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GESUNDHEIT: Leidensdruck Sommerekzem: Scheuer-Stopp


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 7/2018 vom 20.06.2018

Der Juckreiz hört nicht auf. Selbst wenn das Kratzen bis aufs Blut geht. Das Sommerekzem lässt Pferde leiden. Was die Allergien auslöst, ob sie erblich sind und welche Therapien helfen – die Fakten.


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Bildquelle: Reiter Revue International, Ausgabe 7/2018

Wenn das Fell nicht mehr aufhört zu jucken, kann das Sommerekzem dahinterstecken. Viele Pferde scheuern sich das Langhaar ab. Teils entstehen Wunden, die sich infizieren können.


Wenn von „Rattenschweif“ und „Elefantenhaut“ die Rede ist, geht es nicht um Nager und Dickhäuter, sondern um kahl gescheuerte Schweifrüben und Mähnenkämme von Ekzemerpferden. Das Sommerekzem macht derzeit vielen Pferden zu schaffen und ...

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... stellt Pferdebesitzer vor die große Aufgabe, eine Lösung zu finden.

Die saisonale Hauterkrankung beruht auf einer Allergie, also einer überschießenden Reaktion der körpereigenen Abwehr auf an sich harmlose Umweltstoffe. Im Falle des Sommerekzems auf Stiche bestimmter Insekten, besser gesagt deren Speicheldrüsensekrete. Auslösende Insekten sind nach aktuellem Stand der Wissenschaft nicht nur Gnitzen, sondern auch Kriebelmücken, Wadenstecher, Stechmücken und Bremsen. „Hauptsymptom ist der hochgradige Juckreiz, der eventuell mit Papeln und Quaddeln einhergehen kann“, erklärt die Fachtierärztin für Dermatologie Dr. Regina Wagner. Abhängig von den Fressvorlieben der blutsaugenden Stechinsekten zeigt sich der Juckreiz an der oberen und/oder der unteren Körperhälfte. An der Oberlinie sind vor allem Schopf und Ohren, Mähne und Schweif, an der Unterseite die Bauchnaht, Genitalien und Schenkelinnenseiten betroffen. Aber auch zwischen den Ganaschen und in den Achselhöhlen sitzen einige Insekten gerne. „Alle anderen Hautveränderungen wie Haarlosigkeit, Schuppen, Krusten, Abschürfungen und eine aufgelagerte dicke Haut erscheinen erst später und sind Folge des ständigen Scheuerns“, sagt Dr. Wagner. „Bakterielle Sekundärinfektionen der vorgeschädigten Haut sind häufig und verschlimmern den Juckreiz sowie das klinische Bild zusätzlich.“

Isländer häufig betroffen

Prinzipiell kann das Sommerekzem bei allen Rassen und in jedem Alter auftreten. Meist beginnt die Symptomatik aber zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr. Und: „Da bestimmte Rassen eine erhöhte Empfänglichkeit und Wahrscheinlichkeit zeigen, an einer Insektenhypersensibilität zu erkranken, dürfte bei etwa 35 Prozent der Pferde eine vererbte Veranlagung eine wesentliche Rolle spielen“, so die Allergieexpertin. Der Grund, warum Import-Isländer vermehrt an Sommerekzem leiden, ist aber ein anderer: Da Gnitzen als Hauptauslöser auf Island nicht heimisch sind, ist die Resistenz gegen diese Insekten nicht ausgeprägt. Kommt es dann zum Kontakt, „besteht eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent, an dieser Hypersensitivitätsreaktion zu erkranken.“

Ob es bei einem genetisch veranlagten Pferd tatsächlich zu klinischen Symptomen kommt, sei aber von weiteren begünstigenden Faktoren abhängig, macht Dr. Wagner deutlich. Denn da eine Allergie ein Schwellenwertphänomen sei, könnten schon eine größere Menge an entsprechenden Insekten und weitere Faktoren wie belastende psychische Zustände oder andere Erkrankungen das Fass zum Überlaufen bringen.

Um eine genaue Diagnose stellen zu können, ist für die Spezialistin für Hauterkrankungen ein genauer Vorbericht wichtig. Wie hoch ist das Insektenvorkommen im Haltungsumfeld? Wann treten die Symptome auf? Dann untersucht der Tierarzt die Hautveränderungen. Hierbei müssen andere Ursa-chen für Juckreiz und Haarausfall, wie etwa ein Befall mit Ektoparasiten oder Pilzerregern, im Vorfeld labordiagnostisch ausgeschlossen werden. Außerdem kämen häufig weitere allergische Reaktionen auf Blütenpollen, Schimmelpilzsporen oder Milbenexkremente dazu, „die durchaus am Krankheitsgeschehen des Sommerekzems mitbeteiligt sein können“. Zur Identifizierung der auslösenden Allergene stehen der Veterinärmedizin verschiedene Bluttests zur Verfügung.

Matsch- und Wasserstellen auf der Weide locken bestimmte Insekten an. Fallen (l.) verringern das Aufkommen.


UNSER EXPERTE

FOTO: PRIVAAT

Dr. Regina Wagner
Die Fachtierärztin für Dermatologie von der Tierklinik Korneuburg in Österreich beschäftigt sich mit Allergien bei Tieren.www.tierklinikkorneuburg.at

Statt einer Ekzemerdecke kann auch Einsprühen helfen. Allerdings muss das Fliegenspray gut wirken und den gesamten Pferdekörper bedecken.


Bürsten an der Wand bieten gute Scheuermöglichkeiten ohne Verletzungsrisiko.


Decke oder Spray?

„Heilbar ist eine Allergie wie die Insektenhypersensibilität nicht“, stellt Dr. Wagner klar. „Man kann sie aber durch bestimmte Präventivmaßnahmen und Therapieansätze gut kontrollieren.“ An erster Stelle steht die Reduzierung oder sogar Vermeidung der Allergenkontakte. Dafür ist es wichtig zu wissen, wo die bevorzugten Brutplätze der jeweiligen Insekten sind und wie deren Flugzeiten und Stechgewohnheiten aussehen. „Eine entscheidende Rolle spielt die wirksame Bekämpfung der Insektenpopulation, und zwar sowohl durch die Vernichtung der erwachsenen Insekten mittels diverser Insektenfallen als auch durch die Verhinderung der Brutstättenbildung“, sagt Dr. Wagner und betont: „Ganz wichtig ist daher die Umweltsanierung und gute Haltungshygiene.“

Um dem direkten Allergenkontakt vorzubeugen, haben sich spezielle Schutzdecken und Repellentien bewährt. „Manche Pferde kommen mit Ekzemerdecken gut zurecht, andere mit Insektenschutzmittel, die ein bis zweimal täglich aufgetragen werden“, sagt Wagner. Ist das nicht möglich, kann man die betroffenen Tiere in den Hauptflugzeiten der Insekten im Stall lassen.

Betroffene Pferde nur nachts auf die Weide zu lassen, ist nicht für alle die beste Lösung. „Bei tagaktiven Insekten wie den Bremsen ist es sinnvoll. Gnitzen aber sind vor allem dämmerungsaktiv, stechen jedoch auch bis zu zwei Stunden nach der Abenddämmerung und in den frühen Morgenstunden von vier bis sieben Uhr verstärkt“, macht Wagner deutlich. Beachten sollte man auch, dass Bremsen, Gnitzen und Co bei schwüler und windstiller Witterung besonders stechlustig sind.

Auch zur Behandlung des Sommerekzems gibt es verschiedene Möglichkeiten. Antibiotika wirken antibakteriell und somit gegen bakterielle Folgeinfektionen, Kortison entzündungshemmend und juckreizstillend. Als Langzeittherapeutika sind diese Medikamente jedoch nicht geeignet.

Bei anderen Ansätzen wie Eigenbluttherapie, homöopathischen Mitteln oder der Hautpilzimpfung in erhöhter Dosis „handelt es sich um unspezifische Immuntherapien, die nur kurzzeitig Erfolg zeigen“, gibt Dr. Wagner zu bedenken. „Die einzige Therapieform, die kausal in das Krankheitsgeschehen eingreift, ist die Allergen-spezifische Immuntherapie.“ Für diese Hyposensibilisierung wird eine individuelle Therapielösung mit den jeweils reaktionsauslösenden Allergenen hergestellt, die dem Pferd in leicht ansteigenden Dosen unter die Haut gespritzt werden. Dies erfolgt anfangs in wöchentlichen Abständen, später werden die Intervalle bis hin zu monatlichen Injektionen verlängert. „Das Pferd soll hierdurch eine gesteigerte Toleranz gegenüber den injizierten Allergenen entwickeln, damit es nicht mehr zu den bekannten Symptomen kommt“, erläutert Wagner die beabsichtigte Wirkung. „Diese Modulation des Immunsystems von einer allergischen zu einer nicht-allergischen Reaktion gelingt bei Hautallergien wie dem Sommerekzem in 70 Prozent der Fälle mit sehr gutem Erfolg.“

Zebrastreifen als Insektenabwehr: Nicht alle Erfahrungsberichte bestätigen dies.


Die beste Ekzem-Abwehr

► Fliegen-, Bremsen-, UV-Licht-Fallen aufhängen/anbringen

► Beseitigung von Kot und Wasseransammlungen aller Art, Matschausläufe trockenlegen

► Futterreste entfernen, Tröge regelmäßig reinigen, Tränkewasser täglich wechseln

► Stall täglich ausmisten, saugstarke Einstreu verwenden

► Misthaufen nicht in unmittelbarer Stallnähe anlegen

► Ventilatoren im Stall aufstellen oder Pumpzerstäuber mit Repellentien aufhängen

► Stallfenster mit sehr feinmaschigen Gittern versehen

► Eingangsbereiche von Paddockboxen, Offenställen und Weideunterständen mit überlappenden Kunststofflamellen sichern

► Betroffene Körperbereiche durch Auflegen von Ekzemerdecken und Kopfmasken schützen

► Optische Orientierung von Bremsen durch Aufmalen/Aufsprühen von Zebrastreifen oder durch Schutzdecken mit Zebramuster behindern

► Hochwirksame Insektenschutzmittel wie Pyrethrine oder Pyrethroide, Permethrin oder Cypermethrin (Achtung: Kann für Katzen tödlich sein) einsetzen

► Verletzungsträchtige Scheuergelegenheiten wie beispielsweise überstehende Holzlatten oder Bäume entfernen oder auszäunen, stattdessen ungefährliche Scheuermöglichkeiten wie Massagestreifen oder Bürsten anbringen

► Aufstallen während der Hauptflugzeiten der auslösenden Insektenarten

► Bei zusätzlicher Pollenallergie Pferde vor dem Einstallen gründlich mit kaltem Wasser abwaschen/abspritzen

► Pferde von den entsprechenden Brutstätten wie stehenden oder langsam fließenden Gewässern, aber auch Jauchegruben und Waldrändern fernhalten

► Wenn möglich oder im absoluten Notfall: Pferde in Gebiete mit generell geringem Insektenaufkommen wie hochgelegene Bergregionen oder Küstenbereiche umstallen