schmerzrezeptoren im Gewebe nehmen schädliche Einflüsse wie Stöße, Schnitte, Hitze oder Kälte wahr.Nervenbahnen (2) leiten die Schmerzsignale über das Rückenmark an das Gehirn weiter. In bestimmten Fällen löst dasRückenmark (3) bereits Schutzreflexe aus, zum Beispiel, die Hand schnell von der heißen Herdplatte zurückzuziehen. Generell nehmen spezielleSchaltzentren im Gehirn (4) die Schmerzreize wahr, identifizieren, wo genau es im Körper wehtut – und bewerten, wie stark. Erst jetzt spüren wir den Schmerz! Ein Problem: Wurde ein akuter Schmerz nicht ausreichend behandelt, verändern Nervenzellen ihre Struktur. Sie bilden verstärkt Rezeptoren aus, die wiederum schon bei schwachem oder ohne Reiz Schmerzsignale ans Gehirn weiterleiten. Der Schmerz hat sich sozusagen verselbstständigt – so entsteht chronischer Schmerz.

Chronische Schmerzen bewältigen

Interdisziplinär und ohne Trennung von physisch und psychisch: Diemultimodale Therapie zeigt den Weg in ein Leben ohne Schmerz

Bei chronischen Schmerzen handelt es sich nicht um ein rein körperliches Problem. Das moderne Schmerzverständnis integriert auch die psychischen und sozialen Faktoren. Hieraus leitet sich die sogenannte multimodale Schmerztherapie ab. Ein Therapieansatz, der alle drei Bereiche –Körper, Seele und soziale Situation – gleichermaßen berücksichtigt.
Dabei greifen unterschiedliche Fachbereiche ineinander:Ärzte, Psychologen und Sport-Physiotherapeuten bilden ein Team, kombinieren individuell Bausteine aus medizinischen, psychologischen und Bewegungsverfahren. Eine solche Behandlung, die im besonderen Maß die Eigenverantwortung der Patienten fordert, kann ambulant oder stationär durchgeführt werden. Sie dauert mindestens 7 Tage, üblicherweise 2–4 Wochen. Ziel dieser interdisziplinären (Schulungs-)Maßnahmen ist es, den Umgang mit dem Schmerz zu verbessern, ebenso die Funktionalität – privat wie beruflich – und die Lebensqualität der Patienten. Womöglich heißt es auch, mit dem Schmerz leben zu lernen – ein mitunter sehr langwieriger Prozess.

Guter Umgang mit akutem Schmerz heißt, das Signal ernst zu nehmen, den Auslöser wenn möglich zu meiden, zur Linderung ein Akutschmerzmittel schnell und ausreichend hoch dosiert einzunehmen, damit sich kein Schmerzgedächtnis ausbildet. Länger anhaltende, chronische Schmerzen gehören in die Hände von Spezialisten (Adressen unter: schmerzgesellschaft.de). Das Therapeutenteam hilft, das Schmerzgedächtnis zu löschen, die innere Alarmanlage so zu beruhigen, dass sie nur noch dann anschlägt, wenn Warnung angebracht ist.

BUCH-TIPPS

LEBENSNAH
Ein gut verständlicher Wegbegleiter für Schmerzpatienten, der u. a. Interviews mit Experten und Erfahrungsberichte von Betroffenen enthält:„Das Handbuch gegen den Schmerz“ von Prof. Thomas R. Tölle und Prof. Christine Schiessl, ZS, 304 Seiten, 24,99 Euro


SANFTE HILFE
Praktische Anleitungen, um beispielsweise Salben und Umschläge bei (chronischen) Schmerzen selbst herzustellen, finden Sie in diesem Ratgeber:„Natürliche Schmerzmittel“ von Dr. Yann Rougier und Marie Borrel, Bassermann, 128 Seiten, 9,99 Euro


FOTO: GETTY/MIRAGEC

ILLUSTRATION: ISTOCKPHOTO

FOTO: GETTY/EYEEM/NODAR CHERNISHEV