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GESUNDHEIT: Weidepause bei Verletzungen: Letzte Chance oder Abstellgleis?


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 18.09.2019

Wenn keine Therapie das kranke Pferd auf Dauer gesund macht, kann eine Auszeit auf der Weide manchmal Wunder wirken. Doch dabei gilt es einiges zu beachten.


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Gesellschaft, wenig Belastung, ein natürliches Umfeld: Die „Weide-Therapie“ ist manchmal der Schlüssel zur Genesung.


FOTO: ADOBE STOCK

Mittlerweile bin ich ja in Geduld geübt“, sagt Sina Jendrollik mit einem kleinen Lächeln – und spielt damit auf die über ein Jahr lang andauernde, nur von einer kurzen Pause unterbrochene Kranken- und Genesungsgeschichte ihres Westfalenwallachs Cappuccino an. Im Juni 2018 war es, als sie das damals 14-jährige Pferd zur ...

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... Untersuchung in eine Klinik brachte. „Er lahmte nicht richtig, bewegte sich aber sehr unwillig“, beschreibt sie seinen damaligen Zustand. In der Klinik diagnostizierte man einen Knorpelschaden im linken Knie. Cappuccino wurde operiert und bekam eine mehrmonatige Auszeit auf dem Paddock verordnet.

Im Frühjahr trainierte ihn seine Reiterin wieder an. „Das hielt gerade einmal zwei Monate, dann zeigte er dieselben Symptome wie ein Jahr zuvor“, erinnert sie sich. Diesmal lautete die Diagnose allerdings „beidseitige Kniegelenksentzündung“ – zurückzuführen auf einen „blöden Sturz in der Stallgasse“, wie sie es nennt. Statt auf Entzündungshemmer zu setzen, hörte sie lieber auf den behandelnden Tierarzt, der betonte, die einzige Chance, die ihr Pferd habe, bestehe darin, es längere Zeit auf die Weide zu stellen. „Diese Chance soll Cino auf jeden Fall bekommen“, sagt Sina Jendrollik und ist sich zugleich darüber im Klaren, dass das Schicksal ihres Wallachs zwar bedauerlich, aber bei Weitem kein Einzelfall ist: „Unter den insgesamt rund 70 Pferden, die bei uns im Stall stehen, befinden sich bestimmt zehn bis 15, die schon mal krankheitsbedingt eine längere Auszeit hatten.“

Lahmheiten aller Art

Ein nachdenklich stimmendes, aber keineswegs unübliches Bild. Kein Wunder also, dass es eine ganze Reihe von Höfen gibt, die sich auf die Aufnahme solcher rekonvaleszenter Pferde spezialisiert haben. Einer davon ist das zwischen Bremen und Bremerhaven gelegene Gut Hohenheide, das die Pferdewirtschaftsmeisterin und Tierärztin Dr. Ina Gröngröft gemeinsam mit ihrer Mutter, die Fachtierärztin für Pferde ist, betreibt. „Lahmheiten und Atemwegserkrankungen aller Art“ seien der Hauptgrund, weshalb Pferde zur Rekonvaleszenz zu ihnen gebracht würden, berichtet sie: „Nicht selten geht es dabei um wiederkehrende Probleme – zum Beispiel, wenn ein mit Hufrollenentzündung behaftetes Pferd zunächst wieder beschwerdefrei ist, nach einem halben Jahr aber erneut mit der Erkrankung zu kämpfen hat.“

Klassische Kandidaten für eine Weide-Auszeit sind vor allem Pferde mit Sehnenschäden, was angesichts der schlechten Durchblutung des Sehnengewebes und der dadurch bedingten langen Regenerationsdauer kaum verwundert. Hier ist es in vielen Fällen Gold wert, wenn man dem Sehnengewebe ausreichend Zeit gibt, ohne reiterliche Belastung wieder mehr Stabilität und Elastizität zu gewinnen. „Dabei spielt der passende Untergrund aber eine entscheidende Rolle“, merkt Dr. Gröngröft an und präzisiert: „Pferde mit Sehnenproblemen sollte man auf keinen Fall auf Koppeln mit tiefem, schwerem Boden halten. Sie sind auf einem festen Sandboden eindeutig besser aufgehoben.“

Es gibt noch mehr Voraussetzungen dafür, dass die Auszeit auf der Weide positiv verläuft. „Die akute Phase der Erkrankung muss vorbei sein, und das Pferd darf zumindest im Schritt und Trab keine Schmerzen mehr haben“, betont Tierärztin Dr. Charlotte Kiefner. Sie leitet zusammen mit ihrem Mann das Pferdeparadies Grieshof in Unterfranken, wo neben einer großen Rentnergruppe stets auch 15 bis 20 Rekonvaleszenzpferde leben. „Vorausgesetzt, die Weide ist groß genug, verläuft die Integration des Neuankömmlings zwar weitestgehend ruhig“, sagt sie, „aber ein paar Tage Gelaufe und Gerenne gibt es schon. Und da sollte das Pferd dann absolut schmerzfrei sein.“ Um keine Überlastung des Bewegungsapparats zu riskieren, vergesellschaftet man die Pferde auf Gut Hohenheide zunächst mit besonders braven Integrationspferden und steigert den Weidegang bei orthopädischen Problemen peu à peu von stundenweise auf ganztägig – eine Vorsichtsmaßnahme, die sich erübrigt, wenn das Pferd beispielsweise wegen eines chronischen Atemwegsproblems gekommen ist.

Lahmheiten (o.) und Atemwegserkrankungen (u.) sind die häufigsten Gründe, warum Pferde eine längere Weide-Auszeit bekommen.


FOTO: WWW.ARND.NL

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Ein ganzes halbes Jahr

Ein häufiger Grund für eine Auszeit auf der Weide hat im engeren Sinn nichts mit der Gesundheit, zumindest nichts mit der körperlichen Gesundheit, zu tun. „Manche Pferde werden in der Anfangsphase ihrer Ausbildung zu uns gebracht, wenn sie vom Kopf her noch nicht so weit sind und der Trainer empfiehlt, sie noch einmal ein halbes bis ganzes Jahr auf die Weide zu stellen, damit sie das Gelernte anschließend besser verarbeiten können“, sagt Dr. Kiefner.

Gibt es umgekehrt Probleme, bei denen eine Weide-Auszeit sinnlos oder sogar schädlich sein kann – im Extremfall, weil sich die betreffende Erkrankung dadurch sogar verschlimmert? „Nein, es sei denn, man macht etwas Grundlegendes falsch“, sagt Dr. Gröngröft und nennt auch gleich ein Beispiel: „Wenn man ein Cushing-Pferd ein halbes Jahr lang auf eine mastige Weide stellt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es davon noch kränker wird, natürlich sehr groß.“ Und, so fügt sie hinzu: „Es bringt natürlich auch nichts, bei einem Asthmatiker anschließend nichts an den Haltungsbedingungen zu ändern.“

Bleibt die Frage nach der angemessenen Dauer der Weide-Rekonvaleszenz. Die hängt zu einem großen Teil von der Art und Schwere der zugrundeliegenden Erkrankung ab – aber nicht nur. „Für die psychische Gesundheit ist die Gesellschaft anderer Pferde am allerwichtigsten“, sind sich die beiden Expertinnen einig. Was bedeutet, dass man ihnen genügend Zeit für die Integration in die Herde lassen muss. „Man sollte das Pferd mindestens ein halbes, besser noch ein ganzes Jahr auf die Koppel stellen“, empfiehlt Kiefner.

„Auf die Koppel stellen“ – das hört sich ein wenig nach „Abstellgleis“ an. „Es ist aber sehr wichtig, dass die Pferde auch über die übliche Grundversorgung mit Mineralfutter, Hufpflege, Entwurmung und Impfungen hinaus von Fachpersonal betreut werden, das Probleme und Verschlechterungen des Zustands erkennt und die richtigen Maßnahmen ergreifen kann“, gibt Gröngröft zu bedenken. Die Frage, ob und wie man den Vierbeiner während der Rekonvaleszenz beschäftigen sollte, lasse sich nur in Absprache mit dem behandelnden Tierarzt und im Hinblick auf die vorangegangene Erkrankung beantworten, fügt sie hinzu.

Während Sina Jendrollik ihren Cappuccino nach Rücksprache mit dem Veterinär regelmäßig im Schritt als Handpferd mit ins Gelände nimmt und auch viel Bodenarbeit mit ihm macht, können laut Dr. Gröngröft Stangen-, Longen- und sonstige Bodenarbeit bei rekonvaleszenten Pferden, zum Beispiel mit Gelenkproblemen, auch kontraproduktiv sein, wenn die Tiere dabei enge Volten gehen oder durch Seitengänge viel Last aufnehmen müssen. Andererseits könnten Muskelaufbau und Konditionstraining auf geraden Linien und nicht zu weichen Böden durchaus dazu beitragen, die Genesung zu beschleunigen, betont sie.

Sina Jendrollik hat sich übrigens dagegen entschieden, Cappuccino in einem auf rekonvaleszente Pferde spezialisierten Betrieb in Pension zu geben. „Er hat ein sehr dünnes Nervenkostüm und würde einen Ortswechsel vermutlich schlecht wegstecken“, sagt sie. „Deshalb habe ich ihn in dem Stall gelassen, in dem er schon immer steht.“

Ungefähr in einem halben Jahr will sie den Wallach erneut per Ultraschall untersuchen lassen, um zu sehen, ob die Entzündung zurückgegangen ist. „Wenn das Ergebnis positiv ausfällt, werde ich die Weide-Auszeit noch bis in den Herbst 2020 verlängern und ihn dann wieder antrainieren. Ist das Ergebnis negativ, geht er hingegen im Frühjahr in Rente.“

UNSERE EXPERTEN

Dr. Ina Gröngröft
Die Pferdewirtschaftsmeisterin und Tierärztin leitet das Gut Hohenheide in Uthlede, das sich unter anderem auf rekonvaleszente Pferde spezialisiert hat.


FOTO: PRIVAT

Dr. Charlotte Kiefner
Die Tierärztin ist Chefin des Pferdeparadieses Grieshof in Zeitlofs. Dort leben stets 15 bis 20 Rekonvaleszenz-Pferde.


FOTO: PRIVAT