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GESUNDHEIT: Was Nasenausfluss bedeutet: Es läuft!


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 21.08.2019

Mal ist er klar und wässrig, mal weiß und zäh wie Kaugummi oder schlimmer noch, grünlich verfärbt oder blutig. Nasenausfluss beim Pferd kann viele Ursachen haben. Wie sie sich äußern, lesen Sie hier.


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Durchsichtiger Schleim darf vorübergehend sein, wenn es keine weiteren Symptome gibt.


UNSERE EXPERTEN

FOTO: PRIVAT

Dr. Dirk Fister
ist Fachtierarzt für Pferde und Leiter der Pferdeklinik Bilsen in Schleswig-Holstein.

FOTO: PRIVAT

Dr. Hans Seybold
Der Pferde-Fachtierarzt betreibt eine Praxis in Nürnberg- Worzeldorf.

Gewissheiten gibt es beim Thema Nasenausfluss auf den ersten Blick so gut wie keine. Nur einige ...

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... Anhaltspunkte. Wie den, dass beidseitiger Ausfluss in der Regel aus den tiefen Atemwegen, strikt einseitiger dagegen aus dem Bereich des Pferdekopfes kommt. Mit der Betonung auf „in der Regel“, denn bei der Suche nach den Ursachen gesundheitlicher Probleme gibt Nasenausfluss, insbesondere wenn es um Atemwegserkrankungen geht, zwar in vielen Fällen wertvolle Hinweise – aber sichere Indizien liefert er nicht. Dennoch sollte jeder Pferdebesitzer genau hinschauen, wenn dem Pferd die Nase läuft. Denn die Auslöser müssen oftmals behandelt werden. Wann ist es also schlimm, wann genügt ein Taschentuch?

Bei geringfügigem, wässrigen Nasenausfluss aus beiden Nüstern, der nach dem Reiten ruhig auch mal stärker ist, gilt unter vielen die Meinung, er sein unbedenklich. Ein Trugschluss? „Nein, wenn keine weiteren Symptome hinzukommen, kann man das im Grunde so stehen lassen“, antwortet der Pferde-Fachtierarzt Dr. Hans Seybold, der sich in seiner Praxis in Nürnberg unter anderem auf die Behandlung von Lungenerkrankungen spezialisiert hat.

Ähnlich äußert sich auch Seybolds norddeutscher Kollege Dr. Dirk Fister, der in Schleswig-Holstein die Pferdeklinik Bilsen leitet. „Es ist ein Selbstreinigungsmechanismus und somit ein sinnvoller physiologischer Vorgang, der zur Gesunderhaltung der Atemwege beiträgt, dass die Schleimhäute des Pferds wässrigen Schleim produzieren. Dieser Schleim wird abgeschluckt oder, mit dem Naseputzen des Menschen vergleichbar, beim Schnauben ausgestoßen“, erklärt er.

Auf der Schleimspur

Wenn das Pferd wässrigen Nasenausfluss hat, wird dieser meistens abgeschnaubt.


FOTO: TIERFOTOAGENTUR

Bereits bei einer leichten Reizung der Schleimhäute könne der wässrige Nasenausfluss Konsistenz und Farbe verändern, sprich dickflüssiger und weißlich werden. Aber auch das sei noch kein Grund, in Panik zu verfallen, sagt Fister. „Solange dieser weiße Schleim nicht permanent aus den Nüstern kommt und mit keinen Beschwerden wie einem schlechten Allgemeinbefinden einhergeht, kann man erst drei bis vier Tage lang inhalieren, damit er flüssiger wird, die Abwehrkräfte stärken und das Pferd leicht bewegen, ansonsten aber abwarten“, erklärt er. „Wenn der Schleim nach diesen drei bis vier Tagen verschwunden ist, war’s das dann auch. Wenn nicht, muss man natürlich eine weitergehende Ursachenforschung betreiben und, darauf aufbauend, entsprechende therapeutische Maßnahmen ergreifen.“

Verdreckte Nüstern: Nasenausfluss ist für die Schleimhäute ein Selbstreinigungsmechanismus, der die Atemwege schützt.


FOTO: WWW.ARND.NL

Erst einmal abhören

In welchen Schritten gehen Tierärzte aber bei besagter Ursachenforschung vor? „Vor allem bei beidseitigem Ausfluss fängt man ganz klassisch mit einer klinischen Untersuchung an“, sagt Seybold. Diese hilft, sich einen Gesamteindruck vom Gesundheitszustand des Pferdes zu verschaffen – ein Ziel, dem auch die sogenannte Anamnese, sprich das Erfragen relevanter Details zur Vorgeschichte vom Pferdebesitzer, dient. Vor allem wenn der Nasenausfluss mit Husten einhergeht und somit klar ist, dass es sich um ein Atemwegsproblem handelt, ist das Abhören der Luftröhre und der beiden Lungenflügel ein extrem wichtiges Puzzleteil der klinischen Untersuchung. Idealerweise wird der Patient unter forcierter Atmung abgehört, was so viel bedeutet wie: Der Tierarzt hält ihm einige Sekunden lang die Nüstern zu, die sogenannte Atemhemmung, damit er anschließend tief durchatmet. Denn nur so ist es möglich, das Rasseln von Schleim in der Lunge oder der Luftröhre zu hören. So kann er feststellen, wie tief das Problem sitzt und ob es sich bei dem Schleim, der aus den Nüstern tropft, möglicherweise nur um die sprichwörtliche Spitze eines Eisbergs handelt. Allerdings lässt sich mithilfe des Abhörens nur begrenzt herausfinden, wie stark die Lunge verschleimt ist, da die akustische Eindringtiefe des Stethoskops nach zehn bis maximal 15 Zentimetern endet und Schleim, der tiefer in der Lunge steckt, somit nicht mehr zu hören ist.

Im Zweifelsfall verhilft häufig, vor allem bei hartnäckigen Problemen, eine Endoskopie zu mehr Durchblick. Dabei wird dem sedierten Pferd erst durch die eine, dann durch die andere Nüster ein bis zu drei Meter langer, flexibler Schlauch in die Luftröhre eingeführt, an dessen Ende unter anderem eine Lampe und eine kleine Kamera angebracht sind. Dies ermöglicht vom Kehlkopf über das Innere der Luftsäcke und die Luftröhre bis zu den Bronchien eine eingehende Inspektion der Atemwege. Gar nicht so selten stellt sich dabei heraus, dass die Lunge hochgradig verschleimt ist, obwohl das Pferd kaum hustet.

Inhalieren gehört zu den gängigen Behandlungen, wenn die Atemwege betroffen sind.


FOTO: WWW.ARNDLNL

Gelblich eitriger Nasenausfluss kann auf eine bakterielle Infekton hindeuten.


FOTO: WWW.ARNDLNL


„Auch allergisch bedingter Nasenausfluss kann eitrig aussehen.“
Dr. Hans Seybold


Apropos Husten: Er kann bekanntlich infektiöser oder allergischer Natur sein. Spiegelt sich dieser Unterschied auch in der Beschaffenheit des Nasenausflusses wider? Die Antwort ist ein entschiedenes „Jein“. Zwar heißt es häufig, während milder beidseitiger Ausfluss eher auf eine allergische Ursache hindeute, signalisiere starker wässriger Ausfluss, der dem Pferd bereits im Ruhezustand zu schaffen macht, eine Infektion mit Viren, also zum Beispiel eine Influenza- oder Herpeserkrankung. Hinter gelblichem oder grünlichem Schleim stecke dagegen eine Druse oder eine andere bakterielle Infektion, die mit Eiterbildung einhergeht. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. „Auch allergisch bedingter Nasenausfluss kann eitrig aussehen“, gibt Dr. Seybold zu bedenken. Das liegt dann allerdings nicht an Eiterbakterien, sondern an der gelben Farbe der neutrophilen Granulozyten, die in allergisch bedingtem Schleim häufig in großen Mengen enthalten sind.

Wesentlich zielführender als der Blick auf den Schleim ist deshalb der Griff zum Fieberthermometer. „Wenn das Pferd zusätzlich zum Nasenausfluss Fieber und geschwollene Lymphknoten hat, kann man sicher sein, dass es an einer Infektion leidet“, sagt Seyboldt. Bei einem gesunden erwachsenen Pferd beträgt die Körpertemperatur 37,5 bis 38,5 Grad Celsius. Eine erhöhte Atemfrequenz deutet dagegen eher auf eine allergische Ursache hin. „Normal sind bei einem Pferd in Ruhe zwölf bis 13 Atemzüge pro Minute“, erläutert Dr. Fister.

Logisch, dass es im Falle einer Infektion von entscheidender Bedeutung ist, den Krankheitserreger zu identifizieren. Dazu entnimmt der behandelnde Tierarzt eine Schleimprobe – sei es mithilfe eines Abstrichs aus den Nasengängen des Pferdes, oder, wenn er Schleim aus den unteren Atemwegen gewinnen möchte, mithilfe einer sogenannten bronchio-alveolären Lavage oder einer Endoskopie. Im Labor wird die Schleimprobe anschließend auf bestimmte Bakterien, Viren, Parasiten oder wie auch immer geartete Krankheitserreger hin untersucht. Die Laboranalyse führe allerdings nicht immer zu eindeutigen Resultaten, gibt Seybold zu bedenken. „Deshalb startet man manchmal auch von den Symptomen und von den sonstigen Untersuchungsergebnissen ausgehend einen Therapieversuch und schaut, ob er etwas bringt“, sagt er.

Krankheitserreger wie Viren und Bakterien, aber auch Allergene wie Heustaub, Pollen, Schimmelpilze oder Milben ziehen, wie gesagt, die Atemwege in Mitleidenschaft und verursachen in aller Regel beidseitigen Nasenausfluss. Was aber kann dahinterstecken, wenn nur eine Nüster betroffen ist? „Dann sitzt die Ursache möglicherweise in den Luftsäcken“, sagt Fister. Besonders gefährlich und kaum therapierbar, zum Glück allerdings sehr selten, ist die Luftsackmykose, womit ein Befall mit dem Schimmelpilz Aspergillus fumigatus gemeint ist. Denn wenn die Pilze die innere Halsschlagader angreifen, kann diese sogar platzen und das Pferd verbluten. Hier ist einseitiges Nasenbluten das wichtigste Symptom. Hinter dem Begriff Luftsackempyem verbirgt sich dagegen eine Eiteransammlung in einem der Luftsäcke als Folge einer Druse-Infektion. Das Empyem muss chirurgisch behoben werden und macht sich, außer manchmal in einer einseitigen Gesichtsschwellung, vor allem in eitrigem Nasenausfluss bemerkbar.

Auch Zahnprobleme können einseitigen Nasenausfluss verursachen, machen dann allerdings in der Regel durch ein auffälliges Signal auf sich aufmerksam: durch einen ziemlich üblen Gestank. Dieser rührt daher, dass die Zahnerkrankung zu einer Eiteransammlung in der Nasennebenhöhle, Kiefer- oder Stirnhöhle geführt hat. Er halte zwecks Diagnose seine Nase an die Nüstern des Pferdes, berichtet Fister deshalb und betont: „Entweder riecht es überhaupt nicht oder ganz stark.“ Eine Untersuchung der Maulhöhle liegt bei übel riechendem, einseitigen Ausfluss also auf jeden Fall nahe. Gegebenenfalls schließt sich, um die erforderliche Operation im Detail planen zu können, eine Röntgenuntersuchung und, falls diese kein klares Bild ergibt, eine Computertomografie an.

Blutig: selten Tumore

Auch das sogenannte Siebbeinhämatom tritt meistens einseitig auf. Dabei handelt es sich um einen Bluterguss an der Innenwand der Nasenhöhle oder an einer der Nebenhöhlen, der einseitiges Nasenbluten auslöst. Und: In seltenen Fällen stecken auch Tumore hinter blutigem Nasenausfluss.

Angesichts dieser Bandbreite an möglichen Ursachen ist auch die tierärztliche Behandlung von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. In puncto Schleimbekämpfung läuft es allerdings meistens auf dasselbe hinaus: Schleimlösende Medikamente und Inhalationen, beispielsweise mit Kochsalzlösung, verflüssigen den Schleim und sorgen auf diese Weise dafür, dass das Pferd ihn besser abhusten kann. „Wenn ein Zahnproblem zugrunde liegt, nutzt Inhalieren aber natürlich nichts“, stellt Dr. Seybold klar. Wenn man vermute, dass eine Heustauballergie Husten und Nasenausfluss auslöst, sei es sinnvoll, versuchsweise zwei Wochen lang nasses Heu zu füttern. Auch Dr. Fister betont, alles, was Staub und sonstige Allergiequellen wie Ammoniak reduziere, könne nur von Vorteil sein: „Ein gut belüfteter Stall und eine sorgfältige Hygiene, die auch eine regelmäßige Reinigung mit dem Hochdruckreiniger mit einschließt, ist da schon die halbe Miete.“

Nasenausfluss – wann den Tierarzt rufen?

„Wenn dasPferd Fieber hat,leistungsmäßig in die Knie geht, der Nasenausfluss stinkt oder Brocken aus der Nase kommen, ist der Tierarzt absolut mit im Boot. Dasselbe gilt, wenn dieAtemfrequenz bei über 20 Atemzügen pro Minute liegt“, sagt Dr. Fister, gibt aber zu bedenken: „Wenn es sich lediglich um Nasenausfluss ohne zusätzliche Symptome handelt, sollte man außer Inhalieren am besten nichts machen. Schließlich hat alles, was wirkt, auch Nebenwirkungen. Deshalb ist es eher kontraproduktiv, gleich großes Geschütz aufzufahren, wenn dem Pferd in der Pollenflugzeit mal ein bisschen die Nase läuft.“


FOTO: ADOBE STOCK