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GESUNDHEIT: Gesunder DARM Langes Leben


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 07.02.2020

Sich wohlfühlen, glücklich und gesund sein. Milliarden von eifrigen Arbeitern im Verdauungstrakt helfen, dieses Ziel zu erreichen


Artikelbild für den Artikel "GESUNDHEIT: Gesunder DARM Langes Leben" aus der Ausgabe 7/2020 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 7/2020

INNENANSICHTEN
Von wegen nur Verdauung: Im Darm entscheidet sich, ob wir gesund bleiben – oder nicht


EXPERTE

GASTROENTEROLOGE Prof. Andreas de Weerth

Neue Erkenntnisse über das SUPERORG AN

Wir kommen nicht zu Potte, haben ein ungutes Bauchgefühl, haben Angst und müssen erst mal was verdauen. Diese Sprichwörter lassen ahnen, welchen Einfluss der Darm auf unser Wohlbefinden hat. Aber die Hintergründe dafür hat die Wissenschaft erst vor wenigen Jahren entdeckt: Tatsächlich liegt ...

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... im Mikrobiom – so wird die Gemeinschaft der Bakterien in und auf unserem Körper genannt – die Formel für ein gesundes und langes Leben.

Das Mikrobiom besitzt mit bis zu 20 Millionen Genen rund tausendmal mehr Gene als wir Menschen. Seine Bakterien besiedeln unsere Haut, den Mund, die Vagina und vor allem den Darm. Denn sie lieben es warm, feucht und dunkel. Im Gehirn, dem Herzen und dem Blutkreislauf haben diese Mikroben nichts verloren. Im Dickdarm dagegen treten sie geballt auf: Bis zu einer Billion der Minilebewesen lassen sich in einem Milliliter Darminhalt aufstöbern. Dabei zeigen sie sich artenreich.

Tausende verschiedene Varianten haben Wissenschaftler allein im Dickdarm identifiziert. Aber nicht in jedem Menschen kommen alle Varianten vor. Die Zusammensetzung jedes einzelnen Mikrobioms ist so unterschiedlich wie die Gesichter der Menschen. Und damit eine Art höchstpersönlicher Fingerabdruck.

Sind Ballaststoffe das ZAUBERMITTEL?

Die fleißigen Helfer verarbeiten im Lauf eines Lebens mehrere Tausend Kilo Nahrung plus Getränke. Beim Übergang vom Dünn- zum Dickdarm passiert der Essensbrei die sogenannte Ileozökalklappe und besteht dann fast nur noch aus Ballaststoffen, auf die sich vor allem die nützlichen Darmbakterien begierig stürzen. Denn sie enthalten für den Menschen unverdauliche Polysaccharide. Viele Ballaststoffe stecken in Nüssen, Haferflocken, Leinsamen, Kleie und Gemüse. Sie haben als Futter für unser Mikrobiom entscheidenden Einfluss auf unsere Gesundheit.

Studien bestätigen: Menschen, deren Mahlzeiten viele dieser Ballaststoffe beinhalten, leiden weniger unter verkalkten Arterien und sogar Krebs. Auch Herzleiden, Diabetes mellitus Typ 2, Schlaganfälle und Darmkrebs kommen bei ihnen seltener vor. Mehr noch: Ihr Risiko zu sterben verringert sich um bis zu 30 Prozent. Das hat die Auswertung von 243 Studien aus 40 Jahren ergeben, die vor Kurzem in der renommierten Medizinfachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde.

DER MIX MACHT’S Die Zusammensetzung der Bakterien auf der Darmschleimhaut ist bei jedem anders


70 % unserer Abwehrbakterien sitzen im Darm



87 % der Deutschen kommen nicht auf die empfohlenen 450 bis 500 Gramm Gemüse pro Tag


FEHLERQUELLEN Wenn man zu viel Fruchtzucker zu sich nimmt, stellt die Leber sich schon mal stur


Dagegen wurden bei Darmkrebspatienten gehäuft Keime gefunden, die Eiweiß und Fett abbauen, kaum hingegen solche, die komplexe Kohlenhydrate verstoffwechseln. Das weist darauf hin, dass diese Patienten besonders fleisch- und fettreich aßen. So konnten Forscher um Dr. Georg Zeller vom Europäischen Molekularbiologischen Labor (EMBL) in Heidelberg durch die Zusammensetzung der Bakterien im Darm fast so präzise auf Darmkrebs schließen wie bei einem Verfahren, das nach verstecktem Blut im Stuhl sucht.

Bakterien als SAUBERMÄNNER

Ballaststoffe könnten also die Antwort auf viele Gesundheitsfragen sein. Für sie gilt: Je mehr, desto besser. „Nur Patienten mit entzündeten Divertikeln rate ich davon ab, zu viel ballaststoffreiche Nahrung zu sich zu nehmen“, sagt Gastroenterologe Prof. Andreas de Weerth vom Agaplesion Diakonieklinikum Hamburg.

Divertikel sind kleine sackartige Ausstülpungen der Dickdarmschleimhaut, die bei bis zu 45 Prozent der Bevölkerung vorkommen, vor allem bei älteren Menschen. Ursachen sind zu wenig Bewegung, eine zu fleischlastige, ballaststoffarme Ernährung, Alkoholkonsum und Rauchen. Bleiben Stuhlreste in den Divertikeln stecken, kann es passieren, dass sich die Ausstülpungen entzünden. Typische Symptome sind in einem solchen Fall Unterbauchschmerzen, Blähungen bis hin zu Fieber und Blut im Stuhl.

Möglich, dass wir Gesundheit also essen können. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Die falsche Nahrung macht uns krank. Das Problem ist nämlich: Wer zu wenig Ballaststoffe isst, züchtet in seinem Darm die falschen Bakterien heran. Die fressen schon mal Löcher in den Darmschleim, wie in Tierversuchen nachgewiesen werden konnte. Womöglich könnten dagegen „gute“ Keime sogar Darmentzündungen und Nahrungsmittelallergien heilen. Fakt ist, dass falsche Ernährung, Übergewicht, Bewegungsmangel, Umweltgifte und Stress unserer Verdauung mächtig zusetzen. Darmentzündungen und Nahrungsmittelunverträglichkeiten haben zugenommen. So klagen Menschen immer häufiger über Unwohlsein, wenn sie Nahrungsbestandteile wie Gluten, Histamin, Milch- oder Fruchtzucker zu sich nehmen.

LABORVERSUCHE Wissenschaftler suchen Mittel und Wege, um in Zukunft über das Mikrobiom Krankheiten zu heilen


Etwa 10 bis 20 Prozent der Deutschen leiden am Reizdarmsyndrom. Eine Krankheit mit immer noch ungeklärter Ursache, der Mediziner noch auf den Grund gehen. Aber es gibt auch erste Lichtblicke: Am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig arbeiten Prof. Till Strowig und sein Team der Nachwuchsgruppe „Mikrobielle Immunregulation“ zum Thema chronische Darmentzündung. Wie kommt es, dass allein in Deutschland etwa 300.000 Menschen an Morbus Crohn und Colitis ulcerosa mit immer wiederkehrenden Durchfällen und starken Bauchschmerzen leiden? Die Antwort suchten die Forscher in den Bakteriengemeinschaften, die im Darm leben – und wurden fündig: Studien belegten, dass die Artenvielfalt der Darmbakterien bei diesen Patienten eingeschränkt ist. Als Folge zeigt die körpereigene Immunabwehr eine Überreaktion auf die Bakterien, Teile des Darms entzünden sich.

Versuche an Mäusen zeigten, dass über gezielte Blockaden spezieller Enzyme, der sogenannten Caspasen, die Entzündungsreaktionen im Darm abgeschwächt werden können. Wie es zu einer so extremen Störung in der ausbalancierten Wechselbeziehung zwischen Mikroorganismen und Wirt, also zwischen Darmbakterien und Mensch, kommt, ist aber noch nicht vollständig geklärt. Über die Nahrung, das Trinkwasser oder schon allein durch das Händeschütteln gelangen übrigens ständig schädliche Bakterien, Viren oder Parasiten in unseren Körper. Infektionen des Magen- Darm-Trakts zählen deshalb weltweit zu den häufigsten Erkrankungen. Die Symptome: Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall. Der Körper versucht auf diesem Weg, die Eindringlinge so schnell wie möglich loszuwerden. Die aber agieren unterschiedlich. Einige Keime nisten sich in der Darmschleimhaut ein und schädigen sie. Andere produzieren Giftstoffe, die zu einem Wasserverlust führen. Ist die Infektion, meist mithilfe von Antibiotika, erst einmal überstanden, helfen Probiotika, die durcheinandergebrachte Darmflora wieder ins Gleichgewicht zu bringen.


45 % der Bevölkerung haben Darm DiVertikel


BAUCHKRÄMPFE Stress und Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind oft die Ursache


Die Zukunft könnte SPANNEND werden

Die Auseinandersetzung mit fremden Bakterien kann aber auch ein Segen sein: Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen, die auf einem Bauernhof groß geworden sind, viel seltener unter Autoimmunerkrankungen leiden als solche, die als Kind in einer städtischen Umgebung aufgewachsen sind. Prof. Andreas de Weerth: „Die Theorie, die dahintersteckt, ist, dass das menschliche Mikrobiom bei einer frühen Auseinandersetzung mit verschiedenen Keimen lernt, Gut und Böse zu unterscheiden.“ Das ist wohl auch der Grund dafür, dass es in Indien oder afrikanischen Staaten mehr Wurm-, aber weniger Autoimmunerkrankungen als in Europa gibt. Unsere Darmbakterien sind nämlich auch für unser Immunsystem verantwortlich. 70 Prozent aller Immunzellen sitzen im Dünn- und Dickdarm, 80 Prozent aller Abwehrreaktionen laufen hier ab. So fungiert der Darm als unser wichtigster Sicherheitsdienst. In ihm werden fremde Bakterien, Krankheitserreger, Pilze, Parasiten und störende Anteile von Medikamenten aussortiert. Seine Zellen hemmen Entzündungen, unterstützen die Wundheilung und schützen vor Infektionen.

Sitzt die Gesundheit also tatsächlich im Darm? Schon Hippokrates, der berühmteste Arzt des Altertums, vermutete das. „Mit Sicherheit!“, meint auch der Gastroenterologe Prof. Andreas de Weerth. „Wir sind heute allerdings vorsichtiger in unserer Einschätzung, das Mikrobiom beeinflussen zu können. Gerade weil so viele Erkrankungen mit dem Darm und seinen Bewohnern in Verbindung zu stehen scheinen, müssen wir uns wirklich fragen: Ist es überhaupt sinnvoll, das Mikrobiom verändern zu wollen, wenn wir noch nicht genug darüber wissen?“ Das Fenster zum faszinierenden Kosmos Darm hat sich ja erst ein klein wenig geöffnet.