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GESUNDHEIT: Was steckt hinter Sommerhusten?: Summertime Blues


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 24.05.2018

Tendenz leider steigend: Immer mehr Pferde leiden an Sommerhusten – und damit an Beschwerden, die denen der Heustauballergie zum Verwechseln ähneln. Die Hintergründe und was der Klimawandel damit zu tun hat.


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Bildquelle: Reiter Revue International, Ausgabe 6/2018

Sommerzeit, Weidezeit. Und leider immer häufiger auch Hustenzeit. „Auch, wenn es in Norddeutschland derzeit keine Statistiken darüber gibt, ist eindeutig zu beobachten, dass Fälle von weideassoziierter Atemwegsobstruktion zunehmen“, sagt Tierärztin Dr. Anja Cehak, die Atemwegserkrankungen zu den Schwerpunkten ihrer Tätigkeit in der Pferdepraxis Dr. Block & Dr. Czekalla im schleswig-holsteinischen ...

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... Süsel zählt.

Weideassoziierte Atemwegsobstruktion? Hinter dem tiermedizinischen Begriff verbirgt sich eine Erkrankung, die in der Umgangssprache kurz und anschaulich „Sommerhusten“ heißt – und in der stallassoziierten Atemwegsobstruktion, kurz Heustauballergie, ihr winterliches Spiegelbild hat. „Beides sind jahreszeitlich bedingt voneinander abweichende Unterformen der RAO“, erklärt Dr. Cehak. Das Kürzel steht für „Recurrent Airway Obstruction“ und ersetzt seit einigen Jahren die Bezeichnung „Chronic Obstructive Pulmonary Disease“ (Wiederkehrende Atemwegsobstruktion) oder COPD. Diese Bezeichnung wurde ursprünglich vom sogenannten Raucherhusten des Menschen übernommen, letztendlich jedoch ad acta gelegt, weil sie nicht wirklich auf das Krankheitsgeschehen beim Pferd passt.

Gleichgültig ob Sommerhusten oder Heustauballergie, ob weide- oder stallassoziiert: Die Symptome sind vergleichbar. Zum Husten selbst gesellen sich häufig zunächst klarer, später dann weißlicher Nasenausfluss, vermehrtes Schwitzen, schnellere Ermüdung bei der Arbeit und viele weitere lästige Begleitumstände mehr. Im chronischen Stadium komme es in der Regel zu einer dauerhaften Obstruktion, sprich Verengung der Atemwege, fügt die Tierärztin hinzu: „Das heißt, der Durchmesser der Bronchien wird kleiner, sodass pro Zeiteinheit weniger Luft hindurchströmen kann.“ Vor allem das Ausatmen bereitet dem Pferd Probleme. Die Lunge muss die eingeatmete Luft unter erhöhtem Druck wieder herauspressen – ein Vorgang, bei dem auf Dauer immer mehr Lungenbläschen platzen und das Lungengewebe nach und nach zerstört wird. „Ein solches Lungenemphysem ist im Gegensatz zur Obstruktion irreversibel, das heißt unumkehrbar“, warnt Dr. Cehak.

Wissenschaftlich unerforscht

Ein schleichender, fatal endender Prozess also, wie man ihn auch von einer unbehandelten, chronisch gewordenen Heustauballergie kennt. Vom Grundsatz her ebenfalls deckungsgleich, bei genauerer Betrachtung aber sehr unterschiedlich sind die Ursachen der beiden RAO-Spielarten – ebenso wie der Umfang dessen, was man bis dato über sie weiß. Deckungsgleich, weil es sich sowohl bei der stall- als auch bei der weideassoziierten Atemwegsobstruktion um eine Allergie handelt. Und unterschiedlich, weil man die Hauptallergene bei der Winter-Variante mit Heustaub, Schimmelpilzen, Milben und Bakterien hinreichend kennt, während diese beim Sommerhusten kaum erforscht sind.

„Es gibt wenig fundierte wissenschaftliche Untersuchungen dazu“, bedauert Dr. Joachim Onderka, auf Atemwegserkrankungen spezialisierter Mitinhaber der Tierklinik Partners im baden-württembergischen Wehr. Empirische Beobachtungen weisen jedoch eindeutig darauf hin, dass Pollen jeglicher Art – sei es von Gräsern, Bäumen oder Kräutern – sowie Sporen von Bodenpilzen die Übeltäter sind. Eingeatmet geraten diese Fremdkörper im Flimmerepithel der unteren Atemwege in Kontakt mit dem Immunsystem, das mit einer überschießenden Reaktion antwortet. In der Folge entzünden sich die Atemwege, häufig verschleimen und verkrampfen sie zudem.

Warum das eine Pferd auf bestimmte Pollen allergisch reagiert, während sein Weidekumpel keine Probleme hat, bleibt bis auf Weiteres ein Rätsel. Nicht auszuschließen ist aber, dass bei obstruktiven Atemwegserkrankungen die erbliche Veranlagung eine Rolle spielen kann. „Wissenschaftler der Universität Bern haben diesen Zusammenhang an einer größeren Warmblutpferdepopulation untersucht und dabei herausgefunden, dass es einen Bezug zu bestimmten Hengsten gibt. Das spricht für eine genetische Komponente“, sagt Dr. Cehak.

Was die Sache auch nicht gerade einfacher macht: Auf welche Pollen Pferde allergisch reagieren, kann individuell sehr unterschiedlich sein. Bei den einen sind es frühblühende Gräser wie Knäuelgras oder Wiesenschwingel, bei anderen dagegen erst im Spätsommer oder Frühherbst blühende Kräuter. Wer dem Übeltäter punktgenau auf die Schliche kommen möchte, kommt um einen Allergietest kaum herum. Doch Vorsicht: Professorin Marianne Sloet van Oldruitenborgh-Oosterbaan von der Universität Utrecht und ihr Team hätten verschiedene Allergietests miteinander verglichen und seien dabei auf gravierende Qualitätsunterschiede gestoßen, berichtet Dr. Cehak. Als zuverlässig gelte derzeit der an der Tierärztlichen Hochschule Hannover entwickelte Funktionelle In-Vitro-Test.

Pferde, die auf der Weide vom Husten geplagt sind, gibt es immer häufiger. Dahinter steckt der Sommerhusten.


FOTO: S. SCHNIEDER, FOTOLIA


„Der Husten ist an Tagen mit schwül-heißer Witterung und hohen Ozonwerten für gewöhnlich besonders schlimm.“
Dr. Joachim Onderka


Thymian kann etwas Linderung verschaffen.


FOTO: FOTOLIA

Sommerzeit = Heuzeit! Da fliegen Staub und Pollen, die Verursacher schwerer Allergien.


FOTO: FOTOLIA

Akupunktur ist eine Therapie-Ergänzung.


FOTO: FOTOLIA

Pures Weidevergnügen – nicht für jedes Pferd ideal.


FOTO: TIERFOTOAGENTUR

Und noch etwas sollte man unbedingt wissen: Die allergieauslösenden Substanzen spielen bei der Entstehung und Ausprägung des Sommerhustens zwar eine ausschlaggebende, aber nicht die einzige Rolle. Oder wie Dr. Onderka es formuliert: „Es handelt sich um ein Syndrom, das heißt um eine Erkrankung, bei der mehrere Faktoren zusammenspielen.“ So ist der Husten an Tagen mit schwül-heißer Witterung und hohen Ozonwerten für gewöhnlich besonders schlimm. Der Grund: Feucht-warme Luft bindet mehr Pollen und sonstige Partikel, zum Beispiel aus Feinstaub, als trockene und kühle Luft. Und, wie Dr. Onderka ergänzt: „Ozon verändert die Pollen in ihrer Struktur.“ Dass die Zahl weideassoziierter Atemwegsobstruktionen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist, könnte also durchaus eine Folge des Klimawandels sein.

Bleibt noch die entscheidende Frage: Wie behandelt man einen Sommerhuster? „Am wichtigsten ist es, die Allergen-Exposition zu eliminieren oder, wenn das nicht möglich ist, wenigstens so weit wie möglich zu minimieren“, antwortet Dr. Onderka. Will heißen: das Pferd umgehend von der Weide holen, in den pollensicheren Stall stellen und, wenn überhaupt, nur noch nachts nach draußen lassen. „Bei einem milden Verlauf kann das schon reichen“, sagt Dr. Cehak. Generell sei es im Sommer deutlich schwieriger als im Winter, die Umgebung des Pferds allergenfrei zu halten, so die Veterinärin. Aus demselben Grund zeigt sich ihr Tierarzt-Kollege Dr. Onderka eher skeptisch, als er von dem Tipp hört, man solle das Weidegras nach dem Motto „Wo keine Blüte, da kein Pollen“ möglichst früh schneiden. „Dann kommt der Pollen eben von der Nachbarweide herübergeflogen“, kommentiert er den Vorschlag.

Heustaub minimieren

Fest steht auf jeden Fall: Wer einen Weideallergiker in den Stall verfrachtet, sollte die gleichen Haltungsregeln befolgen wie bei einem Heustauballergiker. Das heißt unter anderem, nasses Heu oder staubärmere Heu-Alternativen wie Silage oder Heulage füttern, auf Späne statt auf Stroh stellen, für eine gute Luftzirkulation im Stall sorgen und vieles mehr. Große Stücke hält Dr. Onderka auch auf Heube-dampfer, die die hygienische Qualität des Raufutters verbessern.

Und wenn die Beschwerden so stark sind, dass es nicht ausreicht, das Pferd einfach nur von der Weide zu holen? „Dann sollte man so schnell wie möglich einen Tierarzt hinzuziehen“, rät Dr. Cehak. Der verordnet dem Patienten in der Regel sogenannte Bronchodilatoren, sprich bronchienerweiternde Medikamente, die meist den Wirkstoff Clenbuterol enthalten. „Oft genügt das aber nicht“, dämpft die Tierärztin vorschnelle Hoffnungen auf Besserung. „Dann muss man zusätzlich ein entzündungshemmendes Medikament verabreichen.“

Kleine Hilfe: Kochsalzlösung

Apropos Medikamente verabreichen: Das geschieht in den meisten Fällen über das Futter. „Bei einer Inhalation kommt der Wirkstoff aber unmittelbar an den Zielort, sodass man eine geringere Dosis wählen und etwaige Nebenwirkungen minimieren kann“, beschreibt Dr. Cehak eine erfolgversprechende Alternative. Was der Patient dabei inhaliert? In schweren Fällen Kortikosteroide oder bronchienerweiternde Mittel. Bei weniger schwerer Erkrankung häufig Kochsalzlösung, die dazu dient, die Atemwege anzufeuchten und den Schleim flüssig zu halten, sodass das Pferd ihn besser abhusten kann. „Viele Pferdebesitzer können die Allergie gut managen, indem sie ihre Tiere regelmäßig Kochsalzlösung inhalieren lassen, sobald die Pollen fliegen“, sagt Dr. Cehak.

Die Liste der möglichen Therapien und Begleitmaßnahmen ist damit noch lange nicht erschöpft. Auch für leichtere Fälle geeignete schleimlösende Kräuter wie Isländisch Moos oder Thymian sowie Akupunktur und Homöopathika stehen beispielsweise darauf. Dr. Onderka führt außerdem die sogenannte allergen-spezifische Immuntherapie (ASIT) oder Hyposensibilisierung ins Feld. „Dabei werden kleine Allergenmengen in die Blutbahn injiziert, damit sich das Immunsystem daran gewöhnen kann“, beschreibt er das Prinzip dieser Behandlungsmethode. Ein Allheilmittel sei das zwar nicht, räumt er ein. Aber: „Bei uns in der Klinik haben wir zu 60 bis 70 Prozent damit Erfolg.“

UNSERE EXPERTEN

FOTO: PRIVAT

Dr. Anja Cehak
hat sich als Tierärztin an der Pferdepraxis Dr. Block & Dr. Czekalla in Süsel unter anderem auf Atemwegserkrankungen spezialisiert.

FOTO: PRIVAT

Dr. Joachim Onderka
Der Mitinhaber der Tierklinik Partners in Wehr zählt ebenfalls Atemwegserkrankungen zu den Schwerpunkten seiner Tätigkeit.


„Viele Pferdebesitzer können die Allergie gut managen, indem sie ihre Tiere regelmäßig Kochsalzlösung inhalieren lassen, sobald die Pollen fliegen.“
Dr. Anja Cehak