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gesundheit: Tick, Tack,


Vital - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 04.12.2019

Bakterien und ein angestacheltes Immunsystem können aus minimalen Verletzungen eine Riesensache machen. Entfachen sie im Körper die gefährlicheSepsis, kommt es in erster Linie auf ganz schnelles Handeln an


Artikelbild für den Artikel "gesundheit: Tick, Tack," aus der Ausgabe 1/2020 von Vital. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Vital, Ausgabe 1/2020

Von der ersten Sekunde an geht es bei einer Blutvergiftung (Sepsis) um alles oder nichts. Wenn das Gift – meist von Bakterien, seltener von Viren, Pilzen – im Takt des Herzschlags durch den Körper pulsiert, fordert das unser Immunsystem zum Duell. Es trommelt zur Verteidigung übermäßig viele Entzündungsstoffe zusammen. Die überfluten den gesamten Organismus, starten einen verheerenden ... häufigsten Todesursache nach Herz- Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Die Superinfektion kann jeden treffen, nicht nur geschwächte Patienten auf der Intensivstation Klinikkeime. Nach jüngsten Erhebungen entwickeln rund 70 Prozent der Patienten die Infektion außerhalb einer Klinik, nur ca. 30 Prozent in der Klinik. ...

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Von der ersten Sekunde an geht es bei einer Blutvergiftung (Sepsis) um alles oder nichts. Wenn das Gift – meist von Bakterien, seltener von Viren, Pilzen – im Takt des Herzschlags durch den Körper pulsiert, fordert das unser Immunsystem zum Duell. Es trommelt zur Verteidigung übermäßig viele Entzündungsstoffe zusammen. Die überfluten den gesamten Organismus, starten einen verheerenden Vernichtungszug durch die eigenen Organe. Denn die Botenstoffe attackieren nicht nur die Keime, sondern auch gesunde Zellen. „Jede Stunde Verzögerung in der Sepsis-Therapie erhöht die Sterblichkeit um zwei bis fünf Prozent“, betont Prof. Markus Weigand (s. S. 30). „Wer in den ersten 60 Minuten mit Antibiotika behandelt wird, hat eine höhere Chance als jemand, der die Therapie erst später erhält.“ Der Wettlauf mit der Zeit geht weiter, denn nach spätestens sechs Stunden schließt sich das Fenster für eine erfolgreiche Behandlung immer mehr. Allein hierzulande erkranken jedes Jahr rund 300 000 Menschen an Blutvergiftung. „Jeder fünfte Patient stirbt daran.“ Das macht sie zur dritt häufigsten Todesursache nach Herz- Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Die Superinfektion kann jeden treffen, nicht nur geschwächte Patienten auf der Intensivstation Klinikkeime. Nach jüngsten Erhebungen entwickeln rund 70 Prozent der Patienten die Infektion außerhalb einer Klinik, nur ca. 30 Prozent in der Klinik.

Prof. Markus Weigand
ist ärztlicher Direktor der Klinik für Anästhesiologie am Uniklinikum Heidelberg und außerdem Vorsitzender der Deutschen Sepsis- Gesellschaft in Jena


Gegen Lungenentzündung und Grippe impfen lassen

Was so dramatisch enden kann, beginnt oft ganz banal. Beim Salatschnippeln, dem Ratschen an Rosendornen, durch eine Blasenentzündung, einen Darminfekt oder Insektenstich können Keime den Körper entern. Ihre Liste ist lang: Darmkeim Escherichia coli, andere Stäbchenbakterien wie Klebsiella, Enterobacter, Staphylococcus aureus oder Streptokokken. Doch natürlich löst nicht jeder infektiöse Herd eine Blutvergiftung aus. Warum es dazu kommt, ist noch nicht vollständig geklärt. Doch das Verhältnis von Menge und Aggressivität der Keime zu den körpereigenen Abwehrkräften spielt eine wichtige Rolle.

„Das erklärt auch, warum Menschen mit einem schlecht eingestellten Diabetes, mit Arthritis oder chronischen Atemwegserkrankungen, die mit Cortison behandelt werden, häufiger betroffen sind“, so der Heidelberger Klinikdirektor. Ein erhöhtes Risiko haben z. B. auch Menschen, die frisch operiert sind, ein Implantat erhalten haben oder an Krebs leiden. „Besonders ab dem 60., 65. Lebensjahr steigt die Sepsis-Gefahr. Deswegen rate ich älteren Menschen dringend zu einer Schutzimpfung vor allem gegen Grippe und Pneumokokken, die eine schwere Lungenentzündung verursachen können. Denn sie ist in diesem Alter die häufigste Ursache für eine Blutvergiftung“, so Prof. Weigand.

Neuer Frühtest entdeckt Sepsis in wenigen Minuten

„In der Frühphase ist eine Sepsis schwer zu diagnostizieren, aber einfach zu behandeln. In der Spätphase ist sie einfach zu erkennen, jedoch schwer zu therapieren“, sagt Prof. Weigand. „Oft wird sie nicht frühzeitig genug erkannt, eine intensivmedizinische Behandlung zu spät eingeleitet. Und es gibt bisher nur wenige Medikamente, um die Entzündung so lange auszubremsen, bis der Erreger bestimmt und das richtige Antibiotikum gefunden ist.“

Umso wichtiger ist daher auch die obligatorische Händedesinfektion. Vor allem im Umgang mit Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Auch eine medizinische Zahncreme kann wie ein natürlicher Entzündungblocker eine Parodontitis als Eintrittspforte (mehr dazu, s. S. 32) für Sepsis-Bakterien verhindern (z. B. „Aminomed“ mit Kamillenextrakt, in Apotheken). Und um einen grippalen Infekt, der Bakterien anlocken kann, im Keim zu ersticken, eignen sich homöopathische Kombinationspräparate (z. B. „DHU Nisylen“, in Apotheken). Hoffnung gibt es endlich bei der lebensrettenden Sepsis-Früherkennung gibt es endlich Hoffnung. An der schottischen Universität Strathclyde wird gerade ein Schnelltest entwickelt, der den Sepsis- Biomarker Interleukin-6 schon in wenigen Minuten erkennt. Und so eine frühestmögliche Behandlung einläuten kann.

Wunden und Insektenstiche gut versorgt

Werden Sie ruhig zum Hygiene-Fanatiker, damit sichkeine Entzündung einnistet

ANFASSEN VERBOTEN
Frische Wunden und Insektenstiche nie berühren, auch nicht die Wundauflage von Pflaster oder Kompresse. Wunden nicht ausspülen oder gar mit Seife auswaschen. Ausnahme: verdreckte, oberflächliche Schürfwunden mit kaltem Wasser spülen.

WUNDE ALS SCHUTZZONE
Watte, Zellstoff, Mullbinden gehören nicht auf Wunden. Desinfektionsmittel nur auf Wundrändern auftragen, nie auf der Wundfläche. Pflaster so groß wählen, dass die Kleberänder nicht die Wunde berühren.

INSEKTENSTICH-KNIGGE
Stachel von Biene oder Hummel mit desinfizierter Pinzette herausziehen, Zecke mit Zeckenkarte. Desinfektionsmittel auf Stich geben, Coldpack drauflegen. Entzündungshemmendes Hydrocortison auftragen.

Der Lauf der Dinge

Am Anfang fühlt sich eine Blutvergiftung oft wie eine harmlose Erkältung an. Doch sie braucht nurdrei Stufen , um den Kranken in Windeseile in eine dramatische Lebensgefahr zu katapultieren

1. STADIUM

Damit fängt alles an Die Krankheitserreger sind in den Körper eingedrungen. Sie geben Giftstoffe – vor allem Endotoxin – ins Blut ab. Diese wecken Immunzellen wie z. B. Makrophagen, Granulozyten. Um Bakterien und Gifte unschädlich zu machen, setzten sie Entzündungsstoffe frei.

Symptome: Sie ähneln anfangs einem grippalen Infekt. Viele Patienten berichten über ein starkes Krankheitsgefühl, tiefe Abgeschlagenheit, haben blasse, feuchtkalte Haut.

2. STADIUM

Jetzt wird’s ernst Gifte, Botenstoffe der Immunzellen schädigen kleine Blutgefäße, durchlöchern sie regelrecht. Große Mengen Flüssigkeit gelangen ins Gewebe, die Blutgerinnung gerät ins Stocken, immer mehr winzige Blutgerinnsel verstopfen die Gefäße.

Symptome: Herz und Atem rasen (90 Schläge bzw. 20 Züge pro Minute und mehr), die Körpertemperatur liegt unter 36 oder über 38 Grad, Schüttelfrost kommt vor.

3. STADIUM

Im Schockzustand Durch die Gefäßengpässe werden die Organe nicht mehr genug mit Sauerstoff versorgt. Die Funktion z. B. von Herz, Nieren, Leber, Lunge läuft aus dem Ruder. Sie werden langsam zerstört. Septischer Schock. Lebensgefahr!

Symptome: Der Sepsis-Kranke ist unruhig, verwirrt, benommen. Der Blutdruck fällt stark ab, bei einem oberen, systolischen Wert unter 90 mmHg liegt ein septischer Schock vor, Organe versagen.

BUCH-TIPP
In ihrem Debüt- Roman verarbeitet die Drehbuchautorin („Keinohrhasen“) und Regisseurin Anika Decker Teile ihrer eigenen Biografie. Sie hatte eine Blutvergiftung mit Organversagen, lag im Koma. Wie ihre Protagonistin.„Wir von der anderen Seite“ , Ullstein, 384 Seiten, 20 Euro


Die 22 Pforten

Die Erreger einer Blutvergiftung baldowern die unglaublichstenWege in den Körper aus, um einen Entzündungsherd zu entfachen. Und ihr Unheil über den gesamten Organismus zu verbreiten


ILLUSTRATION: ISTOCKPHOTO